Gut für manche Überraschung: Ein Rover „8“

Das Foto, welches ich heute präsentiere, wäre vermutlich von den meisten Sammlern als unerheblich übergangen worden. Doch mich reizen gerade solche Aufnahmen, auf denen erst einmal nicht genau zu erkennen ist, was man da vor sich hat.

Nicht immer, aber oft genug, findet sich so für kleines Geld etwas, das für die eine oder andere Überraschung gut ist. Aber schauen Sie selbst – was sehen Sie hier außer einem wenig erbaulichen Hintergrund?

Rover „8“ Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Irgendein französischer Tourenwagen der frühen 20er“ das war mein erster Gedanke. „Der Schriftzug auf dem Kühler sieht nach Peugeot aus“. Das erwies sich aber rasch als Fehleinschätzung.

Das offenbar deutsche Nummernschild ließ mich auch allerlei einheimische Hersteller von Kleinstwagen in Erwägung ziehen, die nach dem 1. Weltkrieg aus dem Boden sprießten, aber fast immer nur eine kurze Blüte erlebten (wenn überhaupt).

Doch auch hier erbrachte ein Bildrecherche kein Ergebnis. Das musste nichts heißen, sind doch vermutlich von dutzenden solcher Gefährte aus Deutschland nicht einmal brauchbare Fotos überliefert.

Dann fiel mir jedoch der Name eines Experten auf diesem Gebiet ein – Gerd Klioba. Sein Interesse gilt (unter anderem) deutschen Kleinstwagen, und so fragte ich kurzerhand ihn.

Die Antwort fiel überraschend aus: „Das ist ein Rover 8 vom Anfang der 20er!“. Darauf wäre ich vermutlich nie gekommen, was verrät, dass man auch mehrjähriger intensiver Beschäftigung mit europäischen Vorkriegsautos noch ein Novize ist.

Der Rover 8 ist selbst in der Tat für einige Überraschungen gut. So wurde bereits 1904 ein Wagen dieser Bezeichnung auf den Markt gebracht. Der luftgekühlte Einzylindermotor war keine Offenbarung, wohl aber der Zentralrohrrahmen – da staunen auch die Tatra-Freunde.

1919 erschien dann ein komplett neu konstruierter Rover „8“. Auch der war für die eine oder andere Überraschung gut.

Er besaß nämlich einen luftgekühlten Frontmotor mit zwei gegenüberliegenden Zylindern. Zusammen mit dem Zentralrohrrahmen des frühen Rover „8“ wäre man damit nahe am als revolutionär geltenden Tatra 11 gewesen, der kam aber erst 1923 heraus…

Der „Kühler“ auf meinem Foto erwies sich somit zu meiner Überraschung als Attrappe:

Echt war zwar die Reifenpanne, doch die stellte für damalige Automobilisten keine Überraschung dar.

Der Wagenheber wurde in dem Kasten mitgeführt, welcher am gegenüberliegenden Vorderrad lehnt, die drei Radschauben (wer denkt da nicht an Citroens genial einfaches Modell 2CV?) waren schnell gelöst und das Rad in Motorraddimension rasch gewechselt. Das wäre auch für zupackende weibliche Fahrer damals kein Problem gewesen.

Bis 1925 wurde dieses 13 PS leistende, aber recht agile Fahrzeug in fast 18.000 Exemplaren gebaut. Das hier abgelichtete fand sogar einen Käufer in Deutschland.

Auch in der Hinsicht war der Rover „8“ für eine Überraschung gut, denn direkt nach dem 1. Weltkrieg dürfte es eine britische Marke in Deutschland nicht leicht gehabt haben, sollte man meinen. Doch die primitiven „Freund-Feind“-Schemata der Propaganda verfangen längst nicht bei jedem – mancher hatte auch einen persönlichen Draht nach England.

So muss offen blieben, wie dieser hübsche kleine Rover „8“ einst zu uns gelangte, wer ihn besaß und was aus ihm geworden ist.

Eine letzte Überraschung mag in dem Zusammenhang noch die sein, dass angeblich die deutsche Marke Peter & Moritz einen Lizenznachbau des Rover anbot – zumindest scheint man sich dessen Boxermotor zum Vorbild genommen haben.

Wer mehr dazu weiß, ist aufgefordert, sein Wissen über die Kommentarfunktion preiszugeben – denn Vorkriegsautos sind immer für eine Überraschung gut, und es gibt immer noch etwas dazuzulernen – nicht nur für mich, sondern selbst für „alte Hasen“.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Gut für manche Überraschung: Ein Rover „8“

  1. Nach Ähnlichkeiten bei den Motoren habe ich nicht gesucht, und zu Peter & Moritz gibt es einige Berichte, wobei sich die Angaben zur deutschen Lizenzproduktion auf 2 englische Buchautoren stützen. Der Naumburger Museumsverein hat die zunächst wohl ausführlich geschilderte Automobilproduktion aus seiner Webpräsenz wieder entfernt.

    https://www.myheimat.de/naumburg-saale/freizeit/automobilbau-in-naumburg-d1251534.html

    Zeitgenössische Fotos zum Rover 8 finden sich auf diesen beiden britischen Internetseiten :

    https://www.gracesguide.co.uk/Rover:_Cars

    https://www.oldclassiccar.co.uk/rover8.htm

    Zu obig Genannter kann unter 9. und 10. auch der verlängerte Radstand mit der sonst kürzeren Tourenwagenversionen verglichen werden.

    Bildmaterial zur Naumburger Produktion zeigt diese spanische Internetseite, auf deren Bilddokumenten aber Speichenräder und konventionell zwischen Kühlergrill und Kotflügel angebrachte Scheinwerfer ersichtlich sind, während diese auch beim hier thematisierten deutschen Pannenbild an der A-Säule montiert sind :

    http://www.autopasion18.com/HISTORIA-PETER & MORITZ.htm

    Gleichwohl kann die bauliche Ausführung trotz der Lizenz vom britischen Original abgewichen sein … und wie auch Herr Weigold ausführte, bestanden durchaus rege Handelsbeziehungen, speziell auch im Motorradbau (JAP, Triumph u.a.). So war der Rover 8 ein erster Weg zur Volksmotorisierung, der dann vom Austin 7 fortgeführt wurde, und das ebenfalls per Lizenznahme durch Dixi und BMW.

  2. Denkbar ist ja durchaus eine zumindest kurzfristig bestehende
    Initiative eines auf das große Britannien fixierten Importeurs.
    Der Gedanke, mit einem fortschrittlichen Kleinwagen auf dem sehr „beengten“ deutschen Nachkriegsmarkt zu reüssieren war ja durchaus stimmig und erschien erfolgversprechend!
    Gerade in den Küste Städten war man ja auch nach der Jahrhundert- Katastrophe schnell wieder mit dem Großen Britannien im Geschäft .
    Es war ja unter Kaufleuten noch üblich
    – auch und gerade auf einem so innovativen MARKT wie dem Verkehrswesen – einen “ Posten ins Land zu holen“ und bei zufriedenstellendem Absatz wurde vielleicht sogar eine dauerhafte Geschäftsvertretung daraus.
    Mein Großvater erzählte gerne, daß er, dessen Vater damal i den 1890ern in Dresden- Striesen aufstrebenden Gastwirt und Bauunterbehmer war und selbst sich schon mit dem Hochrad versucht habe, ihm als „weit und breit erstem Jungen einen “ Rover“ gekauft habe!“
    So hätte man damal ( in Dresden ) das moderne Niederrad mit Kettenübersetzung genannt.
    Daraus kann man wohl den Schluß ziehen, daß die englische Marke als erste in Dreden auf dem noch jungen Markt präsent war….

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