Wem der Titel meiner heutigen Betrachtung auffallend wohlwollend erscheint, dem sei gesagt: Es steckt ein vergiftetes Lob darin, allerdings nicht nur.
Generell stehe ich auf dem Standpunkt, dass wer Spott auf sich zieht, diesen auch ertragen muss – nichts ist kindischer als das rituelle Beleidigtsein der Betroffenen, das den offenen und ehrlichen Austausch in unseren Tagen erschwert bis unmöglich macht.
Die Kommunikationskultur hat durch die Mutation saftiger Meinungsäußerungen, wie sie für Zeugen der Bonner Republik noch zur Würze des Wettstreits zählten, in justiziable Vergehen wie „üble Nachrede“ oder „Beleidigung“ schwer gelitten.
Nebenbei: In den USA gibt es das m.W. nicht – dort darf jeder nach Herzenslust gnadenlos durch den Kakao gezogen werden – so wie bei uns noch zu Zeiten von „Hurra Deutschland„.
Auch in den späten 1920er Jahren pflegte man hierzulande einen zwanglosen Umgang mit lustvollen Beschimpfungen und Überspitzungen.
Legendär sind die Sottisen, welche die gefürchtete Autozeitschrift „Motor-Kritik“ damals gewohnheitsmäßig absonderte, wenn ein Hersteller es ihrer Meinung nach verdient hatte.
Als beispielsweise Wanderer anno 1930 von der schwierigen Wirtschaftslage getrieben, seinem absatzschwachen neuen Sechszylindertyp 10/50 PS einen Neuaufguss des bereits eingestellten 1,5 Liter-Vierzylindermodells 6/30 PS zur Seite stellte, schrieb die Motor-Kritik:
„Als Vierzylinder zum Preis eines Sechszylinders ist der 6 PS-Wanderer „Heute der Wagen von gestern„. Das war zwar bitterböse, aber warum sollten Motorjournalisten auf Empfindlichkeiten von Autoherstellern Rücksicht nehmen?
So frech die Formulierung war, so entbehrte sie keineswegs einer gewissen Fundierung. Der Preisvergleich des „neuen“ alten Wanderer Typ 10 /IV mit dem „Sechszylinder“ bezog sich dabei keineswegs auf den hauseigenen W11 10/50 PS:

Dieser eng an US-Vorbildern orientierte Wagen war ja viel teurer als der vierzylindrige kleine Bruder. Nein, im Hinterkopf dürften die Spötter von der „Motor-Kritik“ neben den stark gefragten US-Fabrikaten auch den Mercedes-Benz 200 mit 6-Zylinder gehabt haben.
Der bot mehr Hubraum, Leistung und Laufkultur – relativ gesehen, denn agil war dieses Gefährt ebenfalls nicht – dabei kostete er nur geringfügig mehr. Als Limousine waren dafür anno 1931 5980 Reichsmark zu berappen.
Mit fast identischem Radstand bot Wanderer seinen W10/IV damals als viertürige Limousine für kaum weniger an: 5.250 Mark musste man für den Vierzylinder auf den Tisch blättern.
Im Gegenzug konnte man sich nach Lieferung des Wagens so präsentieren:

So schön dieses Dokument aus der Sammlung von Leser Matthias Schmidt auch ist – man sieht endlich auch einmal Teile der Innenausstattung – so wenig will sich hier Begeisterung einstellen, was die Gestaltung des Autos angeht.
Gewiss, die neuen Chrom-Scheinwerfer, die Doppelstoßstange und die beim Sechszylindertyp W11 10/50 PS erstmals verwendete Kühlerfigur in Gestalt eines geflügelten W setzten gewisse Glanzakzente.
Doch mit der repräsentativen Erscheinung und dem Prestige selbst des kleinen Mercedes-Benz 200 konnte der sportlich gepreiste Wanderer nicht mithalten.
Die einfallslose Gestaltung der Scheibenräder beispielsweise lässt den Wagen arg simpel erscheinen, übrigens ein Unterscheidungsmerkmal zu frühen Exemplaren des parallel angebotenen W11 10/50 PS.
Doch in einer Hinsicht war der Vierzylinder-Wanderer am Ende doch fast ein kleiner „Daimler“ – wenn diese populäre Bezeichnung für einen Mercedes-Benz erlaubt ist.
Genau dieser 4-türiger Limousinenaufbau, der auf dem Foto von Matthias Schmidt zu sehen ist, wurde nämlich ausgerechnet im Sindelfinger Mercedes-Werk gefertigt.
Die Spötter von der Motor-Kritik hätten zu dieser Idee sicher auch noch etwas zu sagen gehabt, überliefert ist es aber nicht. So denke ich mir einfach etwas in ihrem Sinne aus:
„Der neuinthronisierte, zwischenzeitlich abgesetzte 4-Zylinder-Wanderer bietet jetzt eine Karosserie von Mercedes mit entsprechendem Preisschild, damit es auch jeder merkt. Die Bescheidenheit, welche der Hersteller seinen Kunden traditionell abverlangt, erfordert aber den Verzicht auf Extras wie zwei zusätzliche Zylinder und einen halben Liter Hubraum. Unser Fazit daher: Ein Meisterstück nach dem Grundsatz „Weniger ist mehr“!
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Natürlich war der Wanderer W10/IV 6/30 PS ein Auto, an dem es in der Sache wenig zu beanstanden gab, aber ein bisschen Spaß und Spott muss einfach sein – gerade in Zeiten, in denen es sonst wenig zu lachen gibt…
Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.
Auf den Punkt, danke!
Wer die USA kennt, der weiß daß die Automobile dafür ausgelegt waren, rießige Entfernungen mit einem Minimum an Wartung & Pflege zu überstehen. Außerhalb der Städte half oft nur der Schmied weiter, wenn doch was defekt war.
Von dieser Zuverlässigkeit waren die europäischen Fahrzeuge oft meilenweit entfernt. Dazu kam ein Komfort, der auf diesen Strecken auch nötig war.
Das Ganze auch noch deutlich preisgünstiger, als „Deutsche deutsche Autos“ kaufen sollten.
Danke wieder einmal für die interessanten Ergänzungen. Noch zum frugalen Innenraum: Dass Wanderer diesbezüglich eigentlich schon weiter war, zeigte sich beim parallel angebotenen 6-Zylinder, der innen nach US-Vorbild eingerichtet war. Er hatte auch schon Scheibenfelgen, die raffinierter gestaltet waren als beim W10/IV – das ging also. Der entscheidende Punkt für die Wanderer-Vierzylinder-Klientel waren vermutlich trotz des immer noch hohen Anschaffungspreises die geringeren Unterhaltskosten dank des sparsameren und steuerlich günstigeren 1,5 Liter-Motors. Wer darauf nicht achten musste, kaufte sich damals in Deutschland einen 6-Zylinder und da machten vor allem die Amis ein Riesengeschäft, deren Autos natürlich genauso zuverlässig und langlebig waren – viele davon fuhren bis in die 50er Jahre in Ostdeutschland.
Allerdings – das macht auch den Reiz des Fotos aus. Und natürlich war damals auch der spartanische kleine Wanderer etwas Exklusives, auf das man stolz sein durfte.
Na ja – Innen-„Ausstattung“ ist schon fast übertrieben, waren doch die kleinen Säckchen an den Türverkleidungen das einzige , was mit Ausstattung gemeint sein konnte. Die winzigen 60 mm- Instrumente konnten nur mit der Lupe abgelesen werden .
Ansonsten lag die Dauerhaftigkeit so eines Wanderer- Wagens in der Qualität der verwendeten Materialien und Beschäge.
Die umfangreiche Kledage von Tante Ilse verdeckt hier allerdings das Entscheidende: den unter ihrem Gewicht verformen Federkern, der entscheidend für sicheren und doch bequemen Aufenthalt während der Fahrt war.
Der Ruf der Wanderer- Produkte
leitete sich aber vor allem aus der damals unübertroffenen Qualität und Langlebigkeit der
Mechanik her.
Und so hatte der Wanderer- Wagen seinerzeit seine Haupt- Klientel in der Kaufmannschaft und soliden Geschäftswelt, wo
man Preis-„würdigkeit“ schätzte
– vor allem wenn es um den eigenen Geldbeutel ging!
Keinesfalls einfallslos ist die Gestaltung der Räder . Es handelt sich vielmehr um einen großen Fortschritt beim Bau von
leichten, billigen und trotzdem stabilen und für höhere Geschwindigkwiten geeignete
Autoräder! Die zuerst nach dem Weltkrieg aufgekommenen „Stahlscheiben“- räder mit glattem, fast ebenen Nabentopf
waren noch sehr anfällig gegen seitlichen Verzug durch quer zur Fahrtrichtung wirkende Kräfte und konnten sich deshalb wegen
Ihrer Billigkeit nur in der Kleinwagen- Klasse ( s. CITROEN
5 C V / OPEL Laupfrosch ) durchsetzen.
Erst die zunehmende Profilierung der gepressten oder gerollten (gedrückten) Töpfe schaffte hier die nötige Stabilität
bei mit zunehmend stärkerer Profilierung abnehmender Blechdicke.
Zumal sehen wir hier noch die damals gängige Verzierung der
Radscheiben durch umlaufende
Farbringe. Wie alle „Nadel- streifen“ , die hier auch Gürtel- linie und Haubenlamellen zieren,
wurden sie (meist von Frauen)
mit ruhiger Hand und Schlepp-
Pinsel gezogen.
Zur Zeit meiner Kindheit waren meine Großeltern mit der alten Freu’n Werner befreundet, die mir 1969, als ich begann mich
für „alte“ Autos zu interessieren,
erzählte, sie wäre mit ihrer Zwillingsschwester die ersten
Frauen gewesen die in München die Ausbildung zu Kraftfahrerinnen absolviert hatten – 1920 !
Selbstverständlich begleitet von der Bemerkung: “ mir ham an Wanderer g’habt“ .
Sie schaffte dann auch noch die
damals noch fast unglaublichen
100 !
Der Dame scheint der Wagen jedenfalls zu gefallen. 🙂