Verblasster Glanz: Ein NSU Tourer von 1912

Das Neue Jahr hat kaum begonnen und mit etwas Glück gelingt es der Politik endlich aus dem maßlosen Modus herauszukommen, der ganze Völker in Haft nimmt wegen einer Atemwegserkrankung, deren Gefährdungspotential sich in ähnlichen Dimensionen bewegt wie das bei heftigen Influenzawellen der Vergangenheit der Fall war.

Hoffen wir also das Beste für 2022, dass nämlich die Erinnerungen an das Coronavirus ebenso verblassen wie die teils übergriffigen Reaktionen der Politik darauf und die beispiellose Spaltung der Bevölkerung, an der die Medien eifrig mitgewirkt haben.

Da dieses Thema bei vielen Zeitgenossen hierzulande religionsartigen Status besitzt und sich somit einer rationalen Kontroverse entzieht, ist man bis auf weiteres gut beraten, auf unverfängliche Felder auszuweichen.

Das gelingt beispielsweise, in dem man in eine Vergangenheit ausweicht, mit der niemand mehr persönliche Erinnerungen und Emotionen verknüpft und aus der neben Denkmälern aus Stein und Stahl nur noch einige verblassende Dokumente einstigen Lebens erhalten sind wie dieses hier:

NSU Tourenwagen um 1912; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme, die von einem Dresdener Fotoatelier angefertigt wurde – sonst ist nichts darüber überliefert – musste ich ziemlich nachhelfen, um den einstigen Glanz und Kontrast wieder herzustellen.

Der miserable Zustand des weit über 100 Jahre alten Originalabzugs war einer Gründe, weshalb niemand sonst ihn haben wollte – und zugleich dafür verantwortlich, dass ich anfänglich nicht viel damit anfangen konnte.

Doch mitunter verbergen sich gerade auf solchen verblassten Relikten alles andere als alltägliche Sachen, die eine Beschäftigung lohnen, auch wenn dies zeitaufwendig ist.

Das wurde mir aber erst klar, nachdem ich gewissermaßen die Spinnweben vom Kühler dieses typischen Tourenwagens aus der Zeit um 1912 gefegt hatte. „Das könnte doch ein früher NSU“ sein, dachte ich beim Studium des markant profilierten Kühlers.

Wie ich darauf kam? Nun, das lässt sich leicht anhand einiger Fotos von NSU-Automobilen nachvollziehen, die ich bereits besprochen habe. Den Anfang macht dieser hier:

NSU Motorwagen 5/10 oder 6/12 PS um 1907; Originalfoto aus „Bielstein in alten Bildern“, Heimatverein Bielstein, 1980

Auch wenn dieser Wagen einige Jahre älter war und der Aufbau ein anderer ist – ein flotter Zweisitzer statt eines vier- bis fünfsitzigen Tourers – fällt die Übereinstimmung der Kühlerform ins Auge.

Der Kühler war gewissermaßen ein Erbe der Lizenzfertigung belgischer „Pipe“-Wagen, mit der die Autofabrikation bei NSU im Jahr 1906 begonnen hatte. Dieses Detail blieb auch bei den Nachfolgemodellen erhalten, welche die Neckarsulmer in eigener Regie fertigten.

Hier haben wir eine schöne Reklame von 1910, die einen solchen eigenständig entwickelten NSU zeigt:

NSU Tourer, Reklame aus Braunbecks Sportlexikon, 1910

Neben der ab 1909/10 aufkommenden windschlüpfigen „Windkappe“ zwischen Motorhaube und Fahrerraum ist hier ein interessantes Zwischenstadium zwischen dem zuvor gezeigten Zweisitzer (sog. „Phaeton“-Aufbau) und dem eingangs präsentierten Tourer zu sehen.

So wurde hier hinter das Fahrerabteil ein fast identisch gestaltetes Passagierabteil gesetzt, beide können aber noch als separate Einheiten wahrgenommen werden . Einen solchen Aufbau bezeichnete man auch als „Doppel-Phaeton“.

Erst im nächsten Schritt verschmolzen die beiden Segmente zu einer Einheit – seither spricht man überwiegend von Tourenwagen wie im Fall dieses Exemplars:

NSU von 1912, wahrscheinlich Typ 6/18 PS; Fahrzeug des Immobilen Kraftwagen-Depots No. 7 (Untertürkheim); Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Bei diesem NSU, dessen Markenplakette auf dem Kühler wie der ganze Wagen in militärischem „Feldgrau“ überlackiert worden war, sehen wir nun auch eine nicht mehr ganz so aufgesetzt wirkende „Windkappe“ (auch als Windlauf oder Torpedo bezeichnet).

Außerdem besitzt die Motorhaube nun eine Reihe von Luftschlitzen und der zuvor oben mittig angebrachte Haubengriff ist verschwunden.

Dieser Wagen, den ich seinerzeit als (wahrscheinlichen) NSU Typ 6/18 PS angesprochen hatte, entspricht in allen wesentlichen Details dem im Vergleich dazu „glänzend“ wirkenden Fahrzeug auf dem eingangs gezeigten Foto:

Neben der Kühlerpartie stimmen auch die Gestaltung der Vorderkotflügel, der Schwellerpartie zwischen Aufbau und Trittbrett sowie die Platzierung des hinteren Haubenhalters vollkommen überein.

Ein kleiner Unterschied betrifft die Positionsleuchten beiderseits des Windlaufs – bei dem militärisch genutzten NSU fehlten diese. Entweder waren sie beschädigt worden oder man hatte sie bewusst demontiert, weil man ein Militärfahrzeug selten mit „Standlicht“ abstellt.

Jedenfalls sehe ich hier ausreichende Übereinstimmungen – auch bei den Dimensionen des Wagens – um darin ebenfalls einen NSU des Typs 6/18 PS um 1912 zu erkennen.

Die parallel dazu erhältlichen stärkeren Modelle 9/22 PS, 10/30 PS und 13/40 PS waren grundsätzlich ähnlich gestaltet, waren aber größer, boten mehr Insassen Platz und besaßen teilweise schon elektrische Positionslichter wie hier zu sehen:

NSU-Reklame von ca. 1913; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Mit diesen Dokumenten hätten wir gerade einmal acht Jahre Automobilgeschichte umrissen – eine aus heutiger Sicht kurze Zeit, doch während der rasend schnellen Entwicklung vor über 100 Jahren entsprach dies zwei ganzen Fahrzeuggenerationen.

Von dieser nicht nur in dieser Hinsicht großartigen Epoche ließ der 1. Weltkrieg nur wenig übrig – den Rest an Glanz in Europa erledigte dann der zweite.

Wer sich fragt, warum heute kaum etwas vorangeht, kaum noch etwas fertigwird, mag das damit erklären, dass mit der letzten Kriegs- und Aufbaugeneration das organisatorische Können, der enorme Erkennntnishunger und der unternehmerische Mut verschwunden sind, der die europäischen Nationen einst führend gemacht hat.

Mir als Kulturpessimisten scheint der Glanz des heutigen Nachkriegseuropas noch schneller zu verblassen, als es die Zeugnisse der Zeit von vor 100 Jahren tun – und daher beschäftige ich mich lieber mit diesen als mit – sagen wir: Lastenfahrrädern

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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