Ein Riese im Gebirge: NAG-Protos 14/70 PS

Nach über fünf Jahren (siehe hier) kehre ich zu einem Automobil zurück, das Ende der 1920er Jahren zu den „Riesen“ am deutschen Markt gehörte – zwar nicht in Stückzahlen gemessen, wohl aber in punkto Hubraum, Leistung und Platzangebot.

Die Rede ist vom NAG-Protos 14/70 PS in der eindrucksvollen Ausführung als Pullman-Limousine. Dieser Sechszylindertyp war von der altehrwürdigen Berliner NAG entwickelt worden, wurde aber aus markenpolitischen Gründen nach Übernahme des Konkurrenten Protos als NAG-Protos angeboten.

Es gab daneben auch eine schwächere Ausführung mit Motorisierung 12/60 PS, die jedoch mit einem Aufbau als Sechsfenster-Limousiner wie dieser überfordert gewesen wäre:

NAG-Protos 14/70 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie es scheint, wurden diese Pullman-Limousinen von NAG-Protos stets mit der stärkeren Motorisierung 14/70 PS ausgeliefert.

Ob das zutrifft, ist gar nicht so wichtig, denn auch im Fall der schwächeren Ausführung hätten wir es auf jeden Fall mit einem fünf Meter langen Koloss zu tun – der wäre so oder so ein „Riese im Gebirge“ gewesen, um den Titel zu bemühen.

Wir werden noch sehen, was mich zu dieser Titelwahl bewogen hat.

Doch erst einmal darf ich ein Fundstück von Leser Matthias Schmidt (Dresden) präsentieren, bei dem es sich ebenfalls um die 14/70 PS-Version des NAG-Protos vom Ende der 1920er Jahre handeln dürfte:

NAG-Protos 14/70 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Auch das ist eine Sechsfenster-Limousine, welche mit waagerechten Luftschlitzen, Doppelstoßstange und Scheibenräder zwar an den Adler Standard 6 erinnert, doch anhand des Kühlers ganz klar als NAG-Protos identifiziert werden kann.

Wer bei der Kühlergestaltung an den zeitgenössischen Lincoln denkt, liegt nicht falsch. Die deutsche Autoindustrie beschränkte sich Ende der 1920er Jahre weitgehend auf das Kopieren von Erfolgskonzepten der US-Konkurrenz – insbesondere äußerlich.

Genützt hat es angesichts der fehlenden Voraussetzungen für eine kostengünstige Massenproduktion zwar nichts – aber was spektakuläre Symbolhandlungen angeht, war und ist man hierzulande bekanntlich gerne groß.

So blieb auch der NAG-Protos 14/70 PS das, was damals jeder nüchterne Betriebswirt hätte vorrechnen können – in kommerzieller Misserfolg. Dass diese Autos überhaupt entstanden, erkläre ich mir mit der hierzulande von „Intellektuellen“ diktierten Verachtung des puren Gewinnstrebens und der damit einhergehenden Ignoranz, was Ökonomie angeht.

Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs waren unzählige deutsche Hersteller heroisch gegen die nüchterne Realität der Kostendegression bei Großserienproduktion und gegen die Bedürfnisse der Käufer angerannt und fast ausnahmslos gescheitert.

So kam es, dass auch ein unfassbar teurer Luxuswagen wie der NAG-Protos 14/70 PS irgendwann als Taxi endete – spätestens in den 1930er Jahren wie dieser hier:

NAG-Protos 14/70 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ein trauriges Ende für ein majestätisches Automobil wie dieses, welches einst im Landkreis Hirschberg (Schlesien) zugelassen war und somit im Riesengebirge zuhause war.

Der Wagen war tatsächlich ein Riese im Gebirge, denn mit 3,6 Litern Hubraum und 70 PS Leistung war er den Anforderungen der dortigen Topografie gewachsen, welche Kleinwagen damals an ihre Grenzen brachte und mangels Drehmoment zumindest eifriges Schalten erforderte.

Der Hakenkreuz-Wimpel gibt uns einen Hinweis auf die Entstehung dieser schönen Aufnahme irgenwann ab 1933. Wie stets in solchen Fällen sehe ich davon ab, reflexartig entsprechende politische Überzeugungen des Fahrers daraus abzuleiten.

Das Motiv des Opportunismus ist zwar nicht das erhabendste, aber ein verständliches. Wir sehen in unseren Zeiten genügend Beispiele für das Phänomen der freiwilligen Selbstgleichschaltung und Unterwerfung.

Im Gebirge ein Riese sein, aber im Alltag ängstlich auf Anpassung achten, Beispiele für solche Zeitgenossen finden sich auch in unseren Tagen – bloß sehen die Autos und das Outfit ihrer Insassen heute meist nicht annähernd so schick aus…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „Ein Riese im Gebirge: NAG-Protos 14/70 PS

  1. Vor allem freue ich mich, hier nun überhaupt den NAG 204 mittels dieser 3 perfekt aufbereiteten Aufnahmen so kennenlernen zu können ! Verwundert bin ich nur hinsichtlich der RDA-Eichel, denn wie Sie schon etwa zum Mercedes Stuttgart 200 schrieben, ist dieses Eichelsymbol als Herkunftsbeleg an einem Fahrzeug mit Mercedesstern doch völlig obsolet. Wenn, dann wäre dies für einen Citroën B14 oder C6 bedeutsam und wissenswert gewesen, ob dieser im Pariser Stammwerk am Quai de Javel, im belgischen Vorst oder eben in Köln-Poll entstand. Vorst, wie Anderlecht am südwestlichen Ortsrand von Brüssel gelegen, hat auch eine interessante Geschichte als Automobilproduktionsstandort, denn auf Citroën folgte Studebaker, dann VW und nun wird dort der Audi e-tron gebaut. Aber auch diese Wissenserweiterung verdanke ich abermals Ihnen, Herr Schlenger … denn ohne Ihre Bildberichte hätte ich weder die zweireihige Anordnung der Luftschlitze als Erkennungsmerkmal für den NAG 204 wahrgenommen, noch etwas über Vorst erfahren. Vorgestern hätte ich noch gesagt: Vorst bzw. Forest … ah, klar, ein Wald ! Dabei werden dort, im Gegensatz zu Genk und Antwerpen weiterhin Autos gebaut.

  2. Wie immer besten Dank für den inspirierten Kommentar – so soll es sein!

  3. Zu diesem schönen und eindrucksvoll großen NAG-Protos 14/70 PS fallen mir gleich mehrere Dinge ein : Schebera und Schapiro lasse ich mal unberührt, denn wir sind hier schon im Jahre 1928 oder danach, wie das Eichel-Signet des RDA belegt. Dieses Symbol aus Eichel mit Eichenblatt, wie wir es hier am Taxi aus dem Riesengebirge (IK-49184) sehen, war auch schon bei vielen anderen Fahrzeugen wie etwa dem Brennabor Z (IE-27500) zu sehen. Vorige Woche wurde uns hier auch der Ford Rheinland vorgestellt – ein in Köln gefertigtes „Deutsches Erzeugnis“. Dasselbe besagte 5 Jahre zuvor schon dieses 1928 kreierte Eichel-Symbol – nur konnte ich es auf Citroën, Chevrolet, Chrysler und Essex nicht finden, obwohl diese in deutschen Montagewerken gefertigt und zudem etwa als Cabriolets bei Drauz oder Gläser, Deutsch oder Reutter karossiert wurden und so doch wohl auch die 70%-Quote erfüllten ?
    Der NAG-Wimpel mit den 3 typischen Bienenwaben an der entlang einer Waldstrecke Halt machenden 6-Fenster-Limousine bewahrt vor einer Fehlzuordnung, die ich aber gleich in Brandenburg verankert hätte, denn die in 2 Reihen waagerecht angeordneten Luftschlitze wie auch die Kühlergrillform hätte ich eingedenk des Ideal N 7/30 PS einem noch größeren Brennabor zugeordnet. Die Motorleistung 14/70 PS traf auch schon beim Vorgänger D7 zu, die Motorhaubenform mit der zweireihigen Anordnung der seitlichen Luftschlitze findet man belegt durch die skizzierten Darstellungen der Modelle 201 und 204 im NAG-Prospekt von 1929. Ausführlicher ist vielleicht dieses Werk (gab es, wenn ich mich recht erinnere, 1985 oder 1987 im Deutschen Technikmuseum am Gleisdreieck) :

    https://www.kulturgut-mobilitaet.de/blog/53-bcher/351-autos-aus-berlin-nag-und-protos

    Vom Juwel 8 unterscheidet sich dieser großzügiger dimensionierte NAG 204 aber deutlich; und letztlich käme nur das Taxi mit dem ausgetauschten Wimpel verwechslungshalber für die Erfindung eines somit majestätischen Brennabor „Kronjuwel“ in Betracht. Immerhin wäre es alphabetisch konsequent : Ideal / Juwel / Kronjuwel … oder hätte ich diese Überlegung bis zum nächsten 1.April aufheben sollen ?

  4. Ohne aus gegebenem Anlass auf die aus heutiger Sicht geradezu idiotisch
    selbstmörderische und von völliger Verkennung der Marktsituation gekennzeichnete Modellpoltik der deutschen Auto- Herren eingehen zu wollen, geben die beiden ersten Bilder
    eine gute Gelegenheit, nochmals auf
    Gestaltung der Amtl. Kfz- Kennzeichen
    gemäß der damaligen Polizeiver- ordnung einzugehen:
    Bild eins zeigt den Boliden mit dem roten Probe- bzw. Überführungskennz.
    Anzunehmen ist die Situation der Über- führung des Neufahrzeugs durch den
    stolzen Herrn Besitzer während der Fahrt in den Heimatkreis.
    Darunter sehen wir das deutlich längere Blanko hildesheim, welches zum Lieferumfang gehörte und fest am Wagen montiert war und naturgemäß auf die längstmögliche
    Zeichen- Kombination bemessen sein
    musste.
    Für das vordere Kennz. war eine Schrifthöhe von 75 mm vorgeschrieben. Die jeweils vorgeschriebene Strich- wie Zeichen- Breite sowie alle Zwischen- und Rand- Abstände addierten sich zu der max.
    möglichen Kennz.- Länge, der die gelieferten Schilder entsprechen mussten. In Berlin zumindest war diese ja mit 2 Zeichen im Kreiskenner und einer biszu 5- stelligen Kenn- Nr.
    ja bereits in den Zwanziger Jahren erreicht.
    Beim 2- zeitigen hinteren Kennz. war sogar eine Schrifthöhe von 100 mm
    vorgeschrieben bei entsprechen Breiten und Abständen.
    Dies ergab die sog. “ Kuchenbleche“
    Die gerade bei Kleinwagen von Dixi- Zuschnitt geradezu grotesk wirkten !
    Um nun bei den vielfach noch kürzeren
    Ziffernfolgen die vorgeschriebenen Randabstände einzuhalten wurde die
    Beschriftung ausgemittelt und überflüssige Schildlänge eingekürzt ober geschwärzt. So erklären sich die oft befremdlichen schwarzen “ Balken“
    Auf den Schildern.
    Bild 2 zeigt deutlich, daß die Vorschrift
    zu einem ästhetischen Erscheinungs- bild führte, was bei aller Vorschriften- Reiterei doch ein gewissermaßen positiver Effekt war – verglichen mit den heute oft zu beobachten “ Stihl – blüten“ .
    Teilweise scheint sogar eine Vorschrift
    über die Lesbarkeit des hinteren Schildes aus bestimmtem seitlichen
    Blickwinkel umgesetzt worden zu sein.
    Das führte dann ( z. B. bei Mitführen eines zweiten Ersatzrades am Heck zu der Notwendigkeit der Anbringung eines zweiten “ Kuchenbleches“ rechts- seitig. Diese Konstellation überliefern
    übrigens häufig Bilder von sog. Behördenfahrzeugen.
    Vor Jahren bekam ich einmal ein Schild, durch die angebrachte schablonierte “ Bewinkelung“
    (orangeroter Winkel als Kennz. der behördlich erteilten Fahrberechtigung
    Während des Krieges mit Eintrag
    “ Fahrz. ist bewinkelt“, Stempel, Unterschrift.
    Dies Schild war aber vermietet mit einem identischen Schild (gleiche Beschriftung) , einziger Unterschied:
    Der Winkel war nicht schabloniert sondern freihandgemalt.
    Einzigmögliche Erklärung: Freihändig
    Unzulässig – das Ganze nochmal von vorne !
    Der Amtsschimmel in vollem Galopp !

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