Der diskrete Charme der Limousine: Presto D 9/30 PS

Vielleicht kennen Sie den Film „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ von Luis Buñuel. Der 1972 gedrehte Streifen gilt manchen als Meisterwerk des Surrealismus, gern wird er auch als Gesellschaftssatire bezeichnet. Mag alles sein.

Ich selbst kann mit cineastischer Kritik an den bürgerlichen Verhältnissen wenig anfangen, gehören doch arrivierte „Kunstschaffende“ in der Regel selbst zu den oberen Zehntausend und kennen in den seltensten Fällen die Lebensverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung aus eigener Anschauung. Luis Buñuel ist ein Musterbeispiel dafür.

Ganz ironiefrei widme ich mich stattdessen heute dem diskreten Charme einer Ikone des Bürgertums – der Limousine. Sie mag manchem Freund von Vorkriegsautos meist weniger erstrebenswert erscheinen als offene Varianten, dabei war es einst genau umgekehrt.

Illustrieren will ich meine These vom diskreten Charme der Limousine am Beispiel eines deutschen Wagens der 1920er Jahre, der zu meinen Favoriten zählt – der Presto Typ D 9/30 PS.

Dieses ab 1921 gebaute Modell war der größte Wurf des Chemnitzer Fahrradherstellers, der Automobile zuvor eher nebenher gebaut hatte. Sein 2,4 Liter großer Vierzylinder war vollkommen konventionell (seitengesteuert), aber unverwüstlich.

Der eigentliche Reiz ging vom schnittigen Äußeren des Presto Typ D aus, welches mich auch beim x-ten Exemplar immer noch begeistert:

Presto Typ D 9/30 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Tourer ist einer der jüngsten Zugänge in meiner stetig wachsenden Presto-Galerie – nebenbei der größten zur Automobilproduktion der Marke überhaupt.

Als Tourenwagen findet man den Presto Typ D mit Abstand am häufigsten, aber nicht weil man die offene Variante so sportlich fand, sondern weil sie die erschwinglichste war.

Käufer, die wirklich auf einen sportlichen Auftritt bedacht waren, entschieden sich für die exklusive Version als Sport-Tourer, die auf folgendem Foto meines Sammler-Kollegen Matthias Schmidt (Dresden) zu sehen ist:

Presto Typ D 9/30 PS Sport-Tourer; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Vom herkömmlichen Tourer unterschied sich diese Ausführung durch die wesentlich leichtere und flacher bauende Karosserie. Sie natürlich teurer als der Standardaufbau, wobei man wohl auch mit der Eitelkeit der Käufer ein Geschäft machte.

Eine weitere Version, in der sich deutlich mehr Geld als im klassischen Tourer versenken ließ, war die sogenannte Aufsatzlimousine. Sie war im wesentlichen ein serienmäßiger Tourenwagen, der mit einem abnehmbaren festen Dachaufbau geliefert wurde.

Eine solche variable Konstruktion war eher vor dem 1. Weltkrieg verbreitet, doch auch Anfang der 1920er Jahre gab es konservative (und sehr betuchte) Kunden, welche die Flexibilität schätzten, einfach den für Jahreszeit oder Wetter geeigneten Aufbau wählen zu können, ohne sich deshalb zwei Autos anschaffen zu müssen.

Mit montiertem Aufsatz sah das im Fall des Presto Typ D 9/30 PS folgendermaßen aus:

Presto Typ D 9/30 PS Aufsatz-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Auch dieses einst vor der Moritzburg in Sachsen entstandene hervorragende Foto verdanke ich Matthias Schmidt und es ist bislang das einzige mir bekannte, das einen Presto Typ D mit einem solchen Aufbau zeigt.

Die nächste – und nochmals teurere – Ausbaustufe war die Chauffeur-Limousine, die ich zur Abwechslung wieder anhand eines Fotos aus meinem eigenen Fundus zeigen kann. Sie zeichnet sich durch das zwar überdachte, aber seitlich offene Fahrerabteil vor dem geschlossenen Passagierraum aus:

Presto Typ D 9/30 PS Chauffeur-Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Viel exklusiver ließ sich das Dasein als Besitzer eines Presto Typ D 9/30 PS kaum gestalten.

Diesen Manufakturaufbau ließ sich der Hersteller fürstlich entlohnen und es liegt auf der Hand, dass der Käufer eines solchen Wagens auch das nötige Kleingeld besaß, um einen Fahrer zu beschäftigen – der ist hier übrigens mit der Dame des Hauses abgelichtet.

Waren angestellte Chauffeure lange Zeit quasi Mitglieder der Familie, so gab man ihnen bald den Laufpass, als zunehmend Automobile verfügbar wurden, die der Besitzer ohne außergewöhnliche Fähigkeiten selbst fahren konnte.

In dem Moment, in dem man sein Auto selbst lenken konnte, war der Gipfel der Exklusivität erreicht, konnte man nun doch ganz ohne Angestellte reisen. Was uns heute so selbstverständlich erscheint, war im Deutschland der frühen 1920er Jahre noch selten.

Sicher, in den Vereinigten Staaten hatte der „Erzkapitalist“ Henry Ford dafür gesorgt, dass sich auch seine Fließbandarbeiter ein eigenes Auto leisten konnten – eine ungeheure Errungenschaft, wie ich meine. Doch hierzulande war man längst nicht so weit.

Da war es bereits eine Revolution, wenn sich jemand aus der Oberschicht auf einmal einen Wagen leisten konnte, den er ganz allein fahren und unterhalten konnte.

In diesem Quantensprung der Entwicklung des Automobils liegt der eingangs erwähnte diskrete Charme der – nicht länger chauffeurgesteuerten – Limousine begründet.

Entsprechend dezent kommt das Auto daher, das die erste klassische Limousine darstellt, die mir auf Basis des wahrlich nicht seltenen Presto Typ D 9/30 PS begegnet ist:

Presto Typ D 9/30 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von dem charakteristischen Presto-Spitzkühler abgesehen, kommt dieser Wagen im Vergleich zu den zuvor gezeigten Varianten ausgesprochen dezent daher.

Dass es sich bei dem im April 1927 aufgenommenen Wagen um ein spätes Exemplar der bis 1925 reichenden Produkton des Presto Typ D handeln dürfte, darauf deuten auch Details wie die nunmehr am Ende hinuntergezogenen Hinterkotflügel hin.

Gleichzeitig entspricht die Vorderpartie noch ganz den Verhältnissen bei Einführung des Modells im Jahr 1921. Diese Kombination aus Elementen von gestern und morgen gefällt mir ausnehmend gut.

So gediegen unauffällig der Presto hier wirkt, repräsentiert er einen Zeitenwandel in vielerlei Hinsicht. Dass der unaufhaltsam ist, wissen wir – dass er aber nicht zwangsläufig nur erfreuliche Veränderungen mit sich bringt, ist eine Binse.

Erfreuen wir uns am diskreten Charme von Limousine und Bourgeoisie gleichermaßen, solang es beide noch gibt. Nichts als selbstverständlich und unabänderlich zu nehmen, das ist eine Lehre der Historie wie unserer eigenen Zeit…

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

7 Gedanken zu „Der diskrete Charme der Limousine: Presto D 9/30 PS

  1. Der Adler ist in der Tat ein ausgenommen schönes Beispiel. Aber es würde mich sehr freuen, wenn Sie dazu noch mehr zeigen könnten!

  2. Nochmals zur „Schulter-Thematik“: Dieses gestalterische Element gab es in unterschiedlichen Ausprägungen, von behutsam angedeutet bis wirklich massiv nach innenziehend und dann das ganze Erscheinungsbild bestimmend. Man findet es vor allem kurz nach dem 1. Weltkrieg bei etlichen deutschen Marken (im „Oswald“ finden sich nur sehr wenige brauchbare Abbildungen von Autos dieser Zeit). Zum Studium muss ich mangels Alternativen die Galerien in meinem Blog empfehlen, auch wenn ich die Thematik dort noch nicht systematisch behandelt habe (das Material dafür hätte ich jedoch). Interessieren könnte Sie der Adler in der Mitte meines folgenden Eintrags: https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog/2021/07/14/saubere-arbeit-adler-9-24-und-9-30-ps/ Hier ist die Schulter schon recht markant ausgeprägt, aber noch vergleichsweise moderat. Sie erahnen dort die Abdeckung des Verdecks, dieses war in solchen Fällen nämlich innenliegend in einem Kasten untergebracht, sodass das Gestänge unsichtbar war. Eine Lösung, die wohl auch von Neumann-Neander stammte. Eine stark ausgeführte Schulter ging zwangsläufig mit einer größeren Breite des Aufbaus einher, um das Platzangebot innen zu wahren, sodass auch ausreichend Raum dafür war, das Verdeck innen komplett zu verstauen und von oben abzudecken (serienmäßige Tourer ohne Verdeck sind mir übrigens noch nicht begegnet). Vielleicht gehe ich das Thema einmal markenunabhängig an – auch von daher Danke für die Anregung! Beste Grüße, M. Schlenger

  3. Ah, sehr interessant, Herr Schlenger, der Mann hat ja auch mit Allright zu tun, wie ich sehe, was wiederum KG ist und die erste Maschine meines Großvaters war. Wenn ich aber jetzt noch einmal selbst genau schaue, sehe ich, daß es den Knick bei jenem Leipziger Auto vielleicht gar nicht gibt und das eine optische Täuschung ist. Jedenfalls ist es bei diesem Presto besonders schön, auch weil es ja offenbar noch einmal farblich abgesetzt ist. Es scheint dennoch bei den meisten Torpedos von Dürkopp bis Simson und Mercedes eher eine senkrechte Abwinklung zu sein. Wirklich schräg wieder in den Innenraum zurücklaufend – was ja so ungemein schnittig aussieht – ist es bei diesem Presto und z.B. beim Hansa-Lloyd 18/60 Tourenwagen. Überhaupt, wenn ich den Oswald so durchblättere haben das eigentlich sehr wenige Autos, auch weil der Bereich ja üblicherweise vom Verdeck umschlossen ist. Ist das vielleicht nur bei Tourenwagen der Fall gewesen, die ganz ohne Verdeck auskamen?

  4. Werter Herr Wangenheim, ein faszinierendes Fahrzeug zweifellos, zumal es zum Entstehungszeitpunkt dieses großartigen Filmdokuments schon sehr „von gestern“ war. Leider ist es aus der rückwärtigen Perspektive praktisch unmöglich, Marke oder Typ zu bestimmen, denn dieser Karosseriestil war Anfang der 1920er Jahre in Deutschland sehr verbreitet – kaum ein Hersteller bot seine Wagen nicht mit einer solchen „Tulpenkarosserie“ an. Vielleicht wissen Sie, dass der hervorragende Gestalter und Autobegeisterte Ernst Neumann-Neander für viele dieser Aufbauten die Vorlage geliefert hatte und Patente darauf besaß. Die erwähnte „Schulter“ schrumpfte im Zeitverlauf und verschwand spätestens 1925 völlig – jedenfalls im deutschen Sprachraum (im Ausland hielt die Moderne weit früher Einzug). Mir gefällt dieser eigenwillige und konservative deutsche Stil jener Zeit sehr gut – man muss so etwas im Original gesehen haben, um den raumgreifenden, enorm spannungsreichen Effekt dieser Aufbauten zu erfassen. Beste Grüße, Michael Schlenger

  5. Vielen Dank Herr Schlenger für diese umfassende Darstellung der unterschiedlichen Aufbauten bei Familienautos mit vollwertigen Rücksitzen und besonders des Tourenwagens mit Aufsetzdach samt Seitenverglasung jeweils anschaulich präsentiert anhand des Presto D 9/30 PS ! Gedanklich spanne ich den Bogen vom Gräf & Stift SP5 als Sedan-Cabriolet mit seiner aufstehenden B-Säule bis zum Peugeot 402 Decapotable, der so ebenfalls „ein festes Dach über dem Kopf“ bot. Auch wenn es sich bei der Aufsatz-Limousine eher um eine saisonale Festlegung handeln durfte und weniger um eine wettervorhersagebedingte Entscheidung kurz vor Fahrtantritt, denn zum Aufsetzen der Vollverkleidung waren wohl min. 6 und eher 10-12 Hände vonnöten. Gleichzeitig erklärt sich so auch der Sinn einer herausnehmbaren Windschutzscheibe beim Phaeton, auch wenn diese gar keine zusätzliche Verstellfunktion hatte. Da müßte ich eigentlich gleich meine Oldtimerfotoalben durchschauen, wie oft da solche Aufsatz-Limousinen vorkommen, wobei sich so auch die meist ganz senkrechte Konstruktion der A-, B- und C-Säule erklärt. Immerhin bot sich so auch gleich eine stimmige zweifarbige Gestaltung an … und die Sicken und Kanten des Farbübergangs sind somit eine genauere Betrachtung wert, denn anstelle zweier mit Saisonkennzeichen versehener Autos war die Mobilität vor fast 100 Jahren somit „verschlankt“ in einem sommerlichen Tourenwagen mit winterlichem Aufsatzmodul ! Bis ein Jahrzehnt später einerseits ein Mercedes 500K in Stromlinienform samt Schiebedach, gestaltet von Erdmann & Rossi, und andererseits Cabriolimousinen vom Adler Trumpf Junior, DKW F5 und Ford Eifel Junior entstanden – so wie Sie uns diese hier schon am 11.7.2017 und am 13.10.2018 vorstellten. Hier haben Sie wieder
    an Presto und die Epoche der Aufsatz-Limousinen erinnert, die ich nun so erst richtig verstehe und künftig genauer beachten werde !

    http://www.presto-chemnitz.de/pkw.html

    https://chemnitz-gestern-heute.de/prestowerke/

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