Ein Porträt der „Royal Family“: Citroen B14 Tourer

Heute versuche ich mich einmal mit Boulevard-Journalismus, zumindest was den Titel betrifft.

Ich konsumiere zwar keine gängigen Zeitschriften – mein einziges Abonnement ist das von „The Automobile“ – aber ich meine zu wissen, dass irgendetwas mit den Schönen und Reichen immer zieht, vor allem wenn man sie in den Dreck ziehen kann bzw. sie das selbst erledigen.

So müsste das Stichwort „Royal Family“ für massiv erhöhte Zugriffszahlen auf meinen Blog führen – zumindest wenn man die Schlagzeilen im Zahnarzt-Wartezimmer ausliegender Pubklikationen zugrundelegt (meine einzige Quelle in der Hinsicht).

Vielleicht müsste ich aber noch irgendetwas mit „Skandal“, „Enthüllung“ oder „Jetzt redet die Schwiegertochter“ ergänzen, damit es auch wirklich klappt.

Leider habe ich in der Hinsicht heute überhaupt nichts anzubieten, außer wieder einmal ein Foto, das den einst auch in Deutschland im Kölner Werk gebauten Citroen B14 zeigt.

Solche Dokumente sind keineswegs exklusiv, das 1926 eingeführte Vierzylinder-Modell mit Ganzstahlkarosserie verkaufte sich nämlich sehr gut. So findet man immer wieder reizvolle, durch und durch bürgerliche Ansichten des Fahrzeugs wie diese:

Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das im Raum Dresden zugelassene Landaulet des Typs Citroen B14 wurde als Taxi eingesetzt.

Vergleichbaren Luxus bieten heute nur die Cabriolet-Droschken, mit denen man auf der italienischen Insel Capri in den hochgelegenen Teil des Eilands (Anacapri gelangt – jedenfalls war das vor einigen Jahren noch so.

Der Typ B14 von Citroen fungierte aber keineswegs nur als Transportmittel für gut betuchte Bürgerliche – nein sogar die „Royal Family“ nutzte ihn einst zur Ausfahrt ins Grüne.

Was spinnert klingt, ist – wie eigentlich immer in meinem Blog – irgendwie auch wahr. Das werde ich im folgenden beweisen, und zwar anhand dieses Fotos, das ich kürzlich aus dem Nachlass eines anonymen „Paparazzi“ erstanden habe:

Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bevor jetzt jemand angestrengt Vergleiche mit Vertretern europäischer Adelshäuser anstellt, sei angemerkt, dass wir es hier einfach mit einem Privatfoto der Königs zu tun haben.

Auf der Rückseite des Abzugs ist nämlich vermerkt, dass das Foto „Hermann König und Familie“ zeigt. Wie sich einst ein Vorfahr diesen Namen verdient hat, wissen wir natürlich nicht.

Irgendetwas Bemerkenswertes wird es wohl gewesen, was die Zeitgenossen in grauer Vorzeit dazu veranlasste, jemandem entweder ehrfürchtig oder auch in spöttischer Hinsicht den Namen König zu geben.

Es mag schwer sein, den Erwartungen gerecht zu werden, die ein solcher Name weckt, vielleicht hat er aber auch erzieherische Wirkung, sodass sich der Träger besonders bemüht, ihm durch würdevolles Verhalten gerecht zu werden.

Im Fall des Citroen-Fotos verhält es sich weit einfacher: Wer vor über 90 Jahren in Deutschland ein eigenes Automobil besaß, verfügte damit zwangsläufig über eine Bewegungsfreiheit, wie sie selbst Kaisern und Königen erst im 20. Jh. zu Gebote stand.

Man kann nicht oft genug betonen, dass das Automobil für jedermann eine demokratische Errungenschaft ohnegleichen darstellt, mit der wir den Herrschenden mobilitätstechnisch quasi auf Augenhöhe begegnen können – wenn sie nicht gerade meinen, ihren Finanziers im Learjet oder in der Panzerlimousine aus dem Weg gehen zu müssen.

So meine ich es am Ende durchaus ernst mit der „Royal Family“ als Keimzelle des Staats, die uns hier in Gestalt der Familie König entgegenschaut. Mutter, Vater, Sohn und Tochter zeigen sich hier ganz selbstverständlich mit ihrem vierrädrigen Diener – dieses Dokument verdient aus meiner Sicht schlicht das Attribut „königlich“:

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Viel deutscher geht’s kaum: Citroen 8CV 6/30 PS

Nationalitäten mit Automobilen in Verbindung bringen – das funktioniert im 21. Jahrhundert kaum noch.

Ok, die amerikanischen Pickups der Ford F-Serie sind eine Ausnahme. Sie sind wirklich noch für die Staaten absolut typisch und andernorts kaum zu finden. Ansonsten hat sich ein internationaler Einheitsgeschmack breitgemacht, der selbst Marken wie Jaguar die Eigenständigkeit genommen und andere wie Lancia praktisch ausgelöscht hat.

Heute werden deutsche Audis von Modernitätsaposteln auf der ganzen Welt gefahren, britische Range Rover von globalen Großstadtnomaden, die meist keine Vorstellung mehr von den Geländefähigkeiten des Wagens haben. Und französische Citroëns gehen im urbanen Gewimmel der Hyundais oder Dacias unbemerkt unter.

Noch in den 1980er Jahren tauchte man dagegen in automobiler Hinsicht in eine andere Welt ein, hatte man die Grenze nach England, Frankreich oder Italien hinter sich gelassen.

Die Zeiten, in denen in Italien noch die legendäre Alfa Romeo „Giulia“ allgegenwärtig war, waren für den Liebhaber charakterstarker Wagen einfach großartig – und auch sonst aufregender, lässiger, liberaler sowie: für den Besitzer harter D-Mark billiger…

Wie komme ich nach nun diesem Befund ausgerechnet darauf, dass ein Vorkriegs-Citroën kaum deutscher sein konnte? Nun, die Freunde dieser einst großartigen, heute unerheblichen Marke wissen natürlich, warum.

1927 – nur acht Jahre nachdem André Citroën sein erstes Automobil bauen ließ – nahm in Köln ein Zweigwerk die Fabrikation des Typs B14 auf, der wie schon sein Vorgänger B12 im Unterschied zu den meisten deutschen Fabrikaten eine Ganzstahlkarosserie besaß.

Hier haben wir ein Exemplar, das im Raum Dresden als Taxi zum Einsatz kam:

Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für die Akzeptanz am deutschen Markt war es von Bedeutung, dass der Anteil im Inland bezogener Rohstoffe und gefertigter Teile möglichst hoch war.

Kaum zehn Jahre nach dem Versailler „Vertrag“ war das Interesse in Deutschland denkbar gering, dem einstigen Kriegsgegner noch mehr wertvolle Devisen in den Rachen zu werfen, als ohnehin unablässig über die Grenze nach Frankreich strömten.

So wurde emsig daran gearbeitet, die in Köln gefertigten Citroëns immer „deutscher“ werden zu lassen. Schon 1927 warb man mit 75 % inländischem Fertigungsanteil. Das mochte noch geschönt sein, doch 1929 verblieben immerhin 72 % der Erlöse von Citroën Deutschland auf der rechten Seite des Rheins.

Im selben Jahr wurde das Modell B14 durch den C4 bzw. C6 abgelöst – ein Vier- bzw. Sechszylinder-Modell mit äußerlich einheitlichem Erscheinungsbild. Ob unter der Haube dieser feinen Limousine und 32 oder 45 PS schlummerten, lässt sich daher nicht sagen:

Citroen C4 oder C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allerdings muss man bei dieser schönen Aufnahme sagen, dass durchaus noch etwas „deutscher“ zugehen konnte, nicht nur was den Citroën betrifft.

Der trägt zwar eine Plakette der D.A.S. (Deutscher Automobil Schutz AG), der 1928 gegründeten ersten Rechtschutzversicherung Deutschlands. Doch das Nummernschild scheint für eine Zulassung in der Schweiz zu sprechen.

Auch die Uniform des Soldaten, der hier mit einer feschen Dame posiert, ist keine deutsche, sondern eine schweizerische der Zwischenkriegszeit. Wer eine schlüssige Erklärung für das Nebeneinander der deutschen DAS-Plakette und des schweizerischen Kennzeichens hat, nutze bitte die Kommentarfunktion.

Auf den ersten Blick „richtig deutsch“ geht es auf dieser hübschen Reklame zu, die aus der zweien Hälfte der 1920er Jahre stammt:

Citroën-Reklame von Ende der 1920er Jahre; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die deutsche Citroën-Zentrale steckt zwar hinter dieser Werbung, ob man hier aber auch ein deutsches Fotomodell in den Wagen gesetzt hat, ist die Frage.

Die Frisuren- und Bekleidungsmode in Deutschland orientierte sich an den französischen Verhältnissen, doch ging es von der Oberschicht abgesehen hierzulande bodenständiger bis rustikaler zu.

So könnte man für diese Aufnahme eher eine burschikose Rheinländerin als eine sportlich-chice Pariserin verpflichtet haben, schließlich sollte der Geschmack der Käufer am Zielmarkt angesprochen werden – und nicht derjenige der Werbeleute in der Pariser Zentrale.

Wenn diese Frage letzlich offen bleiben mus – es sei denn, jemand erkennt seine Urgroßmutter auf dieser Abbildung – steht bei der nächsten Aufnahme eines außer Zweifel: Viel deutscher geht’s kaum:

Citroen 8CV 6/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Weinberge wie diese findet man eher an der Mosel als im Burgund oder in der Champagne. Auch das weiß unterlegte Kennzeichen ist klar ein deutsches.

Der Kühlergrill gehört zwar wieder zu einem Citroen, doch in diesem Fall haben wir es mit einem Modell aus Kölner Produktion zu tun, das so „deutsch“ war, wie nur irgend möglich.

Hier haben wir nämlich einen Wagen des Typs 8CV vor uns – deutsche Bezeichnung: anfänglich 6/30 PS, später nur noch 1,4 Liter. Und der wurde ab 1933 im Kölner Werk zu 95 % (!) aus deutschen Vorprodukten gefertigt.

Neuerungen gegenüber dem Vorgängertyp C4 waren unter anderem der gummigelagerte Motor und die Synchronisierung der Gänge (mit Ausnahme des ersten).

Weshalb man den Wagen angesichts von 1.452 ccm Hubraum als 1,4 Liter-Typ verkaufte und nicht als 1,5 Liter, wissen die Götter (oder ein Leser…).

Citroen 8CV 6/30 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vielleicht wollte man bewusst tiefstapeln, da es in der 1,5 Liter-Klasse seit 1933 auch den etwas stärkeren und schnelleren Hanomag 8/32 PS bzw. ab 1934 „Rekord“ gab.

Der Hanomag “ Rekord“ wartete ebenfalls mit aufwendigen Luftklappen in der Motorhaube auf, besaß eine ähnliche Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd (Berlin) und kostete wie der Citroen als Viertürer rund 3.500 Reichsmark.

Es ging also aus Sicht patriotisch gesinnter wie wirtschaftlich denkender Käufer also doch noch „deutscher“ als mit dem Citroen 8CV 6/30 PS Kölner Provenienz.

Zudem gab es einen weiteren „biodeutschen“ Konkurrenten, der auch wesentlich attraktiver gezeichnet war, nämlich der Adler „Trumpf“ aus Frankfurt/Main:

Adler „Trumpf“ Limousine; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Der Wagen auf dieser Aufnahme (aus Sammlung von Leser Marcus Bengsch) besaß zwar ebenfalls eine Standard-Ganzstahlkarosserie von Ambi-Budd, wirkte aber durch den Verzicht auf das Trittbrett und die noch glatter gestalteten Räder moderner.

Das von Walter Gropius entworfene Adler-Emblem im zeittypischen Art Deco-Stil (die Bezeichnung „Bauhaus“ erscheint bei reinem Zierrat unpassend) gibt dem Wagen eine trotz geringerem Chromeinsatz markantere Frontpartie.

Der Adler war außerdem mit Frontantrieb technisch wesentlich moderner.

Er war zwar in der Limousinenvariante um rund 10 % teurer als der Citroen, doch letztlich wurde er von den Käufern klar bevorzugt. Weniger aus patriotischen Gründen – denn noch deutscher ging es ja kaum – sondern weil er das bessere Auto war.

So wurden in Köln vom Citroen 1,4 Liter-Modell während der zweijährigen Produktionsdauer nur knapp 1.300 Exemplare gefertigt. Überlebende sind heute eine große Rarität…

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Volle Pulle? Volle Kanne! Citroen C6 „Grand Luxe“

Die deutsche Sprache gilt gemeinhin als schwierig und wird von vielen gefürchtet.

Das gilt nicht nur für europäische Nachbarn, die das teutonische Idiom meiden, wo es nur geht (die Niederländer ausgenommen), sondern scheint – nach allem, was man so hört und liest – auch auf weite Teile des politischen „Führungs“personals hierzulande zuzutreffen.

Beispiele für peinliches Gestammel und sinnfreies Daherplappern fallen Ihnen vermutlich selbst ein, sodass ich mir Namen sparen kann. Ob ein Intelligenzmangel ursächlich ist oder die Absicht, nicht festgenagelt werden zu können, hängt vom Einzelfall ab.

Dabei bietet gerade das volkstümliche Deutsch reichlich Möglichkeiten, geradeheraus und allgemeinverständlich zu reden – ein Meister solcher lebendiger Sprache war Martin Luther. Aus dem Alltag unserer Altvorderen haben sich einige prächtige Relikte erhalten, über deren ursprünglichen Sinn man beim Gebrauch kaum mehr nachdenkt.

Sicher kann jeder in Bezug auf Automobile etwas mit dem Begriff „volle Pulle“ anfangen – quasi eine Vulgärvariante zu „Vollgas“. Aber die Herkunft dürfte überraschen: Denn „volle Pulle“ scheint aus der Seefahrt zu stammen und maximalen Rudereinsatz zu bedeuten.

„Pullen“ ist bei unseren Landsleuten an der Waterkant jedenfalls ein Synonym für Rudern, wie so oft besteht hier eine enge Verwandschaft zum Englischen.

Dann gibt es noch „volle Kanne“ – ein Begriff, der auf alle möglichen Tatbestände angewendet werden kann – meist im Sinne von „maximal“. Die Umgangssprache kennt zahllose Situationen, in denen „volle Kanne“ Anwendung findet, wobei der Ursprung tatsächlich eine volle Kanne eines Getränks (meist alkoholischer Qualität) ist.

„Volle Pulle braucht volle Kanne“ – so könnte nach dieser Vorrede der Titel zu diesem Foto aus dem 2. Weltkrieg lauten:

Citroen Typ C4 oder C6 „Grand Luxe“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir drei Unteroffiziere der deutschen Wehrmacht im besetzten Frankreich „unterwegs nach Cambrai“ mit einem beschlagnahmten Zivilauto.

Am Steuer sitzt ein Kamerad, der gern „volle Pulle“ weiterfahren würde, doch offenbar ist erst eine „volle Kanne“ Kühlwasser erforderlich, die man vermutlich unterwegs spontan beschaffen musste, als die Temperaturanzeige des Wagens bedrohlich zu klettern begann.

Was für ein Auto ist das aber, das hier eine „volle Kanne“ Wasser verabreicht bekommt, bevor es „volle Pulle“ weiter ans befohlene Ziel Cambrai in Nordfrankreich geht?

Die Kühlerform deutet auf einen Citroen der Typen C4 bzw. C6 hin, die mit Vier- bzw. Sechszylindermotor zwischen 1928 und 1932 gebaut wurden. Allerdings weichen die seitlichen Luftklappen vom üblichen Schema (mit schmalen Schlitzen) ab.

Wenn ich es richtig sehe, haben wir hier die gehobene Ausstattungsvariante „Grand Luxe“ vor uns, die es äußerlich weitgehend identisch für beide Modelle (C4 und C6) gab. Vielleicht kann ein markenkundiger Leser es noch genauer sagen.

An sich passten solche alten Wagen nichts ins „Beuteschema“ der Wehrmacht nach der Besetzung Franreichs im Sommer 1940. Es mag der hervorragende Ruf von Citroen gewesen sein, der dazu führte, dass man auch ältere (aus Produktion im Kölner Werk bekannte) Typen für geeignet befand, zumindest fernab der Front Dienst zu schieben.

Dazu passt auch das Erscheinungsbild zumindest zweier der hier abgebildeten deutschen Soldaten, die vielleicht schon im 1. Weltkrieg als junge Burschen in Frankreich eingesetzt worden waren und das Glück gehabt hatten, der Knochenmühle lebend zu entgehen:

Man kann sich vorstellen, wie die beiden Veteranen dem jüngeren Kameraden beim Einfüllen frischen Kühlwassers Ratschläge geben: „Nicht so zaghaft, der Wagen braucht ’ne volle Kanne, dann geht er auch wieder volle Pulle – ist bei uns übrigens genauso…“

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Französische Mutante: Citroen B2 „Sport Caddy“

Es gab Zeiten, da waren „Mutanten“ dem Genre des Horrorfilms vorbehalten, doch in jüngster Zeit macht der Begriff eine zweifelhafte neue Karriere. Man darf die Verwendung dieses Begriffs im Kontext der Variationen des Coronavirus SARS-CoV-2 durchaus kritisch sehen, da er geeignet ist, Panik zu schüren.

Gewöhnliche Mutationen tun es auch und sie sind völlig normal – ohne sie würde die Erde bestenfalls von Einzellern bevölkert. Das wäre doch bedauerlich, denn dann könnte ich heute nicht eine ausgesprochen charmante französische „Mutante“ präsentieren.

Doch zunächst gilt es, sich mit der Basis vertraut zu machen, welche später in einem französischen Blech“labor“ eine gezielte Mutation erfuhr, die zwar nur begrenzte Verbreitung fand, aber es dennoch mühelos über die Grenze nach Deutschland schaffte.

Hier haben wir ein Exemplar des Citroen B2 in der Standardausführung als Tourenwagen:

Citroen B2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der ab 1921 gebaute Typ B2 10 HP war der etwas stärkere Nachfolger des ersten Citroen-Automobils überhaupt – des Typs A 10 HP, mit dem die Marke ab 1919 in die Massenfabrikation nach US-Vorbild eingestiegen war.

Mit seinem 1,5 Liter messenden Vierzylinder, der 20 PS leistete, war der Citroen B2 für seine Zeit ausreichend motorisiert – das Spitzentempo von gut 70 km/h wird bei den damaligen Straßenverhältnissen den meisten Käufern vollauf genügt haben.

Die Stärke des Fahrzeugs lag ohnehin in seiner robusten Ausführung und dem im Vergleich zu den in Deutschland vorherrschenden Manufakturautomobilen relativ günstigen Preis. Nur Brennabor fertigte Anfang der 1920er Jahre ebenfalls in industriellem Stil.

Speziell im französisch „verwalteten“ – faktisch von Paris wie eine Provinz behandelten – Saarland waren die frühen Citroens ein häufiger Anblick. Wie obiges Foto zeigt, gab es aber auch im Rheinland frühzeitig Anhänger der Marke, lange bevor das Werk in Köln entstand.

Selbst ins ferne München verschlug es einst ein Exemplar des Citroen B2, wie dieses neckische Porträt beweist:

Die junge Dame mit dem leicht verruchten Blick hält sich hier übrigens am Tankdeckel fest, der vor der Windschutzscheibe aus der Karosserie ragte. Dieses Detail verschwand beim auf den ersten Blick ähnlichen Nachfolger, dem Typ B10 (ab 1924 parallel zum B2 gebaut).

Doch am deutschen Markt konnte Citroen nicht nur mit den praktischen Qualitäten und dem attraktiven Preis punkten. Auch für eine wesentlich teurere Spezialausführung fanden sich Käufer – oder zumindest einer.

Die Rede ist vom Citroen B2 Sport „Caddy“ (in frz. Quellen meist „Caddy Sport“). Dabei handelte es sich um eine „getunte“ Version mit 2 Extra-PS, die einer höheren Verdichtung und einer überarbeiteten Nockenwelle zu verdanken war.

Verkauft wurde dieses Modell mit einer der hinreißendsten Karosserien, die je auf einem Kleinwagenchassis entstanden:

Citroen Typ B2 10 HP „Caddy Sport“; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieses schöne Foto hatte mir Leser und Sammlerkollege Klaas Dierks mit Bitte um nähere Bestimmung des Wagens zur Verfügung gestellt. Ihm war die (keineswegs zufällige) Ähnlichkeit der Kühlerpartie mit der Opel 4/12 PS von 1924 aufgefallen.

Der tatsächliche Hersteller – Citroen – war zwar rasch bestimmt, aber die raffinierte Bootsheckkarosserie mit exaltierter Gestaltung der Kotflügel wies klar auf eine Spezialausführung hin.

Diese ist zwar für den Typ „Caddy Sport“ gut dokumentiert, doch eine Sache konnte ich noch nicht klären. So wird der Aufbau teilweise direkt dem berühmten Karosseriegestalter Henri Labourdette zugeschrieben.

Die einzige Fotografie eines eindeutig von Labourdette eingekleideten Citroen B2 mit einer derartigen Gestaltung, die ich finden konnte (hier), zeigt doch einige abweichende Details.

So ist denkbar, dass die Karosserie des Citroen B2 „Caddy Sport“ letztlich nur von Entwürfen aus dem Hause Labourdette inspiriert war. Vielleicht hatte man auch eine Lizenz zum Bau einer Serie solcher Wagen im flamboyanten Labourdette-Stil erworben.

Um die 300 Stück davon sollen von Citroens kleinem Kadetten – das ist nämlich abseits von Golfplätzen die Bedeutung des Namens – entstanden sein.

Da ich bei französischen Wagen und speziell solchen „Mutationen“ nur über punktuelles Wissen verfüge, bin ich für alle weiterführenden Hinweise oder auch Korrekturen dankbar. Bitte dazu die Kommentarfunktion nutzen, damit alle etwas davon haben.

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Allein unter Frauen: Citroen Typ B14

„Allein unter Frauen“ – das kann attraktiv wie bedrohlich klingen, je nach Standpunkt. Die Problemliteratur unserer Zeit gewinnt dem Thema am Beispiel des männlichen Grundschullehrers bemerkenswerte Facetten ab – Zitat:

„Das Handeln der Lehrer bewegt sich im Spannungsverhältnis von Reflexion und innerer Emigration. Der Autor arbeitet den Zusammenhang von Handlungsorientierungen und entsprechenden Männlichkeitskonstruktionen heraus…“

Als einsamer Mann unter lauter Lehrerkolleginnen den Grundschülern Lesen, Rechnen und Turnen nahezubringen, muss eine Herausforderung sein. Wer dem nicht gewachsen ist, sollte in den Straßenbau wechseln, da sind die Jungs noch unter sich…

Schon in meiner Grundschulzeit in den 1970er Jahren waren fast alle Lehrer weiblich – sogar im Fach Werken. Geschadet hat es mir nicht – denn nach den Hausaufgaben waren wir Buben ja wieder unter uns und trieben uns den Nachmittag über in der Nachbarschaft herum – die für uns auch den angrenzenden Wald, Felder und Wiesen umfasste…

Allein unter Frauen – das ist von daher für mich eine unbelastete Vorstellung. Allerdings kann ich nur für mich sprechen – denn wie einst ein wackerer Citroen eine untergeordnete Rolle wie die folgende erlebte, kann ich nicht beurteilen:

Citroen Typ B2 (0der B10 bzw. B12); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diejenigen, die sich bei dieser verwegenen Aufnahme auf das Auto konzentrieren können, werden zurecht einwenden, dass der Wagen zwar ein Citroen war, aber ganz gewiss kein Typ B14, wie er von 1926-28 gebaut wurde – übrigens auch in Köln.

Ich finde aber, dass sich das Dokument hervorragend zur Einführung ins Thema eignet. Denn hier ist ein Vorgängertyp des Citroen B14 zu sehen – der bis 1926 gebaute Typ B2 (evtl. die parallel erhältlichen, aber stärkeren Typen B10 bzw. B12).

Einen dem weiblichen Geschlecht restlos unterworfenen Citroen Typ B14 zeigt folgendes Foto – das mir einiges Kopfzerbrechen bereitete, bis ich das Rätsel lösen konnte:

Citroen Typ B14; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mein Bauchgefühl sagte mir, dass es sich bei dem Wagen mit der auffallend schmalen Silhouette und dem hohen Aufbau wahrscheinlich um ein französisches Modell handelt. Kein Fahrzeug eines deutschen Herstellers kam dafür in Frage.

Zudem würde die Zulassung im Raum Düsseldorf auch gut zu einer Herkunft aus dem benachbarten Frankreich passen. Nachdem ich Wagen der Marken Peugeot und Mathis ausgeschlossen hatte, fiel mir ein, dass es einen Citroen mit einem so schlanken Erscheinungsbild gegeben hatte, das die perfekte Ergänzung der Dame war.

Ihr zweideutiger Blick hat zwar etwas Sinneverwirrendes, dennoch gelang es mir, sachlich zu bleiben und Vergleiche mit dem Typ B14 in der Limousinenausführung anzustellen. Tatsächlich fand sich im Netz ein (fast) identisches Stück:

© Citroen B14, Filmfoto von 1947; Bildquelle: www.imcdb.org

Zur Identifikation trugen folgende Elemente bei: Kühlermaske nach unten breiter werdend, gerade Scheinwerferstange, breite, blechverkleidete Rahmenausleger, leicht abwärtsgeschwungener Scheibenabschluss, starke Krümmung des Windlaufs vor der Motorhaube.

Nur die nach dem 2. Weltkrieg montierten Blinker des Filmautos auf obigem Foto haben an dem ursprünglichen Wagen nichts verloren.

Hier der entsprechende Bildausschnitt aus dem Foto mit der Düsseldorfer Grazie:

Auch dieser Citroen B14 wird seine untergeordnete Funktion auf dem Foto mit stiller Fassung getragen haben – immerhin musste er nur einer Vertreterin des schönen Geschlechts als Podest zur Selbstdarstellung dienen.

Dass es deutlich „schlimmer“ kommen konnte, wenn man sich „allein unter Frauen“ wiederfand, das belegt ein weiteres Foto aus meiner Sammlung, bei dem der Citroen wirklich keine Chance gegen die feminine Übermacht hat.

Ich bin allerdings auch der Auffassung, dass die ein wenig langweilig geratene Seitenansicht des Wagens einigen Zierrat vertragen konnte. Das zeigt die Rückblende auf ein Foto eines Citroen B14, das ich vor Jahren hier vorgestellt habe:

Citroen Typ B14 am Klausenpass; Ausschnitt aus Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei einer solchen Seitenlinie hilft auch die nachgerüstete Doppelstoßstange nicht, da kann man noch so entschlossen wirken wollend neben der geöffneten Motorhaube posieren.

Der Betrachter wird registrieren, dass bei diesem Citroen B14 wie auch dem im Raum Düsseldorf zugelassenen Wagen die Luftschlitze in der hinteren Hälfte der Haube angesiedelt sind. Weshalb manche Exemplare eine durchgehende Reihe solcher Schlitze aufweisen, ist mir nicht geläufig (sicher weiß ein Leser mehr).

Der wohlgenährte Herr mit seinem Citroen bleibt heute ganz „allein unter Frauen“. Wie sollte er auch neben einer solchen Überzahl an wohlgeratenen Damen bestehen können, die uns auf der letzten Aufnahme dieser kleinen Reihe beglücken?

Citroen B14 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ist so eine Aufnahme – sie entstand im Juli 1928 – nicht die helle Freude? Dabei haben uns die reizenden Damen nicht nur den Gefallen getan, sich in allerlei neckischen Posen um den Wagen herum zu versammeln; sie haben auch daran gedacht, dass man mit etwas Spürsinn noch nach über 90 Jahren erkennen kann, was es für ein Fahrzeug war.

Nach den bisher gezeigten Bildern ist es jetzt natürlich ein Kinderspiel zu erraten, dass das ein Citroen B14 sein muss. Ja, am Ende scheint immer alles leicht – doch am Anfang stand nur dieses eine Foto ohne den ganzen Kontext.

So hat mich dieses Dokument zunächst „ganz schön“ beschäftigt, bis der Fall klar war. Das Thema „allein unter Frauen“ ergab sich nach Durchsicht des Fotofundus dann wie von selbst – am Ende doch ein Trauma aus der Grundschulzeit? Ich glaube nicht…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Mehr als nur ein altes Auto: Citroen Type B2

Eigentlich geht es mir in meinem Blog darum, die Schönheit wirklich alter Automobile zu zelebrieren. Das muss nicht bedeuten, dass ein Fahrzeug so perfekt sein muss, als sei es gerade aus der Fabrikhalle gerollt.

Tatsächlich bevorzuge ich auch bei meinen eigenen historischen Fahrzeugen ein Erscheinungsbild, das eher dem einstigen Alltagszustand entspricht – dabei reicht die Bandbreite von gut gepflegt bis schwer patiniert, aber immer noch hübsch anzuschauen.

Das Auto, das ich heute anhand eines historischen Fotos vorstelle, fällt in eine eigene Kategorie, die man nur als heruntergekommen bezeichnen kann. Dennoch verdient auch ein solcher Zustand Sympathie, wenn er authentisch – also Ausdruck seiner Zeit – ist.

Wenn man beim Anblick des Wagens schlucken muss, um das es geht, liegt das nicht nur daran, wie verbraucht das Auto aussieht, sondern auch an den äußeren Umständen, die etwas Bedrückendes haben.

Ich habe vor einer ganzen Weile hier denselben Typ anhand eines Fotos präsentiert, das demgegenüber auf den ersten Blick aus einer heilen Welt stammt:

Citroen Type B2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto entstand ausweislich der Beschriftung beim „Kloster Drakenburg“ im Winter 1941.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Angriff der deutschen Wehrmacht kurz vor Moskau festgefressen, das Heer litt unter unzureichender logistischer Vorbereitung, vor allem was Kleidung angeht, die Schutz vor zweistelligen Minusgraden bot.

Die Herren auf dieser Aufnahme ahnten offenbar nichts von dem Drama, das sich im Osten abspielte und das den Soldaten auf beiden Seiten furchtbare Opfer abverlangte.

Sie haben sich an einem sonnigen Wintertag um einen Wagen versammelt, der der Beschlagnahmung zu Beginn des Kriegs entgangen war, weil er wie praktisch alle Autos der 1920er Jahre veraltet, zu schwach und zu reparaturanfällig war.

Es handelt sich um den Type B2 von Citroën die 1921 vorgestellte Nachfolgeversion des Typs A, des ersten Automobils, das der französische Hersteller 1919 herausbrachte.

Firmeneigner André Citroën hatte nach Vorbild von Henry Fords Model „T“ ein Fahrzeug speziell für die Massenproduktion entwickeln lassen. Bekannter wurde allerdings erst der ab 1921 gebaute kleinere Typ 5CV, der ein noch größerer Erfolg war und das Vorbild für den späteren Opel 4 PS-Typ „Laubfrosch“ abgab.

Jedenfalls findet man zumindest hierzulande Aufnahmen dieses frühen Citroën eher selten. Das Foto, das ich heute präsentiere, stammt aus Frankreich, hat aber in Form einer zeitgenössischen Postkarte irgendwie den Weg nach Deutschland gefunden:

Citroen Type B2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme macht es dem Betrachter nicht einfach: Das Auto ist in bemitleidenswertem Zustand, die Frontpartie ist heftig zerdellt und die Vorderräder wurden durch solche mit nicht originalen Dimensionen ersetzt.

Man fragt sich, was man anstellen muss, um im damals dünnen Verkehr die Schutzbleche so zuzurichten, wie das hier der Fall ist.

Die Antwort liegt für mich in einem gnadenlosen Einsatz irgendwo auf dem Lande, entweder auf einem Bauernhof oder in einem Handwerksbetrieb, wo schon mal etwas unbeabsichtigt auf das Auto fallen konnte oder beim Abstellen des Wagens im Weg war.

Kann jemand anhand des Nummernschilds – nach in Frankreich lange üblicher Manier hier von Hand gemalt – etwas zu Ort und Zeitpunkt der Zulassung sagen?

Der Zustand des Citroën lässt mich vermuten, dass er nach dem 2. Weltkrieg aufgenommen wurde, als im von Kämpfen zwischen deutschen und alliierten Truppen vielerorts verwüsteten Frankreich Autos absolute Mangelware waren.

Dafür würden auch die auf den Vorderkotflügeln angebrachten Blinker sprechen, die eventuell ein Zubehörteil waren oder von einem anderen Wagen stammten.

Offensichtlich waren keine Reifen mehr in der originalen Dimension verfügbar, weshalb man Räder eines anderen Autos mit passendem Lochkreis montierte, deren Reifen breiter waren und einen geringeren Durchmesser aufwiesen.

Auch das lässt mich vermuten, dass das Foto erst kurz nach dem 2. Weltkrieg entstand. Ein weiteres Indiz findet sich auf dem nächsten Ausschnitt, das kaum weniger verstörend ist als der Anblick der schwer mitgenommenen Frontpartie des Citroën:

Hier ist zu erkennen, dass der Wagen auf der rechten Seite zwei Türen besaß. Aus meiner Sicht ist das ein Merkmal, anhand dessen sich der Citroën Type B2 vom stilistisch sehr ähnlichen, aber kleineren Typ 5CV unterscheiden lässt.

Offenbar stammt auch das Hinterrad von einem Fremdfabrikat. Solche Felgen mit Radkappen besaßen frühe Citroëns nicht.

Was aber eher den Blick auf sich zieht, ist der finster dreinschauende Mann mit Schiebermütze, der zwei kleine Jungen festhält. Sein Gesichtsausdruck ist hier vorsichtig mit „säuerlich“ zu bezeichnen.

Man fragt sich, was sich hinter dieser wenig sympathischen Physiognomie verbirgt. Der Gesichtsfarbe nach zu urteilen, handelt es sich um einen Landwirt oder einen im Freien arbeitenden Handwerker.

Sein Alltag scheint nicht leicht gewesen zu sein und als Hobby-Psychologe möchte man ihm einen Hang zum Jähzorn zuschreiben, so wie er in die Kamera schaut. Vielleicht ist er aber auch nur unvorteilhaft wiedergegeben.

Immerhin scheint seine Beschäftigung lukrativ genug gewesen zu sein, um einen alten Citroën zu ermöglichen, was keineswegs selbstverständlich war. Doch unübersehbar waren nicht die Mittel vorhanden, um das Auto mehr als notdürftig am Leben zu erhalten.

Wenn die beiden Kinder etwas verwahrlost erscheinen, sollte man diesen Eindruck nicht überbewerten. Sie wurden damals allgemein nicht so verwöhnt wie heute und mussten alte Sachen von Geschwistern auftragen oder bekamen improvisierte Kleidung verpasst.

Das vermutlich gummierte Mäntelchen des uns freundlich anschauenen Jungen im Vordergrund könnte ein weiterer Hinweis auf die frühe Nachkriegszeit sein. Möglich aber auch, dass man hier schlicht vorhandene alte Materialien verwendet hat.

Sein mutmaßlicher Bruder auf dem Trittbrett schaut ängstlich drein. Sein Kittel scheint erst recht improvisiert zu sein und er trägt einen Verband über dem linken Auge. Vielleicht wollte man bei ihm eine Fehlstellung eines Auges korrigieren,

So prekär die Verhältnisse dieser Familie auf uns oft verwöhnte Menschen des 21. Jahrhunderts auch wirken, muss man die Aufnahme im rechten Kontext sehen: Offenbar besaß man nicht nur ein altes Auto, sondern auch eine Kamera und konnte sich teures Filmmaterial leisten – das war bis in die 1950er Jahre alles andere als selbstverständlich.

Letztlich sieht man auf diesem Foto weit mehr als nur ein altes Auto, das Anlass zum Nachdenken gibt. Der Wohlstand unserer Zeit wurde mit Härten erarbeitet und erkauft, an denen viele heute zerbrechen würden, die meinen ihr Dasein beklagen zu müssen.

Gleichzeitig zeugt die Aufnahme trotz des desolaten Zustands des Citroën davon, dass man wusste, was man an dem Wagen hatte. Er gehörte zur Familie wie ein alter Klepper, der schon reif für’s Gnadenbrot war, aber immer noch brav seinen Dienst verrichtete.

Ein Auto in diesem Zustand erzählt uns mehr von der Lebenswirklichkeit unserer Vorfahren als manches auf übertriebenen Hochglanz gebrachte Fahrzeug, das die Zeiten überdauert hat, dem aber jegliche Spuren der Zeit abgehen…

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Ein Gallier in Riesa: Citroën C6 Limousine

Die Gallier haben es in Europa bekanntlich weit gebracht – zumindest in den Asterix-Comics, die der heute (24. März 2020) verstorbene Zeichner Albert Uderzo mit seinem Landsmann René Goscinny so enorm populär gemacht hat.

Auch wenn es nicht zu einer Ausgabe mit dem Titel „Asterix bei den Sachsen“ gereicht hat, muss doch einst ein Gallier den weiten Weg in sächsische Gefilde gefunden haben. Dabei hat er jedoch eine Zwischenstation am Rhein eingelegt.

In der Vorkriegszeit hatten die damaligen „Gallier“ nämlich einen Außenposten bei Köln, von dem aus sie ziemlich erfolgreich die Früchte ihres Schaffens ins noch unterentwickelte Germanien vertrieben.

Die Rede ist vom Zweigwerk des noch keine zehn Jahre alten Automobilunternehmens von André Citroën, in dem ab 1927 in rasch steigender Zahl Wagen des Großserientyps B14 6/25 PS für den akut unterversorgten deutschen Markt gefertigt wurden.

Das Modell war Gegenstand meines letzten Blog-Eintrags zu Citroën. Heute sind die Nachfolger C4 bzw. C6 an der Reihe, die sich hauptsächlich durch die Motorisierung (Vier- bzw. Sechszylinder) unterschieden.

Offene Varianten davon habe ich schon vor längerem gezeigt, beispielsweise dieses zweisitzige Cabriolet:

Citroen C4 oder C6, zweisitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz geöffneter Tür ist eine formale Eigenheit dieses Typs zu sehen, die zusammen mit den Scheibenrädern eine sichere Identifikation erlaubt – und zwar der ausgeprägte Schwung des „Windlaufs“, also des Blechs zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe.

Dieses Detail, das eher bei Wagen der Zeit vor dem 1. Weltkrieg gängig war, verleiht der sonst zeittypisch schlicht gezeichneten Karosserie eine gewisse Beschwingtheit.

Das gestalterische Element ist in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre so außergewöhnlich, dass es sogar die Ansprache des Wagens auf einer verwackelten Aufnahme wie der folgenden ermöglicht:

Citroen C4 oder C6, viersitziges Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir es nun mit dem dem Aufbau als viersitziges Cabriolet zu tun, der sich durch eine breite Zierleiste unterhalb des Seitenfensters zusätzlich abhob.

Auch wenn meine Citroën-Galerie bereits Aufnahmen einiger geschlossener Wagen des Typs C4 bzw. C6 zeigt, kann ich dank Leser Matthias Schmidt (Dresden) heute erstmals eine vollständige Seitenansicht einer solchen Limousine zeigen.

Bei dem Foto haben wir das seltene Glück, dass Aufnahmeort und -datum überliefert sind. So wurde diese großzügige Sechsfenster-Limousine am 10. Juni 1934 im sächsischen Riesa abgelichtet, und zwar in der Breiten Straße vor der Hausnummer 6.

Citroen C6 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wie es der Zufall will, war dort offenbar ein Karosseriebaubetrieb angesiedelt, dessen Besitzer den durchaus passenden Namen Willy Spengler trug.

Dass der Citroën erst dort seinen Aufbau erhielt, bezweifle ich. Die Karosserie entspricht vollkommen der ganz in Stahl ausgeführten Werksausführung. Diese wurde nach meinem Eindruck bevorzugt als Sechszylindertyp C6 10/45 PS ausgeliefert.

Der Weg dieses Citroën von Köln nach Riesa ist im liebevoll gemachten Buch „Citroën – Die ersten deutschen Jahre“ von Immo Mikloweit (2019) beschrieben. Denn in Riesa betrieb ein gewisser Albin Bley eine Markenvertretung, die mit der Bahn von Köln via Soest und Leipzig mit Autos beliefert wurde. Vier Tage konnte ein solcher Transport dauern.

Im Juni 1934, als die Aufnahme aus der Sammlung von Matthias Schmidt entstand, lag der Bahntransport des Wagens bereits einige Jahre zurück und der alltägliche Betrieb auf der Straße hatte seine Spuren hinterlassen:

Dennoch stellt ein solcher Sechszylinderwagen immer noch einen außergewöhnlichen Besitz in Deutschland dar, mit dem man sich gern ablichten ließ.

Übrigens hatte Citroën Ende der 1920er Jahre rund 350 Vertriebsstellen im Deutschen Reich, weshalb es verwundert, wie wenig Wagen dieses Typs überlebt haben. Zufälligerweise existiert noch genau ein solcher Citroën C6 in Limousinenausführung, den einst Vertreter Albin Bley in Riesa für seine eigenen Zwecke erworben hatte.

Leider handelt es sich nicht um den Wagen auf dem heute vorgestellten Foto, das wäre auch zu schön gewesen. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die „Gallier“ auch in Sachsen recht eindrucksvolle Spuren hinterlasssen haben…

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Ein Poller in Berlin: Citroen 6/25 PS Typ B14

Jetzt wird’s politisch, mag jetzt mancher denken, dem beim Stichwort „Poller in Berlin“ zuerst die – sagen wir: eigenwillige – „Fußverkehrsstrategie“ des dortigen Senats einfällt.

Doch der „Poller“ ist keine Anspielung auf systematische Parkplatzbeseitigungen wie im Schlesischen Viertel der Hauptstadt (hier der hübsche Kommentar einer Betroffenen).

„Poller“ bezieht sich vielmehr auf die Citroen-Wagen, die ab Frühjahr 1927 auf dem Areal der einstigen Rheinwerk GmbH im Kölner Stadtteil Poll gebaut wurden.

Das erste dort gefertigte Modell war der kurz zuvor vorgestellte Typ B14. Gegenüber dem Vorgänger B12 besaß er einen leicht vergrößerten Vierzylindermotor, dessen Leistung von 22 auf 25 PS stieg. Damit waren nun 80 statt 70 km/h Spitze drin.

Wie der Vorläufer verfügte der Citroen B14 über eine Ganzstahlkarosserie und Vierradbremsen. In seiner Klasse war das fließbandgefertigte Modell eines der modernsten in Europa.

Auch in Deutschland stellte sich ein beachtlicher Verkaufserfolg ein, nicht zuletzt dank einfallsreicher Werbemaßnahmen, die bei einheimischen Herstellern ihresgleichen suchten. Folgendes Dokument dieses Erfolgs habe ich hier vorgestellt:

Citroen Typ B14; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So schön wie dieses Foto einer im Raum Dresden zugelassenen Taxi-Ausführung ist das Dokument leider nicht, das ich heute präsentiere. Doch ist es bei aller Unzulänglichkeit interessant, da seine Karosserie eine Besonderheit aufweist.

Im Unterschied zu obigem Citroen handelt es sich um kein Landaulet, bei dem die Passagiere auf der hinteren Sitzbank – und nur sie – bei geöffnetem Verdeck im Freien saßen.

Stattdessen scheint bei dem Aufbau das Verdeck bis zum Fahrerabteil zu reichen, während die seitlichen Fensterrahmen im Unterschied zum Cabriolet stehenblieben:

Citroen Typ B14; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Aufbau wirkt recht archaisch und man ist im ersten Moment versucht, eine frühere Entstehung als die zweite Hälfte der 1920er Jahre zu vermuten.

Doch aus dieser Perspektive ist die Übereinstimmung der Frontpartie mit derjenigen des Dresdener Citroen B14 klar ersichtlich.

Lediglich das Nummernschild ist etwas höher angebracht und die (wohl nachgerüstete) Stoßstange ist ein- statt zweiteilig.

Ganz ausschließen kann man nicht, dass wir einen Citroen B12 vor uns haben, also ein Exemplar des optisch weitgehend identischen Vorgängertyps. Von diesem entstanden während der nur knapp 15-monatigen Fertigungsdauer fast 40.000 Exemplare.

Doch spricht die Wahrscheinlichkeit eher für das auch in Deutschland gefertigte Modell B14.

Zwar war in Berlin Mitte der 1920er Jahre so ziemlich alles möglich, doch in automobiler Hinsicht galt das eher für Prestigewagen, nicht für ein französisches Fließbandprodukt.

Übrigens findet sich auf Seite 21 von Immo Mikloweits Buch „Citroen – Die ersten deutschen Jahre 1919 bis 1969“ ein Wagen des Typs B14 mit identischem Dachaufbau.

Dieses erst 2019 herausgekommene Werk ist für mich ein in jeder Hinsicht gelungenes Autobuch, das ich allen Freunden klassischer Automobile ans Herz lege. Dort wird auch eingehend auf das titelgebende „Poller Werk“ eingegangen, zu dem der Autor einen ganz persönlichen Bezug hat – mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten…

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Franzosenchic & Sachsenstolz: Citroen B14 Landaulet

In der Vorkriegszeit war Sachsen eines der Zentren der deutschen Autoindustrie. Wenn ich mich nicht täusche, gab es außer in Berlin nirgends im deutschsprachigen Raum eine derartige Konzentration von Automobilherstellern, Karosseriebauern und Zulieferern.

Dennoch waren die zahlreichen lokalen Produzenten nicht imstande, die ab Mitte der 1920er Jahre hierzulande rapide steigende Nachfrage zu stillen. In die Lücke stießen vor allem amerikanische Automarken.

Die US-Fabrikate waren längst von Konstruktion und Logistik her konsequent auf Großserie getrimmt und so lag der Versuch nahe, auch auf dem brachliegenden deutschen Markt zu expandieren.

Dazu bedurfte es keiner besonderen Anstrengungen, bereits ein einfach gestrickter Chevrolet wie dieser aus dem Modelljahr 1927 war mehr als konkurrenzfähig:

NSU_6-30_PS_und_Chevrolet_Halberstadt_1928_Ausschnitt2

Chevrolet von 1927 mit Zulassung in Sachsen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie konnte ein solches simples Gefährt mit 30 PS-Vierzylinder dem Kennzeichen nach zu urteilen selbst im stolzen Autoland Sachsen an den Mann gebracht werden?

Die Antwort ist schlicht die, dass dieser Wagen verfügbar war – und das zum absolut konkurrenzfähigen Preis. Die einheimischen Modelle dagegen konnten von keinem Hersteller in den Stückzahlen gefertigt werden, die der Markt seinerzeit verlangte.

Dass Chevrolet quasi nebenher den Bedarf deutscher Käufer stillen konnte, wird an den auch heute noch unfassbaren Stückzahlen deutlich: Von dem oben gezeigten Modell entstanden 1927 mehr als eine Million Exemplare!

Da kam es auf einige tausend Stück mehr oder weniger kaum an. Zudem gab es weitere ausländische Produzenten, die zusammen mit den US-Herstellern Ende der 1920er Jahre im Deutschen Reich auf einen Marktanteil von bis zu 40 % kamen.

Möglicherweise der erfolgreichste Mitbewerber der Amerikaner war Citroen. Die Franzosen waren direkt nach dem 1. Weltkrieg in die Massenfabrikation eingestiegen und lieferten Opel ungewollt die Blaupause für das spätere 4 PS-Modell „Laubfrosch“.

Doch als Opel begann, dank des französischen „Vorbilds“ erstmals nennenswerte Stückzahlen in der Einsteigerklasse zu fertigen, hatte Citroen bereits seinen Schwerpunkt auf die Mittelklasse verlegt.

Ganz billig waren diese Wagen hierzulande nicht – vermutlich erreichte die 1927 eingerichtete Citroen-Fertigung in Köln nicht die Produktivität des Mutterhauses. Doch verkaufte sich das neue Mittelklassemodell B14 mit 25 PS aus 1,5 Litern am deutschen Markt auf Anhieb ausgezeichnet.

Als Beispiel mag dieser Citroen B14 in der Limousinenausführung dienen:

Citroen_B14_Klausenpass_Galerie

Citroen B14 Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen machte 1928 am Klausenpass in der Schweiz halt – wohl um eine Überhitzung des Kühlwassers auf dem mehr als 20 km langen Anstieg zu vermeiden.

Das Kennzeichen verweist auf eine Zulassung in Deutschland und tatsächlich war dieser Wagen auf deutschen Straßen damals keine Seltenheit – fast 9.000 Stück davon entstanden 1927/28 im Kölner Citroen-Zweigwerk, das entsprach fast 5 % der Neuzulassungen im Deutschen Reich.

Trotz ähnlich einfacher Bauart wies der Citroen B14 gegenüber „Amerikaner“wagen vom Schlag eines Chevrolet eine diskrete Eleganz auf, die vor allem der recht schmalen Spur geschuldet war.

Während der oben gezeigte Chevrolet den stämmigen Auftritt eines breitbeinig daherkommenden Cowboys hatte, waren die Proportionen des Citroen grundlegend anders: der Wagen war mit 1,83 m deutlich höher als breit (Spur: 1,23 m):

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Galerie

Citroen B14 Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahme unterstreicht nicht nur, dass der Citroen B14 mit seinen typischen Scheibenrädern und acht nach hinten versetzten Luftschlitzen in der Motorhaube deutlich filigraner wirkt.

Man erkennt zudem am Nummernschild, dass die Qualitäten des äußerst robust geltenden Wagens auch im Herzen Sachsens geschätzt wurden – das Auto war nämlich im Verwaltungsbezirk Dresden zugelassen.

Bemerkenswert ist an diesem Fahrzeug die dreiteilige Stoßstange nach amerikanischem Vorbild, die hier bei gleicher Ausführung höher angebracht war als bei dem Citroen am Klausenpass. Wer hat eine Idee zu den Beweggründen?

Der Wagen macht – einmal von den Reifen abgesehen – einen kaum gebrauchten Eindruck und die Aufnahme wirkt nicht wie ein zufälliger Schnappschuss. Hier wurde vielleicht kurz nach Anlieferung ein bewusst inszeniertes Foto gemacht.

Ich vermute, dass dabei das Firmenschild an der Hauswand im Hintergrund bewusst in die Bildgestaltung einbezogen wurde:

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Ausschnitt2

Bei der überdurchschnittlichen Qualität dieser Aufnahme darf man davon ausgehen, dass der Fotograf das Firmenschild nicht in den Tiefenschärfebereich einbezogen hätte, wenn sie irrelevant gewesen wäre.

So ist denkbar, dass der auf der Hauswand erwähnte Schmiede- und Autoreparaturbetrieb Max Franke etwas mit diesem Citroen zu tun hatte.

Für unternehmerische Tüchtigkeit spricht auch, das Werbeschild für Benzin der Marke Dapolin, die zur seit 1890 bestehenden Deutsch-Amerikanischen Petroleum Gesellschaft gehörte und Kraftstoffe von Standard Oil vertrieb.

Aus einer ursprünglichen Schmiede war wohl inzwischen eine Autowerkstatt mit Tankstelle entstanden. Wie passt aber nun der Citroen dazu? Nun, obiger Bildausschnitt liefert ein Indiz.

Denn am in Fahrtrichtung linken Scheibenrahmen sieht man einen Taxameter mit darüber angebrachtem Schild „FREI“. Besagter Max Franke könnte demnach auch in das Taxigeschäft eingestiegen sein.

Dieses Metier war damals noch stärker von Einzelunternehmern geprägt und die Verdienstmöglichkeiten waren besser als heute, da kein Überangebot an Fahrzeugen herrschte.

Auf diese Weise konnte sich ein Taxifahrer offenbar sein eigenes Auto finanzieren. Näheres dazu kann vielleicht ein sachkundiger Leser beitragen.

Wenn meine Vermutung zutrifft, haben wir hier vielleicht besagten umtriebigen Max Franke höchstselbst mit der frisch angeschafften Citroen-Droschke vor uns – ansonsten einen als Fahrer fungierenden Angestellten.

Jedenfalls ist dem jungen Sachsen, der hier zuversichtlich in die Ferne zu schauen scheint, ein gewisser Stolz auf den feinen Citroen anzusehen.

Citroen_B14_Max Franke_Bezirk_Dresden_Ausschnitt1

Hier lohnt sich das genaue Hinschauen:

Interessant ist zum einen die einreihige Jacke aus Wolltuch, deren Schnitt und Ausführung mit aufgesetzten Taschen nur noch entfernt an die schweren ledernen Fahrerjacken anlehnt, wie sie Kraftfahrer vor dem 1. Weltkrieg und bis weit in die 1920er Jahre trugen.

Seitdem der Fahrer nicht mehr im Freien saß, war die Notwendigkeit eines Wetterschutzes nicht mehr in der Weise gegeben wie zuvor – entsprechend feiner wirkt hier die Chauffeurskleidung. Geblieben war die für Fahrer typische Schirmmütze.

Leider ist auch auf dem Originalabzug das Emblem auf der Mütze nicht genau erkennbar – es hätte möglicherweise einen interessanten Hinweis geliefert.

Dafür erkennt der Betrachter am Heck des Wagens etwas, das Aufmerksamkeit verdient. Denn dort sieht man, dass der rückwärtige Teil der Dachpartie nach hinten geklappt ist, sodass die Passagiere auf der hinteren Rückbank bei schönem Wetter unter freiem Himmel sitzen konnte.

Es handelt sich bei dem Aufbau des Citroen also um die besonders elegante Karosserieversion eines Landaulet, die noch aus der Kutschenära stammte.

Am Ende des hier senkrecht stehenden Dachabschnitts sind zwei Klappverschlüsse zu sehen, mit denen bei wieder hochgeklapptem Verdeck die Verbindung zum Dach hergestellt wurde.

Dieses Detail habe ich bislang so deutlich auf noch keinem historischen Originalfoto gesehen und man kann den Handwerkern, die diese technische Lösung klappersicher und wasserdicht umzusetzen hatten, nur großen Respekt zollen.

Nebenbei: Landauletversionen des Citroen B14 scheinen gerade bei Droschken nicht ungewöhlich gewesen zu sein. Bloß: Eine Ausführung wie die auf dem Foto – also mit starrer Hecksäule – konnte ich bislang nicht finden.

Kann es sein, dass sich hier französischer Chic mit sächsischem Stolz vermischten? Dann hätte sich der Taxi-Betrieb zwar für einen schlank gebauten Citroen B14 entschieden, aber den Aufbau von einem lokalen Karosserieschneider fertigen lassen.

Für Ideen zu diesem für mich spannenden Fahrzeug und der reizvollen Situation bin ich wie immer dankbar (bitte Kommentarfunktion nutzen).

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Luxusproblem: Citroen C4 oder C6 – das ist die Frage…

Heute befasse ich mich mit einer Fragestellung, die sich ohne spezielle Expertise kaum lösen lässt, aber Gelegenheit zu allerlei reizvollen Betrachtungen gibt und sich am Ende als Luxusproblem erweist.

Am Anfang steht die folgende schöne Aufnahme eines Citroen um 1930:

citroen_c6_galerie

Citroen C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses feine Cabriolet mit seiner niedrigen Frontscheibe und der adretten jungen Dame daneben habe ich vor längerer Zeit hier besprochen.

Seinerzeit vertrat ich die Ansicht, dass es sich bei dem Wagen mit seinem üppigen Chromschmuck, der auch Scheinwerferstange, Scheibenrahmen und Stoßstange umfasste, um das Sechszylindermodell C6 handelte, das von 1928 bis 1932 entstand.

Ein Kenner des Modells – Dipl.-Restaurator Martin Möbus – hat diesen Eindruck bestätigt, ihn aber anhand eines technischen Details begründet. So waren die hydraulischen Stoßdämpfer, die man auf obiger Aufnahme sieht, dem C6 vorbehalten.

Dem C6 hatte ich einen ebenfalls in Deutschland zugelassenen zeitgleichen Citroen gegenübergestellt, der kompakter wirkte und mit weniger Chromschmuck daherkam:

citroen_c4_um_1930_galerie

Citroen C4 oder C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im direkten Vergleich ist man versucht, einen weiteren Unterschied zwischen den beiden Wagen für bedeutsam zu halten:

Beim zuletzt gezeigten Citroen reichen die Luftschlitze nicht so weit nach vorne wie bei dem ersten Wagen. Könnte das ein zusätzlicher Hinweis auf die unterschiedliche Motorisierung sein? Laut Martin Möbus war dieses Detail eher baujahrabhängig.

Zufällig besitze ich eine Aufnahme, die sicher einen vierzylindrigen Citroen C4 zeigt, auch wenn ich lange nicht wusste, worum es sich dabei handelte. Jedenfalls beherbergt der Motorraum des folgenden Wagens sicher nur einen Vierzylinder:

Citroen_C4_Cabriolet_2_1933_Ausschnitt

Citroen C4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gleichzeitig sieht man hier ebenfalls, dass die Luftschlitze in der Motorhaube nicht bis ganz ans vordere Ende reichen, was für den geringeren Kühlungsbedarf des 1,6 Liter-Aggregats mit 32 PS spricht.

Wie aber lässt sich dieses zweisitzige Cabriolet überhaupt als Citroen identifizieren? Nun, das ermöglichten folgende Elemente:

  • Scheibenräder mit vier Radbolzen, verchromter Nabenkappe und konzentrischer Linierung,
  • nach oben geschwungener unterer Abschluss des Windlaufs (die Partie zwischen Haube und Windschutzscheibe), Ende der 1920er Jahre kaum noch verbreitet
  • ellipsenförmiges, farbig abgesetztes Zierelement am oberen Ende der Türen –  ein weiteres Detail, das einem zu kastigen Erscheinungsbild entgegenwirkte

Zusammengenommen finden sich diese Gestaltungselemente meines Erachtens nur beim Citroen C4 bzw. C6 der späten 1920er bzw. frühen 1930er Jahre.

Bei geschlossener Haube ergab sich dann übrigens folgendes Erscheinungsbild:

Citroen_C4-Cabriolet_Ausschnitt

Citroen C4; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich zeigen die beiden Aufnahmen aus Deutschland sogar dasselbe Auto, genau  lässt sich das aber nicht mehr ermitteln. Jedenfalls haben wir es hier sicher mit der vierzylindrigen Version C4 von Citroen zu tun.

Als schwierig bis unmöglich erweist sich dagegen die genaue Ermittlung des Typs der Citroen-Limousine auf folgender, bisher hier noch nicht gezeigter Aufnahme:

citroen_c4_oder_6_limousine_galerie

Citroen C4 oder C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Anfänglich war ich der Ansicht, es könne sich um einen kleineren US-Wagen handeln, auch wenn ich kurzzeitig eine Herkunft aus Frankreich erwog.

Klarheit erbrachte jedoch das Votum von Citroen-Kennern, wobei nicht zuletzt das ungewöhnliche Dekor auf der Sonnenschute über der Windschutzscheibe half.

Folgende Dinge fallen hier im Vergleich zu den beiden bereits gezeigten Fotos auf:

  • die Scheinwerferstange ist verchromt und eine Chromstoßstange ist montiert,
  • der Windschutzscheibenrahmen wirkt jedoch wie in Wagenfarbe lackiert,
  • statt kleiner Nabenkappen sind hier große Chromradkappen zu sehen.

Man darf daraus wohl ableiten, dass der Umfang der Chromausstattung keine oder nur bedingte Aussagen über die Motorisierung zulässt. Denkbar ist, dass eine mehr oder minder umfassende Chromausstattung auch beim schwächeren C4 erhältlich war.

Die Ausführung der Naben- bzw. Radkappen war baujahrabhängig, wobei die Radkappen später montiert wurden als die kleinen Nabenkappen (Quelle auch hier: Martin Möbus).

Was nun die Luftschlitze in der Motorhaube angeht, lässt sich aufgrund der mäßigen Qualität des Fotos nicht genau sagen, wie weit diese bis nach vorne reichten.

Die folgende Aufname ist zwar von der Qualität eher noch schlechter, doch scheint sie schon eher einen Hinweis auf die Motorisierung zu geben:

citroen_c6_und_renault_1930_galerie

Citroen C6 und Renault; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum einen reichen hier die Luftschlitze klar bis ganz ans vordere Ende der Haube. Zum anderen wirkt die Haube merklich länger als auf den beiden Fotos des zweisitzigen Cabriolets mit (mutmaßlichem) Vierzylinder.

Während hier die Version C6 wahrscheinlicher ist als die Version C4, gibt die Gestaltung der Räder neue Rätsel auf. Weder sind hier die kleinen Nabenkappen noch große, die Befestigungsbolzen verdeckende Radkappen zu sehen.

Vielmehr wurde offenbar eine ebenfalls große Chromkappe verbaut, die zwar die Nabe umschließt, aber die Radbolzen sichtbar lässt. Auch hier stellt sich die Frage, ob dieses Detail ausstattungs- oder baujahrabhängig war.

Die Radkappen, die auch die Radbolzen abdeckten, finden sich wiederum auf der folgenden Aufnahme eines Citroen, die einst im französischen Armentières nahe der belgischen Grenze entstand:

citroen_c6_in_armentiers_galerie

Citroen C4 oder C6; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zwar stand die Sechsfenster-Limousine – diese enorm geräumige Bauart gibt es übrigens schon lange nicht mehr – auf dieser Aufnahme nicht im Vordergrund, doch wurde sie geschickt in die Bildgestaltung einbezogen.

Ich vermute, dass dieses schöne Foto mittels Stativ und Selbstauslöser entstand. Gegen eine spontane Aufnahme einer weiteren Person sprechen die eher ernsten Mienen der Portraitierten, die auf das Geräusch des Kameraverschlusses warteten bzw. die Bewegung der Dame in der Mitte, die im Moment des Auslösens noch den Kopf drehte.

So oder so ist das ein reizvolles Dokument, das davon erzählt, wie man sich und sein Automobil einst inszenierte.

Auch wenn Citroen dank Ausrichtung auf rationelle Großserienproduktion von den Modellen C4 und C6 für deutsche Verhältnisse unvorstellbare 160.000 Exemplare unters Volk brachte, hatten diese Wagen durchaus Prestige.

Etliche davon haben bis in unsere Tage überlebt, was wohl auch dem Umstand zu verdanken ist, dass sie im Unterschied zu den späteren Citroen-Modellen während der deutschen Besetzung Frankreichs ab 1940 kaum requiriert wurden.

Für den Militäreinsatz waren diese Fahrzeuge damals bereits zu alt, zumal man mit dem Fronttriebler Citroen 11 CV „Traction Avant“ Zugriff auf ein hochmodernes Fahrzeug hatte, das bei der Wehrmacht sehr geschätzt wurde und noch bei der Kapitulation 1945 von deutschen Einheiten gefahren wurde.

So wird mancher Citroen der Typen C4 bzw. C6 während des Krieges seinen zivilen Besitzern nach Umbau auf Holzvergaser weiterhin treue Dienste geleistet haben, wie das bei den wenigen nicht eingezogenen deutschen Privat-PKW oft auch der Fall war.

Einen wunderbaren Zeitzeugen dieser Art konnte ich 2014 bei den Classic Days auf Schloss Dyck fotografieren:

citroen_c4_classic_days_galerie

Citroen C6; Bildrechte: Michael Schlenger

Bei diesem unrestaurierten Exemplar eines Citroen C6 ist die Holzvergaseranlage erhalten geblieben, was dafür spricht, dass der Wagen nach dem Krieg einfach abgestellt wurde und bis in unsere Tage erhalten geblieben ist.

Solche Funde sind in Frankreich auch heute noch möglich, da dort speziell auf dem Lande keine so rabiate „Modernisierung“ mit einhergehender Wegwerfmentalität stattfand wie in Deutschland.

Besagter Citroen dient aber nicht nur als Anschauungsobjekt für die Magie eines historisch gewachsenen, authentischen Gebrauchtzustands.

Ein Detail an seiner Frontpartie liefert uns auch den Schlüssel zur Identifikation eines weiteren Citroen, wenngleich dort offen bleiben muss, ob es ein C4 oder ein C6  war. Dazu merke man sich die Gestaltung des profilierten Abdeckblechs auf den beiden vorderen Rahmenausläufern:

citroen_c4_classic_days_2014_frontpartie

Genau dieses Element, das typisch für die Liebe zum Detail bei diesem Citroen-Modell ist, ermöglichte nämlich die Ansprache eines Wagens, der auf einem weiteren Foto aus meiner Sammlung zu sehen ist.

Dabei stellt der Wagen auch hier nur die Staffage für ein Porträt dar, entfaltet aufgrund der Perspektive aber eine repräsentative Wirkung, die mich erst an ein Oberklassefahrzeug denken ließ.

Hier nun gewissermaßen als krönender Abschluss dieser Reihe eine Privataufnahme, auf der ebenfalls ein Citroen C4 oder C6 zu sehen ist – man achte auf das erwähnte Rahmen-Abdeckblech:

citroen_c4_front_galerieDer aufmerksame Betrachter wird hier zwar Unterschiede wie das (scheinbare) Fehlen von Stoßdämpfern oder die andere Gestaltung der Haubenhalter (einer ist hier übrigens nicht fixiert…) und der Scheinwerfer registrieren.

Doch die entscheidenden Merkmale – beispielsweise die Form des Kühlergehäuses und der Scheinwerferstange – stimmen überein.

Wiederum reichen die Luftschlitze in der Motorhaube bis ans vordere Ende. Doch deren tatsächliche Länge ist aus dieser Perspektive unmöglich einzuschätzen. Hinzu kommt, dass heutige Aufnahmen des 6-Zylindermodells C6 beide Varianten der Ausgestaltung des Blechs mit den seitlichen Luftschlitzen zeigen.

Zudem gab Martin Möbus den Hinweis, dass das Sechszylindermodell eigentlich auch durch den Schriftzug „SIX“ auf dem Kühlergrill gekennzeichnet war.

Ob das nun immer der Fall war und inwieweit die erwähnten Details eine Unterscheidung nach Motorisierung oder nur nach Ausstattung und/oder Baujahr erlauben, muss in Teilen vorerst offen bleiben.

Aber letzlich stellt das angesichts dieser historischen Fotos des einst so geschätzten Citroen C4 bzw. C6 aus heutiger Sicht ein Luxusproblem dar…

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