Die ungeklärte K-Frage: Ein Mercedes-Benz 630

Derzeit arbeiten sich die deutschen Medien an der K-Frage ab – wer also vom nächsten Bundestag ins Kanzleramt gewählt wird. Das Format der Aspiranten ist aus meiner Sicht für eine hochentwickelte Volkswirtschaft und Kulturnation von erschreckender Dürftigkeit.

Vielleicht ist es aber mittlerweile auch gleichgültig, wer der Regierung vorsteht – wird doch deren Handlungsspielaum immer mehr von der Brüsseler Bürokratie eingeengt, während die großen Themen der Zeit von globalen Organisationen bestimmt werden.

Der Wahl zwischen Pest und Cholera entzieht man sich am besten durch Rückzug ins Private, beispielsweise in die Welt der Vorkriegsautomobile, in die nachträglich niemand mehr hineinregieren kann.

Dort gehe ich heute einer ganz anders gelagerten K-Frage nach. Diese entzündet sich an einem Foto, das auf den ersten Blick nicht gerade überwältigen mag, welches aber zumindest die Herzen der Liebhaber früher Mercedes-Benz höher schlagen lassen dürfte:

Mercedes-Benz Typ 630; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die technisch herausragende Qualität ist unübersehbar, doch hat sich der Fotograf hier nicht gerade für die Zuckerseite dieses mächtigen Automobils entschieden. Auch der Hintergrund mit einem Gasometer in der linken Bildhälfte wirkt nicht sehr attraktiv.

Am ehesten haben wir es hier mit der Dokumentation einer Karosseriefabrik zu tun, die einen neu geschaffenen Aufbau für’s Archiv aus allen Richtungen dokumentieren ließ. Dagegen sprechen auch die stark benutzten Reifen nicht.

Es ist nämlich gut möglich, dass wir es mit einem Fahrzeug zu tun haben, dessen Karosserie nach ein paar Jahren modernisiert wurde. Doch der Reihe nach. Die Marke des Wagens erkennt natürlich jedes Kind:

Der Mercedes-Stern besitzt hier noch eine Prominenz und Massivität, von der heutige Besitzer eines Wagens dieses Herstellers nur träumen können. Und für die armdicken Auspuffrohre wäre heute schlicht kein Platz mehr.

In den späten 1920er Jahren waren diese Details von enormem Prestigewert. Denn außenliegende Auspuffrohre auf der rechten Seite waren seinerzeit zunächst den sportlichen K- und S-Modellen von Mercedes vorbehalten, deren großvolumige Sechszylinder durch Kompressoren eine beträchtliches Leistungsplus erfuhren.

Den Anfang machte 1926 der Typ K 24/100/140 PS, dessen Bezeichnung sich wie folgt liest: 24 Steuer-PS (abgeleitet aus 6,3 Liter Hubraum), 100 PS Spitzenleistung ohne Kompressor, 140 PS kurzzeitige Spitzenleistung mit Kompressor.

Die 1927 vorgestellten legendären S-Modelle stellten demgegenüber Verfeinerungen dar – sie besaßen nochmals leistungsgesteigerte Aggregate und niedrige Chassis, die unerhört elegante Aufbauten erlaubten.

Es ist offensichtlich, dass der Mercedes auf dem eingangs gezeigten Foto kein solches raffiniertes S-Modell sein kann. Aber auch ein K-Typ kommt nicht in Betracht, denn dabei handelte es sich um Wagen mit kurzem Radstand und sportlichem Aufbau – also ziemlich das Gegenteil der Monstrosität, die wir hier vor uns haben:

Ein riesiges viertüriges Cabriolet mit den außenliegenden Auspuffrohren der K- und S-Typen, was kann das sein? Nun, laut Literatur erhielten ab Herbst 1927 auch die großen Mercedes-Modelle mit ungekürztem Radstand (400 und 630) dieses markante Zubehör.

Rechtfertigt das die Ansprache als 400 K oder 630 K, die sich bisweilen findet? Diese K-Frage ist zu verneinen, es blieb offiziell bei „400“ bzw. „630“. Doch drängt sich eine weitere K-Frage auf.

Ab 1928 erhielten nämlich auch die Mercedes 630 mit „normalem“ Radstand von 3,75 m den etwas stärkeren Motor, welchen das kürzerbauende „K“-Modell besaß. Diese Wagen erhielten dann die Bezeichnung „Mercedes 630 mit K-Motor“.

Genau hier stellt sich besagte K-Frage: Lässt sich erkennen, ob dieses 4-türige Cabriolet auf normalem Chassis, das bereits die außenliegenden Auspuffrohre des „K“-Modells besaß, auch mit dessen stärkerem Motor ausgestattet war?

Dann hätten wir es im günstigsten Fall nämlich mit einem Mercedes-Benz 630 ab 1928 zu tun, der wie das Modell K die dann verfügbare Spitzenmotorisierung 24/110/160 PS besaß.

Denkbar ist aber auch, wie eingangs angedeutet, dass sich hier jemand auf Basis eines älteren Chassis (ab 1924) später einen Aufbau schneidern ließ, der Elemente des stärkeren K-Modells aufnahm, insbesondere die außenliegenden Auspuffrohre, welche den Mercedes-Benz 630 von 1927 bis 1932 schmückten.

Ob sich diese K-Frage noch klären lässt, ist vielleicht am Ende ebenso nachrangig wie die Antwort auf die eingangs erwähnte „K-Frage“. Letztlich treten auch hier inhaltliche Aspekte gegenüber dem äußeren Erscheinungsbild in den Hintergrund.

Wer auf der Bühne den oberflächlich stärksten Eindruck macht, wird am Ende als Gewinnertyp wahrgenommen – welches Format sich dahinter verbirgt, ist nachrangig.

Das gilt umso mehr, wenn die kühle Rationalität des alten Originals einer „bunten“ neuen Version weicht – diese ist in Wahrheit eine künstliche Schöpfung, wird aber bei allen Fehlern im Detail insgesamt als authentischer wahrgenommen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Nichts für kleine Leute: Mercedes-Benz „Nürburg“

Keine Sorge, heute wird nicht der Frage nachgegangen, weshalb den „kleinen Leuten“ wohl noch auf Wochen der Friseurbesuch verwehrt wird, während Fußball-Millionäre unbeschwert das runde Leder jagen und politische Größen fein frisiert und maskenlos allabendlich in Talkshows zusammensitzen und weitere Opfer von der Masse fordern (hier schön aufbereitet).

Nein, heute erholen wir uns von den Zumutungen des Hier und Jetzt, erfreuen uns an grandiosen Relikten der Vergangenheit.

Dabei gewinnen wir nebenbei die Erkenntnis, dass wir letztlich alle klein und unbedeutend sind – gemessen am Gang der Geschichte und an den Werken, die die Generationen vor uns hinterlassen haben.

Dieser Gedanke ließe sich kaum besser veranschaulichen als anhand des Fotos, das heute den Auftakt zur Beschäftigung mit einem Zeugen vergangenen Könnens darstellt:

Mercedes-Benz 460 „Nürburg“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor dem mächtigen, bald 130 Jahre alten Turm des Landesmuseums in Zürich, der die Zeiten unverändert überdauert hat (heutige Situation), wirkt selbst ein Mercedes-Benz „Nürburg“ winzig – obwohl er bei Erscheinen in den späten 1920er Jahren mit über fünf Metern Länge eine kaum übersehbare Größe im Straßenverkehr darstellte.

Die 1928 vorgestellte erste Ausführung, die eine Arbeit von Ferdinand Porsche war, wirkte mit 1,90 Meter Höhe zu kolossal, weshalb sie schon 1929 einer weit eleganteren Version wich. Diese war Hans Nibel zu verdanken, der bereits seit 1904 bei Benz tätig war und 1929 die Nachfolge Porsches als Technischer Direktor antrat.

Nibel sorgte mit einem Niederflurrahmen dafür, dass der Mercedes-Benz „Nürburg“ trotz seiner weiterhin mächtigen Dimensionen deutlich wohlproportionierter daherkam.

Auf dem Foto, das einst vor dem Landesmuseum in Zürich entstand, wirkt er tatsächlich gar nicht so riesig. Das mag damit zu tun haben, dass der daneben posierende Fahrer dank Schirmmütze stattlicher erscheint, als er wohl in Wirklichkeit war:

Die vollendeten Proportionen dieses Landaulets können aber über eines nicht hinwegtäuschen: Unter der schier endlosen Motorhaube des Wagens konnte nicht lediglich ein Sechszylindermotor schlummern, wie ihn der parallel erhältliche und ähnlich gestaltete Mercedes-Benz Typ „Mannheim“ besaß.

Nein, hier ist zweifellos Raum für den von Porsche neu konstruierten Reihenachter, der mit 4,6 Liter Hubraum und 80 PS Spitzenleistung den 1926 vorgestellten Horch-Achtzylinderwagen Konkurrenz machen sollte.

Während die Motoren aus Zwickau mit Königswelle und doppelter obenliegender Nockenwelle technische Leckerbissen waren, war der eilig konstruierte Achtzylinder des Mercedes-Benz „Nürburg“ ein konventioneller Seitenventiler.

Seine Leistung bezog er wie zeitgenössische US-Konstruktionen aus dem großen Hubraum, während der raffiniertere Horch-Motor bei gleicher Leistung mit weniger als 4 Litern auskam.

Umgekehrt machten die Zwickauer in formeller Hinsicht starke Anleihen bei den damaligen „Amerikanerwagen“. Ab 1928 kopierte Horch ziemlich schamlos den Stil aktueller Cadillacs, während Daimler-Benz der klassischen Linie treublieb.

Selbst wenn der traditionelle Stern auf dem Kühler nicht sichtbar ist wie auf diesem Foto, erkennt man doch auf Anhieb das typische „Gesicht“ eines Mercedes:

Mercedes-Benz 460 „Nürburg“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Kühlerpartie kam ganz ohne Anleihen in Übersee aus und dies mag neben dem einmaligen Markenprestige ein Grund dafür gewesen sein, dass Käufer einen deutlich höheren Preis für den Mercedes-Benz „Nürburg“ zu zahlen bereit waren, obgleich er gegenüber dem Horch „8“ das technisch rückständigere Fahrzeug war.

Obiges Foto zeigt nun das Modell als Sechsfenster-Limousine, als die der „Nürburg“ aus meiner Sicht besonders gute Figur macht.

Kein Wunder, dass der mutmaßliche Besitzer daneben uns in bester Laune anschaut – und einmal mehr zeigt sich, dass dieses Auto nichts für „kleine Leute“ war, man musste schon selbst etwas darstellen, um neben diesem Giganten zu bestehen.

Nach hinten losgehen konnte der Schuss dagegen, wenn sich „kleine Leute“ ebenfalls bemüßigt fühlten, als Besitzer eines solchen Majestät auf vier Rädern aufzutreten wie auf dieser Aufnahme:

Mercedes-Benz 460 „Nürburg“; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Gewiss, kleidungstechnisch vermag dieser junge Herr neben dem „Nürburg“ zu bestehen, aber Hand auf’s Herz: Würde man diesem Halbstarken den Besitz einer solchen Preziose zutrauen, für die seinerzeit 15.500 Reichsmark aufzubringen waren?

1929 entsprach das sieben Jahresgehältern eines Durchschnittsverdieners in Deutschland – heute wären dies rund 300.000 Euro (bitte noch in harte D-Mark umrechnen)!

Tatsächlich sprechen die Umstände dieser Aufnahme, die wir Leser und Sammlerkollege Matthias Schmidt (Dresden) verdanken, eher dafür, dass hier jemand die Gelegenheit dazu nutzte, ein wenig größer zu erscheinen, als er tatsächlich war.

Meine These ist: Der junge Mann neben dem Mercedes war der Sohn des Hoteliers, in dessen Gasthof der Besitzer des „Nürburg“ abgestiegen war oder einen Halt machte. Zwei Bedienstete waren dazu abgestellt, „Schmiere zu stehen“, bevor der Eigner zurückkehrt:

So könnte es gewesen sein, oder? Wer eine andere Idee hat, darf diese gern über die Kommentarfunktion kundtun.

Wieder einmal zeigt sich aus meiner Sicht: Man kann den schönsten Wagen vor sich haben – doch erst wenn die Menschen der damaligen Zeit mit ins Bild kommen, gewinnt die Sache an Leben und unwillkürlich beginnt man sich in die Situation hineinzuversetzen.

So begegnen wir uns in solchen Zeugnissen am Ende selbst. Gerade einmal zwei, drei Generationen trennen uns von diesen Menschen, die uns in vielem näher sind, als manchem bewusst ist, denn wir tragen zum großen Teil ihr Erbe in uns.

Während sie selbst längst verschwunden sind, begegnen wir ihnen auf solchen Fotos, als sei es gestern gewesen. Neben den „kleinen Leuten“, die sich gern neben Autos ablichten ließen, von denen sie zeitlebens nur träumen konnten, finden sich auch die einstigen Besitzer und Insassen und man kann oft nicht sagen, wer glücklicher war:

Mercedes-Benz 460 „Nürburg“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch dieses kolossale Cabriolet wurde sehr wahrscheinlich auf dem Chassis eines Mercedes-Benz 460 „Nürburg“ gefertigt.

Erkennt jemand den Aufbau wieder? Er erscheint noch wuchtiger als das Spezial-Cabriolet D von 1930, das in der Literatur dokumentiert ist. In dem für mich überdimensionierten Wagen gilt nun auf einmal auch für die Insassen: Nichts für kleine Leute.

Tatsächlich sind es oft „kleine Leute“, welche zum großspurigen Auftritt neigen, wenn sie es einmal zu Geld gebracht haben – der Geschmack hält bekanntlich selten Schritt mit dem Wachstum des Vermögens – auch daran hat sich nichts geändert…

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Flop statt „Volkswagen“: Mercedes-Benz 130

Das von VW nach dem Krieg zu einem Welterfolg perfektionierte Konzept des Heckmotorwagens mit Stromlinienkarosserie lässt sich bis in die 1920er Jahre zurückverfolgen, obwohl mitunter behauptet wird, der VW sei lediglich dem Tatra V570 der frühen 1930er Jahre nachempfunden.

Dass das Konzept damals längst in der Luft lag, hören manche Tatra-Freunde nicht gern. Man muss nicht einmal auf wenig bekannte Beispiele wie diesen Entwurf von John Tjarda aus dem Jahr 1931 verweisen, der den späteren Tatra 77/78 vorwegnahm.

Entwurf eines hecktriebenen Stromlinienwagens von John Tjaarda; © Bildquelle: http://blog.modernmechanix.com; Urheberrecht: „Modern Mechanics and Inventions“

Auch Mercedes-Benz arbeitete zeitgleich an ähnlichen Fahrzeugen. So wurde ab 1930 von Hans Nibel und Max Wagner ein Kleinwagen (W17) entwickelt, dessen 1,2 Liter Motor (25 PS) im Heck untergebracht war und dessen gerundete Frontpartie den Luftwiderstand gegenüber konventionellen Wagen mit Frontmotor reduzieren sollte.

Die beiden Mercedes-Mannen unternahmen übrigens auch Versuche mit luftgekühltem Boxermotor, wie er bei Tatra und VW Verwendung werden sollte. Doch entschied man sich für die Realisierung des Konzepts mit geräuschärmerem wassergekühlten Antrieb.

Vermutlich hätte Tatra nach dem Krieg sonst auch Mercedes mit dem Vorwurf des Diebstahl geistigen Eigentums konfrontiert, wie man das bei VW tat. Zu verlockend war offenbar für das kommunistische Regime der Tschechoslowakei die Aussicht, auf diese Weise am Erfolg des Konzepts beim „Klassenfeind“ mitzuverdienen…

Bei Mercedes wäre freilich nichts zu holen gewesen, da der 1934 vorgestellte 130er mit Heckmotor und gerundeter Frontpartie letztlich ein Flop war. Dabei hatte man das Fahrzeug anfänglich noch kühn als „volkstümlich“ bezeichnet:

Reklame für den Mercedes-Benz 130; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Selbst für die günstigste Ausführung war 1934 mehr als Doppelte des Jahreseinkommens eines sozialversicherungspflichtigen Durchschnittsverdieners (damals 1.605 Reichsmark) im Deutschen Reich zu berappen.

Nach heutigen Verhältnissen (Durchschnittsentgelt p.a. 40.551 EUR) gerechnet würde das einem Preis von über 80.000 Euro für einen Kleinwagen entsprechen. Angesichts solcher Relationen half auch die sprichwörtliche Mercedes-Qualität nicht – sie trug im Gegenteil dazu bei, dass dieses Auto für die breite Masse unerreichbar blieb.

Hinzu kam die freudlose Optik, die von der Ratlosigkeit der verantwortlichen Gestalter bei Mercedes zeugt. Als Beispiel dafür mag diese Limousine des Mercedes-Benz 130 dienen, die ich im ersten Jahr meines Blogs – 2015hier präsentiert habe:

Mercedes-Benz 130; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das Foto hatte mich seinerzeit angesprochen, da es das Tor der Burg in Friedberg/Hessen zeigt, wo ich bis 1988 zur Schule ging.

Die Ansicht bietet sich erfreulicherweise heute noch genauso dar. Verschwunden sind nur das Kopfsteinpflaster und das schöne Hinweisschild auf das benachbarte Bad Nauheim, wo ich geboren wurde und heute wieder wohne:

Dieser Mercedes-Benz 130 war im Jagstkreis (Württemberg) zugelassen. Er hatte also noch eine hübsche Wegstrecke vor sich – in Richtung Süden über die alte Römerstraße, die bis heute in Form der Friedberger Kaiserstraße auf die Burg (über einem Römerkastell errichtet) zuläuft.

Die dunkle Einfarblackierung verstärkt hier noch den Eindruck eines uninspirierten Blechkastens – da half auch der verloren wirkende Mercedes-Stern wenig. Das Bild ändert sich auch nicht, wenn man in südlichere Gefilde wechselt.

So zeigt die folgende, bisher noch nicht gezeigte Aufnahme eine (vom Kennzeichen abgesehen) identische Limousine des Mercedes-Benz 130 unterhalb des über 2.100 Meter hohen Splügenpasses in der Schweiz:

Mercedes-Benz 130; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von der italienische Seite her kommend, machte hier einst eine deutsche Familie nach Überwindung des Passes Halt für dieses schöne Foto.

Bei der Abfahrt wusste man vermutlich die hydraulischen Bremsen des Mercedes zu schätzen, während der Motor beim Anstieg möglicherweise an den Rand der Überhitzung gelangte. Das wassergekühlte Aggregat im Heck erwies sich bei längerer Inanspruchnahme am Berg bisweilen als nicht ausreichend gekühlt.

Die Luft wurde über Schlitze vor dem hinteren Radhaus angesaugt und dem vor dem Motor liegenden Kühler zugeführt. Nicht umsonst entschied man sich beim späteren Volkswagen für Luftkühlung, die bei solchen Touren vor Überhitzung und im Winter vor Frostschäden schützte.

Werfen wir einen letzten Blick auf den braven Mercedes, bevor es nach Norden geht:

Das Kennzeichen „IY 92280“ verrät, dass der Wagen aus dem einstigen Landkreis Opladen (heute zu Leverkusen gehörig) stammte. Man hatte also noch an die 900 Kilometer Wegstrecke vor sich und wird dafür wohl zwei bis drei Tage eingeplant haben.

Etwas mehr als 90 km/h konnte der kleine Mercedes auf ebener Strecke erreichen, doch eine zur Ausnutzung der Höchstgeschwindigkeit geeignete Autobahnstrecke von der Schweiz bis ins Ruhrgebiet gab es noch nicht.

In anderen Gebieten des Reichs entstanden in den 1930er Jahren Autobahnabschnitte, mit denen bis in die 1920er Jahre zurückreichende Ideen verwirklicht wurden.

Vor dem Krieg und einige Zeit danach war die Verkehrsdichte auf den Autobahnen so gering, wie man das heute nur noch auf wenig befahrenen Routen zeitweilig genießen kann.

So konnte es sich dieser Herr leisten, einfach auf der rechten Spur für ein Foto zu halten – das trauen sich heute nur noch selbstbewusst auftretende „Hochzeitsgesellschaften“:

Mercedes-Benz 130; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Dieses Dokument verdanke ich Leser Marcus Bengsch – neben Klaas Dierks und Matthias Schmidt – eine der tragenden Säulen meines Blogs für Vorkriegsfotos auf alten Fotos.

Das ist nicht nur ein schönes Dokument aus dem frühen Nachkriegsdeutschland – dieser Mercedes 130 besitzt eine Leipziger Zulassung ab 1948 – es zeigt auch die geschicktere Farbgebung, die man dem Wagen im zweiten Produktionsjahr (1935) verpasste.

Der Grundton der Flächen ist hier freundlich hell und nur die Kotflügel, die Seitenleiste und der „Mittelstreifen“ der vorderen Haube sind etwas dunkler abgesetzt. Dadurch wirkt der Aufbau leichter und gewinnt an Struktur.

Solche Kunstgriffe kannte man schon in den 1920er Jahren und den Absatzerfolg des teuren Kleinwagens von Mercedes sollte diese Modellpflege nicht mehr beflügeln. Nach knapp 4.300 Exemplaren wurde die Produktion im Frühjahr 1936 eingestellt.

Die Zukunft sollte bei Mercedes bis in die 1950er Jahre einem technisch wie formal konservativen, doch leistungsfähigeren Modell gehören, das kaum teurer war – dem Typ 170V.

Er sollte die Landstraßen und Autobahnen Deutschlands noch zu einer Zeit bevölkern, als der heckgetriebene Mercedes 130 eine weitgehend vergessene Rarität war.

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Prekäre Nachkriegsexistenzen: Zwei Mercedes-Benz 290

Erst vor ein paar Wochen habe ich hier die majestätischen Cabriolets auf Basis des Sechszylindertyps 290 von Daimler-Benz anhand einiger Vorkriegsaufnahmen gestreift.

Heute ist das von 1934 bis 1937 gefertigte Modell erneut an der Reihe, doch diesmal in anderem Gewand und in einer Welt, die nicht mehr dieselbe war wie wenige Jahre zuvor.

Nur eine Gemeinsamkeit gilt es festzuhalten – das lange Chassis, das sowohl dem seinerzeit präsentierten Cabriolet D als Unterbau diente als auch der mächtigen Pullman-Limousine, um die es in diesem Blog-Eintrag geht:

Mercedes-Benz 290 Pullman-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist auf den ersten Blick ein schönes Foto, das den fast 4,90 m langen Mercedes aus vorteilhafter Perspektive zeigt.

Doch dann bemerkt man eine ganze Reihe Details, die einem sagen, dass dieser Wagen seine beste Zeit hinter sich hat:

  • die typischen Radkappen mit dem Mercedes-Stern fehlen und das Profil der Reifen ist stark abgefahren,
  • der Verschlussdeckel auf der Öffnung für die (nur im Notfall benötigte) Startkurbel im unteren Bereich der Kühlermaske ist verlorengegangen,
  • die ursprünglich breite Stoßstange wurde durch eine andere ersetzt, die von einem kleineren Modell (evtl. vom 230) stammt und zudem Stoßstangenhörner trägt,
  • der Bezug des Trittbretts ist weitgehend abhandengekommen und der Stopfen für die Wagenheberaufnahme am hinteren Ende fehlt.

Außerdem erkennt man am Seitenteil der Haube ein Schild, auf dem „Taxi“ zu lesen ist – einmal in Kyrillisch und einmal in Deutsch:

Zu dem Befund passt das Kennzeichen, das in den 1950er Jahren in Leipzig ausgegeben wurde, also in der russischen Besatzungszone, die seit 1949 von Moskaus Gnaden unter der Bezeichnung „Deutsche Demokratische Republik“ firmierte.

Wie der Mercedes 290 nach 1945 in die Hände eines Taxifahrers gelangt ist, darüber wüsste man gern mehr. Immerhin wurden für die Pullman-Limousine neu 9.900 Reichsmark aufgerufen, was vor dem Krieg dem sechsfachen Jahreseinkommen eines durchschnittlichen sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmers entsprach.

Legt man das heutige sozialversicherungspflichtige Durchschnittsentgelt von ca. 40.500 EUR p.a. zugrunde, landet man bei einem Wert von über 240.000 EUR. Damals wie heute hätte man sich dafür eine Wohnung kaufen können.

Es liegt auf der Hand, dass ein solcher Mercedes 290 in der exklusiven Ausführung als Pullman-Limousine nicht gerade ideal für das Droschkengewerbe war. Auch der durstige Motor mit fast 20 Litern Verbrauch auf 100 Km sprach dagegen.

Nicht zufällig sollte sich damals der agilere, dennoch weit sparsamere und nur halb so teure Mercedes 170V bis in die Nachkriegszeit als als Taxi bewähren.

Nach 1945 musste man jedoch mit dem vorliebnehmen, was die geschlagene Wehrmacht zurück- und die Besatzer übriggelassen hatten. So hielt sich offenbar dieser wackere Taxifahrer aus Leipzig mit einem solchen Monstrum von Wagen über Wasser.

Vielleicht hatte der uns ernst fixierende Fahrer einige Jahre zuvor Offiziere der Wehrmacht in ganz ähnlichen Wagen herumkutschiert (wenn er Glück hatte), wobei das Militär offene Wagen bevorzugte.

Später mögen es Vertreter der Roten Armee oder Funktionäre der kommunistischen Partei (damals: SED, nach mehrfacher Umbenennung heute: Die Linke) gewesen sein, die sich eine Taxifahrt im luxuriösen Mercedes leisten konnten.

Der ordinäre „Genosse“ (vormals: „Volksgenosse“), um dessen Wohl man sich so besorgt gab, konnte sich dagegen bereits privilegiert fühlen, wenn er ein Fahrrad oder Moped aus Vorkriegszeiten sein eigen nannte und im übrigen unter dem Radar des Regimes blieb.

Wie es der Zufall will, hat sich in meinem Fundus eine Aufnahme materialisiert, die einen weiteren Mercedes 290 in der Ausführung als Pullman-Limousine zeigt, der nach Kriegsende ebenfalls weiter „Dienst schob“.

Er ist auf dieser Postkarte der 1950er Jahre versteckt, die das grandiose Nordtor der Wiener Hofburg zeigt, das wie weite Teile der österreichischen Haupstadt den Krieg glimpflich überstanden hat oder wieder in alter Schönheit hergestellt wurde:

Ansichtskarte des Wiener Burgtors, gelaufen 1959; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die spektakuläre Kulisse, die sich heute noch so darbietet, wenn man die Herrengasse herunterkommt, lässt die Fahrzeuge auf dem Michaelerplatz davor ganz klein erscheinen.

Erst auf den zweiten Blick bemerkt man den Mercedes 290 Pullman, der zwischen einem Volkswagen und einem Ford Taunus wie ein Dinosaurier aus grauer Vorzeit wirkt:

Meine Vermutung ist, dass der ältere Herr mit Schirmmütze, der sich an den Kotflügel des Ford lehnt und das Treiben auf der Straße beobachtet, der Fahrer des Mercedes war.

Ob es sich bei dem Wagen ebenfalls um ein Taxi handelt, ist nicht ganz klar – jedenfalls kann ich keinen Hinweis darauf erkennen. Vielleicht kann ein Leser etwas dazu sagen.

Möglicherweise war es auch „bloß“ das Auto einer vermögenden Privatperson, die einfach den aus Vorkriegstagen gewohnten Wagen weiternutzte und dem mit ihr altgewordenen Fahrer ein Auskommen ermöglichte.

In beiden Fällen – ob in Leipzig oder Wien – fristeten diese Vorkriegs-Mercedes vermutlich eine prekäre Existenz und auch ihre Besitzer werden womöglich nur mit Mühe den Alltag bewältigt haben.

War ein Vorkriegsauto erst einmal soweit heruntergekommen, standen seine Chancen nicht gut, in irgendeiner Scheune oder Garage abgestellt zu werden, wo es besseren Zeiten entgegenschlummern konnte. Die letzte Station war leider meist der Schrottplatz…

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Sinn für’s Detail: Mercedes-Benz 290 Cabriolet D

Mancher Leser meines Blogs für Vorkriegsautos auf alten Fotos mag sich fragen, warum ich die Marke Mercedes-Benz eher selten streife. Nun, das ist keineswegs einer Abneigung geschuldet.

Es ist bloß für mich als Universalisten ausgesprochen schwer, bei einer hervorragend dokumentierten Marke etwas Interessantes oder Neues zu bieten, was nicht andernorts längst aufbereitet wurde.

Doch mitunter mache ich Fotofunde, die auch Mercedes-Kennern eine außergewöhnliche Sicht auf ihre Lieblinge eröffnen. Und bisweilen ist es die schiere Schönheit eines Mercedes, die Erholung von anstrengenden Besprechungen wirklicher Exoten erlaubt.

Heute kann ich mit ein und demselben Mercedes-Typ gleich beides bieten. Den Anfang macht eine Aufnahme von hervorragender Qualität, die einen Mercedes-Benz 290 nicht gerade dort zeigt, wo man ihn so prominent festgehalten erwarten würde:

Mercedes-Benz 290 Cabriolet D; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob diese von Könnerhand sorgfältig komponierte Aufnahme während einer Militärübung oder im Zweiten Weltkrieg entstanden ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Leider sind keine Informationen zu Aufnahmeort und -datum überliefert.

Zwei Dinge bewogen mich zum Kauf dieser in automobilhistorischer Hinsicht eher unbedeutenden Aufnahme.

Zum einen ist der nicht mehr ganz junge Offizier, den wir hier im Profil sehen, meinem Paderborner Großonkel Ferdinand aus dem Gesicht geschnitten – auch wenn der es nur bis zum Unteroffizier gebracht hat:

Das Band im Knopfloch der Uniformjacke weist den Offizier, der hier wohl Meldungen von Unteroffizieren entgegennimmt, als Träger des Eisernen Kreuzes aus.

Denkbar ist, dass er es bereits als junger Mann im 1. Weltkrieg erhalten hat, dann könnte es sich in der Tat um eine Manöveraufnahme aus Friedenszeiten handeln.

Vielleicht kann ein sachkundiger Leser aber auch anhand von weiteren Details bestimmen, ob dieses Foto erst nach Kriegsbeginn 1939 entstanden ist.

So oder so fällt die außergewöhnliche Qualität der Aufnahme auf. Dies ist kein Schnappschuss eines Landsers, der in einer Marschpause auf Fotorpirsch war. Er hätte auch eher das Auto ins Visier genommen als die Vorgesetzten.

Man fragt sich, was den unbekannten Fotografen dazu bewogen hat, in diese Szene das Heck eines Mercedes-Benz Cabriolets einzubeziehen.

Wollte er der Situation eine interessante Note geben oder gefielen ihm schlicht die gestalterischen Details des Mercedes?

Die Identifikation als Mercedes gelingt auch dem Laien anhand des dreizackigen Sterns auf der Radkappe.

Doch wer den genauen Typ ermitteln will, muss Sinn für’s Detail haben – und über umfassende Literatur zu den Mercedes-Typen der 1930er Jahre verfügen.

Letztlich sind es vier Details, die zusammengenommen am Ende eine eindeutige Identifikation ermöglichen:

  • der am Ende des Trittbretts liegende Ausschnitt für die Wagenheberaufnahme, bei der die Abdeckung derselben fehlt – vermutlich ging diese oft verloren
  • die weit nach hinten reichende Tür, die auf eine viertürige Version schließen lässt
  • die wie ein Kometenschweif auslaufende seitliche Zierleiste, die kurz vor dem hinteren Kotflügel abbricht
  • der wie angesetzt wirkende große Kofferraum, der nicht der allgemein abfallenden Linie der Heckpartie folgt

Diese Details sind es, die eine genaue Ansprache des Typs erlauben, so unwahrscheinlich dies auf den ersten Blick erscheint. So handelt es sich bei dem Mercedes in mattgrauer Wehrmachtslackierung um ein Cabriolet D (lang) auf Basis des Modells 290.

Der Mercedes-Benz 290 mit Sechszylindermotor war 1933 dem neu eingeführten Vierzylindertyp 200 zur Seite gestellt worden. Wie dieser bot er mit Ausnahme der vorderen Einzelradaufhängung technisch kaum Neues.

Der anfänglich nur 60 PS leistende Motor war ein konventioneller Seitenventiler und war mit dem Wagen überfordert. Das galt umso mehr für die über 1,8 Tonnnen schweren Karosserieversionen auf verlängertem Chassis.

Hinzu kam, dass selbst ein achtzylindriger Horch günstiger zu haben war als ein solcher Mercedes 290. Der umwerfend leistungsfähige Ford V8 kostete gar nur die Hälfte und war damals einer der schnellsten Wagen auf Deutschlands Autobahnen.

Doch muss für die Käufer eines solchen Mercedes das dürftige Spitzentempo von etwas mehr als 100 km/h durch andere Qualitäten mehr als ausgeglichen worden sein.

Ohne ein besonderer Mercedes-Kenner zu sein,vermute ich, dass es neben der aufwendigen Innenausstattung die eleganten Manufakturaufbauten waren, die Mercedes-Käufer alle Vernunft fahren ließen.

Hier haben wir ein besonders schönes Exemplar – diesmal ein Cabriolet B auf Basis Mercedes-Benz 290 (lang):

Mercedes-Benz 290 Cabriolet B (lang); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch hier ist mit Sinn für’s Detail und aussagefähigen Vergleichsfotos eine eindeutige Identifikation möglich.

Dazu zählen die seitlichen „Schürzen“ an den Vorderschutzblechen, die noch wie nachträglich angebracht erscheinen – dieses Detail taucht überhaupt erst 1932 beim legendären Graham „Blue Streak“ auf und setzt sich ab 1933 allgemein durch.

Weitere Elemente sind die leicht geneigte Kühlerpartie, die flache und schrägstehende Frontscheibe sowie die hinten angeschlagenen langen Türen, über die hinweg eine geschwungene Chromleiste läuft, die dem Wagen eine hinreißende Seitenlinie gibt.

Der große Abstand zwischen hinterem Türabschluss und Radhaus ist ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Cabriolet B auf dem ab Herbst 1934 verfügbaren langen Chassis entstand.

11.500 Reichsmark rief Daimler-Benz für diese Schönheit auf. Das entsprach in etwa dem siebenfachen Jahreseinkommen eines sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmers mit durchschnittlichem Verdienst.

Auf die heutigen Verhältnisse umgemünzt (Durchschnittsentgelt ca. 40.500 EUR p.a.) entspräche dies über 280.000 EUR und damit dem Gegenwert eines kleinen Hauses oder einer einfachen Eigentumswohnung außerhalb der Ballungsgebiete.

Kein Wunder, dass vom Mercedes 290 mit langem Chassis bis 1937 nur 3.900 Stück gebaut wurden. Viele davon sind als Offizierswagen (siehe erstes Foto) im Krieg eingesetzt und meist zerstört oder verschlissen worden.

Heute ist ein solches Cabriolet auf Basis Mercedes-Benz 290 erst recht ein Traum und etwas für Menschen, die sich nicht für Leistungswerte auf dem Papier interessieren, sondern Sinn für’s schöne Detail haben…

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