Alles, bloß keinen Opel! 1927er Chevrolet Limousine

Mein Verhältnis zur Automarke Opel ist ein gespaltenes.

Das erste Auto, das ich selbst fahren durfte mit etwa 14 Jahren – eine Strecke auf einem Feldweg – war der Opel Kadett meines Paderborner Großonkels, das vergisst man nicht.

Noch heute sehe ich den hellorangenen Wagen der späten 1960er Jahre vor der Garage seines großzügigen Hauses mit dem schönen Obstbaumgarten stehen. Eine nicht sonderlich attraktive Blechkiste war der Kadett, das fiel mir bereits damals auf.

Onkel Ferdinand, den ich nur mit gestärktem Hemd und Krawatte kannte, hätte sich etwas Schickeres leisten können – zumal er als früher Witwer der holden Weiblichkeit sehr zugetan war und auch sonst allem Schönen.

Aber aus irgendeinem Grund hing er an dem Opel, den er rund 20 Jahre lang besaß.

Wirklich schlimm war dann der Kadett D Diesel meiner Mutter, den ich mir als Führerschein-Novize ab und zu auslieh. Ein Schulkamerad, der über den schicken Mercedes 280 CE seines alten Herrn verfügen durfte, spottete zurecht über meinen „Heizöl-Maserati“.

Diese Krücke wurde nur durch den „Omega“-Kombi des Vaters meiner damaligen Freundin übertroffen – die äußere Gestalt ist wie beim Ford „Scorpio“ nicht in Worte zufassen, innen Plastiklandschaften primitiver Machart und fiese Plüschsitze.

Vermutlich war ich zu dem Zeitpunkt schon dadurch verdorben, dass ein Schulkamerad sich als erstes Auto eine Alfa-Romeo Giulia 1600 angeschafft hatte.

Das war Ende der 1980er Jahre zwar schon eine alte Kiste, aber wer einmal mit dem heiseren Klang und der Drehfreude des Doppelnockenwellen-Motors konfrontiert worden war, außerdem mit der beeindruckenden Instrumentensammlung und der knackigen Optik, war für zeitgenössische deutsche Familienkutschen verloren.

Besagte Opels rosteten übrigens alle mindestens so heftig wie die Italiener damals. Für mich war der Fall klar: Alles, bloß kein Opel!

Dass die Rüsselsheimer Firma einst zu den deutschen Oberklasse-Herstellern gehört und höchstes Ansehen genossen hatte, erfuhr ich erst im Zuge meiner Beschäftigung mit den Modellen vor dem 1. Weltkrieg.

Doch auch in der Zwischenkriegszeit sollte es auch noch den einen oder anderen Glanzpunkt geben. Das lernen wir heute am Beispiel eines Chevrolet:

Chevrolet von 1927; Originalfoto aus Familienbesitz (via Joachim Kruse)

Dieses schöne Foto erhielt ich vor einiger Zeit von Joachim Kruse, dessen Großeltern die abgebildete Limousine besaßen. Natürlich wollte er wissen, was für ein Auto das war.

In solchen Fällen helfe ich gern, wenn ich kann. Einzige Bedingung ist, dass ich die Aufnahme im Blog zeigen darf, sofern mich das Foto und der Wagen interessieren.

Nun handelt es sich nicht gerade um eine Rarität, wie wir gleich sehen werden, aber der Wagen ist mitsamt Insassen ausgezeichnet wiedergegeben.

Von der Kühlerpartie sieht man gerade noch genug, um das Auto als Chevrolet von 1927 identifizieren zu können. Nur damals besaßen die Wagen des Ford-Konkurrenten nämlich den „Zipfel“, der mittig von oben in das Kühlernetz hineinragte.

Auch die Scheibenräder und die übrigen Details des Aufbaus passen zu einem Chevrolet des Modelljahrs 1927. Damals überholte man erstmals den Erzrivalen Ford, der mit dem inzwischen veralteten „Model T“ ins Hintertreffen geriet.

Während Ford noch am Nachfolgemodell „A“ arbeitete, machte Chevrolet mit seinem simplen 30 PS-Wagen 1927 das Rennen. Was die Kräfte des Wettbewerbs vermögen – nicht etwa Bonzen, Bürokraten und Bedenkenträger – illustriert dieses Auto.

Chevrolet setzte von dem 1927er Modell weltweit über 1 Million Exemplare ab – eine noch heute unfassbare Zahl, welche Ford klarmachte, was die Stunde geschlagen hatte.

Selbst in Deutschland, wo es damals nur einen winzigen Markt für Automobile gab, fand der 1927er Chevrolet Anklang. Hier haben wir ein Exemplar aus Halberstadt:

Chevrolet von 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der nächste Kandidat findet sich auf der folgenden Aufnahme, diesmal nicht als Tourer, sondern als viertürige Limousine mit Zulassung im Bezirk Chemnitz.

Dem Wagen und dem jungen Herrn begegnen wir gleich noch einmal:

Chevrolet von 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vom selben Wagen gibt es nämlich eine weitere Aufnahme, welche die Ergänzung des Nummernschilds erlaubt.

Das Foto verdient auch sonst die Wiedergabe, obwohl es sich bei dem abgebildeten Fahrzeug nur um ein simpel gestricktes Massenfabrikat handelt:

Chevrolet von 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vermutlich gibt es Dutzende weiterer solcher Aufnahmen von Chevrolets des Modelljahrs aus Deutschland. Aber – und jetzt kommt Opel wieder ins Spiel – warum kaufte man eigentlich hierzulande so einen 1927er Chevrolet?

Klar, in den Staaten war er so spottbillig, dass wirklich jeder ihn sich leisten konnte.

Doch wenn die Angabe in der alten Ausgabe von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ von 2001 stimmt, kostete der Chevrolet in Deutschland anno 1927 als Limousine dasselbe wie ein Opel 7/34 PS, nämlich rund 4.900 Mark.

Der Opel verfügte aber nicht nur über einen kultivierteren Sechszylindermotor mit einigen PS extra, er war dank des weit geringeren Hubraums von nur 1,7 Liter (statt 2,8 Liter beim Chevrolet) auch steuerlich günstiger und weniger durstig.

Ich kann mir neben der vermutlich weit größeren Elastizität des Chevrolet-Aggregats daher nur ein subjektives Motiv vorstellen: „Bloß keinen Opel!“

Nun sind Sie an der Reihe, geschätzte Leser, was die Gründe dafür angeht, weshalb hierzulande etliche Käufer dem von der Papierform unterlegenen Chevy den Vorzug gaben.

Sie können dabei auch gern Ihre ganz anderen Erfahrungen mit neuzeitlichen Opel-Wagen schildern. Denn ganz gleich wie diese auch waren, für mich steht wie für die Chevrolet-Käufer von 1927 eines unverbrüchlich fest: Alles, bloß keinen Opel!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

10 Gedanken zu „Alles, bloß keinen Opel! 1927er Chevrolet Limousine

  1. @ Renate Mayer
    Weiß-gelbe und gelb-schwarze Opel dürften den 70er Jahren entstammen : Kadett GT/E Coupé aus derselben Baureihe wie der Kadett Aero, Manta A und (Irmscher-)Ascona B sowie Commodore B GS/E Coupé, dann mit schwarzem Vinyldach und gelb lackiert.

    @ Michael Schlenger
    Zum Vauxhall muß ich berichtigen : Die Sicken liefen, am Kühlergrill im Viertelkreis beginnend, zur A-Säule spitz aus. Ein erstklassiger Bericht zum Vauxhall 20/60 findet sich hier :

    http://www.vauxpedia.net/vauxhall-r-t-type—20-60-t80-silent-80

  2. Auweia, keine schöne Erinnerung.

  3. Besagter Vauxhall stammte aber noch aus der britischen Tradition vor der Übernahme durch GM.

  4. Danke für diesen tollen Kommentar!

  5. Auch ich habe zum Opel ein zwiespältiges Verhältnis. Zum einen bin ich ein eifriger Sammler von Fotos des Opel 4 PS in all seinen Varianten, zum anderen muss ich bei der Erwähnung des Firmennamens OPEL an den jungen Sohn unseres ehemaligen Nachbarn denken, der sich mit dem Opel GT totgefahren hat.
    KD

  6. Ich finde, Opel hat geniale Autos gebaut. Augenblicklich fahre ich einen Cascada (ein formschönes Cabrio), dazu – für alle Fälle – einen Opel Olympia Cabrio-Limousine von 1952. Davor fuhr ich noch den Opel GT, Kadett Aero und einen sehr flotten Opel in gelb-schwarz, dessen Namen ich vergessen habe. Ich war immer zufrieden, auch der Slogan „Der Zuverlässige“ bewahrheitete sich (eingeschränkt bei dem Olympia). Einmal bin ich abtrünnig geworden und habe einen Audi gekauft – auf Anraten meiner Tochter, die bei einer großen Niederlassung ein Praktikum machte. Es waren noch nicht 50.000 km gefahren, schon war die Kupplung dahin. Als Trostpflaster nach einem Brief an die Geschäftsleitung erhielt ich eine kostenlose Inspektion, nach der ich mich umgehend von diesem Fahrzeug getrennt habe und wieder reumütig zu Opel zurückkehrte, um zumindest auf diesem Gebiet meinen Frieden zu haben!

  7. Die Gelegenheit, einen Manta GT/J 1.8S von 1983 zu fahren, ergibt sich für mich auch wieder, wenn ich erneut 700 km zurücklege. Bei 503.000 km Laufleistung mit dem Originalmotor eine gute Perspektive für weiteren blitzschnellen Genuß !
    Vor 95 Jahren war es vielleicht auch so eine Kleinigkeit wie der Zipfel, der den Gesamteindruck je nach Geschmack pfiffig machte oder störte. Vergleicht man Opel mit der britischen Schwestermarke Vauxhall, so finde ich die sich zur A-Säule hin verbreiternden seitlichen Sicken wesentlich schöner als den Packard-Look mit den strikt senkrechten Abschlüssen einer mittig gewölbten Deckelform. Ein Vauxhall 20/60 wäre somit ganz nach meinem Geschmack gewesen !

  8. Alles, bloß keinen Opel (mehr) – das habe ich mir 1985 geschworen, als mein erster Dienstwagen, ein Opel Rekord E (2,0 l, 74 kW, Baujahr 1980) endlich abgeschrieben war und ich ihn abgeben konnte. Es war mein 13. Auto und ich begann abergläubisch zu werden, was ich aber nicht blieb.

    Die unglaublich vielen Mängel hier zu schildern, ginge viel zu weit. Ich beschränke mich auf drei Vergaserwechsel wegen exorbitanten Benzinverbrauchs bis zu 20,5 l/100 km, drei neue Lichtmaschinen und etwa achtmaliges Liegenbleiben, unter anderem mitten auf dem Frankfurter Kreuz. Ähnliche Erfahrungen haben auch andere Opel-Fahrer gemacht, weshalb meine Aversion gegen die Marke damals kein Einzelfall war.

    Es gab aber noch gewisse Verbindungen zwischen mir und Opel, die mich in meinem Zorn etwas eingebremst haben. Da war zunächst die Automobilfabrik Beckmann in Breslau, die meinem Urgroßvater gehörte und im Jahr 1926 nach 28 Jahren Automobilbau aufgeben musste, und im Jahr darauf – mit allen 150 Beschäftigten – von Opel übernommen wurde.

    Aber das war noch nicht alles, denn mein Schwiegervater war ein alter Opelianer, der ab 1924 sein gesamtes Arbeitsleben in dieser Traditionsfirma verbracht hatte und dessen Großvater war der erste Arbeiter, den Adam Opel nach Gründung seiner Nähmaschinenfabrik eingestellt hatte. Meinen Schwiegervater bedauere ich heute noch, dass er sich meine Kommentare zu der miserablen Qualität meines ersten und zugleich letzten Opel anhören musste.

  9. Den „Manta“ lasse ich auch noch gelten, das war schon eine geniale Kombination aus flottem Auftritt und Großserientechnik.

  10. Vom Ästhetischen her stimme ich beim Kadett D und sogar beim B zu, denn Kadett A und C finde ich viel schöner. Vom Kadett B erinnere ich mich an 2 Exemplare, die auch in den 80er Jahren, also mit 10 oder 15 noch wacker ihren Dienst verrichteten; und bei den größeren Opel gilt meine Begeisterung denen, die nur kurz gebaut wurden oder selten blieben : Olympia-Rekord von 1956, Schlüsselloch-Kapitän P2.5, Rekord B und der parallel zum Kadett B produzierte Fastback-Olympia A mit dem schönen breiten Kühlergrill … und bis heute bedaure ich den Tag, als ich meinen Manta B CC 1.9N Automatic von 1979 letztlich aus Platzmangel hergab, der bis auf die hängende Tankuhr stets zuverlässig seinen Dienst verrichtete und dazu auch eine Menge Fahrfreude bot. Aber das diesjährige Quakenbrücker Oldtimertreffen bot da die schönsten Eindrücke – vom Mercedes 130H über den 56er Olympia-Rekord, Rekord B und Taunus 17m Turnier bis zum Kadett City aus der C-Baureihe vor dem Facelift, als die Blinker unter der Stoßstange waren.
    Ähnlich emotional dürfte letztlich auch 1927 die Entscheidung ausgefallen sein; denn vorteilhaft erscheint eigentlich nur die 4-türige Limousine des Capitol AA, hier als IV-25649 im Bild. Alles, bloß kein Opel – 1927, also noch vor dem 8/40PS hätte ich wegen des Packard-Knicks zugestimmt, und mich für einen Presto oder Chrysler entschieden – oder stünde schon das Modelljahr 1928 an, dann hätte ich in der Sechszylinderklasse den Pontiac gewählt, oder aber von Borsigwalde nach Brandenburg geblickt und den Brennabor Z für 4.600 RM entdeckt. Klassengerecht wäre aber ein Brennabor AL 10/45PS gewesen, jedoch war dieser je nach Aufbau 1300 bis gar über 2000 RM teurer als der Amerikanerwagen.

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