Vom Taxi zum Traumwagen: Ein Opel 18/50 PS

Taxifahrer sind hierzulande nach meiner Erfahrung eher phlegmatische Zeitgenossen.

Ich hatte in meinem früheren Leben als Angestellter in Frankfurt am Main wiederholt das Vergnügen, Zugausfällen der schon damals dysfunktionalen deutschen Bahn durch den kostspieligen Umstieg in eine Droschke begegnen zu müssen.

Bei einigen Fahrern stellte ich mir zwar schon die Frage, wie sie die Taxiprüfung bestanden haben (bzw. wer diese für sie bestanden hat). Doch keinem war vorzuwerfen, dass er übertriebenen Gebrauch vom Gaspedal machte.

Dass es auch ganz anders gehen kann, das erlebte ich wiederholt bei Aufenthalten am Golf von Neapel, bei denen ich vom Flughafen ein Taxi in die Innenstadt, zur Fähre oder gleich an die göttliche Amalfiküste nahm.

Die Fahrer waren durchweg sportlich unterwegs und mit der Geistesgegenwart ausgestattet, die man benötigt, wenn Verkehrsregeln nur als Empfehlung verstanden oder gänzlich ignoriert werden. Befolgt wird bloß eine Regel, nämlich dass stets der Schnellere Vorfahrt hat. Die neapolitanischen Taxifahrer sind nicht verrückt, sie beherrschen ihr Metier.

Doch muss es einst auch in deutschen Landen Taxifahrer gegeben haben, denen der Sinn nach zumindest optisch rasanter Fortbewegung stand. Einen davon lernen wir heute kennen und ich bin sicher, dass dabei auch die abgebrühtesten Vorkriegsfreunde auf ihre Kosten kommen – und das ausgerechnet mit einem Opel!

Das macht die Vorkriegszeit ja unter anderem so spannend – die damalige Autowelt war eine völlig andere, als wir Nachkriegskinder sie kennen.

Gerade Opel ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Vor dem 1. Weltkrieg baute man neben Klein- und Mittelklassewagen auch mächtige Luxusmodelle, die sich in den Garagen von Erb- und Industrieadel sowie bei hohen Militärs fanden.

Interessanterweise waren auch diese Premiumfahrzeuge durchweg mit Vierzylindermotoren ausgestattet. Erst 1916 – also mitten im 1. Weltkrieg – brachte Opel seinen ersten Sechszylinder heraus, den Typ 18/50 PS.

Er bezog seine Leistung wie damals bei den meisten Fabrikaten üblich aus dem Hubraum (4,7 Liter), nicht aus einem effizienzsteigernd gestalteten Ansaugtrakt.

Ein Vorteil dieser Aggregate bestand im hohen Drehmoment, das von Steigungen abgesehen, ein Anfahren auch im großen Gang ermöglichte. Das Schalten konnte man sich daher weitgehend sparen, sofern man es nicht eilig hatte.

Hier haben wir nun ein solches Exemplar des Typs 18/50 PS, das nach dem 1. Weltkrieg eine neue Verwendung als Taxi fand:

Opel 18/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser kolossale Wagen mit Landaulet-Aufbau wies zum Aufnahmezeitpunkt schon etliche Kampfspuren auf, wofür wir dankbar sein müssen, wie sich noch zeigen wird.

Wie komme ich aber überhaupt darauf, dass dieser Wagen ein Opel des Sechszylindertyps 18/50 PS sein dürfte? Immerhin gab es ja auch den recht verbreiteten Opel 8/25 PS bzw. 9/25 PS mit demselben Spitzkühler.

Hier zeigt sich der Wert eines sorgfältigen Studium von Details, die sonst gern übergangen werden. So weist der Wagen auf meinem Foto zwölf Radspeichen auf, während es bei den ab 1919 eingeführten Opel-Typen 8/25 bzw. 9/25 PS durchweg nur zehn sind.

Die größere Speichenzahl deutet auf eine stärkere Motorisierung hin, die Frage ist nur: welche? In der Nachkriegszeit gab es mehrere solcher Opel-Spitzkühlermodelle, darunter den Vierzylindertyp 10/30 PS (ab 1922) und den neuen Sechszylinder 21/50 PS (ab 1919).

Doch bin ich überzeugt, dass keiner davon in Betracht kommt, da sie „zu spät“ auf den Markt kamen. Der Opel auf dem obigen Foto muss in den frühen 1920er Jahren schon älter gewesen sein. Und dafür kommen nur der Vierzylindertyp 12/34 PS und der erwähnte große Sechszylinderwagen 18/50 PS in Betracht, die beide bereits ab 1916 gebaut wurden.

Aufgrund der schieren Länge der Motorhaube meine ich hier am ehesten den Sechszylindertyp 18/50 PS zu sehen:

Wir nehmen nun Abschied vom Taxi, doch zuvor prägen wir uns eine Reihe von Details ein. Zur Abwechslung sind das heute nicht die Zahl der Luftschlitze oder andere Gestaltungselement, sondern die Dellen und Macken, welche die Zeit hinterlassen hat.

Speziell die Kotflügel und das Trittbrett liefern diesbezüglich reichlich Anschauungsmaterial. Nehmen Sie sich etwas Zeit und folgen mit dem Auge der Linie der Schutzbleche, um diese durch ehrliche Arbeit über Jahre gereifte Autopersönlichkeit besser kennenzulernen.

Fertig? Dann schlagen wir jetzt Kapitel 2 im Leben dieses Opels auf. Unser wackerer Taxifahrer war nämlich zweifellos ein solider Vertreter seiner Zunft, doch stand ihm wohl heimlich der Sinn nach Höherem.

Damit war jedoch nicht die schwer zu übertreffende Dachlinie von 2,30 Metern bei der geschlossenen Ausführung des Opel 18/50 PS gemeint, ganz im Gegenteil. Diese musste einem ganz anderen Erscheinungsbild weichen, dem eines offenen Tourenwagens.

Offenbar hatte das damals noch auskömmliche Taxigeschäft genug Kleingeld abgeworfen, um sich einen ganz persönlichen Traumwagen bauen zu lassen – wenn auch mit starken Anleihen bei aktuellen Opel-Modellen der ersten Hälfte der 1920er Jahre.

So eine Ausführung mit gepfeilter Frontscheibe kommt einem doch ziemlich bekannt vor:

Opel 18/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch haben wir es hier nicht mit einem Opel 8/25 PS oder 21/50 PS zu tun, wie sie damals genau in dieser Optik angeboten wurden.

Nein, hier sehen wir prinzipiell immer noch den gleichen Wagen wie auf dem ersten Bild, den ich als Opel 18/50 PS ansprechen möchte.

Der ursprüngliche Landauletaufbau ist einer schlichten Tourenwagenkarosserie gewichen, nur die Frontpartie blieb unverändert, und zwar mit allen uns bekannten Dellen und Macken:

Sehen Sie, was ich meine? Auch der Insasse ist immer noch derselbe – bloß jetzt nicht mehr als käuflicher „Droschkist“, sondern als privater Herrenfahrer.

Diese zweite Aufnahme ist nicht nur ein faszinierendes Dokument, das von der Weiterverwendung eines in die Jahre gekommenen Opels kündet, es liefert auch ein starkes Argument für die von mir favorisierte Identifikation als frühes Modell 18/50 PS.

Das Erscheinungsbild dieses Tourenwagens entspricht weitgehend demjenigen der ab 1919 gebauten Opel-Spitzkühlermodelle. Man darf aber wohl ausschließen, dass das als Basis dienende Landaulet ebenfalls ein Nachkriegsexemplar war.

Für eine Umkarossierung nach so kurzer Zeit, was es im Einzelfall durchaus gab, sieht das Auto einfach zu „abgerockt“ aus.

Nein, ich bin sicher, dass der von unserem Taxifahrer zum Traumwagen umgewandelte Opel noch aus Kriegsproduktion stammte und nach 1918 eine Weile als Droschke weiterverwendet wurde, bevor er nochmals ein neues Leben spendiert bekam.

Diese tolle Geschichte hat mir der Zufall beschert – der Verkäufer der Aufnahmen hat diese glücklicherweise zusammen angeboten. So wird hier noch einmal der Traum eines uns leider unbekannten Mannes lebendig, der seinen treuen Opel sehr geliebt haben muss.

Vom soliden Taxi zum rassigen Tourenwagen – das ist eine Karriere, wie sie einem Auto wohl nur ganz selten gelang, leider wird auch sie irgendwann auf dem Schrottplatz geendet haben, wie viel zu oft bei deutschen Vorkriegsautos.

Unter anderem deshalb betreibe ich diesen Blog – er hilft ein wenig, den latenten Phantomschmerz zu lindern, den der Untergang der Vorkriegswelt bei mir bewirkt…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Gedanke zu „Vom Taxi zum Traumwagen: Ein Opel 18/50 PS

  1. Dann wäre es schon mal an der Zeit, in Neapel wie wohl auch in Rom die Ampeln abzuschalten, da diese schon vor 40 Jahren nur dazu dienten, die Existenz der Stromversorgung kundzutun. Als Tourist wagte man aber kaum, diesem Vorbild an scheinbar ungeregeltem Großstadtverkehr zu folgen, sofern nicht die Carabinieri aus ihrer Alfetta 2000 hinüberblickend und ohne Blaulicht mit gut 70 km/h vorbeizogen. Richtig Drehmoment haben auch im „dümmsten“ Moment – eine ordentliche Menge Hubraum kann dank der gebotenen Elastizität so vor manch fatalen Folgen bewahren. Vom Taxi zum Tourenwagen … ich wollte zunächst trotz der geteilten Scheibe an ein „Sommerkleid“ mit der Option eines Landaulet-Aufsatzes samt Frontscheibentausch glauben; die Blechformung vor und hinter dem Ellenbogen spricht aber dagegen. Welch ein Prachtstück wäre dieser große Opel nun heute, nach über 100 Jahren !! Die Kombination aus Opa, Opel und Taxi zählt immerhin zu meinen Kindheitserinnerungen und mündet so hinsichtlich der Transportmittel entweder in der Trambahn oder einem schwarzen Kapitän 2.6 P-LV, während sonst nach Zustieg am Taxistand meist ein Warzenblinker aufflackerte und dann der Balken am Fieberthermometer stieg.

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