Gruß von der buckligen Verwandschaft: 1936er Buick

Ich weiß zwar nicht, wann jemand zum ersten Mal das böse Bild der „buckligen Verwandschaft“ geprägt hat – es ist mir aber von Kindesbeinen an vertraut.

Meine Mutter pflegte damit ganz generell den angeheirateten Teil der Familie zu bezeichnen, und lange Zeit war die „bucklige Verwandschaft“ für mich synonym mit Verwandtschaft schlechthin, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Tatsächlich ist das Attribut „bucklig“ denjenigen Familienmitgliedern vorbehalten, die man als peinlich empfindet – weniger aufgrund körperlicher Auffälligkeiten, sondern infolge mangelhafter Umgangsformen, geistiger Beschränktheit oder übertriebener Frömmelei.

Als das Automobil hierzulande noch ein Luxusgut war, gab es eine zuverlässige Methode, die bucklige Verwandschaft zu ärgern – indem man dieser nämlich ein Foto zukommen ließ, das einen mit dem eigenen Wagen zeigte.

Da so etwas den hierzulande besonders verbreiteten Neid weckte, mögen zahllose solche vergifteter Fotogrüße an die „lieben Verwandten“ versandt worden sein. Idealerweise zeigt man sich dabei in entspannter Situation und bestens aufgelegt:

Picknick mit dem Automobil um 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der halbstarke Bruno rechts kriegt sich kaum ein bei dem Gedanken, dass diese lässige Aufnahme seine puritanische Cousine Clara zur Weißglut bringen würde. Deren Eltern hatten ihr nämlich beigebracht, dass Verzicht üben besonders gottgefällig ist.

So war Bruno kürzlich beim Versuch abgeblitzt, sie zu einer Landpartie mit Fahrrad und Koffergrammophon zu animieren – sie ahnte wohl, dass seine Schellackplattensammlung mit einigen Schlüpfrigkeiten aufwarten konnte.

„Soll sie doch daheim versauern und vor Neid vergehen“, dachte sich Bruno und brachte eigenhändig die Postkarte mit umseitigem Foto auf den Weg.

Weniger boshaft mögen die Gedanken dieser Automobilisten gewesen sein, von denen im März 1935 dieses Foto entstand – irgendwo zwischen Oberammergau und Schongau:

Opel 2 Liter (oder 1,3 Liter) Cabriolet von 1934; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob auch diese hübsche Aufnahme der buckligen Verwandschaft zugedacht war oder eher ein Erinnerungsfoto für die Teilnehmer dieser Fahrt darstellte, wissen wir zwar nicht.

Gleichwohl wollen wir hier auch der buckligen Verwandschaft gedenken – und zwar derjenigen des Autos selbst!

Die Freunde von Vorkriegs-Opels wissen natürlich, was das für ein Wagen ist: Trotz der kunstledernen Manschette am Kühler, die in der kalten Jahreszeit eine schnellere Erwärmung des Kühlwassers bewirkte, ist das ein Opel „6“ Typ 2 Liter (evtl. auch nur der geringfügig kürzere Vierzylindertyp 1,3 Liter).

Anfang 1934 eingeführt wurde das 36 PS starke Sechszylindermodell nur ein Jahr lang in der Ausführung gebaut, die wir hier sehen. Schon Ende Januar 1935 wichen nämlich die schmalen horizontalen Luftschlitzen in der Motorhaube einer Reihe senkrechter Schlitze.

Diese Merkmal behalten wir im Hinterkopf, wenn wir uns nun der „buckligen Verwandschaft“ dieses adretten Opel zuwenden.

Diese Verwandschaft war in Übersee zuhause und war im damaligen Deutschland manchem biederen Opel-Besitzer peinlich, galt doch ihre Auftritt als arg hemdsärmelig und selbstbewusst, hinzu kam ein unschicklicher Durst (des Wagens):

Buick Convertible Coupé Modeljahr 1936; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Betrachtet man die Frontpartie, fällt die Familienähnlichkeit sofort ins Auge, wenngleich der Buckel am Heck weniger ausgeprägt ist als beim zuvor gezeigten Opel.

Tatsächlich stellt sich hier die Frage, wer eigentlich die bucklige Verwandschaft war, die einem peinlich war. Dieses Cabriolet war gewissermaßen der reiche Onkel aus Amerika – ein Buick des Modelljahrs 1936.

Wie der Opel gehörte er der weitverzweigten Familie von General Motors an und für gewöhnlich gaben die amerikanischen Verwandten damals den Ton an.

Dabei trugen sie freilich auch dick auf, nicht nur was Fahrzeuggröße und -gewicht anging, sondern auch hinsichtlich der Motorisierung. Buick verbaute damals ausschließlich Achtzylindermotoren, die je nach Ausführung zwischen 90 und 120 PS leisteten.

Diese Aggregate waren zwar ausgesprochen trinkfest, verfügten aber auch über eine Souveränität der Kraftentfaltung, die dem weit schwächeren Opel fremd war.

Auch solche Extras wie in den Vorderkotflügeln montierte Ersatzräder suchte man bei der europäischen Verwandschaft vergeblich. Immerhin konnte auch der Opel mit hydraulischer Vierradbremse aufwarten – in Europa damals noch keineswegs Standard.

In einem Detail war der 1934er Opel jedoch dem buckligen Verwandten aus den Staaten voraus: Die horizontalen Luftschlitze in der Motorhaube erhielt der Buick erst im Modelljahr 1936, als der Opel schon wieder traditionelle senkrechte Schlitze besaß.

Übrigens war die Aufnahme mit dem Buick in der Cabrio-Version – in Amerika als Convertible Coupe bezeichnet – wohl tatsächlich für die „bucklige Vewandschaft“ bestimmt.

„Unser weißer Buick“ ist auf deutsch von alter Hand auf der Rückseite des Abzugs vermerkt, und als Datum das Jahr 1949. Das gibt Rätsel auf, erst recht, wenn man die leider schlecht erhaltene Originalaufnahme in voller Größe betrachtet:

Buick Convertible Coupé Modeljahr 1936; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Palme am rechten Rand deutet auf den Süden Europas hin, jedoch ist der Kirchturm links untypisch dafür. Wer aus Deutschland hätte auch anno 1949 eine solche Reise in den Süden mit so einem teuren Auto unternehmen können?

Ich halte es für möglich, dass das Bild irgendwo in den Vereinigten Staaten entstanden ist. Die Kleidung des Mannes auf dem Trittbrett würde dazu passen, Hose und Hemd erinnern an das US-Militär, auch der Haarschnitt scheint darauf zu verweisen.

Meine Vermutung ist, dass dieses Foto einst von einer Deutschen in die alte Heimat geschickt wurde, die einen GI geheiratet hatte und nun der buckligen Verwandschaft zeigen wollte, wie gut es ihr und ihrer kleinen Familie ging.

Zwar war der Buick zum Zeitpunkt der Aufnahme schon 13 Jahre alt, aber 1949 konnte man in Deutschland froh sein, wenn man ein Fahrrad oder Moped über den Krieg gerettet hatte. Die bucklige Verwandschaft des Buick – der Opel – war zum überwiegenden Teil zur Wehrmacht eingezogen worden, war an der Front geblieben oder kriegsversehrt.

Was mögen die Empfänger dieses Fotos im frühen Nachkriegsdeutschland einst gedacht haben? „Schau, Erich, Deine bucklige Verwandschaft aus Amerika hat geschrieben und protzt mit ihrem dicken Schlitten, ist das nicht peinlich?“

So mag es einst gewesen sein, vielleicht aber auch ganz anders. Wer hat weitere Ideen zur Interpretation des Fotos mit dem 1936er Buick?

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2 Gedanken zu „Gruß von der buckligen Verwandschaft: 1936er Buick

  1. Opel Olympia … das passende Beispiel für die Anordnung der Luftschlitze in den späten 30er Jahren, denn hüben wie drüben diesseits und jenseits des großen Teichs verliefen diese von der A-Säule bis zu den oberen Schildecken oder Biegungen des Kühlergrills, manchmal auch geformt wie in Fahrtrichtung zielende Pfeilspitzen. Schilde und Speerspitzen … wie als Vorahnung des schlimmsten Unheils, das bald darauf in Form von Minen, Bomben und Granaten auch viele dieser Fahrzeuge traf. Zu den vierrädrigen Überlebenden gehörte dann auch dieser weiße Buick, der aber die Zeit bis Mai 1945 vielleicht ganz ungefährdet zwischen Zürich, Bern und Genf, in Kopenhagen oder Lissabon überstand. Die deutschsprachige Seniorenhandschrift läßt einige Deutungen über den Entstehungsort dieser Aufnahme zu; umso mehr, wenn es keinen urheberrechtlichen Vermerk darauf gibt.

    „Deutsches Erzeugnis“ von General Motors – das waren die Fahrzeuge der Adam Opel AG, jedoch kein Buick. Kapitän und Admiral gab es 1936 noch nicht, der in fast 52.600 Einheiten gefertigte Opel 6 hatte einen Sechszylinder mit 1932 ccm und erreichte Tempo 100 km/h. Ein Wanderer W50 hatte 55 PS und erreichte ebenfalls 100-105 km/h, ein Adler Diplomat war trotz 10 PS mehr auch nicht schneller, da eine Klasse größer und je nach Aufbau um die 300 kg schwerer. Dasselbe galt für einen Mercedes 290 Cabriolet D mit 68 PS oder ein Horch 830 V8 mit 75 PS. Für mehr Kraftentfaltung aus deutscher Produktion hätte es somit eines Kompressor-Mercedes 380K oder eines Maybach SW38 bedurft, um dann mit 140 PS dem Buick Paroli zu bieten.
    Wir schreiben und lesen vom Buick … aber welcher Buick ist es denn nun ?
    Als zweitüriges Cabriolet könnte es sich um ein Modell der Serie 60 handeln, 1936 war dies dann der Buick 66-C oder erstmals namentlich benannte Century. Der größere Roadmaster 80-C war viertürig, und der kleinere Special 56-C wurde nur bis 1935 gebaut, und hatte keine Ersatzreifenverkleidung. Dieses Ersatzreifengehäuse findet sich aber auch beim 4-passenger Rumble Seat Convertible Coupé aus der Series 40, dem Special 46-C – somit scheint mir die Unterscheidung von 46-C und 66-C eigentlich nur anhand der Länge der Motorhaube, die beim 66-C Century etwas länger ist.
    Aus dessen Hubraum von 5247 ccm schöpfte sich die Kraft von 120 PS, gut für Tempo 150 km/h. Leistungsmäßig übertraf so ein Buick daher auch den im Februar 1937, also vor nun genau 85 Jahren vorgestellten Admiral, der aus 3,6 Litern Hubraum 75 PS gewann, ebenso auch den ebenfalls 3,6-Liter großen V8 des Ford Mod.68 aus demselben Baujahr. Von daher war ein Import ins Deutsche Reich im Jahre 1936 auch für den Buick plausibel. 1936 – das Jahr der Olympiade, einem internationales Ereignis wie es jetzt gerade in der Volksrepublik China stattfindet.

    Mit 1000 bis etwas über 1100 $ waren die Buick 60/Century-Modelle gut 40 % teurer als Chevrolet, Plymouth oder Ford, womit schon damals nur Cadillac innerhalb des GM-Konzern höher angesiedelt war. Auch bei Chrysler gab es, beginnend mit Plymouth einen „Aufstieg“ über DeSoto und Dodge bis zum Imperial.
    Den je über 800.000 Chevrolets und Ford V8’s standen 52.600 Opel 6 und 25.300 Käpitäne ggü. – und die Stückzahlen aller anderen hier vorgenannten einheimischen Fahrzeuge blieben je im Vierstelligen oder gar Dreistelligen. Wenn von den 134.000 Buicks dieses Typs, die somit 50 bis hundertfach häufiger produziert wurden, nur 10 % nach Europa gelangt sind, wären das also immerhin über 13.000 Fahrzeuge.
    4 Jahre nach Kriegsende waren Deutschland und Österreich in Besatzungszonen aufgeteilt, wobei in Öberösterreich und Wien 40.000 GI’s stationiert waren. Für Deutschland habe ich leider keine Zahlen gefunden; ich rechne da mal 100.000 amerikanische Soldaten hinzu, die ja teils auch ihre eigenen Fahrzeuge mitbrachten. Höchst spekulativ, aber wenn sich binnen von 4 Jahren 25 % der GI’s ein neues Auto kauften, könnten 35.000 zusätzliche US-Fahrzeuge in Deutschland und Österreich verblieben sein. 5 % davon könnten eben gerade 10-12 Jahre alte Buicks gewesen sein – das wären dann immerhin 1750 Stück.
    Wenn aus dem Vorkriegsbestand noch 10 % der Fahrzeuge existierten, dann wäre der 10 Jahre zuvor ins Gebiet der Achsenmächte importierte Anteil seit Herbst 1945 in etwa verdoppelt worden.
    Dieser weiße Buick muß also keineswegs schon 1936 in ein deutschsprachiges Gebiet gelangt sein. Oder aber, er rollte nicht eine Meile über europäische Straßen, weil er Zeit seiner Existenz im Land seiner Herkunft zugelassen und betrieben wurde. „Unser weißer Buick“ in Seniorenhandschrift … wenn ein in die USA zurückkehrender GI seine Braut mitbrachte, so war diese kaum über 30 und somit keine Seniorin. Inwieweit die Schwiegereltern gleich mit umsiedelten …? Jedenfalls denkbar für eine als Kriegswitwe zurückgebliebene Frau, die mit ihrer Tochter in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zog.

  2. Ein bloc mit sozialhistorischem Hintergrund – wie immer interessant!

    Kleiner Einwand : Das schöne Photo von dem Opel- Cabrio stellt mit Sicherheit einen 1,3 Ltr. dar – den mit der Stummelschnautze. Auseinander halten kann man sie auf Photos fast garnicht. Aber da der 6- Zyl. Im Opel „6“ um 2 Zyl länger ist braucht er auch mehr Platz unter einer deutlich längeren Haube.
    Laut Oswald hat er 2642 mm Radstand
    gegenüber 2474 beim 4- Zyl.
    Dies ist von außen am deutlichsten zu sehen am Abstand zwischen Kotflügel Endspitzen und Türspalt/ A- Säule.
    Bei kürzeren 1,3er überschneiden sich die Spitzen von der Seite gesehen mit dem Türspalt um ca. 5 cm.
    Auch die Wahrscheinlichkeit spricht bei heutiger Sicht auf historische Ohotos für häufige Verwechslungen:
    Vom 1,3er wurde nach den Angaben im Oswald in 22 Monaten 29000 Einheiten gebaut – macht im Schnitt
    1318 E/ Mt.
    Vom insgesamt 42 Mt. gebauten „6“
    50 000. also im Schnitt 1190 E/ Mt.
    Der neue , supermoderne Olympia
    schaffte ja auch sozusagen schon auf dem Reisbrett “ mit den Hufen“.

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