Noch mit Kettenantrieb: Daimler „Mercedes“ von 1910

Die frühen Mercedes-Wagen aus der Zeit vor der Fusion von Daimler und Benz sind recht seltene Gäste in meinem Blog. Das liegt weder an einer Abneigung meinerseits, noch am Mangel an zeitgenössischen Fotos – ganz im Gegenteil.

Ich müsste schön ignorant sein, um Prachtexemplare wie diesen Wagen zu übergehen:

Daimler „Mercedes“ 28/95 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese über 100 Jahre alte Aufnahme von Juni 1922 zeigt einen Typ 28/95 PS, der mit seinem 7,3 Liter großen Sechszylindermotor (ohc mit Königswelle) von 1914 bis 1924 einen Spitzenplatz im Daimler-Programm innehatte.

Das hätte ich vielleicht auch selbst herausbekommen, im vorliegenden Fall machte es mir aber die entsprechende Beschriftung von alter Hand auf der Vorderseite leicht.

Bei anderen dieser frühen Mercedes-Typen komme ich aber kaum über Mutmaßungen hinaus. Gewiss, die zeitliche Einordnung anhand stilistischer Merkmale traue ich mir zu, doch bei der Identifikation des genauen Modells muss ich meist passen.

Das liegt zum einen daran, dass sehr viele Mercedes-Wagen der gehobene Klasse damals hochindividuelle Aufbauten erhielten. Zum anderen fehlt es mir an einschlägiger Literatur, in der die Merkmale der frühen Mercedes-Typen systematisch dokumentiert sind.

Gibt es so etwas überhaupt, möchte ich bei der Gelegenheit in die Runde fragen?

Mir scheint es zwar eine erschlagenden Fülle von zeitgenössischen Fotos zu geben, doch eine wirklich streng chronologische Dokumentation mit Hervorhebung der jeweils typischen Elemente ist mir noch nicht begegnet. Manches Foto scheint auch eher exemplarischer Natur zu sein und es sind Zweifel daran angebracht, ob die Typangabe wirklich sicher ist.

Mich fuchst so etwas, weil ich den Ehrgeiz habe, mich dem Baujahr und dem Modell so genau wie möglich zu nähern. So muss ich heute leider passen, was die Typansprache dieses eindrucksvollen Mercedes angeht:

Daimler „Mercedes“ von 1910; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das Foto ist für die Zeit in ungewöhnlicher Manier aufgenommen – jedenfalls verglichen mit den meist statischen Werksaufnahmen von Daimler aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg.

Diese Aufnahme aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks wäre auch eine Zierde manches Mercedes-Standardwerks – mir ist bloß bislang keines begegnet, das die frühen Modelle wirklich umfassend, attraktiv bebildert und detailliert beschrieben abhandelt.

Wie gesagt: Buchhinweise werden dankend entgegengenommen – es muss doch etwas geben, was dem einzigartigen Rang dieser Marke gerecht wird.

Unterdessen will ich sehen, was sich dem heute vorgestellten Foto „mit Bordmitteln“ abgewinnen lässt. Klaas Dierks konnte mir schon einmal versichern, dass es sich ausweislich der Plaketten um einen Wagen des Kaiserlichen Automobilclubs handelte.

Mit dem Kennzeichen weiß ich allerdings gar nichts anzufangen, der deutschen Konvention entspricht es jedenfalls nicht. Es sieht eher wie eine fortlaufende Nummer aus, was auf eine Verwendung beim Militär hindeuten könnte:

Halten wir uns aber lieber an das, was gesichert ist: Der dreizackige Stern auf dem Kühler taucht erst ab 1909 bei den „Mercedes“-Wagen von Daimler auf. Der Flachkühler wurde ab 1912 durch einen spitzen abgelöst.

Das Entstehungsjahr lässt sich aber noch weiter einengen: Der „Windlauf“, also die nach oben gewölbte Blechpartie zwischen dem hinteren Ende der Motorhaube und der Frontscheibe taucht bei (nicht speziell für Sportzwecke hergerichteten) Mercedes-Wagen erstmals 1910 auf.

Der abrupte Übergang zwischen Motorhaube und Windlauf, der dessen eigentlichem Zweck einer strömungsgünstigen Gestaltung noch nicht ganz gerecht wurde, findet sich bei Automobilen aus dem deutschen Sprachraum in der Regel nur 1910.

Schon ab 1911 ist diese Partie geglättet, wenngleich Haube und Windlauf meist noch kein Ganzes ergeben wie auch an diesem Mercedes:

Daimler „Mercedes“ von 1911; aufgenommen im 1. Weltkrieg an der Morawa

Ab 1912 erhielten die Mercedes-Wagen dann – wie gesagt – einen Spitzkühler und zu diesem Zeitpunkt war bei deutschen Herstellern zudem eine harmonische Einheit aus ansteigender Motorhaube und Windlauf der Regelfall.

Diese Überlegungen lassen mich annehmen, dass der Mercedes auf dem von Klaas Dierks zur Verfügung gestellten Foto sehr wahrscheinlich aus dem Jahr 1910 stammt.

Dummerweise war dies auch ein Jahr des Umbruchs, was die Typen- und Motorenpalette von Daimler angeht. Einerseits lief die Produktion diverser 4- und 6-Zylinderwagen aus, die seit 1907 in Produktion waren, andererseits begann die Produktion ihrer Nachfolger, die durchweg eine größere Leistungsausbeute bei gegebenen Hubraum aufwiesen.

Die Dimensionen des Wagens, speziell die Länge der Motorhaube würden aus meiner Sicht zu Modellen mit 50 bis 75 PS passen. So oder so waren das damals enorme Leistungen, die bereits Geschwindigkeiten von 80-90 km/h ermöglichten, wenngleich die Übersetzungen vor allem auf starken Antritt bei niedrigen Drehzahlen ausgelegt waren.

Nur eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Dieser Mercedes verfügte noch über eine kettengetriebene Hinterachse, wie dieser Bildausschnitt erkennen lässt:

Daimler bot neben dem bereits etablierten Kardanantrieb nach wie vor auch Kettenantrieb an, was den Vorlieben einer konservativen Kundschaft entsprochen haben mag.

Man erkennt die Antriebskette vor dem Hinterrad oberalb des nach unten gebogenen Auspuffrohrs. Das Antriebsritzel befand sich in dem markant gestalteten Kasten vor dem Hinterkotflügel, welcher sich zur Wartung öffnen ließ. Er diente zugleich als Einstiegshilfe für die rückwärtigen Passagiere.

Ein letztes Detail auf diesem Ausschnitt sei noch erwähnt. Der Vorderkotflügel geht hier noch nicht in einem harmonischen Schwung in das Trittbrett über, sondern schneidet dieses rechtwinklig und reicht noch etwas weiter nach unten.

Auch das ist ein Indiz für eine eher frühe Entstehung dieses Daimler, denn solche Kotflügel waren ab etwa 1908 bereits die Ausnahme. Ich bin mir deshalb mit meiner Datierung dieses prachtvollen und gewiss sehr leistungsfähigen Wagens auf 1910 ziemlich sicher.

Jetzt sind aber die Mercedes-Experten an der Reihe, die mir vermutlich einige Fehlschlüsse und -urteile nachweisen und mir – hoffentlich -die ersehnten Literaturinweise geben können!

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

3 Gedanken zu „Noch mit Kettenantrieb: Daimler „Mercedes“ von 1910

  1. Hallo Herr Weingold,
    danke für Ihre Überlegungen. Allerdings waren Schiedsrichter im Manöver immer in Uniform gekleidet. Ihre Neutralität wurde durch das Tragen eines weißen Hut- bzw. Helmbandes signalisiert. Schöne Grüße,
    KD

  2. Auch mit so einem hochmögenden 7kommanochwas großen Mercedes- Wagen könnte Herr Schlenger noch (mit-)fahren im Erzgebirge, müsste sich aber womöglich einen Schnurrbart zulegen !
    Der Wagen war, wie es heißt, im Besitz des von deutschen Volk erdolchten Herrn v. Hindenburg.
    Als Reichspräsident, wenige Jahre später, bekam er sicher von Daimler ein aktuelles Modell gestellt….
    An ihm sehen wir deutlich, daß man bei den zunehmenden Leistungen nicht wusste, wohin mit der für 95 PS erforderlichen Kühlfläche.
    Daher dürfte, Herr Schlenger, meine These zur Einführung der Spitzkühler so abwegig nicht sein: man konnte ja die Kühl- fläche nicht beliebig in die Tiefe vergrößern, da – logisch – die Kühlwirkung mit der durchströmenden, schon erwärmten Kühlluft immer geringer wurde, je tiefer das Netz!
    Rechnen wir nach: ist das Kühlernetz in der Stirnfläche 70 cm breit, so ergibt sich ein Spitzkühlernetz bei 90 Grad Spitzenwinkel 70 x 1,414 = 98,98 cm wirksame Kühlfläche, also gut 40% mehr Kühlwirkung!
    Man halte sich vor Augen, wie das Auto gewirkt hätte, wäre beim Kühlerblock die erforder-liche Kühlfläche auf 100 cm Breite verteilt worden.
    Das ein Spitzkühler den immer schnelleren Autos Dynamik verlieh und daher bald als chick empfunden wurde – unbe-nommen !
    Die sehr viele Details abbildende Aufnahme des zweiten, in seiner
    Gesamtanmutung noch recht schwerfällig wirkenden großmächtigen (Stabs?)- Wagens zeigt m.E. exemplarisch den noch ausstehenden Übergang zur Karosserie „aus einem Guss“.
    Wie zerklüftet die Seitenpartie des offenbar feldmäßig ausgerüsteten Wagens noch daherkommt! Der Aufstieg in den Fond will geübt sein. Nur zu hoffen, daß die Beinmuskulatur des alten Herrn mit dem mächtigen Schautzer seit seiner schon etwas zurückliegenden Zeit als flotter Gardeoffizier zu Pferde noch nicht allzusehr degeneriert war.
    Der Wagen trägt übrigens deutliche Merkmale damals üblicher Nachrüstungen bzw. Modernisierung. Die vorderen Kotflügel zeigen eine rundliche und nach innen geschlossene Formgebung, die gegenüber den hinteren Flügeln deutlich bessere Schutzwirkung gegen
    „Straßenkot“ bietet und eher nachgerüstet wirken. Links vorn
    sehen wir zudem eine offenbar von einem Elektromotor betrie- bene Huppe, die vermutlich
    zusammen mit einem Accellerator später eingebaut wurde, während die el. Notbeleuchtung noch fehlt.
    Hypothese zum Einsatzzweck der „zivilisierten“ Besatzung:
    Bei den großen (Kaiser-)Manövern waren sog. Unparteiische (Schiedsrichter) der eigenen Armee im Einsatz, die naturgemäß in neutraler Kleidung auftraten. Wäre immerhin eine mögliche Erklärung der Situation. Das damals vielleicht sogar „offizielle“ Photographien zur Dokumentation angefertigt wurden, ist immerhin denkbar.
    Die „Schlafmützen“ dienten nicht nur der Erhaltung des stets einwandfreien Glanzes der wertvollen Leuchtkörper sondern auch der Tarnung im Felde, wo außer dem hasserfüllten Auge des Soldaten vor dem Feind nichts glänzen durfte.
    Das letzte Bild von dem „Dux“ , der trotz des altertümlichen Kühlers schon recht fortschrittlich daherkommt, zeigt viele interessante Details wie etwa den in seiner Liefer- verpackung angeschnallten Ersatzreifen oder die in ihrer Machart eher als individuelles Zubehör anzusprechende Frontscheibe. Bemerkenswert sind auch die von oben anstehenden Öler an den vorderen Federköpfen, die einen Filzpfropfen beinhalteten, die ihre Ölfüllung mittels Schwerkraft dosiert an die Schmierstelle abgaben. Das Nachfüllen aus dem Ölkännchen gehörte zum Aufgabenbereich des Chauffeurs vor Fahrtantritt und während der Fahrtunterbrechungen).
    Die Passagiere in ihrer modern zivilen Garderobe – die Herren haben haben sich bereits ihrer Schnurrbart beraubt – lassen auf einen zum Zeitpunkt der Aufnahme gepflegten Gebrauchtwagen schließen.

  3. Hallo,
    bin gespannt, ob noch mehr Informationen zu diesem Wagen hinzukommen, als Michael Schlenger bisher herausfinden konnte.
    Der zweite ins Spiel gebrachte Mercedes diente übrigens als KFZ in der Jäger-Kraftwagen-Kolonne der V. Armee. Auf meinem Foto ist noch zu sehen, dass der Wagen aufgrund des zylindrischen Behälters für den Transport von Gewehren ausgerüstet war, die Insassen aber weder Uniformen der Armee, noch die ab Kriegsbeginn zu tragenden Uniformen des Freiw. Kaiserlichen Automobil-Korps anhaben. Allerdings stellten die Mitglieder des KAC der Armee schon deutlich vor Kriegsbeginn ihre Fahrzeuge bei Mannövern zur Verfügung. Eventuell wurde die Aufnahme während eines solchen Mannövers gemacht. Das Aussehen des Wagens (die KFZ des Freiw. Kaiserl. AC hatten ein spezielles Farbschema während des Krieges) und das Kennzeichen (kein militärisches) sprechen für mich für eine Verwendung vor 1914.

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