Fund des Monats: Ein Hercules „Motorradwagen“

Gestern wandelten wir hier noch auf den Spuren derer, die einst auf großem Fuß lebten und auch in Sachen Automobil entsprechend großzügig unterwegs waren.

Heute begeben wir uns dagegen auf Entdeckungsreise in die Welt der „kleinen Leute“ – wobei diese so klein gar nicht waren, wie wir noch feststellen werden.

Winzig klein war auf jeden Fall das Foto, auf welchem ich den Fund des Monats Oktober 2022 ausfindig machte – der sich als großartig erweisen wird, wenn ich nicht verkehrt liege.

Lediglich das Format eines Kleinbildnegativs hat der Abzug, den ich kürzlich erwarb.

Und damit nicht jemand meint, ich hätte diesen irgendwo kopiert, zeige ich in diesem Fall ausnahmsweise das Ausgangsmaterial in unbearbeitetem Zustand:

Erstaunlich, was auf einem so winzigen Dokument an Details zu sehen ist, obwohl beim Einscannen bereits einiges an Auflösung des Originals verlorengeht.

Da es sich aber um einen unvergrößerten Abzug im ursprünglichen Negativformat handelt, stehen die Chancen gut, dass sich noch einiges mehr herausholen lässt.

Bevor ich Ihnen das Ergebnis zeige, eine Frage: Woran denken Sie spontan bei diesem merkwürdigen Kleinstmobil?

Geht es Ihnen auch so, dass die Frontpartie etwas an den Hanomag 2/10 PS erinnert?

Hanomag 2/10 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Daher war mein erster Gedanke, dass es sich um einen Eigenbau unter Verwendung von Hanomag-Teilen handeln könnte. Dann fiel mir auf, dass die gelochten Scheibenräder an anderen Miniaturgefährten der 1930er Jahre verbaut wurden.

So dachte ich insbesondere an die diversen Varianten, in denen damals die Vorstellungen von Josef Ganz umgesetzt wurde, wie ein volkstümlicher Kleinstwagen aussehen „muss“.

Diese Konzepte sind alle gescheitert, da sie im Unterschied zu international etablierten Einsteigerautos von Ford, Austin und Citroen keine vollwertigen Automobile waren. Damit kamen sie vielleicht für unternehmungslustige Paare in Betracht, aber nicht für eine Familie.

Zudem waren selbst diese Minimalmobile an den Einkommensrealitäten im damaligen Deutschland vorbeikonstruiert – es gab in den 1930er Jahren hierzulande schlicht keinen Markt für ein allgemein erschwingliches Volksmobil selbst einfachster Bauart.

Insofern hätte man sich die vielen Versuche sparen können, aber wie Richard Wagner einmal feststellte, bedeutet Deutschsein, „eine Sache um ihrer selbst willen zu tun“. Man probiert aus, ob auch das Irrationale nicht doch gelingt – wieder und wieder bis zur völligen Erschöpfung…

Das Gefährt auf meinem Foto ist ein Beispiel für diesen (Un)Geist. Wir freuen uns dennoch darüber, denn diese Aufnahme ist die erste überhaupt, die ich davon finden konnte.

Mit ein paar Anpassungen ließ sich daraus ein hübsches Zeitdokument zaubern:

Hercules „Motorradwagen“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als erstes habe ich das Fahrzeug auf Linkslenkung umgebaut – kleiner Scherz. Aber jetzt lässt sich das Nummernschild wenigstens richtigherum lesen.

Ansonsten habe ich Flecken wegretuschiert und den Kontrast wiederhergestellt, der einem prächtigen Sommernachmittag auf einer staubigen Landstraße gerecht wird

Bisher konnte ich nur ermitteln, dass der Wagen in der Region Unterfranken zugelassen war. Vielleicht verfügt ein Leser über eine Quelle, die eine genaue Lokalisierung ermöglicht.

Das Fränkische hat immerhin eine gewisse Plausibität, denn dieses Mobil wurde in Nürnberg fabriziert. Wie komme ich darauf, wenn doch Vergleichsfotos angeblich kaum auffindbar sind?

Nun, auf den Hersteller bin ich nur gekommen, nachdem ich in der Neuauflage von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ (Motorbuchverlag, 1. Auflage 2019) die Kapitel mit Nischenherstellern durchgeblättert hatte.

Dort ist auf S. 249 eine Reklame abgebildet, die ein ganz ähnliches Kleinstauto zeigt. Sie können die Abbildung hier aufrufen.

Demnach scheint es sich bei meinem Fund des Monats um den Versuch des Motorradherstellers Hercules gehandelt zu haben, 1932 ein Kleinstauto zu lancieren.

Hercules pries sein zweisitziges Gefährt einerseits kühn als „Limousine“ an, andererseits bezeichnet man es als „Motorradwagen“. Intelligentes Marketing sieht anders aus.

Mit einem Motorrad hatte der Hercules-Versuch nur den 200ccm Sachs-Motor und das kettengetriebene Hinterrad gemein. Von vorne jedenfalls handelte es sich um ein Auto.

Einziger Unterschied des Wagens auf meinem Foto gegenüber der Reklame ist die mittig geteilte Frontscheibe.

Festzuhalten bleibt, dass der sprichwörtliche „kleine Mann“ sich in Deutschland auch dieses Gefährt von Hercules nicht annähernd leisten konnte zu einer Zeit, in der schon ein simples Motorrad Gutverdienern vorbehalten blieb.

So gehörte der einstige Besitzer des rar gebliebenen Hercules „Motorradwagens“ auch keineswegs zu den „kleinen Leuten“, wie dieser Ausschnitt versinnbildlicht:

Gern wüssten wir, wer den zufrieden posierenden jungen Mann einst begleitet und so gelungen abgelichtet hat.

War es vielleicht die Freundin oder Angetraute? Für ein kinderloses Paar war der Hercules „Motorradwagen“ ja ein nettes Spaßgefährt, vielleicht auch das Zweitauto gut situierter Leute, die sich etwas Ungewöhnliches gegönnt hatten.

Aber waren sie vielleicht doch zu dritt unterwegs?

Sie können es auf den hier gezeigten Bildern kaum nachvollziehen, doch auf dem Original scheint sich ein dunkler Hund auf dem Fahrersitz zu befinden, der sich Herrchen zuwendet.

Das kann aber eine optische Täuschung sein – ich mag nun einmal Autofotos, auf denen auch Vierbeiner mit für die Nachwelt festgehalten sind. Sie erfüllen ebenso wie die einstigen Besitzer die kalten technischen Schöpfungen erst so recht mit Leben.

Mehr weiß ich zu diesem bemerkenswerten Fund gar nicht zu sagen, es gibt ja so gut wie kein belastbares Material dazu.

Wie immer lasse ich mich jedoch gern eines Besseren und Genaueren belehren. Wir wollen hier schließlich gemeinsam Freude an der automobilen Welt von gestern haben, sei es bei den „Großkopfeten“ oder wie heute bei den vermeintlich „kleinen Leuten“…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

7 Gedanken zu „Fund des Monats: Ein Hercules „Motorradwagen“

  1. Besten Dank, sehr interessant!

  2. Der Hercules Motorradwagen wurde 1933/34 in der abgebildeten Version in kleiner Serie gebaut. Neben dem 200er Ilo-Motor war gegen 90,- RM Aufpreis auch ein 250-ccm-Motor erhältlich. 1932 gab es einen offenen Prototyp mit kantigerer Karosserie, 1933 einen dem Serienmodell schon ähnlicheren Prototypen, jedoch noch mit Kühlergrillattrappe. Bilder von zwei Serienfahrzeugen, die den zweiten Weltkrieg überstanden haben, finden sich (für registrierte Forumsmitglieder) zusammen mit Anzeigen und einem Fahrbericht von 1933 hier: https://www.autopuzzles.com/forum/2011-39/hercules-motorradwagen-200ccm-ca-1935. Im selben Forum sind auch Bilder der beiden Prototypen einsehbar: https://www.autopuzzles.com/forum/2011-39/solved-mjw-419-hercules-prototype-1932/ bzw.
    https://www.autopuzzles.com/forum/2014-43/hercules-motorradwagen-prototyp-193334/. Ein privater Umbau eines Serienwagens zu einem offenen Roadster findet sich (auch für unregistrierte Betrachter) hier: https://www.autopuzzles.com/forum/features-stories-and-photos/eigenbau-of-the-month/msg551321/#msg551321

  3. Zu Framo: früher gab es mal ein kleines,, vollgestopftes und Informatives FRAMO-Museum in Frankenberg. das Wurde aufgelöst und ein paar recht uninteressante Brocken in das „Heimatmuseum“ integriert, völlig uninteressant. Framo Stromer und Piccolo sind z.B. im Fahrzeug-Museum Chemnitz (https://fahrzeugmuseum-chemnitz.de/) und im Horch-Museum Zwickau (https://www.horch-museum.de/) zu sehen, sogar einen Stromer als Cabriolet.
    Das Problem bei den „Kleinstwagen“ war damals wie auch in der Nachkriegszeit immer gleich: in der Kleinserie hergestellt waren die Fahrzeuge im Vergleich zu Massenprodukten (Opel, VW z.B.) angesichts des recht bescheidenen Nutzwertes viel zu teuer.
    Lastendreiräder wurden immer im Nahverhehr eingesetzt, Komfort war nicht gefragt, so rechnete sich das. Siehe auch die etwas verqueren „Lister“ Deirad-Transporter (en.wikipedia.org/wiki/R_A_Lister_and_Company)

  4. Kein richtiges Auto zu sein – stimmt, und wie Sie auch schon zum Hansa 400 bzw. 500 schrieben, scheiterte sogar dieser, weil es z.B. mit dem DKW oder Ford Köln bereits viel zweckmäßigere und komfortablere Alternativen gab. Auch von Fersen nennt den Hercules als Dreiradwagen, 200ccm Heckmotor, Radstand 2,28m und Spurweite 1,23m.

  5. Der Framo „Stromer“ sah sogar schick aus, aber war eben kein richtiges Auto, trotzdem nicht billig und verkaufte sich daher kaum. Und für ein reines Spaßmobil wie den Threewheeler von Morgan war der Motor viel zu schwach. Also auch wieder an jedem Marktbedarf vorbeientwickelt…

  6. Nach dieser Quelle

    https://herculesig.de/Historie_d.html

    soll es den Dreiradmotorwagen (auch) mit einem ILO-Motor sowie 4-Ganggetriebe von Hurth (die u.a. auch Ardie, ebenfalls in Nürnberg belieferten) gegeben haben. Steuerfreie Lastendreiräder mit max. 200 ccm waren sehr verbreitet – vom Tempo bis zum Mokuli; die Idee, so auch Personen zu befördern, daher nicht abwegig, wie etwa auch bei Framo zu sehen :

    https://michisoldtimer.com/2012/07/23/neulich-strasse-framo-stromer-14143683/

Kommentar verfassen