Nach Italien? Hier entlang! Adler 5/9 PS Tourenwagen

Viele Wege führen seit altersher nach Italien – das Sehnsuchtsland germanischer Stämme fuhr aber meist nicht gut damit, wenn man sich an den Geschichtsunterricht erinnert.

Die Invasoren aus dem Norden brachten außer Gewalt und Chaos selten etwas Brauchbares mit. Der Kulturtransfer fand meist in die entgegengesetzte Richtung statt.

Das sollte sich zumindest vorübergehend ändern, als das Automobil erfunden wurde. Die Erfindung aus Deutschland fiel zumindest im wirtschaftlich bessergestellten Norden Italiens auf fruchtbaren Boden, wobei heimische Marken rasch den eigenen Markt dominierten.

Bevor Fiat & Co. das Regiment übernahmen, vermochten sich offenbar einige deutsche Hersteller noch eine Weile in Italien zu halten – zumindest versuchten sie es.

Davon kündet diese Reklame aus meiner Sammlung, die ich erst vor kurzem fand:

Adler-Reklame von ca. 1907; Original aus Sammlung Michael Schlenger

In einer leider unbekannten Publikation wurde das Adler „Kleinauto“ mit Motorisierung 8 PS bzw. 9 PS offeriert.

Aus der Beschreibung geht hervor, dass es sich um einen Wagen mit zwei Zylindern und doppelter Zündung (also Magnet und Batterie) handelt, welcher in der schwächeren Ausführung als Zweisitzer und mit dem stärkeren Antrieb als Viersitzer erhältlich war.

Geht man von der Gestaltung des abgebildeten Tourenwagens – also des 9 PS-Viersitzers – aus, lässt sich die Anzeige schon einmal auf ca. 1905 bis 1909 eingrenzen.

Die technischen Angaben – das Nebeneinander eines 8 PS-Zweisitzers und eines 9 PS-Viersitzers erlauben es dann, die Reklame auf 1907 festzunageln (Quelle: H. Schrader, Deutsche Autos 1885-1920, 1. Aufl., 2002).

Das ist ein achtbares Ergebnis nach so langer Zeit – es kommt aber noch besser.

Wie erfolgreich die Bemühungen der in der Anzeige erwähnten Generalvertretung von Adler in Mailand waren, ist mir nicht bekannt. Es ist denkbar, dass Adler mit diesen schwach motorisierten Kleinwagen zeitweise eine Nische zu besetzen vermochte.

Mag aber auch sein, dass man in Francoforte den italienischen Markt falsch einschätzte – systematische Marktforschung blieb in deutschen Landen lange ein Fremdwort.

Möglicherweise war damals in Italien nur einer dünnen Schicht von Superreichen überhaupt ein Automobil zugänglich. Und diese Leute wollten keinen schwachbrüstigen Kleinwagen, sondern ein potentes Gefährt für alle Lebenslagen (und die italienische Topographie).

Jedenfalls fällt auf, dass der schon damals führende italienische Hersteller Fiat nach einer kurzen und sehr steilen Lernkurve ab 1905 kein Modell anbot, das nicht mindestens 24 PS leistete. Daneben gab es Typen mit 40 bzw. 60 PS, die bereits 80-100 km/h schnell waren.

Erst nach dem 1. Weltkrieg begann bei Fiat die Neuausrichtung mit Abdeckung auch des Kleinwagensegments und zugleich eine radikale Rationalisierung der Produktion, die in Europa damals einzigartig war – die Marktgegebenheiten gaben es nun her.

Wie dem auch sei, in deutschen Landen ist der Adler mit 8 bzw. 9 PS (damit sind übrigens keineswegs die Steuer-PS gemeint, sondern die effektive Höchstleistung) auch jenseits der Welt der Reklame anzutreffen.

Ganz selten hat man das Glück, dass einem ein zeitgenössisches Foto eines solchen frühen Adler zuläuft, bei dem der Typ dokumentiert ist. Meist ist man nämlich auf die nach wie vor lückenhafte Literatur zu Adler-Veteranen vor 1925 angewiesen und muss sich mit Mutmaßungen behelfen. Online gibt es außer meiner Adler-Galerie nichts Brauchbares.

Vor einiger Zeit bescherte mir nun Leser Volker Zimmer aus dem Erzgrbirge einen solchen raren Glücksmoment, den ich Ihnen nicht vorenthalten will:

Adler 5/9 PS von Familie Gnüchtel; Originalfoto via Volker Zimmer (Lauter, Erzgebirge)

„Geht’s hier nach Italien?“ – Das könnte der Fahrer dieses Adler Tourenwagens gefragt haben, stellt man sich gerne vor.

Der gutgelaunte Herr ganz links hätte dann vielleicht geantwortet: „Junger Mann, hier habe ich für Sie eine Routenbeschreibung mit Angabe solider Unterkünfte und Orte, an denen man Benzin bekommt. Die habe ich von Otto Julius Bierbaum persönlich, der 1902 mit seinem Adler erstmals nach Italien fuhr.“

Zumindest die Bierbaum-Story stimmt – sein Erlebnisbericht „Empfindsame Reise im Automobil“ ist noch heute lesenswert. Es mutet unglaublich an, dass man einst mit einem Zylinder und 8 PS über die Alpen und bis nach Sorrent südlich von Neapel gelangen konnte.

Ob aber der Adler auf obigem Foto wirklich für Ähnliches vorgesehen war, ist unwahrscheinlich. Immerhin wissen wir Folgendes, das auf dem Foto selbst festgehalten ist:

Der Wagen war ein Adler-Tourenwagen mit Motorisierung 5/9 PS – also der in der italienischen Anzeige erwähnte 9 PS-Viersitzer. Er gehörte der Familie Gnüchte, die in der sächsischen Kleinstadt Lauter (Erzgebirge) eine Emaille-Fabrik besaß.

Die Geschäft liefen so gut, dass man sich zumindest einen kleinen Adler leisten konnte – an die großen Typen, die knapp 20 PS und im Einzelfall 40 PS leisteten, war nicht zu denken.

Egal, denn jeder Adler-Wagen öffnete damals die Tür zur großen weiten Welt, und wer weiß, wie weit bereits der 5/9 PS-Tourer einst die Insassen transportierte?

Und selbst wenn er Italien einst nur in Reklameform erreichte, leistete so ein kleiner Adler mehr als manche politische Revolution, bei der meist nur neue Eliten die alten ablösen.

Er machte seine Besitzer zu Herrschern über Raum und Zeit, was zuvor selbst Königen und Kaisern nicht zu Gebote stand. Denken Sie einmal daran, wenn Sie morgens Ihren Wagen starten, um zur Arbeit – oder nach Italien – zu fahren: Das Automobil ist gelebte Demokratie!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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