Für die Frau mit Doktor und Charakter: Chrysler von 1929

Aus dem Kurzurlaub in Italien zurückgekehrt, finde ich neben einem gegenstandslosen Schreiben vom unersättlichen Fiskus auch eine erfreuliche Nachricht vor:

Ich darf das Foto eines Automobils zur Besprechung vorstellen, das sich im Besitz des Heimatvereins Ostbevern im nördlichen Münsterland befindet und das mir zur Identifikation des abgebildeten Wagens vorgelegt wurde.

Das ist mir deshalb ein Vergnügen, weil es dabei in zweierlei Hinsicht um einen „starken Typen“ geht – um einen eindrucksvollen US-Wagen und eine bemerkenswerte Frau, die diesen einst in deutschen Landen fuhr.

Viele meiner Leser wissen, dass mir die Dokumentation der heute undenkbaren Dominanz amerikanischer Wagen in Deutschland gegen Ende der 1920er Jahre am Herzen liegt. Diese ist weder den Markenenthusiasten in den Staaten bewusst, noch spiegelt sie sich auf einschlägigen Klassikerveranstaltungen hierzulande wider.

Dabei begegnete man den leistungsfähigen, attraktiv gezeichneten, gut ausgestatteten und (vergleichsweise) günstigen „Amerikanerwagen“, wie man sie einst herablassend titulierte, bis in die 1930er Jahre auf Schritt und Tritt.

Im heutigen Fall geht es um die Marke Chrysler, die insofern interessant ist, als sie sehr spät gegründet wurde (1924) und lange ihre Eigenständigkeit im Wettbewerbern gegenüber den Giganten General Motors und Ford wahren konnte.

Bereits kurz nach der Gründung gelangen Chrysler die ersten Verkaufserfolge auch am deutschen Markt. Hier haben wir ein Modell „Imperial“ des Modelljahrs 1926/27:

Chrysler „Imperial“, Modelljahr: 1926/27; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Es waren Wagen wie diese mächtige Limousine mit 80 PS starkem Sechszylinder, die den trägen deutschen Herstellern ihre Rückständigkeit gnadenlos vorführten.

Neben solchen repräsentativen Ausführungen, die in der Regel von einem Chauffeur gesteuert wurden, bot Chrysler auch sportlich anmutende Karosserien an, die eine vollkommen andere Klientel ansprachen, welche selbst fahren wollte.

Ein Beispiel dafür kann ich heute präsentieren. Doch zuvor sind einige Worte zu der einstigen Besitzerin angebracht.

Sie wurde als Frieda Bahl im Westerwald geboren und wollte der Enge der Heimat dadurch entkommen, dass sie eine Karriere als Schauspielerin in den USA anstrebte. Dort verbrachte sie zwar einige Jahre, doch aus dem Traum wurde – wie so oft – nichts.

Nach Deutschland zurückgekehrt wandte sie sich einer nüchternen Profession zu, den Rechtswissenschaften. Nach Studium und Promotion ließ sie sich in Berlin als Anwältin nieder.

Verheiratet findet man sie etwas später als Dr. Frieda Schwarz im Münsterland wieder. Ihre juristische Tätigkeit und die ihres Mannes ermöglichten offenbar den Erwerb eines starken Wagens mit viel Charakter – hier posiert sie am Volant:

Chrysler „Rumble-Seat Roadster“ von 1929; Originalfoto aus dem Archiv des Heimatvereins Ostbevern

Auf dieser Aufnahme, die in einem deutschen Seebad entstanden sein könnte, sehen wir einen typischen Vertreter des amerikanischen „Rumble-Seat Roadsters“ – also eines zweisitzigen Cabriolets mit im Heck befindlichem ausklappbarem „Schwiegermuttersitz“.

Ist ein derart großes Automobil auf (in der Regel) bloß zwei Insassen – hier die Fahrerin nebst Hund – zugeschnitten, darf man das Resultat getrost als Luxuswagen bezeichnen, selbst wenn es ein Serienfahrzeug war.

So etwas musste man sich leisten können und um so etwas im ärmlichen Alltag der Vorkriegszeit zu fahren, musste man über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Auch wenn die meisten Zeitgenossen im Münsterländischen nicht einmal ein Fahrrad besaßen, werden sie wohl gewusst haben, dass die „Frau Doktor“ einen US-Wagen fuhr.

Dass es sich um einen Chrysler vom Ende der 1920er Jahre handelte, das verraten dann Einzelheiten wie die von vorne nach hinten zunächst länger, dann wieder kürzer werdenden Luftschlitze in der Motorhaube:

Auch die Gestaltung der Speichenräder, der Doppelstoßstange und der Scheinwerfer sowie die Lufteinlassklappen in der Partie zwischen Motorhaube und Tür finden sich genau so beim 1928er Chrysler Typ „75“ wieder. Auf die als Zubehör erhältlichen seitlich montierten Ersatzräder hatten Frieda Schwarz und ihr Mann August verzichtet.

Wann und wo genau diese Aufnahme entstand, ist unbekannt. Vielleicht erkennt ein Leser den Bau im Hintergrund wieder, der mich an Seebäder-Architektur im Jugendstil erinnert.

Was wurde nun aus der Frau Doktor und ihrem Wagen mit Charakter?

Nun, was Frieda Schwarz angeht, gibt es hier ein kurzes Porträt. Demnach gelang es ihr bei Kriegsende dank ihrer Englischkenntnisse sowie mit Mut und Intelligenz gewalttätige Übergriffe von US-Soldateska in Ostbevern zu verhindern.

Sie erwies sich in einer Extremsituation als das, was man heute gern als „starke Frau“ bezeichnet, bloß dass ihr Doktor im Unterschied zu modernen Blendern (m/w/d) echt war und sie sich ihre prominente Position in einem denkbar ungünstigen Umfeld erarbeitet hatte.

Einer solchen Frau mit Doktor und Charakter gönnt man gern den starken Auftritt im selbst erworbenen Luxus-Automobil. Leider dürfte ihr schöner Wagen nur noch auf dieser Aufnahme erhalten sein.

Wer nun wissen will, wie der Chrysler von Frieda und August Schwarz in Wirklichkeit aussah, mag dieses Rundumporträt eines überlebenden Exemplars genießen:

Videoquelle: YouTube; hochgeladen von GR Auto Gallery

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2 Gedanken zu „Für die Frau mit Doktor und Charakter: Chrysler von 1929

  1. Der Erfolg amerikanischer und französischer Fahrzeuge begann schon 5 Jahre vor der Weltwirtschaftskrise, wie hier von Herrn Polanschütz perfekt geschildert, warum Ford und Chevrolet, Plymouth und Studebaker, aber auch Citroën schon zwischen 1924 und 1927 immer erfolgreicher wurden :

    https://www.citroen.ac/ageschichte/hist5.htm

    Ford hatte das „Weltauto“ schon mit seinem Model T begründet, aber auch Citroën folgte dem 1924 mit der Einführung der Ganzstahlkarosserie (vgl.5.4.5.5/5.4.8.1) für seine B-Serie (B10, dann B12 und B14), zu der Lizenzgeber E.G. Budd Mfg. Co. die Blechformungspressen von Philadelphia nach Paris lieferte.

    https://www.fomcc.de/fordsetzung/04_1/ambibudd.htm

    Amerikanische Fahrzeuge wurden bereits überwiegend mit geschlossenen Karosserien (Sedan-Limousinen oder „Rumble Seat“ Business Coupés) im Kaltnietverfahren (vgl.5.3/5.4.5.5) hergestellt, während z.B. bei Steyr lange nach der „Hochzeit“ noch eine Einfahrkarosserie aufgesetzt wurde (5.4.8.3).

    Marginal waren ferner 1927/28 mit der Opel-Übernahme, aber auch den Fertigungsstätten, die in Berlin, Köln und Mannheim errichtet wurden, wobei Citroën (Slough) auch auf den britischen Inseln schneller als Ford (Dagenham) war.

    https://m.oldthing.de/Peugeot-Brief-101927-0042948952

    Dieser Wandel setzte sich nach 1929 fort, und mir scheint als weitere Zäsur das Jahr 1935 passend : Der Ford aus Köln-Niehl war „Deutsches Erzeugnis“, aber in Köln-Poll schlossen sich nach der Übernahme durch Michelin die Tore, wie auch bei Röhr, nachdem Brennabor schon 2 Jahre zuvor die Pkw-Produktion einstellen mußte; und während einige Karosseriebauer weiterhin Kleinserien und handgefertigte Einzelstücke herstellten, liefen bei Ambi-Budd schon die Tiefziehpressen.

    https://www.citroen.ac/ageschichte/hist6.htm

    https://www.meerane.de/id-100-jahre-karosseriebau.html

    Diese Epoche ist aber schon hier beschrieben anhand des Stoewer Greif Junior :

    https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog/2018/12/10/ein-tatra-aus-stettin-stoewer-greif-junior/

  2. Die Phase der großen Import- Erfolge amerikanischer Fabrikate, ebenso aber auch französischer auf dem deutschen Markt ist ein interessantes Phänomen der Automobilgeschichte – ökonomisch aber auch sozial gesehen. Nachdem sich mit dem „Schwarzen Freitag“ die Marktverhältnisse schlagartig sehr zum Nachteil der einheimischen Industrie gedreht hatten (und diese kaum in der Lage war darauf mit adäquaten Mitten zu reagieren) waren die amerikanischen Großserien-Hersteller in der Lage „marktgerecht“ zu reagieren oder kauften sich gleich in Deutschland ein – wie Ford und GM mit der Übernahme von Opel. Dass mit dem Opel 1,8 Ltr. 1930 ein zu 10% in Detroit konstruierten Wagen auf den Markt kam habe ich gerade erst nachgelesen – aus geg. Anlass.

    Am sächsischen Boliden fällt insbesondere der nie gesehene in die Frontscheibe eingelassene Sucher auf. Die Frau Dr. im Zwo-Seater muß eine couragierte aber auch walkürenhafte Erscheinung gewesen sein, schweren Wagen fest im Griff, im Nacken den heißen Atem der Dänischen Dogge !
    Die Hochpaterre – Lage des Passagier- Abteils dieser Wagen erklärt die englische Redewendung “ he climbs in his car“, in deutschen Groschen-Krimis übersetzt mit: „… und er kletterte in seinen Wagen“.
    An beiden Chrysler- Wagen gut zu erkennen sind übrigens die mit Zierlinien verschönerten Holzspeichen- Räder. Das beigestellte Video zeigt deutlich, daß die ganze Karosse mit den feinen Nadelstreifen veredelt war!

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