Auf den Reifen kommt es an: Mathis Typ GM 10 CV

Dass den Reifen eines Automobils entscheidende Bedeutung im Hinblick auf Fahrsicherheit, Komfort und Zuverlässigkeit zukommt, dass erkannte man schon sehr früh.

So trug zum vielbeachteten Sieg des ersten „Mercedes“ am 25. März 1901 beim Autorennen Nizza-Salon-Nizza auch die Tatsache bei, dass der 35 PS starke und 90 km/h schnelle Wagen mit Luftreifen von Continental ausgestattet war (Quelle).

Der 1871 als „Continental Caoutchouc- & Gutta-Percha Compagnie“ gegründete deutsche Reifenhersteller nutzte Sportveranstaltungen geschickt zur Vermarktung seiner Produkte – außerdem machten viele Käufer offenbar gerne kostenlos Werbung:

unbekannter Tourenwagen von ca. 1905-1907; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser eindrucksvolle und vermutlich recht leistungsfähige Tourenwagen stammt von einem bisher nicht identifizierten Hersteller – wahrscheinlich aus dem deutschsprachigen Raum.

Vorschläge, um welche Marke es sich handelt (beim Auto, natürlich…) werden gern angenommen.

Heute dient mir diese Aufnahme bloß als Beleg für das Motto „Auf den Reifen kommt es an“. Dieses bekommt im Folgenden jedoch noch auf ganz andere Weise seinen Sinn.

Die Bereifung kann nämlich auch der Schlüssel bei der Ermittlung eines Wagentyps sein, da Automobilhersteller bis in die 1920er Jahre häufig sehr ähnliche Modelle fertigten, die sich lediglich in der Motorisierung und den Dimensionen unterschieden.

Genau mit solch einem Fall befassen wir uns heute. Vielleicht erinnern Sie sich an die folgende Aufnahme meines Sammerkollegen Matthias Schmidt (Dresden):

Mathis Typ M oder GM; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Der Wagen ist anhand des markanten Spitzkühlers mit dem kreisförmigen Markenschriftzug als französischer „Mathis“ zu erkennen. Den Spitzkühler führte der im Elsass ansässige Hersteller ab 1923 ein.

Zu diesem Zeitpunkt baute Mathis im wesentlichen Wagen in vier Klassen mit Hubräumen von 0,8 bis 1,6 Liter. Vom kompakten Cyclecar Typ P abgesehen waren die Modelle M, SBO und GM sehr ähnlich gestaltet.

In jedem Fall gab es einen Tourenwagen, dessen Optik dem Fahrzeug auf dem obigem Foto entsprach. Allerdings scheint der nur 1923/24 gebaute 1,1 Liter-Typ SBO noch nicht über lackierte Scheinwerfergehäuse mit vernickeltem Ring verfügt zu haben.

Diese finden sich auch auf einem zweiten Foto eines solchen Mathis-Tourers aus dem Fundus von Matthias Schmidt:

Mathis Typ GM; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Hier fallen die Scheinwerfer allerdings deutlich kleiner aus und sind weiter unten angebracht. In solchen Details gab es also trotz aller sonstigen Übereinstimmung eine gewisse Weiterentwicklung.

Dies lässt auf eine längere Bauzeit schließen, womit der oben erwähnte Typ SBO (1923/24) mit 1,1 Litern noch weniger in Betracht kommt. Aus meiner Sicht engt sich die Auswahl auf den Typ M (1 Liter) und den Typ GM (1,6 Liter) ein.

Beide wurden mit dem Spitzkühler parallel bis 1926 gebaut. Der kleinere Typ M war mit Chassis bis maximal 2,75 Radstand verfügbar, während der Typ GM einen Radstand von 2,95 m aufwies.

Dummerweise fehlt auf solchen Fotos immer der Meterstab, den man sich zur Erleichterung der Typansprache wünschen würde. Doch zum Glück ist das zweite Foto von Matthias Schmidt von so guter Qualität, dass darauf die Reifengröße lesbar ist: 730 x 130.

Der kleinere Typ M besaß Pneus der Dimension 715 x 115. Solche Feinheiten verdanke ich übrigens der Mathis-Website von Francis Roll.

Damit wäre – soweit dies möglich erscheint – der Mathis-Typ geklärt, in dem sich einst ein gut gegen den kühlen Wind eingepacktes Paar ablichten ließ. An der Front des Wagens ist übrigens ein winziger Ausschnitt des weiß unterlegten Nummernschilds zu sehen.

Dieser Mathis wurde also sehr wahrscheinlich in deutschen Landen gefahren wie übrigens zahlreiche weitere Exemplare. Die Reifen waren natürlich ebenfalls ein französisches Qualitätsfabrikat – hier von Michelin.

Pneus von Conti hätten hier vermutlich keinen Unterschied gemacht, doch was die Identifikation des Mathis angeht, hat sich das eingangs erwähnte Motto bewahrheitet: Auf den Reifen kommt es an!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Gedanke zu „Auf den Reifen kommt es an: Mathis Typ GM 10 CV

  1. Trotz der fehlenden Kotflügelverstärkungen plädiere ich bei dem mit verhüllten Scheinwerfern vorgefahrenen Tourenwagen für einen Benz 18 PS :

    https://www.mercedes-benz.com/de/kunst-und-kultur/museum/benz-18-ps-doppelphaeton/

    Allerdings gäbe es da noch einige Dutzende anderer Möglichkeiten … so wie auch die Türen mangels Rundung zunächst vom GM wegführten. Jedoch mögen die beiden Taxi-Landaulets G und GMG, da beide ebenso von 1925 stammend, dafür sprechen, daß es sowohl glatte als auch gerundete Türunterkanten gab – wie auch dieses aktuelle Bild belegt :

    http://www.mathis-auto.com/vos-mathis/gm-1-schmitt.jpg

    So schließe ich mich Ihrer Ansicht an, daß es sich um einen 10CV mit 1616 ccm handeln dürfte, und wir so nach dem Mathis der Fam. Rudolph nun ein weiteres Straßburger Produkt betrachten konnten !

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