Genug zum Glücklichsein: „Selve“-Tourenwagen

Meine Erfahrung ist: Nichts gewinnt die Herzen auf Oldtimer-Veranstaltungen so sehr wie ein sympathisch präsentiertes Vorkriegsauto.

Wenn ich mit meinem Peugeot 202 Pickup auftauche, dessen Äußeres von einem langen arbeitsreichen Autoleben erzählt, dann bleiben Frauen aller Altersklassen fasziniert davor stehen, schauen in den Innenraum, schnuppern, lassen sich davor fotografieren.

Man muss überhaupt nichts über diese Wegbereiter unserer modernen Mobilität wissen, um von ihnen angezogen sein. Die Männer begeistern sich meist für die einfache, offen vor Augen liegende Technik, während sich die Damen eher von den Formen verführen lassen.

Die Krönung ist natürlich, selbst einen Veteranen zu besitzen und zu beherrschen. Psychiater und Lebensberater hassen vermutlich Vorkriegsautos, denn die machen sie offensichtlich arbeitslos:

Veteranenausfahrt 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Diese schöne Situation konnte ich anno 2015 bei einer Veteranenausfahrt festhalten, an der ich als Passagier in einem Cadillac von 1912 teilnehmen durfte (Bildbericht hier).

Dennoch bedarf es keineswegs des Besitzes eines wirklich alten Automobils, um festzustellen: „Genug zum Glücklichsein“ – auch wenn Sie mit etwas Geduld für weniger als 10.000 EUR einen fahrbereiten Vorkriegs-Ford oder einen Austin 7 bekommen.

Nein, die Magie dieser Fahrzeuge überträgt sich bereits beim Betrachten, beim Schrauben daran und sogar dann, wenn man nur noch ein paar alte Familienfotos besitzt, auf denen die Altvorderen mit einem Vorkriegswagen zu sehen sind.

Heute kommt alles zusammen und ich kann versprechen: Es gibt für alle Beteiligten „Genug zum Glücklichsein“. Den Anlass dafür, dass Fortuna ihr Horn so großzügig ausschüttet, gab mir Peter Graß, der mich um die Identifizierung des Wagens auf folgendem Foto bat:

Selve Tourenwagen (wohl 6/20 PS oder 6/24 PS); Originalfoto aus Familienbesitz (Peter Graß)

Der Erste, der hier „Genug zum Glücklichsein“ fand, war ich selbst, denn ein solches Foto findet sich nicht alle Tage.

Der Spitzkühler mit dem schrägliegenden Emblem auf der „Nase“ verriet mir, dass dieser Tourenwagen ein „Selve“ sein muss – ein erst ab 1919 gebautes Fabrikat des gleichnamigen Konzerns, der vor allem für seine Motorenproduktion in Altena (Westfalen) bekannt war.

Die Automobilfertigung von Selve in Hameln währte nur 10 Jahre und die Zahl der Fahrzeuge hielt sich in Grenzen – jedenfalls sind Fotos davon eine Rarität und entsprechend überschaubar ist bislang meine „Selve“-Fotogalerie (mehr Material gibt es hier).

Anhand einiger Details wie der seitlich hinter der Motorhaube angebrachten elektrischen Parkleuchten und der kantig ausgeführten „Schulter“ der Karosserie entlang des Passagierraums würde ich diesen Selve auf Anfang der 1920er Jahre datieren.

Damals kamen nur zwei Modelle in Betracht, der 1,6 Liter-Typ (6/20 PS, später 6/24 PS) und der 2,1 Liter-Typ (8/30 PS, später 8/32 PS). Ich tendiere im vorliegenden Fall zu dem schwächeren Modell (siehe meine Selve-Galerie).

Ein ähnliches Fahrzeug dieses Typs zeigt das folgende Foto aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks, das für uns Vorkriegsfreunde ebenfalls in die Kategorie „Genug zum Glücklichsein“ fällt – denn wo sonst findet man denn so etwas Schönes?

Selve Tourenwagen (wohl 6/20 PS oder 6/24 PS; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Als an hunderten Aufnahmen geschulter Leser meines Blogs werden Sie zwar registrieren, dass die Kühlerpartie, die beiden Griffmulden in der Motorhaube, die Position der Standlichter und die zweigeteilte Frontscheibe übereinstimmen.

Doch die übrige Karosserie ist moderner (will heißen: schlichter) gestaltet. Das gilt vor allem für die erwähnte Schulterpartie, also den oberen Abschluss der Flanke, der hier weniger akzentuiert ausgeführt ist. Der Fahrer kann nun seinen Ellenbogen lässig auflegen.

Mir gefällt der Selve auf dem Foto von Peter Graß aber ebenfalls. Mit seiner Zweifarblackierung wird er in natura markanter gewirkt haben, als es ein Schwarz-Weiß-Foto vermitteln kann.

Hinzu kommt, dass dieser Wagen zum Aufnahmezeitpunkt schon etliche Kilometer auf meist schlechten Landstraßen hinter sich hatte. Das verraten nicht nur einige durch ehrliche Arbeit erworbene Blechverformungen, sondern auch, dass sein Fahrwerk überholt werden musste.

„Woher weiß er das denn jetzt?“, mag sich mancher fragen. Nun, ich bin zwar durchaus für die eine oder andere (mehr oder wenige) plausible Annahme zu haben, aber für eine steile These in Sachen Reparaturbedarf will auch ich Evidenz.

Damit kann ich heute aufwarten, denn Peter Graß hat mir eine zweite Aufnahme des Selve in digitaler Form übermittelt, die nicht nur die gewünschte Beweiskraft hat, sondern vollkommen das Motto „Genug zum Glücklichsein“ zum Ausdruck bringt:

Selve Tourenwagen (wohl 6/20 PS oder 6/24 PS); Originalfoto aus Familienbesitz (Peter Graß)

Kann man das Glück besser zum Ausdruck bringen, das ein Vorkriegsauto vermittelt?

Dieser Mann, der hier wohl ausgeschlagene Buchsen der Vorderrradaufhängung repariert (wer es besser weiß, möge das im Kommentarbereich verraten), ist bei seiner Arbeit ganz bei sich – selten habe ich jemanden so zufrieden und freundlich schauen sehen.

Das leichte Lächeln um die Mundwinkel – der klare, selbstbewusste Blick ins Objektiv – wunderbar. Einem so sympathischen Mann hätte ich jedes Auto abgekauft.

Dieses Foto wäre für sich genommen bereits „Genug zum Glücklichsein“ und jeder geplagten Seele als Zielbild zur Meditation zu empfehlen.

Glücklich machen konnten wir jedoch mit der Identifikation des Selve-Tourers vor allem Peter Graß, dem wir diese schönen Dokumente verdanken. Denn jetzt weiß er endlich, an was für einem Auto sein Vater Hans Graß einst arbeitete!

Der ist übrigens auch auf dem ersten Foto des Selve ganz links zu sehen – dort im feinen Anzug mit Krawatte posierend. Dabei war es gar nicht sein Auto, das er einst reparierte – wem es wirklich gehörte, wissen wir leider nicht.

Aber wenn wir heute etwas gelernt haben, dann ist es die Botschaft aus einer längst vergangenen Welt: „Genug zum Glücklichsein“, das liegt vor allem in einem selbst.

Das alte Blech von annodazumal ist dann eine willkommene Zutat, aber in der genüsslichen Betrachtung liegt ebenso tiefe Zufriedenheit wie im Besitz, meine ich.

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

8 Gedanken zu „Genug zum Glücklichsein: „Selve“-Tourenwagen

  1. Anschaulicher kann man es nicht beschreiben, vielen Dank!

  2. Der nette ( damals noch nicht so) alte Herr Graß war sicher einer, den man sich zum Freund – vielleicht auch Schrauber-„vater“ – gewünscht hätte.
    Er beschäftigte sich während der Aufnahme in „alten Sachen“
    mit der damals häufigsten Instandhaltungs- Maßnahme :
    der Neulagerung bzw. Erneuerung der Achsschenkelbolzen.
    Da diese Schwenklager der gelenkten Vorderräder beim Befahren der damaligen Straßen, holprige,
    mit Schlaglöchern übersähte Wege oder – schlimmer noch
    (für die Schwenklager) – gepflasterte Chausseen mit ihren kurzen, harten Stößen, ständig wechselden Belastungen in allen Belastungsfällen (x-y-z-Richtung) ausgesetzt waren, konnten sie nicht oft genug abgeschmiert werden
    (Empfehlung im Handbuch: nach jeder Fahrt) sonst war baldiger Verschleiß unvermeidlich !
    Herr Groß hat mit dem hierfür benötigten Werkzeug seine Arbeit gerade auf der zweiten Seite beendet und das Ergebnis
    begutachtet: Achsschenkel spielfrei und leicht schwenkbar !
    Wir sehen Austreib- und Einziehdorn für die Buchsen- Rohlinge, Reibahlen und zum vorreiben und feinkalibrieren, die
    unentbehrliche Autozange, den Fetttopf und die Benzinkachel zum Auswaschen, sowie natürlich einen ordentlichen Schlosserhammer!
    Welche Funktion die lange gewendelte Winde hatte ist selbst mir unbekannt, wie ich gestehe….
    Die schöne Ansicht des Achskopfes verleitet zu einem Blick auf die Achsgeometrie:
    Der für die Lenkeigenschaften eines Autos so wichtige „Lenkrollradius“ entsteht durch den Abstand der Punkte, in denen die Mittelachse des Schwenklagers (das Herr Graß gerade erneuerte) und der gedachten Mittellinie (Senkrechte durch die Mitten der Bereifungsquerschnitte) der Räder sich am Boden (also der Aufstandfläche der belasteten
    Radreifen) annähernd treffen .
    Dieser Lenkrollradius bildet also gleichzeitig den Hebelarm, der bei sog. Fahrbahnstößen, also jeder Unebenheit, auf die Lenkung einwirkt und die man durch Schrägstellung des Schwenklagers nach außen minimieren wollte, indem sich die beiden Mittelachsen in Aufstandshöhe nahezu treffen.
    Liefen sie durch einen Punkt war der Rollradius logischerweise Null, dafür aber die maximale Schrägstellung der Schwenklager nötig, was sich auf die Belastung derselben zunehmend ungünstig auswirkt, proportional der Lagerverschleiß. Um dem entgegegen zu wirken sehen wir bei manchen Konstruktionen auch positiven Radsturz (Schrägstellung der Räder nach innen), wobei also die nötige Schrägstellung der beiden auf
    einander zulaufenden Achsen
    aufgeteilt wurde.
    Soweit, so gut – alles kalter Kaffee für alte Hasen!
    Wie sieht’s denn aber bei dem von AUDI vor 40 Jahren „erfundenen“ negativen Lenkrollradius aus?….

  3. Während meines Berufslebens war der Oldie oft die letzte Rettung vor dem Durchdrehen oder Burn-Out – gemütlich eine Stunde auf kleinsten Nebenstrecken durch eine schöne Landschaft tuckern, immer die verchromten Armaturen im Blick. Natürlich mit offenen Fenstern und den
    Geruch von Feld, Wald, Wiesen zu unterschiedlichen Jahreszeiten erfahren,
    gegebenenfalls hieß es eben „warm anziehen“.
    So konnte man den Stress abstreifen und kam beinahe tiefenentspannt nach Hause – und man konnte schlafen, ohne an den Job zu denken.
    Ich dachte mir oft, daß es „Oldtimerfahren auf Rezept“ für gestresste Abteilungsleiter geben sollte …. .

  4. Sehr schön, ich verlinke darauf und gehe bei nächster Gelgenheit auf den 8/40 PS ein.

  5. Zum „sympathisch präsentierten Vorkriegsauto“ kann ich sagen, daß auch mir ggfs. der „weibliche Zugang“ genügt, denn auch wenn es unbewegbar in einer Halle stünde, wären das Betrachten der Formen, der Geruch und der Griff zum Lenkrad schon genug zum Glücklichsein. So kann auch ein 1:18 oder 1:12 kein 1:1 ersetzen, das auch im Falle einer gähnenden Leere unter der Motorhaube mir durch die Wahrnehmung seines Äußeren wie auch des Innenraums in seiner originalen Authentizität schon Freude bereiten würde. Wie ein barockes Möbelstück im Wohnzimmer und mit Tasten auf dem Armaturenbrett wie bei einem gleichaltrigen Röhrenradio – womit man aber ggü. dem Selve schon über 30 Jahre weiter wäre. Pure Ästhetik ohne Klang … unvorstellbar ? Es ganz und mit der kompletten Technik zu erleben – das wäre mir 1925 sogar wichtiger als 1955 – oder anders gesagt, wirkt ein Kapitän schon durch seine opulente, detailreiche Ästhetik, aber mit dem eher karg ausgestatteten Laubfrosch sollte man doch mal auch eine Runde drehen. Verrückt, oder ..?

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