Zwei „Amis“ im Jahr 1938: 10 Jahre, zwei Welten

Bestimmt fährt einer der Leser dieses Blogs im Alltag ein Auto, das schon zehn Jahre auf der Kurbelwelle hat.

Vielleicht ist es ein Diesel einer deutschen Marke – eines jener ökonomischen und dauerhaften Autos also, von denen man einst träumte – und denen geltungssüchtige Fanatiker neuerdings den Krieg erklärt haben.

Diese von kleinen „Pressure Groups“ kriminalisierten Wunderwerke an Effizienz, Haltbarkeit und Sicherheit zu verbessern, ist nur noch in kleinen Schritten möglich.

Dennoch wird weiter daran gearbeitet, zumal das Elektroauto auch nach über 100 Jahren immer noch so im Nachteil ist, dass selbst heftigste Subventionen auf Kosten der Steuerzahler, die sich garantiert keines leisten können, wirkungslos verpuffen.

Der Rückblick in die Vorkriegszeit ist diesbezüglich in vielerlei Hinsicht heilsam. Er führt vor Augen, auf welch‘ hohem Niveau heute über angebliche Unzulänglichkeiten moderner Automobile geklagt wird.

Dabei wird nämlich deutlich, dass die ganz großen Entwicklungssprünge, die dem Wohl von Insassen und Umwelt dienten, längst hinter uns liegen.

1938 – vor achtzig Jahren also – konnte man irgendwo im Alpenraum noch diesem archaisch wirkenden Tourenwagen der US-Marke Studebaker begegnen:

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Studebaker von 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Abzug trägt jedenfalls umseitig das Datum 1938. Damals war der abgebildete Studebaker gerade einmal etwas mehr als 10 Jahre alt.

Anhand der Form der Kühlermaske ist der Wagen auf 1927 datierbar. Immerhin 50 bis 75 PS leisteten die verbauten Sechszylinder je nach Modell. Mechanische Vierradbremsen waren Standard. 

Wie veraltet dieses Fahrzeug im Jahr 1938 jedoc bereits war, wird beim Vergleich mit dem Buick des Modelljahrs 1937/38 deutlich, den wir auf folgender – leider verwackelten – Aufnahme sehen:

Buick_Eight_1938_Heini_und-Albert_Galerie

Buick „Eight“ von 1937/38; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So unvollkommen dieses Dokument auch ist, so drastisch führt es vor Augen, wie rasant sich die Entwicklung des Automobils vor 80 Jahren vollzog.

Die beiden Wagen haben außer ihrer amerikanischen Herkunft praktisch nichts gemein.

Obige Sechsfensterlimousine besaß eine Motorhaube, die sich nach oben (nicht mehr seitlich) öffnen ließ. Darunter arbeitete ein Achtzylinder, der je nach Modell zwischen 100 und 140 PS leistete. Hydraulische Vierradbremsen waren Grundausstattung.

Für das Modelljahr 1938 waren erstmals Schraubenfedern und eine automatische Schaltung verfügbar. 6- oder gar 4-Zylindermodelle bot Buick erst gar nicht an.

Dabei handelte es sich bloß – das muss man sich klarmachen – um ein Massenfabrikat aus dem General Motors-Konzern. In Deutschland war damals in dieser Kategorie kein Hersteller zu Vergleichbarem fähig.

Typisch für die Buicks von 1937/38 waren die senkrechte Kühlerpartie mit horizontalen Zierleisten, die Scheinwerfer in strömungsgünstiger Form, weitgehend geschlossene Radhäuser und eine V-förmig geteilte Frontscheibe:

Buick_Eight_1938_Heini_und-Albert_Frontpartie

Einige dieser Elemente finden sich auch bei den zeitgenössischen Opel-Modellen „Super 6“ und „Kapitän“, doch waren diese eine Klasse weiter unten angesiedelt und erreichten nicht annähernd die 6-stelligen Produktionszahlen des US-Vorbilds.

Bleibt die Frage, ob der eindrucksvolle Buick „Eight“ einst einen deutschen Käufer fand oder ob die Aufnahme ein Gruß eines in die USA ausgewanderten Landsmanns an die Angehörigen in der alten Heimat war.

Die ländliche Umgebung und die Bauten im Hintergrund liefern keinen eindeutigen Hinweis. Doch ist auf dem Abzug umseitig vermerkt: „Heini und Albert“.

Buick_Eight_1938_Heini_und-Albert_Seitenpartie

Demnach dürften die beiden Buben einst irgendwo im deutschsprachigen Raum auf dem Trittbrett des Buick gesessen haben, der vielleicht einem gutsituierten Verwandten aus Stadt gehörte.

Als dieses Foto entstand, hatte sich die Welt gegenüber den Verhältnissen zehn Jahre zuvor in vielerlei Hinsicht fundamental gewandelt – nicht nur im automobilen Sektor.

Rasanter technischer Fortschritt und radikale politische Veränderungen transportierten unsere Vorfahren binnen kurzer Zeit und auf brutale Weise in eine neue Welt, die mit der altgewohnten kaum noch etwas gemein hatte.

Die teils aufgebauschten, teils frei erfundenen Probleme der Gegenwart könnten dagegen wie Spielerei anmuten, würde ihre Dramatisierung nicht zugleich eine Bedrohung unserer Freiheit und unseres Wohlstands darstellen…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Bodenseetour mit 8 Zylindern: Ein Buick Series 57

US-Vorkriegswagen hatten in Europa ihre große Zeit in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre. Speziell am deutschen Markt waren die gut motorisierten und großzügig ausgestatteten „Amerikanerwagen“ ungeheuer erfolgreich.

Die einheimischen Hersteller verstanden lange nicht, dass sie nur mit Massenproduktion eine Chance gegen die Konkurrenz aus Übersee hatten – selbst im rückständigen Italien setzte Fiat längst erfolgreich auf Großserie.

Mit der Weltwirtschaftskrise gingen die Marktanteile der US-Wagen rasch zurück – die bisherige Klientel, die sich trotz der rigiden deutschen Hubraumbesteuerung großvolumige amerikanische Autos leisten konnte, musste kleinere Brötchen backen.

Gleichzeitig begannen die einheimischen Hersteller aufzuholen und setzten vor allem fahrwerksseitig auf moderne Konzepte, die zunehmend gut ankamen.

Wirklich souverän motorisierte und einigermaßen erschwingliche Autos aus deutscher Produktion blieben aber Mangelware. Das sagte sich offenbar auch der Besitzer dieses Wagens:

Buick_Series_57_1933_Lindau_Bodensee_Galerie

Buick „Eight“ Series 57; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Abzug wirkt wegen des strukturierten Papiers in digitalisierter Form deutlich körniger, als er es tatsächlich ist. Dieses Problem taucht auf auf Ansichtskarten der Vorkriegszeiten bisweilen auf.

Gut erkennbar ist aber die Hafeneinfahrt der bis heute weitgehend erhaltenen historischen Stadt Lindau am Bodensee mit dem Leuchtturm von 1856 und dem monumentalen Bayrischen Löwen.

Auf der gegenüberliegenden Kaimauer steht eine große Sechsfenster-Limousine, bei der man wegen der massiven Fenstersäulen gleich auf ein US-Fabrikat der frühen 1930er Jahre tippen würde – aber welches?

Das Foto war lange eines von Dutzenden in der Sammlung des Verfassers, die noch der Identifikation harren. Doch kann man sich mit etwas Geduld auch solch einem Fahrzeug auf systematische Weise nähern und es schließlich klar ansprechen.

Basierend auf der Ausgangsthese, dass es sich um ein US-Auto handelt, das in Deutschland verkauft worden war, reduziert sich die kolossale Zahl an einstigen amerikanischen Automarken auf rund ein Dutzend „Verdächtige“. 

Bevor man also den „Standard Catalog“ of American Cars von Clark/Kimes bemüht, der eine vierstellige (!) Zahl von US-Marken abdeckt, ist man gut beraten, erst einmal einen „Europa-Filter“ vorzuschalten.

Dazu eignet sich hervorragend ein Buch, wie es wohl nur in England entstehen konnte: „American Cars in Europe 1900-1940 – A Pictorial Survey“ von Bryan Goodman (2006).

Darin werden anhand zeitgenössischer Originalaufnahmen und Reklame US-Automobile vorgestellt, die einst in Europa verkauft wurden. Mit rund 200 Seiten ist das Werk auch rascher durchgearbeitet als die 1.600 Seiten starke US-Auto“bibel“.

Schon auf Seite 25 wurde der Verfasser fündig. Dort fand sich die Abbildung eines Wagens, dessen Frontpartie in allen wesentlichen Teilen mit diesem Ausschnitt übereinstimmte:

Buick_Series_57_1933_Lindau_Bodensee_Frontpartie Einteilige Stoßstange, Chromradkappen an Speichenfelgen, schwungvoll ausgeführte Schutzbleche mit Seitenschürzen, leicht schrägstehende Frontscheibe und – hier kaum erkennbar – seitliche Luftklappen mit jeweils einer waagerechten Chromleiste.

Von der Kühlerpartie ist zwar nur wenig zu sehen, doch auch sie passt zum genannten Foto. Dieses zeigt einen Buick „Eight“ Series 50 von 1933 mit Cabrioletaufbau von Langenthal in Bern, also eine offene Version.

Mit dieser Information kann man nun gezielt den „Buick“-Eintrag im „Standard Catalog of American Cars und dort speziell das Modelljahr 1933 durchgehen.

Darin findet sich dann genau derselbe Aufbau als 6-Fenster-Limousine wie auf unserem Foto unter der Bezeichnung „Series 57“. Selbst Details wie das aufschiebbare hintere Seitenfenster finden sich in beiden Fällen:

Buick_Series_57_1933_Lindau_Bodensee_SeitenpartieDabei hat die Aufnahme aus Lindau am Bodensee den Vorzug, dass wir zwei junge Damen im langen Wollmantel als „Extra“ geboten bekommen.

Es muss ein kalter Tag gewesen sein, als das Foto entstand: Die eine der Damen hat ihre Handtasche unter den Arm geklemmt und die Hände in den Manteltaschen versenkt.

Die andere hält die Handtasche am linken Arm, scheint aber mit der Temperatur ebenfalls nicht ganz zufrieden zu sein.  Ihr Blick dürfte auf die Fassade des Bahnhofs gegangen sein, der sich direkt an der Lindauer Hafenpromenade befindet.

„Man könnte sich doch im Bahnhofsrestaurant aufwärmen“, mag sie gedacht haben. Ja, das hätte man tun können, denn in der Vorkriegszeit waren Bahnhöfe noch gepflegte Orte, an denen man respektabel speisen konnte.

Der Fotograf mag anderes im Sinn gehabt haben. Ihm kam es vor allem darauf an, seinen Buick „Eight“ Series 57 und die beiden Begleiterinnen möglichst ansprechend auf Zelluloid zu bannen.

Er wusste sicher, was er da für ein Prachtexemplar vor sich hatte – den Buick natürlich: Der Reihenachtzylinder mit strömungsgünstig hängenden Ventilen leistete bereits in der Basisversion 86 PS. Daneben gab es noch stärkere Ausführungen mit bis zu 104 Pferdestärken. Das gab es sonst nur bei den Horch-Achtyzlindern!

Welche Motorisierung der Buick auf Tour am Bodensee genau aufwies, lässt sich nicht mehr sagen. Allen Versionen gemein war aber das synchronisierte Getriebe, das Schalten ohne Zwischenkuppeln und Zwischengas erlaubte – damals eine Seltenheit.

Eine Heizung scheint serienmäßig verbaut gewesen zu sein, da sie im Modelljahr 1932 noch als aufpreispflichtiges Zubehör aufgeführt wurde.

Unsere Buick-Besatzung wird ihre Tour am Bodensee also gewiss unter denkbar angenehmen Umständen absolviert haben – zumindest, was den automobilen Untersatz angeht. Das gesellschaftliche Umfeld dagegen sollte sich dagegen rapide eintrüben…

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Der Berg ruft – kein Problem: Buick „Six“ von 1930

Wer Werbeanzeigen früher Automobile studiert, stößt bei höherwertigen Modellen immer wieder auf das Attribut „idealer Bergsteiger“.

Das war ein Hinweis darauf, dass man im Mittel- oder Hochgebirge auch vollbesetzt ohne Überhitzung des Motors fahren konnte. Bis in die 1950er Jahre war eine Alpenüberquerung beispielsweise für viele Autos eine Herausforderung.

Der Ruhm des Volkswagens rührt nicht zuletzt daher, dass sich mit ihm auch die fiesesten Paßstraßen problemlos bewältigen ließen. Der Verfasser erinnert sich gern an die Überquerung des Gotthard mit seinem 1200er Käfer bei strahlendem Sonnenschein.

Vor dem Aufkommen luftgekühlter Motoren brauchte es vor allem reichlich Leistung, um unbeschwert nach Italien zu gelangen, wenn man sich nicht für einen Autoreisezug entschied:

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Autoreisezug in Airolo; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese außergewöhnliche Aufnahme zeigt einen Autoreisezug in Airolo (Tessin) südlich des Gotthardpasses.

Neben einem mächtigen Mercedes (zweiter von links) sehen wir unter anderem ein Horch 8 Typ 350 Sedan-Cabriolet (vierter von links), von dem wir hier schon einige Fotos gezeigt haben.

Abseits der Eisenbahnhauptstrecken musste der Besitzer solcher schweren Wagen aber schon selbst Hand anlegen. Da ist es kein Wunder, dass Aufnahmen aus bergigen Urlaubsregionen immer wieder gut motorisierte US-Modelle zeigen.

Folgender Bildausschnitt ist ein Beispiel dafür:

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Buick „Six“ und Minerva; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor einem Alpengletscher sehen wir hier an einem Aussichtspunkt irgendwo in der deutschen Schweiz mehrere großzügige Wagen, die den Weg hinauf aus eigener Kraft bewältigt haben müssen.

So reizvoll das offene Modell der belgischen Manufaktur Minerva (zweiter von links) auch ist, beschränken wir uns heute auf die großzügige Limousine am rechten Bildrand mit schweizerischer Zulassung.

Die Form des Kühlers und das zwischen den Scheinwerfern angebrachte Markenemblem verraten, dass es sich um einen Buick „Six“ von 1929 oder 1930 handelt. Ganz genau lässt sich das nicht sagen.

Präzise ansprechen lässt sich der Buick auf dem folgenden Foto, das einst ebenfalls im Alpenraum entstand:

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Buick „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben den beiden Damen mit Schal und Mantel sehen wir einen ganz ähnlichen Buick wie auf der vorangegangenen Aufnahme. Der Markenschriftzug ist etwas nach unten gerutscht, was für sich nicht viel bedeutet.

Wichtiger für die Eingrenzung sind die vertikalen Kühlerlamellen, die erst 1930 eingeführt wurden. Ihre Stellung wurde über ein Thermostat an den Kühlbedarf des Motor angepasst – im Gebirge eine ideale Lösung.

Noch wichtiger war jedoch die souveräne Motorleistung des Buick. Je nach Radstand wurden drehmomentstarke Reihensechszylinder mit 80 bzw. 99 PS angeboten.

Neben diesen Ausführungen des Buick „Six“ gab es ab 1931 auch einen „Eight“, der mit unterschiedlichen Leistungen angeboten wurde, die bis über 100 PS reichten. Zu erkennen waren diese Modelle an einer „8“ auf dem Kühleinfüllstutzen.

Dieses Detail fehlt auf den bisher gezeigten Aufnahmen ebenso wie auf dieser, die wir den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten möchten:

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Buick „Six“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Privataufnahme wurde vor fast genau 80 Jahren – im Mai 1938 – als Ansichtskarte verschickt.

An dem im Kreis Schwaben (Kennung IIZ) zugelassenen Buick sehen wir deutlich die erwähnten Kühlerlamellen des Modells von 1930. Auch der obere Kühlerabschluss, die Form der Frontschutzbleche und die Doppelstoßstange passen dazu.

Mangels „8“ auf dem Kühler können wir davon ausgehen, dass diese Limousine mit einem der kräftigen Sechszylinder ausgestattet war.

Mit so einem souveränen und gut ausgestatteten Wagen im Gebirge unterwegs zu sein, muss aus damaliger Sicht ein Vergnügen gewesen sein, vorausgesetzt, die mechanischen Vierradbremsen waren richtig eingestellt.

Die Insassen des Buick scheinen jedenfalls ganz vergnügt gewesen zu sein:

Buick_Six_1930_Pk_05-1938_Ausschnitt

Mit dem leistungsstarken Buick war man auch 1938 noch auf der Sonnenseite des Lebens. Was in den darauffolgenden Kriegsjahren aus den Personen auf dem Foto wurde, wissen wir wie so oft nicht.

Auch über das Schicksal des Buick kann man nur spekulieren. Von den einst so zahlreich in Deutschland verkauften „Amerikaner“-Wagen haben nur sehr wenige die Zeiten überdauert…

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Der „Bauern-Buick“ von Opel und sein Vorbild

Wir hatten das Thema auf diesem Oldtimerblog für Vorkriegsautos schon des öfteren: In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre stand die deutsche Autoindustrie mit dem Rücken zur Wand.

Viele einheimische Hersteller hatten zu lang an veralteten Modellen aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg festgehalten oder verschwendeten ihre Energie in der Entwicklung nicht massenmarktfähiger Nischenkonstruktionen.

Die sich auftuende Lücke füllten leistungsfähige, formal moderne, gut ausgestattete und dank Großserienproduktion relativ billige US-Wagen.

Ende der 1920er Jahre hatten Marken wie Buick, Chevrolet, Chrysler, Essex, Ford und Hudson einen heute unvorstellbaren Marktanteil in Deutschland. Selbst Hersteller der zweiten Reihe wie Graham oder Overland waren verbreitet.

Die Frankfurter Marke Adler reagierte mit US-Wagen nachempfundenen Konstruktionen wie dem „Standard 6“; der Chemnitzer Hersteller Presto versuchte sein Glück mit den 6-Zylindertypen F und G, die wir demnächst vorstellen werden.

Brennabor aus Brandenburg bemühte sich mit mäßigem Erfolg in derselben Klasse mit den A-Modellen, die ebenfalls über Sechszylinder verfügten. Auch sie kommen noch zu ihrem Recht.

Einen ähnlichen Versuch unternahm Opel mit dem folgenden Typ:

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Opel 12/50 PS oder 15/60 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Regelmäßige Leser dieses Blogs werden sich an diese eindrucksvolle Sechsfenster-Limousine mit sieben Sitzen erinnern, die wir anhand einer anderen Aufnahme vor einiger Zeit präsentiert haben.

Es handelt sich um einen Opel der Modelle 90 (12/50 PS) bzw. 100 (15/60 PS), die nur 1927/28 in wenigen tausend Exemplaren entstanden.

Der Volksmund fand für diese den US-Vorbildern technisch unterlegenen Opel-Typen die spöttische Bezeichnung „Bauern-Buick“.

Dass so ein „Bauern-Buick“ tatsächlich nicht immer in den besten Kreisen landete, zeigt die folgende Aufnahme aus Thüringen (Raum Bad Berka):

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Opel 12/50 oder 15/60 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Für diese Herrschaften scheint ein Opel Sechszylindertyp Ende der 1920er Jahre zwar erreichbar gewesen zu sein. Nur für die Instandhaltung des bäuerlichen Anwesens im Hintergrund reichten Mittel oder Wille offenbar nicht aus.

Beim Anbringen der zeitgenössischen Werbeschilder für diverse Lieferanten von Automobilzubehör- bzw. Betriebsstoffen hätte man sicher dem Holz des Fachwerks und der Tore etwas Farbe gönnen können.

Zurück zum Thema. Wie sah eigentlich ein echter Buick zu jener Zeit aus? Nun, da findet sich zum Beispiel diese Aufnahme eines Wagens mit Berliner Zulassung im Fundus des Verfassers:

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Buick Series 121 oder 129; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist einer der Buick-Sechszylinderwagen in der ab 1929 gebauten Version, die mit zwei unterschiedlichen Radständen verfügbar war (Serie 121 und 129).

Identisch war die Leistung von etwas über 90 PS aus 5,1 Liter Hubraum. Bereits der parallel zu den Opel-Sechszylindern gebaute Vorgänger „Master Six“ leistete 80 PS aus 4,5 Litern.

Nebenbei besaßen die Buick-Aggregate schon strömungsgünstig im Zylinderkopf hängende Ventile, während die Opel-Modelle schlichte Seitenventiler waren.

Die Rüsselsheimer haben sich mit diesem Versuch, es den Amerikaner-Wagen nachzutun, nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Die enttäuschenden Absatzzahlen deuten darauf hin, dass nicht einmal der sprichwörtliche Bauer einen solchen Möchtegern-Ami fahren wollte.

Auch auf dem Land scheint man dem Vorbild den Vorzug gegeben zu haben. Zumindest deutet darauf die rustikale Umgebung hin, in der 1935 dieser Sechszylinder-Buick des Typs 121 bzw. 129 abgelichtet wurde:

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Buick Series 121 oder 129, Baujahr: 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ob der Wagen mit Zulassung im Großraum Berlin tatsächlich auf dem Land zuhause war oder aber einem Besucher aus der Hauptstadt gehörte, ist ungewiss.

Jedenfalls handelte sich um eine Sechsfenster-Cabriolimousine, die vermutlich speziell für den deutschen Markt angefertigt worden war. Eventuell haben wir es auch mit einem Sedan-Cabriolet zu tun.

Die wie die Orgelpfeifen nach Größe davor angeordneten Kinder machen von der Kleidung her eher den Eindruck, dass sie aus der Stadt stammen, vielleicht wurden sie aber anlässlich eines Verwandtenbesuchs auch besonders herausgeputzt.

Auf jeden Fall ist dies eine schöne und ungewöhnliche Aufnahme, die einen echten Buick in bäuerischer Umgebung in Deutschland zeigt.

Welcher von den „Bauern-Buicks“ nun besser gefällt, das leistungsstarke US-Vorbild oder der brave Opel-Sechszylinder, ist Geschmackssache. Reizvolle Dokumente aus einer Zeit, in der US-Wagen das Maß aller Dinge waren, sind es beide.

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

Buick „Six“ Tourer um 1925 im Winterdress

Vor 90 Jahren – in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre – begann in Deutschland eine kurzlebige Ära, in der US-Automobile den Markt überschwemmten und sogar hierzulande gefertigt wurden.

Dabei machte sich bemerkbar, dass die Deutschen nach der Währungsreform 1923/24, die der Nachkriegsinflation ein Ende machte, wieder werthaltiges Geld hatten.

Oldtimerfreunde, die auf Ersatzteile aus den USA angewiesen sind, kennen das Thema: Seit 2008 hat der als „so stabil wie die D-Mark“ angepriesene Euro durch verantwortungslose Geldpolitik 1/3 seines Werts gegenüber dem Dollar eingebüßt…

Mitte der 1920er Jahre dagegen hatten die Deutschen dank kluger Wirtschafts- und Währungspolitik „richtiges“ Geld in ihren Portemonnaies. Für diejenigen im deutschsprachigen Raum, die sich ein Auto leisten konnten, kam nun buchstäblich auch eines der begehrten US-Automobile in Reichweite.

Denn ab Ende 1925 waren in Teilen importierte Wagen von Zöllen ausgenommen, die die deutsche Automobilwirtschaft vor Wettbewerb schützen sollten. Vor allem in Berlin entstanden daraufhin Produktionsstätten etlicher US-Automarken.

Sie schufen zum einen lokal Arbeitsplätze, zum anderen setzten sie die heimischen Hersteller unter Druck. Diese boten bis dato meist auf Vorkriegsmodellen basierende, leistungsschwache und überteuerte Fahrzeuge an.

Das erfolgreiche Eindringen amerikanischer Marken in eine rückständige deutsche Industrielandschaft illustriert dieses Originalfoto:

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Buick „Master Six“ oder „Standard Six“, Bauzeit: 1925-27

Vor der Fassade eines Fabrikgebäudes des 19. Jahrhunderts mit zwei mächtigen Schornsteinen ist im Schnee ein großzügiger US-Tourenwagen zu sehen.

Die Qualität des rund 90 Jahre alten Abzugs ist nicht mehr die beste – einige Retuschen waren notwendig, um ein halbwegs klares Bild zu erhalten. Die Digitalisierung und Veröffentlichung solcher Dokumente leistet auch einen Beitrag zur Sicherung von Quellen, die über kurz oder lang versiegen werden.  

Denn je nach Lagerung verlieren selbst hochwertige Schwarzweißaufnahmen über die Jahrzehnte an Qualität. Hinzu kommt, dass durch Unkenntnis oder Ignoranz viele Originale aus Vorkriegszeiten heute im Müll verschwinden.

Schauen wir uns den Wagen auf diesem Foto genauer an:

buick_six_1925-27_schuhfabrik_hauck_ausschnitt

Trotz der unscharfen Frontpartie lässt sich der Wagen eindeutig als Tourenwagen der Marke Buick identifizieren, die im General-Motors-Konzern für solide und erschwingliche Mittelklasseautos stand.

Die markante Linienführung der Kühlermaske mit der in der Mitte abwärtszeigenden Spitze ist dabei der Schlüssel. Auch der leicht schräge Verlauf des Kühlerrahmens passt zu Buick-Modellen aus der Mitte der 1920er Jahre.

In Frage kommen zwei 6-Zylindertypen: der „Standard Six“ und der „Master Six“. Sie sind von außen kaum auseinanderzuhalten.

Die von 1925-27 gebaute Standardversion des Buick „Six“ bot nach deutschen Maßstäben bereits eine großzügige Leistung: Rund 50 bis 60 PS stark waren die anfänglich 3,1 Liter, später 3,3 Liter messenden Aggregate.

Der parallel verfügbare und geringfügig längere Buick „Master Six“ war mit 4,2 bis 4,5 Liter großen Motoren ausgestattet, die 70 bis 75 PS leisteten – das war nach hiesigen Verhältnissen spektakulär.

Die Motorisierung des Buick auf dem Foto lässt sich nicht feststellen. Doch so oder so war ein solcher Wagen am deutschen Markt konkurrenzlos. Hiesige Hersteller boten entweder weniger Leistung oder waren unverhältnismäßig teuer.

Das Geheimnis der US-Marken waren dabei nicht billige, fragwürdige Konstruktionen oder besonders niedrige Löhne. Nein, sie profitierten schlicht von den Kostenvorteilen, die echte Massenfabrikation mit sich brachte.

Buick baute von den Modellen „Standard Six“ und „Master Six“ von 1925-27 über 600.000 Stück. Zum Vergleich: Im Spitzenjahr 1928 – vor der Weltwirtschaftskrise – betrug die Gesamtproduktion aller deutschen PKW-Hersteller rund 100.000 Wagen.

Massenfabrikation nach amerikanischem Muster bekam vor dem 2. Weltkrieg kein Autobauer in Deutschland annähernd hin, auch Opel nicht. Dabei war der deutsche Markt derjenige in Europa mit dem größten Aufholpotential in den 1920er Jahren.

Die US-Hersteller erkannten ihre Chance und nutzten sie, während sich die hiesigen Firmen in Insellösungen verzettelten oder untergingen.

Erst Anfang der 1930er Jahre gelang es der heimischen Industrie, wieder die Oberhand zu gewinnen. Das Beispiel zeigt, wie gefährlich ist es ist, sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit auszuruhen.

Das gilt umgekehrt auch für die US-Hersteller, die ihre führende Position nach dem 2. Weltkrieg zugunsten deutscher und japanischer Marken verloren.

In unseren Tagen, in denen die USA auf Reindustrialisierungskurs sind und die heimische Wirtschaft stärken wollen,  könnte sich ein neues Wettrennen anbahnen. Für die Käufer könnte das so vorteilhaft sein wie einst vor 90 Jahren…

Für winterliche Verhältnisse in Deutschland war dieser Buick „Six“ damals jedenfalls gewappnet. Der sonst offen gefahrene Tourenwagen ist auf dem Foto mit geschlossenem Verdeck und aufgesteckten Seitenscheiben zu sehen.

Das Nummernschild mit dem Kürzel „IY“ verweist auf eine Zulassung im Regierungsbezirk Düsseldorf. Zwar wurde die Kombination zuvor auch in der ehemals preussischen Provinz Posen ausgegeben, doch nur bis 1922.

Auf der Rückseite des Fotos ist vermerkt „Schuhfabrik Hauck“. Wenn ein Leser Näheres dazu weiß, bitte die Kommentarfunktion nutzen. Alle weiterführenden Hinweise fließen in diesen Blogeintrag ein.

Vor 90 Jahren: Ein 75 PS-Roadster von Buick

Beim Stichwort Vorkriegsautos werden hierzulande gern einige Vorurteile heruntergebetet: zu lahm, zuwenig Platz, zu schwache Bremsen, zu teuer usw…

Nun, wenn man mit heutigen Komfort“bedürfnissen“ an historische Gefährte herangeht, ist ja schon der fehlende Internetanschluss ein Ausschlusskriterium. Für so veranlagte Zeitgenossen gibt es jede Menge moderne Autos.

Wer dagegen das Einparken ohne Servolenkung sportlich sieht und auch sonst nacherleben will, was unsere Altvorderen einst klaglos bewältigten, hat mit Vorkriegswagen ein Fahrvergnügen, das heutigen Autos nur noch angedichtet wird.

Man braucht keine 400 PS, um auf der Landstraße mit Sonntagsfahrern mitzuhalten, für die Tempo 70 eine magische Grenze darzustellen scheint. Auch innerorts genügen 40 PS, um dem unvermeidlichen Rentner-Benz auf die Pelle zu rücken.

So gesehen kann man schon mit den meist mäßig motorisierten Vorkriegsmobilen deutscher Hersteller glücklich werden.

Wer aber die auf dem Land erlaubte Geschwindigkeit auch einmal ausfahren und vielleicht an der Saalburg-Steigung bei Bad Homburg das Tempo halten möchte, der ist mit einem Vorkriegswagen aus US-Produktion wie diesem hier gut beraten:

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© Buick Master Six Roadster; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses schöne Foto, das einst bei tiefstehender Sonne entstanden ist, zeigt ein Gefährt der 1920er Jahre, das Leistung satt, großzügige Dimensionen und Vierradbremsen vereint – zum Gegenwert eines gut ausgestatteten VW Golf.

Obendrein gibt es reichlich Chrom, lackierte Speichenräder und Zweifarblackierung – das boten einst in bezahlbarer Form nur amerikanische Fabrikate. Die Rede ist hier keineswegs von gehobenen Marken wie Chrysler oder Packard. Der Wagen auf unserem Foto ist ein banaler Buick.

buick_master_six_1926_frontpartieDer markante Schwung der Kühlermaske, der sich in der Form der Scheinwerfer wiederholt, ist typisch für den Buick Master Six, wie er von 1926-28 gebaut wurde. 

Unter der Haube arbeitete ein 4,5 Liter großer Reihensechszylinder mit kopfgesteuerten Ventilen, der souveräne 75 PS (später 80 PS) leistete. Die Serienausstattung umfasste Details wie Heizung, Zeituhr und Zigarettenanzünder.

Die hier abgebildete Roadster-Version bot außerdem hinter der Sitzbank ein separates Fach für eine Golftasche oder ähnliche Sportutensilien, was den gehobenen Anspruch des Wagens unterstreicht.

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Der Besitzer schaut zwar etwas grimmig drein, scheint sich aber extra für diese Aufnahme in Positur gestellt zu haben. Der Strohhut und der Anzug aus leichtem Stoff verweisen auf einen warmen Tag – leider wissen wir nicht, wo das Foto entstanden ist.

Der Aufnahmeort könnte durchaus in Europa liegen, wo Buick in den 1920er Jahren ein Vertriebsnetz hatte. Von 1927 bis 1931 wurden Buicks sogar in Deutschland gebaut und verkauften sich ausgezeichnet (Beispiel).

Mit dem Master Six schaffte Buick übrigens einen Produktionsrekord: Knapp 267.000 Exemplare wurden 1926 gefertigt – erst 1940 wurde diese Marke übertroffen. Davon haben genügend überlebt, um heutigen Enthusiasten einen bezahlbaren Einstieg in die Welt leistungsfähiger Vorkriegswagen zu ermöglichen.

Während der Prestigewert eines Buick vor dem Krieg eher begrenzt war, kann man sich mit solch einem Roadster heute der Aufmerksamkeit der Zeitgenossen sicher sein. Zweireiher und Fliege müssen dazu nicht mehr sein, aber unser Foto zeigt, dass auch ein moderner Buick-Fahrer mit einem Mindestmaß an Stil gut fährt…

Ein Buick Master Six 18/80 PS „Made in Germany“

Freunde deutscher Automobile der Zwischenkriegszeit werden es nicht gern hören – doch in den 1920er Jahren taten sich viele Hersteller hierzulande schwer, mit der internationalen Konkurrenz mitzuhalten.

Dies wird nicht nur im Kleinwagenbereich deutlich, in dem es nur zu Kopien französischer und britischer Modelle (Opel „Laubfrosch“ und BMW Dixi) reichte – während Ford für jedermann erschwingliche Wagen einfacher, aber bedarfsgerechter Bauart in den USA millionenfach produzierte.

Auch in der gehobenen Klasse machten die Amerikaner seinerzeit vor, wie man überzeugende Qualität und Leistung in wirtschaftlichen Stückzahlen produziert. Ein Beispiel dafür ist auf folgendem Originalfoto zu sehen:

Buick Master Six_1926-7

© Buick Master Six 18/80 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zunächst einige Überlegungen zum Aufnahmeort: Laut umseitiger Beschriftung entstand das Foto in der „Agnesgasse“. Eine Straße mit dieser seltenen Bezeichnung gibt es in Deutschland zwar in Nürnberg, doch ein Blick auf das Satellitenfoto bei „Google Earth“ spricht dagegen: Mitten in der Nürnberger Altstadt sah es auch früher nicht so ländlich aus wie auf unserem Foto.

Das Kennzeichen weist ohnehin auf eine österreichische Zulassung hin. Bis 1939 zeichneten sich die Nummernschilder in Österreich durch weiße Schrift auf schwarzem Grund aus, wobei auf die Länderkennung eine bis zu 6-stellige Zahl folgte. Im Österreich der Zwischenkriegszeit konzentrierte sich der Fahrzeugbestand auf Wien, und siehe da: In einem Wiener Vorort gibt es eine „Agnesgasse“, die noch heute ländlich anmutet; dort dürfte das Foto entstanden sein.

Ungeachtet des Aufnahmeorts haben wir es aber mit einem amerikanischen Wagen der Marke Buick zu tun. Auf folgendem Bildausschnitt ahnt man den diagonal verlaufenden Markenschriftzug auf der Kühlermaske. Das Profil des oberen Kühlerabschlusses und die trommelförmigen Scheinwerfer erlauben es, den Typen genau zu identifizieren:

Buick Master Six_Frontpartie

Es handelt sich um einen Buick Master Six 18/80 PS, der in dieser Form nur von 1926-27 gebaut wurde, danach änderte sich unter anderem die Scheinwerferform.

Ein Blick auf die technischen Daten macht deutlich, in welcher Leistungsklasse sich dieser Wagen damals befand: Der 80 PS starke und 4,5 Liter große Sechszylinder verfügte bereits über hängende Ventile – damals waren Seitenventiler Standard.

Eine vergleichbare Leistung bot in Deutschland nur der Adler 18/80 PS, übrigens zu einem ähnlichen Preis (rund 17.500 Reichsmark). Bei Qualitätsmarken wie Audi, Horch, Mercedes-Benz oder Opel suchte man Mitte der 1920er Jahre vergeblich eine ähnlich souveräne Motorisierung.

Wie aber kam seinerzeit ein US-Oberklassefahrzeug – Buick war im General-Motors-Konzern unterhalb von Cadillac angesiedelt – in den deutschsprachigen Raum? Nun, seit 1927 wurden Buicks in Berlin aus Montagesätzen zusammengebaut. In Deutschland gefertigte Teile dürften dabei kaum verwendet worden sein – allenfalls aufpreispflichtiges Zubehör wie beispielsweise Scheibenheizungen und Kühlerüberzüge für den Winter.

Jedenfalls scheint sich die Montage in Deutschland eine Weile wirtschaftlich gelohnt zu haben, bis die einheimischen Hersteller in der Lage waren, in der Oberklasse Vergleichbares zu liefern. 1931 endete die Buick-Produktion in Deutschland.

Interessant ist der Entstehungszeitpunkt unserer Aufnahme – laut Vermerk auf der Rückseite der 27. Juli 1933. Dazu passt das Erscheinungsbild der jungen Herren, die an jenem Sommertag wohl eine Spritztour mit dem Buick unternahmen:

Buick Master Six_Detail

Man ist geneigt, die drei lässig posierenden Herren für Studenten aus vermögendem Hause zu halten, die sich Vaters Wagen für ihren Ausflug ausgeliehen haben. Der Buick war damals zwar noch keine zehn Jahre alt, doch optisch war er „von gestern“. Die Leistung des Wagens war indessen nach wie vor mehr als konkurrenzfähig, wenngleich sich in Sachen Fahrkomfort einiges getan hatte.

Jedenfalls konnte man sich mit so einem starken Wagen nach wie vor sehen und lassen – sonst hätte man kaum so selbstbewusst davor posiert. Vielleicht haben wir es sogar mit frühen Vertretern von Altautoliebhabern zu tun, die Freude am Unkonventionellen hatten. Man würde sie von Kleidung, Frisur und Haltung her auch eher in den frühen 1950er Jahren ansiedeln.

Für die These eines fidelen Ausflugs klammer Studenten dürfte nicht zuletzt ein Blick auf die abgefahrenen Reifen sprechen – man „investierte“ wohl lieber in modische Anzüge als in neue Pneus…

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