Volle Pulle? Volle Kanne! Citroen C6 „Grand Luxe“

Die deutsche Sprache gilt gemeinhin als schwierig und wird von vielen gefürchtet.

Das gilt nicht nur für europäische Nachbarn, die das teutonische Idiom meiden, wo es nur geht (die Niederländer ausgenommen), sondern scheint – nach allem, was man so hört und liest – auch auf weite Teile des politischen „Führungs“personals hierzulande zuzutreffen.

Beispiele für peinliches Gestammel und sinnfreies Daherplappern fallen Ihnen vermutlich selbst ein, sodass ich mir Namen sparen kann. Ob ein Intelligenzmangel ursächlich ist oder die Absicht, nicht festgenagelt werden zu können, hängt vom Einzelfall ab.

Dabei bietet gerade das volkstümliche Deutsch reichlich Möglichkeiten, geradeheraus und allgemeinverständlich zu reden – ein Meister solcher lebendiger Sprache war Martin Luther. Aus dem Alltag unserer Altvorderen haben sich einige prächtige Relikte erhalten, über deren ursprünglichen Sinn man beim Gebrauch kaum mehr nachdenkt.

Sicher kann jeder in Bezug auf Automobile etwas mit dem Begriff „volle Pulle“ anfangen – quasi eine Vulgärvariante zu „Vollgas“. Aber die Herkunft dürfte überraschen: Denn „volle Pulle“ scheint aus der Seefahrt zu stammen und maximalen Rudereinsatz zu bedeuten.

„Pullen“ ist bei unseren Landsleuten an der Waterkant jedenfalls ein Synonym für Rudern, wie so oft besteht hier eine enge Verwandschaft zum Englischen.

Dann gibt es noch „volle Kanne“ – ein Begriff, der auf alle möglichen Tatbestände angewendet werden kann – meist im Sinne von „maximal“. Die Umgangssprache kennt zahllose Situationen, in denen „volle Kanne“ Anwendung findet, wobei der Ursprung tatsächlich eine volle Kanne eines Getränks (meist alkoholischer Qualität) ist.

„Volle Pulle braucht volle Kanne“ – so könnte nach dieser Vorrede der Titel zu diesem Foto aus dem 2. Weltkrieg lauten:

Citroen Typ C4 oder C6 „Grand Luxe“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir drei Unteroffiziere der deutschen Wehrmacht im besetzten Frankreich „unterwegs nach Cambrai“ mit einem beschlagnahmten Zivilauto.

Am Steuer sitzt ein Kamerad, der gern „volle Pulle“ weiterfahren würde, doch offenbar ist erst eine „volle Kanne“ Kühlwasser erforderlich, die man vermutlich unterwegs spontan beschaffen musste, als die Temperaturanzeige des Wagens bedrohlich zu klettern begann.

Was für ein Auto ist das aber, das hier eine „volle Kanne“ Wasser verabreicht bekommt, bevor es „volle Pulle“ weiter ans befohlene Ziel Cambrai in Nordfrankreich geht?

Die Kühlerform deutet auf einen Citroen der Typen C4 bzw. C6 hin, die mit Vier- bzw. Sechszylindermotor zwischen 1928 und 1932 gebaut wurden. Allerdings weichen die seitlichen Luftklappen vom üblichen Schema (mit schmalen Schlitzen) ab.

Wenn ich es richtig sehe, haben wir hier die gehobene Ausstattungsvariante „Grand Luxe“ vor uns, die es äußerlich weitgehend identisch für beide Modelle (C4 und C6) gab. Vielleicht kann ein markenkundiger Leser es noch genauer sagen.

An sich passten solche alten Wagen nichts ins „Beuteschema“ der Wehrmacht nach der Besetzung Franreichs im Sommer 1940. Es mag der hervorragende Ruf von Citroen gewesen sein, der dazu führte, dass man auch ältere (aus Produktion im Kölner Werk bekannte) Typen für geeignet befand, zumindest fernab der Front Dienst zu schieben.

Dazu passt auch das Erscheinungsbild zumindest zweier der hier abgebildeten deutschen Soldaten, die vielleicht schon im 1. Weltkrieg als junge Burschen in Frankreich eingesetzt worden waren und das Glück gehabt hatten, der Knochenmühle lebend zu entgehen:

Man kann sich vorstellen, wie die beiden Veteranen dem jüngeren Kameraden beim Einfüllen frischen Kühlwassers Ratschläge geben: „Nicht so zaghaft, der Wagen braucht ’ne volle Kanne, dann geht er auch wieder volle Pulle – ist bei uns übrigens genauso…“

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

6 Gedanken zu „Volle Pulle? Volle Kanne! Citroen C6 „Grand Luxe“

  1. Sehr gut beobachtet – stimmt!

  2. Hier irrt der Betrachter. Das Foto ist spiegelverkehrt abgezogen, der Wagen also ein Linkslenker. Das untrügliche Indiz für den gespiegelten Abzug ist der Adler auf der Uniformjacke, der sich üblicherweise auf der rechten Brustseite befand, hier aber auf der linken Brustseite zu sehen ist. Auch die Knöpfung erscheint mir spiegelverkehrt.

  3. Danke für den Hinweis – sehr interessant!

  4. Interessant ist zudem noch die Tatsache, dass es sich um einen Rechtslenker handelt, welcher im englischen Zweigwerk in Slough hergestellt worden ist.
    Bemerkenswert finde ich, dass die Soldaten einen Lappen gegen verspritztes Wasser hingelegt haben – sehr umsichtig.

  5. Besten Dank! Ich hatte gehofft, dass es jemand so genau sagen kann, da ich mit den Feinheiten dieser Citroen-Wagen nicht vertraut bin.

  6. Bei dem abgebildeten Wagen handelt es sich um einen von 1931 bis 1932 gebauten Citroen C6G Familiale. Zur Identifikation im Einzelnen: Die Motorhaube mit den Belüftungsklappen gab es mit 4 Klappen je Seite beim C4G Grand Luxe und mit 5 Klappen je Seite sowohl beim nur 1931 gebauten C6F CGL (= Citroen Grand Luxe) als auch beim C6G. Auch wenn wegen des Reserverades nur 4 Klappen erkennbar sind, so muss sich von den Proportionen her hinter dem Ersatzrad noch eine fünfte befinden, da die Klappen bis dicht an das Ende der Motorhaube gingen. Warum C6G und nicht C6F CGL? Ganz unten rechts kann man eine Stoßstangenecke erkennen. Diese einfache, im Profil v-förmige Stoßstange gehört zum C6G, während der C6F CGL eine doppelte flache Chromstoßstange hatte. Die Karosserieform schließlich mit drei Seitenfenstern und seitlich montierten Ersatzrädern trifft genau auf den siebensitzigen Familiale zu, den es auch mit Trennwand hinter der vorderen Sitzbank gab, was hier aber nicht der Fall zu sein scheint.

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