Zwischen Gestern und Morgen: Hansa Typ P 8/26 PS

Der Erste Weltkrieg stellt in vielerlei Hinsicht eine noch größere Zäsur in der europäischen Geschichte dar als der zweite:

Der Adel verlor die meisten seiner Privilegien (oft auch sein Vermögen), Frauen erhielten das Wahlrecht und entwickelten ein neues Selbstbewusstsein, Zweckmäßigkeit gewann die Oberhand gegenüber der gefälligen Form und Technik begann den Alltag zu dominieren.

Doch wie immer in der Historie sind solche im Rückblick zu konstatierenden Umbrüche nur Teil eines vielschichtigeren Geschehens – denn vieles Neues kündigt sich bereits vorher an, und vieles Altes lebt noch eine ganze Weile fort.

Das gilt für den Übergang von der Antike zum Mittelalter ebenso wie für den Beginn des Industriezeitalters. Damit gingen im nachhinein klar erkennbare strukturelle Veränderungen auf allen Ebene der Gesellschaft einher, doch bei keinem dieser Phänomene ist sich „die Wissenschaft“ einig, wann genau diese anzusetzen sind.

Tatsächlich findet man in solchen Zeiten des Übergangs reiches Anschauungsmaterial für das Beharrungsvermögen des Alten und das Einbrechen des Neuen – selbst in einem scheinbar so sachlichen Phänomen wie dem Automobilbau.

Das will ich heute anhand einiger Dokumente illustrieren, die Wagen der norddeutschen Marke Hansa aus der Zeit kurz vor dem Weltkrieg bis in die 1920er Jahre zeigen. Den Anfang macht diese reizvolle Aufnahme:

Hansa Typ C oder D: Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen ist anhand der Kühlerform und den seitlich an der Motorhaube angebrachten Griffmulden leicht als Hansa zu identifizieren. Die elektrischen Positionsleuchten im „Windlauf“blech vor der Frontscheibe legen eine Datierung um 1913 nahe.

Der Größe nach zu urteilen, könnte es sich um das Modell C 8/20 PS handeln, ich will aber auch den stärkeren Typ D 10/30 PS nicht ausschließen, der bei etwas größeren Abmessungen ähnliche Proportionen aufwies.

Wir merken uns auf jeden Fall die Gestaltung des Kühlers mit den beiden senkrechten Streben auf dem Grill und die Ausführung der Motorhaube. Betrachten wir nun die nächste Aufnahme (aus Sammlung von Leser Klaas Dierks):

Hansa Typ D 10/30 PS von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier haben wir nun eindeutig ein Exemplar des Hansa Typs D 10/30 PS, übrigens ein Wagen des Kraftfahrbataillons Berlin-Schöneberg, aufgenommen im August 1915.

Der Wagen wirkt ganz anders, doch das täuscht. Das „Windlaufblech“ zwischen Motorhaube und Frontscheibe mit den elektrischen Lampen ist identisch (man hat lediglich zusätzliche Gaslaternen für den Fall montiert, dass die Batterien für die Positionslichter leer sind).

Ebenfalls vorhanden sind die bei anderen Marken nur ganz selten so weit oben angebrachten Griffmulden zum Anheben der Motorhaube. Die sechs Luftschlitze sind nach vorne gewandert, aber das will bei Hansa nicht viel heißen.

Der Kühler wirkt wesentlich wuchtiger, da das Oberteil nun schnabelartig vorkragt – eine reine Modeerscheinung bei einige deutschen Marken wie beispielsweise Horch ab 1913. Vertraut sind dann wieder die beiden senkrechten Streben auf dem Kühlergrill.

Auf dieser Aufnahme, die uns bereits in die Zeit des Ersten Weltkriegs transportiert, erkennt man ansatzweise ein Oval, das den Markennamen „HANSA“ einfasst. Dieses Detail merken wir uns zusätzlich zu den bisherigen.

Bevor wir einen Zeitsprung machen, bestaunen wir noch die ungewöhnlich großen Scheinwerfer – die Löcher an der Oberseite verraten, dass sie mit Karbidgas betrieben wurden, bis zum Ersten Weltkrieg der Regelfall.

Nun geht es mit einem Satz in die frühen 1920er Jahre – und das verdanke ich Mathias Wolkewitz, der mir freundlicherweise diese schöne Aufnahme aus dem Album seiner Familie zur Verfügung gestellt hat:

Hansa Typ P 8/26 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (via Mathias Wolkewitz)

Zwar konnte Herr Wolkewitz seine Vorfahren auf dem Foto identifizieren, aber wegen des Wagens nahm er Kontakt mit mir auf. Ich erhalte mehrere solcher Anfragen monatlich und stürze mich stets mit Begeisterung darauf.

Zum einen erhalte ich auf diese Weise immer wieder sehr interessantes, mitunter einzigartiges Material für meinen Blog und meine Markengalerien. Zum anderen ist es stets ein Vergnügen, mit der Identifikation der Wagen die Situation, in der die Altvorderen einst abgelichtet wurden, zeitlich einzuordnen und noch greifbarer zu machen.

Bisher war noch jeder hin und weg, wenn er erfuhr, mit welchem Auto der Uropa im Krieg aufgenommen wurde oder am Steuer welches Wagens einst die Großmutter als junges Mädchen fotografiert wurde.

So kann ich heute hoffentlich auch Herrn Wolkewitz und seiner Familie eine Freude machen, wenn ich mehr zu dem Automobil erzählen kann, das wir hier vor uns sehen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Frontpartie des im Regierungsbezirk Kassel zugelassenen Tourers:

Auf Anhieb bekannt kommt uns natürlich der Schnabelkühler mit dem markanten Hansa-Schriftzug im Oval und den beiden senkrechten Streben vor.

An diesen schon fast archaisch anmutenden Elementen hielt man bei Hansa nach dem 1. Weltkrieg unbeirrt noch einige Jahre fest. Auch in technischer Hinsicht erfand man das Rad erst einmal nicht neu, sondern baute Vorkriegstypen weiter – wie übrigens fast alle deutschen Autohersteller.

Fortgesetzt wurde zunächst die Fertigung des im 1. Weltkrieg häufig anzutreffenden Hansa des Typs D 10/30 PS (siehe das oben gezeigte Foto aus Sammlung Dierks).

Doch da in der Notzeit nach 1918 auch die Bessersituierten, die sich ein Auto leisten konnten, kleinere Brötchen backen mussten, ging man ab 1921 dazu über, die steuerlich und verbrauchsmäßig günstigere Vorkriegsmotorisierung 8/20 PS zu reaktivieren.

Das ging bei unverändertem Hubraum mit einer Leistungssteigerung auf 26 (später 30 PS) einher, sodass sich die Fahrleistungen dem größeren Typ D 10/30 PS annäherten.

Unterdessen waren die markanten, außen aufgesetzten Griffmulden zwei nach innen aufgehenden Klappen gewichen – eine hübsche Lösung, die ich bei anderen Marken noch nicht mit Bewusstsein gesehen habe.

Gut gefällt mir an dem Hansa aus dem Album der Familie Wolkewitz außerdem der facettierte Abschluss der Vorderkotflügel – auch für dieses raffinierte Detail wüsste ich kein Vergleichsstück.

Luftschlitze in der Motorhaube sind zwar nicht zu erkennen, lediglich einige nach hinten kleiner werdende Entlüftungsschlitze in der Flanke hinter der Haube. Doch sind die Haubenschlitze bloß aus diesem Blickwinkel nicht zu erkennen, da sie im Unterschied zu den Vorkriegsmodellen von Hansa weiter unten angebracht waren.

Zum Vergleich bietet sich diese Aufnahme eines ganz ähnlichen Hansa-Tourenwagens (wiederum aus Sammlung Klaas Dierks) an:

Hansa Typ P 8/26 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Sofort erkennt man den Schnabelkühler und die beiden Griffklappen zum Anheben der Motorhaube wieder. Wer genau hinsieht, wird auch die nach hinten kleiner werdenden Schlitze hinter dem Ersatzrad (ein nicht seriemäßiges Zubehör) erahnen.

Legt man diesen Befund zugrunde, haben wir es bei dem Hansa auf dem Foto von Mathias Wolkewitz sehr wahrscheinlich mit einem Exemplar des 1921 eingeführten Typs P 8/26 PS zu tun, der in der Literatur in einigen wenigen Exemplaren dokumentiert ist.

Die Gestaltung des übrigen Aufbaus variierte je nach Baujahr geringfügig. Hier ist der obere Abschluss der Seitenlinie stärker nach innen gezogen.

Für diese Ausschnitttsvergrößerung waren einige Retuschen erforderlich. Leider konnte ich der jungen Dame auf dem Trittbrett nur bedingt ihr ursprüngliches Antlitz zurückgeben, doch vielleicht entschädigt die Spiegelung ihrer Silhouette in der Wagenflanke ein wenig dafür.

Die übrigen Personen – einschließlich des braven Schäferhunds – haben sich für ihr Alter ziemlich gut gehalten, meine ich.

Ob unserereins nach 100 Jahren noch so ein Bild abgibt, wage ich zu bezweifeln, da die meist nur digital festgehaltenen Erinnerungen dann wohl verloren sein dürften. Vielleicht ein Anreiz, den Nachkommen auch ein klassisches Fotoalbum zu hinterlassen.

Mit diesem Dokument sind wir freilich noch nicht ganz am Ende. Denn nachdem wir das „Gestern“ und die kurzlebige Zwischenwelt nach dem Krieg anhand dieser Aufnahmen studiert haben, bleibt die Frage, wie denn das „Morgen“ für die Hansa-Autos aussah.

An dieser Stelle weiß einmal mehr mein Sammlerkollege Klaas Dierks mit dem passenden Puzzlestück aufzuwarten, denn auch Hansa nahm zur Mitte der 1920er Jahre Abschied vom Vorkriegskühler und präsentierte seinen Typ P8, auf 36 PS erstarkt, mit moderner Linie:

Hansa Typ P 8/36 PS; Originalreklame aus Sammlung Klaas Dierks

Doch auch mit dem Übergang zum Flachkühler hielt man – zumindest in dieser Anzeige – einem vertrauten Element aus der alten Welt die Treue – dem oval eingefassten Hansa-Emblem.

Ob das Logo auch noch auf den Kühlern des 1924 modernisierten Hansa Typ P auftauchte, konnte ich bisher nicht herausfinden. Jedenfalls ist es auf keiner der wenigen mir vorliegenden Fotos dieses Typs zu erkennen.

Vielleicht verbirgt es sich ja unter der in der kalten Jahreszeit angebrachten Kühlerabdeckung dieses Hansa Typ P 8/36 PS in Limousinenausführung:

Hansa Typ P 8/36 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem Wagen von Mitte der 1920er Jahre ist die einzige verbliebene Reminiszenz an die Vorkriegshansas die Anbringung der Haubengriffe – ansonsten hat sich eine neue Zeit mit strenger Linienführung durchgesetzt.

Dass auf diese Ära der automobilen Nüchternheit wenige Jahre später eine unfassbare Blüte an Opulenz im Karosseriebau folgen sollte und dass der totgeweihten Marke Hansa eine unerwartete Renaissance beschieden sein sollte, das ist eine andere Geschichte…

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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