Die ungeklärte K-Frage: Ein Mercedes-Benz 630

Derzeit arbeiten sich die deutschen Medien an der K-Frage ab – wer also vom nächsten Bundestag ins Kanzleramt gewählt wird. Das Format der Aspiranten ist aus meiner Sicht für eine hochentwickelte Volkswirtschaft und Kulturnation von erschreckender Dürftigkeit.

Vielleicht ist es aber mittlerweile auch gleichgültig, wer der Regierung vorsteht – wird doch deren Handlungsspielaum immer mehr von der Brüsseler Bürokratie eingeengt, während die großen Themen der Zeit von globalen Organisationen bestimmt werden.

Der Wahl zwischen Pest und Cholera entzieht man sich am besten durch Rückzug ins Private, beispielsweise in die Welt der Vorkriegsautomobile, in die nachträglich niemand mehr hineinregieren kann.

Dort gehe ich heute einer ganz anders gelagerten K-Frage nach. Diese entzündet sich an einem Foto, das auf den ersten Blick nicht gerade überwältigen mag, welches aber zumindest die Herzen der Liebhaber früher Mercedes-Benz höher schlagen lassen dürfte:

Mercedes-Benz Typ 630; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die technisch herausragende Qualität ist unübersehbar, doch hat sich der Fotograf hier nicht gerade für die Zuckerseite dieses mächtigen Automobils entschieden. Auch der Hintergrund mit einem Gasometer in der linken Bildhälfte wirkt nicht sehr attraktiv.

Am ehesten haben wir es hier mit der Dokumentation einer Karosseriefabrik zu tun, die einen neu geschaffenen Aufbau für’s Archiv aus allen Richtungen dokumentieren ließ. Dagegen sprechen auch die stark benutzten Reifen nicht.

Es ist nämlich gut möglich, dass wir es mit einem Fahrzeug zu tun haben, dessen Karosserie nach ein paar Jahren modernisiert wurde. Doch der Reihe nach. Die Marke des Wagens erkennt natürlich jedes Kind:

Der Mercedes-Stern besitzt hier noch eine Prominenz und Massivität, von der heutige Besitzer eines Wagens dieses Herstellers nur träumen können. Und für die armdicken Auspuffrohre wäre heute schlicht kein Platz mehr.

In den späten 1920er Jahren waren diese Details von enormem Prestigewert. Denn außenliegende Auspuffrohre auf der rechten Seite waren seinerzeit zunächst den sportlichen K- und S-Modellen von Mercedes vorbehalten, deren großvolumige Sechszylinder durch Kompressoren eine beträchtliches Leistungsplus erfuhren.

Den Anfang machte 1926 der Typ K 24/100/140 PS, dessen Bezeichnung sich wie folgt liest: 24 Steuer-PS (abgeleitet aus 6,3 Liter Hubraum), 100 PS Spitzenleistung ohne Kompressor, 140 PS kurzzeitige Spitzenleistung mit Kompressor.

Die 1927 vorgestellten legendären S-Modelle stellten demgegenüber Verfeinerungen dar – sie besaßen nochmals leistungsgesteigerte Aggregate und niedrige Chassis, die unerhört elegante Aufbauten erlaubten.

Es ist offensichtlich, dass der Mercedes auf dem eingangs gezeigten Foto kein solches raffiniertes S-Modell sein kann. Aber auch ein K-Typ kommt nicht in Betracht, denn dabei handelte es sich um Wagen mit kurzem Radstand und sportlichem Aufbau – also ziemlich das Gegenteil der Monstrosität, die wir hier vor uns haben:

Ein riesiges viertüriges Cabriolet mit den außenliegenden Auspuffrohren der K- und S-Typen, was kann das sein? Nun, laut Literatur erhielten ab Herbst 1927 auch die großen Mercedes-Modelle mit ungekürztem Radstand (400 und 630) dieses markante Zubehör.

Rechtfertigt das die Ansprache als 400 K oder 630 K, die sich bisweilen findet? Diese K-Frage ist zu verneinen, es blieb offiziell bei „400“ bzw. „630“. Doch drängt sich eine weitere K-Frage auf.

Ab 1928 erhielten nämlich auch die Mercedes 630 mit „normalem“ Radstand von 3,75 m den etwas stärkeren Motor, welchen das kürzerbauende „K“-Modell besaß. Diese Wagen erhielten dann die Bezeichnung „Mercedes 630 mit K-Motor“.

Genau hier stellt sich besagte K-Frage: Lässt sich erkennen, ob dieses 4-türige Cabriolet auf normalem Chassis, das bereits die außenliegenden Auspuffrohre des „K“-Modells besaß, auch mit dessen stärkerem Motor ausgestattet war?

Dann hätten wir es im günstigsten Fall nämlich mit einem Mercedes-Benz 630 ab 1928 zu tun, der wie das Modell K die dann verfügbare Spitzenmotorisierung 24/110/160 PS besaß.

Denkbar ist aber auch, wie eingangs angedeutet, dass sich hier jemand auf Basis eines älteren Chassis (ab 1924) später einen Aufbau schneidern ließ, der Elemente des stärkeren K-Modells aufnahm, insbesondere die außenliegenden Auspuffrohre, welche den Mercedes-Benz 630 von 1927 bis 1932 schmückten.

Ob sich diese K-Frage noch klären lässt, ist vielleicht am Ende ebenso nachrangig wie die Antwort auf die eingangs erwähnte „K-Frage“. Letztlich treten auch hier inhaltliche Aspekte gegenüber dem äußeren Erscheinungsbild in den Hintergrund.

Wer auf der Bühne den oberflächlich stärksten Eindruck macht, wird am Ende als Gewinnertyp wahrgenommen – welches Format sich dahinter verbirgt, ist nachrangig.

Das gilt umso mehr, wenn die kühle Rationalität des alten Originals einer „bunten“ neuen Version weicht – diese ist in Wahrheit eine künstliche Schöpfung, wird aber bei allen Fehlern im Detail insgesamt als authentischer wahrgenommen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Die ungeklärte K-Frage: Ein Mercedes-Benz 630

  1. Großartig, besten Dank, Herr Lindner!

  2. Guten Tag Herr Schlenger,

    nach meinen Recherchen handelt es sich bei diesem Wagen um einen 24/100/140 PS. Er war auf die Firma Lerch & Co. in Hannover, Gellertstr. 18 zugelassen und hatte die Fahrgestellnummer 35293. Demzufolge sollte zumindest das Chassis von 1928 sein. Eine Plakette zwischen unterem Türscharnier und dem Motorhaubenhalter ist zwar zu erkennen, aber ich kann sie nicht deuten. Vielleicht war Lokalpatriotismus im Spiel und eine Karosseriefabrik aus Hannover wie „Israel & Sohn“ oder „Jacobi“ fertigten diesen Aufbau.

    Der Inhaber der Fa. Lerch, Herr Zivilingenieur Johannes Lerch (1896 – 1958) betrieb einen „Großhandel für technische Artikel“ und war sicherlich nicht ganz unvermögend. Belegt ist, dass er neben diesem MB-Kompressor im Jahr 1929 noch zusätzlich zwei Hanomag 4/16 PS und einen Mercedes mit 50 Brems-PS (vermutlich Typ Stuttgart) auf die Firma angemeldet hatte. Er war wohl ab 1928 auch Generalkonsul von Jugoslawien und bei der Sanierung der Hanomag-Werke Anfang der 1930er Jahre maßgeblich beteiligt. Ab 1935 erwarb er dann die Aktienmehrheit der MIAG in Braunschweig. Siehe hierzu auch Seite 92 im Buch von Horst-Dieter Görg “ 80 Jahre Hanomag Kommißbrot“.

    Schöne Pfingsttage und bleiben Sie gesund.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jörg Lindner

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