Beute der „Boches“: Ein Bozier von 1913/14

Von den „Boches“ – der verächtlichen Bezeichnung der Deutschen in Frankreich – zum einem „Bozier“ ist der Weg heute nicht weit, keineswegs bloß wegen den gleichen Anlauts.

Bei der Gelegenheit eine Anmerkung zu Bedeutung von „Boches“: Das Wort leitet sich von „caboche“ ab – dem Dickschädel, einem engstirnigen Charakter, der partout mit dem Kopf durch die Wand muss, wenn er sich etwas in selbigen gesetzt hat.

Ohne diese Eigenschaften kann man nicht jahrelang gegen die halbe Welt gleichzeitig Krieg führen – ob aufgenötigt oder selbst angezettelt, spielt keine Rolle.

Zum Kriegführen ist Deutschland heute zum Glück nicht mehr in der Lage – die Schweizer, Österreicher und Dänen könnten den hiesigen Laden mit vereinten Kräften vermutlich binnen einer Woche übernehmen – der Gedanke hat sogar einen gewissen Charme.

Entgegen den Realitäten sich Großes vornehmen – am liebsten im globalen Maßstab – stets besserwisserisch, oft ungeschickt agierend, dabei zu keiner Einsicht imstande, was die begrenzten Kräfte angeht, kein Scheitern zum Anlass für ein Innehalten nehmend, diese teutonische Dickschädelei ist unverändert aktuell.

Belege zuhauf liefert die Tagespolitik, die uns aber hier nicht interessiert, denn mein Blog soll gerade auch von den Zumutungen des Alltags ablenken, was nicht heißt, dass man hier nur dem Edlen, Schönen und Guten begegnet – ganz im Gegenteil.

Doch die Beschäftigung mit der Welt von gestern anhand von Fotos, auf denen Vorkriegsautomobile zu sehen sind, hilft das Spießertum des Hier und Jetzt hinter sich zu lassen und sich auf das zu konzentrieren, was unsere Vorfahren bewegte.

Dabei erkennen wir manches, das ganz anders war als heute, doch seinerzeit völlig normal – daraus ersehen wir, dass unsere Welt nur eine von unzähligen möglichen Variationen des Daseins ist, gewiss nicht der Idealzustand oder gar Endpunkt der Entwicklung.

Anderes wiederum kommt uns so vertraut vor, als trennten uns nicht mehrere Generationen und kolossale Umbrüche vom Leben der Altvorderen. Dazu zählt etwa der Wunsch, sein Konterfei für die Seinen und auch ein wenig für die Nachkommen festzuhalten.

Das haben unserer Vorfahren sogar – oder vielleicht gerade – in den beiden Weltkriegen getan, wo es ging. Diesem Impuls verdanken wir speziell, was die frühen Automobile angeht, unendliche viele wertvolle Dokumente wie dieses beispielsweise:

Bozier von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Mit diesem Tourenwagen ließ sich einst ein deutscher Soldat im 1. Weltkrieg ablichten – ich vermute ein einfacher Mannschaftsdienstgrad.

Solche Fotos gibt es tausendfach in den Alben deutscher Kriegsteilnehmer und die meisten davon zeigen gängige deutsche Fabrikate wie Benz, Hansa, NAG, Opel, Phänomen usw.

Dieses Exemplar ist dagegen außergewöhnlich – und dafür sei dem Besitzer des Fotos, Klaas Dierks, besonders gedankt. Es handelt sich nämlich um ein französisches Fabrikat, das meines Wissens im Deutschen Reich nicht verkauft wurde.

Es muss sich also um ein Beutefahrzeug handeln, das die deutschen Truppen 1914 beim Vormarsch über Belgien und Frankreich dem eigenen Wagenpark einverleibt hatten. Das Fabrikat konnte dann Claus Wulff (Berlin) aufgrund des eigenwilligen Schriftzugs auf dem Kühler identifizieren.

Demnach haben wir es hier mit einem „Bozier“ zu tun, einem Wagen der gleichnamigen Marke aus Puteaux westlich von Paris, die ab 1901 Automobile zu bauen begann. Diese wurden anfänglich hauptsächlich von Einbaumotoren von DeDion-Bouton angetrieben, wie damals bei vielen Herstellern üblich.

Später entwickelte Bozier eigenständige Fahrzeuge, blieb aber ein Nischenhersteller, über den ohne größere Recherchen nicht allzuviel in Erfahrung zu bringen ist.

Uns soll heute auch vorrangig interessen, wie der Bozier auf dem Foto von Klaas Dierks einzuordnen ist. Losgelöst von Vergleichsfotos war ich von Anfang an der Ansicht, dass es sich um ein bei Kriegsausbruch recht aktuelles Modell handeln muss.

Denn erst ab 1913/14 findet man bei europäischen Automobilen – und selbst dann längst noch nicht bei allen – eine wie aus einem Guss wirkende Einheit von Motorhaube und dahinterliegendem Windlauf (dem Blech vor der Windschutzscheibe).

Diese Linie verläuft hier fast waagerecht, was sich vor 1913 praktisch nicht findet. Auch der bullige, mittig leicht geknickte Kühler verweist auf eine früheste Entstehung 1913/14.

Ein nahezu identischer Bozier ist auf einem großformatigen Plakat abgebildet, das 2020 vom Auktionshaus Bonhams versteigert wurde:

Bozier-Großreklame; Quelle: Bonhams

Datiert wurde das Plakat seinerzeit von Bonhams auf „um 1912“. Ich halte das aus den erwähnten Gründen aber für zu früh.

Als Indiz dafür lässt sich die Aufnahme eines weiteren Bozier anführen, der 1913 bei der Tour de France als Begleitfahrzeug eingesetzt wurde.

Man darf ausschließen, dass der Hersteller dabei ein Fahrzeug zeigte, das älter als ein Jahr war, denn die Tour de France genoss schon damals enorme Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und eignete sich damit hervorragend für Werbezwecke.

Hier haben wir besagten Bozier noch mit Flackühler und steil ansteigendem Windlauf:

Bozier von 1912/13; Quelle

Demnach kann man ausschließen, dass der von den „Boches“ erbeutete Bozier früher als 1913 gebaut wurde – ich würde „um 1914“ bevorzugen.

Diese Datierung bezieht nämlich auch die Möglichkeit ein, dass der Bozier sogar noch in der Frühphase des 1. Weltkriegs gefertigt wurde.

Denn Bozier-Automobile scheinen bis 1915 weitergebaut worden zu sein. Das ergibt sich aus einer britischen Quelle von 1917 – dem „Motor, Marine and Aircraft Red Book“, in dem Typen, Baujahr und Preise von Automobilen, Wasser- und Luftfahrzeugen vieler internationaler Hersteller verzeichnet waren.

Dort findet sich in der Sektion „Motor Cars“ – daraus wurde übrigens erst später „Cars“, als es praktisch kaum noch nicht-motorgetriebene Wagen gab – ein Eintrag zu Bozier-Automobilen. Diese wurden offenbar in Großbritannien über die nach einem walisischen Unabhängigkeitskämpfer benannte „Glendower Motor Company“ vertrieben:

In Großbritannien registrierte Bozier-Stückzahlen ab 1913; aus: „Motor, Marine and Aircraft Red Book 1917“; Quelle: Grace’s Guide

Hieraus sind zumindest die 1914/15 verfügbaren Motorisierungen der Bozier-Autos ersichtlich. Diese reichten von der Kleinwagenklasse mit maximal 12 PS bis hin zur gehobenen Mittelklasse mit immerhin 30 PS.

Ich würde angesichts der moderaten Dimensionen des fraglichen Wagens auf knapp 20 PS Leistung tippen, womit am ehesten der Typ 14/18 PS in Betracht käme.

Ganz werden wir das wohl nicht mehr klären lassen, aber eines ist offensichtlich: Die „Boches“ hatten mit diesem Bozier einst eine Beute gemacht, die sich selbst durch einen unübersehbaren „Dickschädel“ in Form des bulligen Kühlergehäuses auszeichnet – man sieht, auch auf französischer Seite ging es damals nicht immer lässig und elegant zu…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

8 Gedanken zu „Beute der „Boches“: Ein Bozier von 1913/14

  1. Alles bedenkenswert. Für mich ist es dennoch plausibler, bei französischen und britischen Wagen, die mir (bisher) noch nie mit einer deutschen Zulassung begegnet sind, primär von Beutefahrzeugen auszugehen. Die muss es im Westen ebenso massenhaft gegeben haben wie im 2. Weltkrieg und dort sind sie en gros dokumentiert. Auch diese wurden fein säuberlich in den Fuhrpark einbezogen, umlackiert, mit Divisionskennzeichen, Wehrmachts-Nummernschild usw. ausgestattet und tauchen im Kriegsverlauf überall auf…

  2. Vielen Dank auch meinerseits an KD (und ich „oute“ mich jetzt hier auch als „Autoforscher“, da ich das Wissen um die militärischen Zuordnungen dem Feldgrau-Forum zu verdanken habe) denn meine erste Überlegung bezog sich auf das Adlerwappen und somit die Frage, wie ein französisches Auto in hoheitlichen Dienst gelangen konnte : Da half es mir sehr, vom freiwilligen Automobilkorps des kaiserlichen Automobilklubs zu erfahren, wodurch das private Fahrzeug zum Dienstfahrzeug wurde. Somit könnten auch ein britischer Vauxhall oder ein französischer DeDion-Bouton salopp gesagt wie die eigene Zahnbürste in die militärische Verwendung einbezogen worden sein, und erhielten ab Dez.1914 das M.K.III-Kennzeichen sowie das Reichsadlerwappen. Worüber ich jetzt nachdenke, wären das Baujahr, aber auch der Aufnahmeort : Berlin-Schöneberg oder vielleicht doch Aachen … oder gar Lüttich ?

  3. Hallo,
    der Beitrag von 11:38 motiviert mich zu einigen Anmerkungen. Das Kennzeichen MK-III-… Gilt in der Tat für die Stadt Berlin und das Gardekorps, aber zusätzlich für alle anderen Einheiten im III. AK, also Berlin und Brandenburg bis einschließlich der brandenburgischen Gebiete rechts der Oder. Das Kraftfahr-Btl. in Schöneberg war dabei nur eine Einheit, die dieses MK-III Kennzeichen bei Verwendung im Heimatgebiet führte. Der Fahrer ist allerdings ein (einfacher) Soldat der Kraftfahrtruppe, was dafürspricht, dass er entweder dem Schöneberger Kraftfahr-Btl. oder einer seiner Kriegsformationen zugehörig ist und damit auch das Fahrzeug selbst.
    Das von Ihnen erwähnte Wappen/Hoheitsabzeichen wurde am gleichen Tag wie die MK-Kennzeichen eingeführt, am 01.12.1914. Die auf vielen Fotos zu erkennende schablonierten oder frei aufgebrachten Formationsabkürzungen wurden erst ab dem 15.02.1915 verwendet. Das galt in der Heimat genauso wie in der Etappe oder an der Front, also auch für das Kraftfahr-Btl. Da eine solche Formationsbezeichnung auf meinem Foto fehlt, das Wappen aber sichtbar ist, kann man das Aufnahmedatum mit ein wenig Spielraum nach hinten auf zw. 01.12.1914-15.02.1915 eingrenzen. Es wäre also möglich, dass das Fahrzeug als Beute ins Reich gebracht wurde.
    Schöne Grüße,
    KD

  4. Hallo Michael,

    erneut bin ich beeindruckt, was aus deinem „Nischen-Thema“ gemacht werden kann. In deinem Artikel finden sich ja mehr Informationen als in Wikipedia und ein Ende ist nicht in Sicht ! Firmen, die sonst nirgendswo besprochen werden, sind für mich bei dir das Salz in der Suppe.

    Beste Grüße aus Bärlin
    Claus

  5. Fraglich ist, ob es einen Bozier-Vertrieb in Deutschland gab – falls nicht, ist die Beute-These die wahrscheinlichere. Der Reichsadler wurde natürlich auch fern der Heimat akkurat angebracht, dafür gibt es weitere Beispiele solcher beim Gegner einkassierter Wagen.

  6. Zur Frage der Kriegsbeute bin ich im Zweifel, obgleich dieses Fahrzeug das ab Dezember 1914 ausgegebene Kennzeichen M.K.III-501 trug und somit der Heeresverwaltung im Heimatdienst zugeordnet war. Unter den zunächst 8 M.K.-Standorten erhielt das 1911 gegründete Kraftfahrbataillon in Berlin-Schöneberg die römische 3 als Kennung. In Berlin waren aber auch das Gardekorps sowie das freiwillige Automobilkorps des kaiserlichen Automobilklubs stationiert, die sich mit ihren privat erworbenen Fahrzeugen im militärischen Einsatz befanden. Hier sehen wir auf der hinteren Tür ein Wappen mit einem gekrönten schwarzen Adler – es ist der deutsche Reichsadler aus der wilhelminischen Kaiserzeit, und so vermute ich, daß dieser Bozier aus der Île-de-France sich schon vor August 1914 in Berlin befand und ganz friedlich und aus purer Fahrfreude vielleicht bis Zeven, Zittau oder Zoppot kam. Daß die so akkurate Anbringung des Reichsadlerwappens irgendwo zwischen Somme und Marne erfolgt sei, halte ich für unwahrscheinlich, jedoch sieht man hier möglicherweise die Eckwand eines Immobilen Kraftwagen-Depots, in dem gerade eine solche Aufbereitung stattfand – und ob linksseitig eine J.K.D.-Nr. vergeben wurde, bleibt unersichtlich.
    Aus den Daten der Glendower Motor Co. ergibt sich beim 14/18 eine leistungssteigernde Aufbohrung um 4mm – gewiß ist auch dies ein Indiz, daß trotz Kriegssituation weiter produziert wurde, und ebenso klar zeigt das von Articles Lochard gedruckte Plakat ein größeres wie auch moderner gestaltetes Fahrzeug als das auf der Tour de France eingesetzte Flachkühlermodell, dessen Vorderbau mir aber kürzer erscheint als beim M.K.III-501. Auf dem aus der rue de Verneuil stammenden Plakat (wo 1913 auch eines für die Fahrrad-Dreigangschaltung von Sturmey-Archer Comiot entstand) könnte sogar der 20/30 abgebildet sein, der dann jedenfalls denselben „dickschädligen“ Kühlergrill wie der 14/18 besaß … während 1913 als Begleitfahrzeug ein doch kleinerer 12/14 (als Vorgänger des 12/15) diente, dessen unauffällige Kühlermaske der üblichen flachen Form folgte.

  7. Hallo,
    sehr interessant. Danke an Michael Schlenger und Claus Wulff!
    KD

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