Rundum glücklich: Wanderer W11 Pullman-Limousine

Zugegeben: Für die Freunde exotischer Vorkriegsautomobile habe ich in meinem Blog nur hin und wieder etwas zu bieten. Diese Fraktion wird am ehesten in der Rubrik „Fund des Monats“ glücklich.

Doch mir geht es um mehr als nur die Wagen, ihre Technik und Aufbauten. Mich fasziniert die Art und Weise, wie die Besitzer und Insassen einst ihre vierrädrigen Gefährten erlebten und diese (oft auch sich selbst) fotografisch festhielten.

Was dabei an wunderbaren Zeitdokumenten herauskommen kann, das lässt sich anhand eines Fahrzeugs zeigen, das zwar ein ausgezeichneter Vertreter des deutschen Automobilbaus der späten 1920er Jahre war, aber gewiss nicht spektakulär.

Mit dem Typ, um den es heute geht, haben wir schon mehrfach Bekanntschaft gemacht – es ist das erste Sechszylindermodell der sächsischen Marke Wanderer, der Typ W11 10/50 PS.

Hier ein Foto aus meiner Sammlung, das ich vor längerem vorgestellt habe und das perfekt zum heutigen Thema passt: „rundum glücklich“!

Wanderer W11 10/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dem 1928 vorgestellten Typ W11 10/50 PS ließ die bis dato konservative Marke Wanderer erstmals die Kleinwagentradition hinter sich, die vor dem 1. Weltkrieg mit dem „Puppchen“ begonnen hatte.

Dass man diesen Schritt von sich aus nicht gegangen wäre, merkt man der damaligen Verlautbarung von Wanderer an, wonach der Wunsch des Publikums nach mehr Komfort, schaltarmem Fahren und größerer Laufkultur „von Amerika diktiert“ worden sei.

Unglücklicher kann man sich kaum über die eigene Kundschaft äußern, die man hier als manipulierte Opfer von US-Reklame darstellt. Auf die Idee, dass die Hersteller aus den Staaten schlicht in der Lage waren, den hierzulande anspruchvoller werdenden Autofahrer zu bieten, was diese wollten, kam man nicht.

Ab Mitte der 1920er Jahre musste die deutsche Autoindustrie auf die harte Tour lernen, dass ihre oft kaum über den Stand der Vorkriegszeit hinausgekommenen Modelle von gestern waren – die Kunden verlangten immer selbstbewusster den Stand der Technik.

Und mit dem W11 10/50 PS bewies Wanderer, dass man durchaus liefern konnte, was verlangt wurde – sowohl technisch als auch in formaler Hinsicht. Dass die Käufer mit dem Ergebnis rundum glücklich waren, das beweist die Fotoserie, die ich heute vorstellen darf.

Sie ist Leser Uwe Sulger zu verdanken, der mir eine Reihe von Fotos zur Verfügung gestellt hat, die den Wanderer W11 10/50 PS seiner einst in Konstanz lebenden Großeltern zeigen.

Bei der Auswahl der schönsten Aufnahmen aus dieser Reihe stellte ich nicht nur fest, dass der Wagen eine spezielle Variante war, die ich bisher noch nicht dokumentiert hatte, sondern auch, dass sich das Modell quasi aus 360-Grad-Perspektive zeigen lässt.

Als Einstieg habe ich mich für dieses Foto entschieden, das die repräsentative Frontpartie des Wanderer W11 10/50 in ihrer ganzen Pracht zeigt:

Wanderer W11 10/50 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (via Uwe Sulger)

In formaler Hinsicht hatte Wanderer hier alles richtig gemacht. Natürlich kam man am Vorbild der damals führenden „Amerikaner“-Wagen nicht vorbei – die Doppelstoßstange und die senkrechten Kühlerlamellen künden deutlich davon.

Doch mit dem neuen Flügelemblem auf dem Kühler und den einzigartigen elektrischen Fahrtrichtungsanzeigern setzte man durchaus eigene Akzente, die einen solchen Wanderer auf Anhieb erkennbar machten.

Wie so oft auf derartigen Fotos ist es hier die junge Dame, die das technische Objekt mit seiner strengen Symmetrie in Bezug zum Menschen setzt, dem es diente. In Gedanken versunken blickt sie in das Tal hinab, an dessen Rand entlang eine schmale Straße führt.

In solcher stillen Kontemplation wohnt das Glück des Augenblicks, für einen Moment in seinem Streben innezuhalten und sich ganz der Natur zuzuwenden, deren Teil wir bei allem Erfindungsgeist und aller Rastlosigkeit sind und bleiben.

Rundum glücklich scheinen aber auch die beiden Grazien gewesen zu sein, die bei einer anderen Gelegenheit denselben Wanderer zur bloßen Staffage machen:

Wanderer W11 10/50 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (via Uwe Sulger)

Dokumente wie dieses sind für mich die reine Freude – sie machen die Faszination der völlig anderen Ästhetik von Vorkriegsautos anschaulich, mit keinem modernen Automobil ließe sich so etwas in Szene setzen.

Beinahe übersieht man hier zwei Details, die diesen Wanderer von allen anderen Exemplaren desselben Typs abheben, die ich bislang vorstellen konnte.

Das eine sind die Stahlspeichenräder, die es nur einige Monate lang gab – von der offiziellen Einführung des Typs im November 1928 bis zum Frühjahr 1929, als sie Scheibenräder wichen.

Das andere sind die seitlich hinter den Vorderkotflügeln montierten Ersatzräder. Laut Literatur (Erdmann/Westermann: Wanderer Automobile, Verlag Delius-Klasing, 2. Auflage 2011, S. 115) waren sie der Pullman-Limousine vorbehalten.

Diese auf verlängertem Chassis angebotene, geräumige Karosserie wurde eigentlich erst ab Mitte 1929 von der Firma Hornig in Meerane gefertigt. Hier haben wir entweder eine sehr frühe Version vor Wegfall der Speichenräder im Frühjahr 1929 vor uns oder einen Pullman-Aufbau eines anderen Herstellers (evtl. Ambi-Budd oder Reutter).

Wie dem auch sei, mit dem Aufbau scheint man einst rundum glücklich gewesen zu sein, wenngleich sich mitunter die Technik den Straßenverhältnissen geschlagen geben musste, wie auf diesem spätwinterlichen Foto desselben Wagens:

Wanderer W11 10/50 PS Pullman-Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (via Uwe Sulger)

Dieses reizvolle Dokument unterstreicht zum einen, wie austauschbar die Heckpartien der damaligen Aufbauten waren, zum anderen, wie wichtig die Kenntnis kleiner Details ist, wenn man in solchen Fällen dennoch zumindest die Marke identifizieren will.

So sind hier auf dem Vorderkotflügel die markanten Fahrtrichtungsanzeiger zu sehen, die es so nur bei Wanderer gab und die Pendants am Heck besaßen. Sie leuchteten beim Abbiegen auf der linken oder rechten Seite, blinkten aber noch nicht.

Dabei handeltes es sich um eine der wenigen Innovationen von Wanderer haben, leider blieb es dabei, sodass die unästhetischen Winker vorerst das Regiment übernahmen.

Der auf obiger Aufnahme leere Kofferträger am Heck begegnet uns auf der nächsten Aufnahme wieder, nun aber mit Kofferaufsatz für Fernreisen:

Wanderer W11 10/50 PS Pullman-Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (via Uwe Sulger)

Dieses Foto ist eindeutig im Süden entstanden – möglicherweise in Italien, wohin die Großeltern von Uwe Sulger mit ihrem Wanderer einst ebenfalls fuhren. Leider konnte ich den Ort bislang nicht identifizieren, obwohl der parkähnliche Platz mit der Viktoria-Statue recht markant ist. Erkennt jemand die Situation wieder?

Dass die Qualität dieser Aufnahme deutlich hinter den bisherigen Fotos zurückbleibt, könnte damit zusammenhängen, dass sich der Könner mit Kamera und Stativ gerade vom Wanderer entfernt…

Doch auf der nächsten und letzten Aufnahme dieser Pullman-Limousine des Typs W11 10/50 PS scheint er wieder tätig geworden zu sein – und so ein Foto zum Abschluss einer 360-Grad-Besichtigung des Autos macht wirklich rundum glücklich:

Wanderer W11 10/50 PS Pullman-Limousine; Originalfoto aus Familienbesitz (via Uwe Sulger)

Ich muss sagen, dass ich bislang wenige Fotos von Amateuren jener Zeit gesehen habe, die technisch so hervorragend und von der Wirkung so phänomenal sind.

Sicher, man registriert den schönen Wanderer, vergleicht vielleicht kurz das Nummernschild (identisch mit dem auf den bisherigen Fotos), doch dann zieht einen wieder das ungleiche Paar daneben in den Bann.

Sie in raffinierter Pose der Kamera zugewandt in einem figurbetonten Kleid, zu dem man heute schwerlich Vergleichbares finden wird. Er dagegen mit den Gedanken woanders im praktischen hellen Reisemantel, sichtlich zufrieden.

So darf man sich zwei in diesem Moment auf ihre Weise glückliche Menschen vorstellen. Die Tatsache, dass im 21. Jahrhundert niemand mehr mit aktuellem „Material“ solche Aufnahmen machen kann, ist ein Grund dafür, dass es diesen Blog gibt.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Barbaren in Bozen: Wanderer W10-IV Limousine

Eines muss ich meinem heutigen Blog-Eintrag vorausschicken: Die „Barbaren“, um die es geht, waren einst Landsleute aus Chemnitz in Sachsen und es liegt mir fern, sie in ein negatives Licht zu rücken.

Im Gegenteil genießen sächsischer Erfindungsgeist und Selbstbehauptungswille meine Sympathie – von beidem würde ich mir in unserer Republik mehr wünschen. Insofern sind die barbarischen Invasoren aus dem Norden augenzwinkernd zu verstehen.

Wie ernst die Titulierung der nördlichen Nachbarn als Barbaren in der Zeit gemeint war, in der der heutige Fotofund auf italienischem Boden entstand, ist schwer zu sagen. Die Neigung der Italiener zu opernhafter Übertreibung ist dabei in Rechnung zu stellen.

Beginnen wir mit der Örtlichkeit, an sich der italienische Faschismus – im Kern eine vom marxistisch geschulten Benito Mussolini erfundene nationale Spielart des Sozialismus – selbstbewusst in die Nachfolge des Römischen Reichs stellte:

Chrysler 65, Modelljahr 1929; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die lateinische Inschrift auf dem Triumphbogen, der 1928 im vormals österreichischen Bozen eingeweiht wurde, bringt zum Ausdruck, dass die Italiener die „übrigen Völker“ einst „gründlich kultiviert“ haben – im Hinblick auf „Sprache, Gesetze und Künste“.

Diese Aussage der zweiten Zeile ist bewusst doppeldeutig gehalten. Zum einen verweist sie auf die zivilisierende Wirkung der antiken römischen Kultur in Europa, die über Jahrhunderte Bestand hatte und bis heute fortwirkt.

Zum anderen ist ein direkter Gegenwartsbezug gegeben. Denn dieselbe zivilisierende „Leistung“ nahm Italien mit der Annexion alten österreichischen Region Südtirol nach dem 1. Weltkrieg für sich in Anspruch, also wenige Jahre vor Errichtung des Monuments.

Die deutschen Reisenden, die hier ihren schicken Roadster des Typs Chrysler 65 von 1929 ablichteten, wussten entweder nicht um die Botschaft auf dem Bogen oder sie nahmen sie nicht ernst (was Österreichern damals vermutlich schwergefallen wäre).

Jedenfalls scheint sich die Örtlichkeit mit dem im neoklassizistischen Stil der Zeit gehaltenen, durchaus gekonnten Bau bei Touristen aus dem Norden einer gewissen Beliebtheit als Fotomotiv erfreut zu haben.

So habe ich kürzlich ein Foto erworben, das ein weiteres Auto aus dem „unzivilisierten“ Germanien an fast derselben Stelle zeigt, nämlich dieses hier:

Wanderer W10-IV Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dem Foto fehlt zwar die Raffinesse der Aufnahme des Chrysler, dennoch ist sie ein schönes Zeugnis der Italienliebe der Deutschen, die ich nebenbei seit Jahrzehnten teile, und für die man manche Strapazen auf sich nahm.

Bereits die Besitzer des Chrysler hatten rund 850 Kilometer hinter sich, als sie ihren Roadster bei strahlendem Sonnenschein in Bozen aufnahmen. Kaum weniger fordernd dürfte die Anreise für die Insassen der Limousine gewesen sein, die wir hier sehen:

Dem Kennzeichen nach zu urteilen, stammte dieser Wagen aus dem Raum Chemnitz, was bedeutet, dass er rund 700 km absolviert hatte, um in die Hauptstadt der nunmehr italienischen Region Südtirol zu gelangen.

Auch wenn das Auto unscharf abgebildet ist, fällt die Identifikation von Marke und Typ nicht schwer. Schemenhaft erkennt man das geflügelte „W“ auf dem Kühler, seit 1928 das Markenzeichen der soliden Wanderer-Mittelklassewagen aus Chemnitz.

Die Gestaltung der Kühlerpartie mit senkrechten Lamellen und Doppelstoßstangen ist typisch für das relativ preisgünstige, dennoch luxuriös daherkommende Modell W10-IV mit 30 PS-Vierzylindermotor, das während der Wirtschaftskrise 1930-32 gebaut wurde – hier ein Vergleichsfoto aus meiner Sammlung:

Wanderer W10-IV 6-30 PS; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

So detailreich diese Aufnahme der Frontpartie hier auch ist (siehe zugehörigen Blog-Eintrag), so lässt sie ein Element vermissen, das die unschärfere Aufnahme aus Bozen zeigt und das eine präzise Datierung des dort fotografierten Wagens erlaubt.

Denn dort ist zu erkennen, dass der Wanderer große Chromradkappen besitzt – die wurden aber erst im letzten Produktionsjahr 1932 eingeführt. Demnach kann das Bild frühestens in jenem Jahr entstanden sein, wahrscheinlich aber erst etwas später.

Damit steht diese Aufnahme unfreiwillig für die Zeitenwende im deutsch-italienischen Verhältnis, die 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland unter einem aus Österreich stammenden Freund Mussolinis begann.

In vielem gab der Operettenstaat Mussolinis das Vorbild für die nationalsozialistische Ästhetik in Deutschland ab. Wer sich schon immer gefragt hat, woher die nicht gerade germanisch wirkenden NS-Adlerstandarten stammten, findet hier die Antwort…

Im Vergleich ist festzustellen, dass die italienische Spielart eines nationalen Sozialismus eher harmlos ausfiel – so wird Mussolini im heutigen Italien vorwiegend mit dem Ausbau der Infrastruktur assoziiert, auch der Bogen in Bozen steht noch.

Dagegen muss man leider den deutschen Nationalsozialismus als eine Barbarei qualifizieren, mit der sich Deutschland als einstiger Kulturträger aus der Geschichte verabschiedet hat. Dafür genügte die Zustimmung einer fanatischen Minderheit, das Mitläufertum vieler Mitbürger und die bis heute fortwirkende naive Verehrung von „Vater Staat.

Vielleicht liegt in dem chauvinistischen Spruch auf dem Triumphbogen in Bozen doch ein Körnchen Wahrheit: Die Wanderer aus dem Norden werden südlich der Alpen (wenn überhaupt) für ihr Geld geschätzt.

Wohl nur mit Rücksicht auf die Interessen der Tourismusbranche verzichtete man einst auf die ursprünglich geplante Bezeichnung der „übrigen Völkerschaften“ auf dem Triumphbogen als Barbaren

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Ein Schritt vor, zwei zurück: Wanderer W10-IV

Es ist nicht lange her, dass ich hier die vier Modellgenerationen des Vierzylindertyps W10 der sächsischen Marke Wanderer vorgestellt habe. Die Geschichte dieser Typenfamilie erstreckt sich von 1926 bis 1932 – und ist nicht ganz einfach.

Den letzten Vertreter dieses Typs – den Wanderer W10-IV – hatte ich seinerzeit aus Zeitgründen nur gestreift. Dabei verdient auch er eine nähere Beschäftigung, steht er doch für Fortschritt und Rückschritt bei Wanderer zugleich vor 90 Jahren.

Als Ausgangspunkt habe ich ein Foto seines Vorgängers gewählt, das mir Leser Matthias Schmidt aus Dresden zur Verfügung gestellt hat. Es ist nicht nur von besonderer Qualität, sondern eignet sich hervorragend als Basis, von der aus sich die weitere Entwicklung nachvollziehen lässt, die ich mit „Ein Schritt vor, zwei zurück“ umschreiben möchte:

Wanderer 6/30 PS (Typ W10-III) Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Aus dieser Perspektive lassen sich alle Merkmale studieren, die den Wanderer W10-III mit Motorisierung 6/30 PS ab Herbst 1928 auszeichneten:

zwei Felder mit schmalen vertikalen Luftschlitzen in der Motorhaube,

– Scheinwerfer mit trommelförmigem Gehäuse

– Scheibenräder mit vier Radbolzen

Wie die Vorgängervarianten W10-I bis W10-III besaß der Wagen einen schlichten Kühler mit dem 1926 eingeführten weiß-blauen Markenemblem, dessen Grundform noch aus dem Jahr 1912 stammte.

Auch die Fahrtrichtungsanzeiger auf den Kotflügeln und mittig vor dem Kühler, die bei Betätigung permanent leuchteten (nicht blinkten) behielt Wanderer beim W10-III bei:

So hatte sich übrigens schon der Wanderer W10-II mit der stärkeren Motorisierung 8/40 PS präsentiert, der jedoch nur kurze Zeit hergestellt wurde.

Er wurde nach weniger als zwölf Monaten zugunsten des neuen Sechszylindertyps W11 aufgegeben. Gleichzeitig behielt der W10-III die Rolle als Einstiegsmodell bei, nun aber – wie gesagt – im Erscheinungsbild des eingestellten stärkeren W10-II.

Komplizierte Verwandschaftsverhältnisse wie diese sind typisch für die Autos von Wanderer.

Meines Wissens ist es erst dem Autorenduo Erdmann/Westermann im Standardwerk „Wanderer-Automobile“ (Delius-Klasing) gelungen, die Typengeschichte der Marke voll zu erfassen. Die ältere Literatur zu Wanderer ist mit Vorsicht zu genießen.

Der erwähnte Sechszylindertyp W11 mit Motorisierung 10/50 PS sollte im Herbst 1928 nicht nur dem W10-II mit 40 PS den Garaus machen. Anfang 1929 beschloss man, trotz sich bereits eintrübender Konjunktur auch den W10-III mit 30 PS auslaufen zu lassen und alles auf die Sechszylinderkarte zu setzen.

Fortan sollte also nur noch der größere, aber auch erheblich teurere Wanderer W11 mit Motorisierung 10/50 PS gebaut werden. War die viertürige Limousine beim Vierzylindertyp W10-III für zuletzt 6.550 Reichsmark zu haben, mussten für den gleichen Aufbau beim neu eingeführten Sechszylinder W11 fast 8.000 Mark berappt werden.

Bei diesem happigen Preisaufschlag half auch die deutlich luxuriösere Anmutung des an amerikanischen Vorbildern orientierten Wanderer W11 wenig:

Wanderer W11 10/50 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Sieht man von dem im April 1929 eingeführten neuen Wanderer-Flügelemblem auf dem Kühler ab, könnte diese Limousine auch als einer der „Amerikanerwagen“ durchgehen, die Ende der 1920er Jahre ungeheuer erfolgreich am deutschen Markt waren.

Rasch stellte es sich als kapitaler Fehler heraus, mit den damals kaum zu schlagenden US-Sechszylindermodellen konkurrieren zu wollen. Noch vor dem Kurseinbruch an den Börsen im Oktober 1929 war der Absatz des W11 10/50 PS drastisch zurückgegangen.

In der sich anbahnenden Weltwirtschaftskrise verloren nicht nur weite Teile der Bevölkerung ihre Arbeitsplätze, auch die Vermögenden büßten einen Großteil ihres auf Aktienbeteiligungen beruhenden Wohlstands ein.

Der Markt für teure Kopien amerikanischer Sechszylinder aus deutscher Produktion verflüchtigte sich damit binnen kurzem. Wanderer reagierte auf die existenzbedrohende Lage rasch und durchaus erfolgreich.

So reaktivierte man den eingestellten Vierzylindertyp 6/30 PS und verbaute ihn technisch unverändert im Wanderer W10-IV, der freilich äußerlich erheblich aufgewertet wurde und trotz etwas geringerer Abmessungen so luxuriös wirkte wie der teure Sechszylinder.

Nun erhielten die Käufer das, was man von Anfang hätte anbieten sollen, um sich von den Amerikanern abzuheben: Bezahlbare Vierzylinder – optisch attraktiv verpackt.

Mit dem in großer Eile entwickelten Typ W10-IV mit der vertrauten Motorisierung 6/30 PS bot Wanderer ab Herbst 1930 ein sehr ansprechendes Automobil an. Auf der folgenden Aufnahme von Leser Marcus Bengsch wirkt der Vierzylinderwagen geradezu luxuriös:

Wanderer W10-IV Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Bei dieser Frontpartie, die nichts mehr mit der des gleichstarken (oder schwachen) Vorgängers W10-III gemeinsam hat, leisteten die Gestalter von Wanderer ganze Arbeit.

Die nunmehr vollverchromte (zuvor vernickelte) Kühlermaske verfügt über senkrechte Lamellen und zwei geprägte Felder oben und unten, in denen sich die Lamellen optisch fortsetzen und so einen höheren Kühler (und damit stärkeren Motor) suggerieren.

Die Abdeckung der Aufnahme für die Starterkurbel (die dank elektrischen Anlassers nur noch im Notfall zum Einsatz kam) ist recht groß geraten und nun ein eigenständiges dekoratives Element – wesentlich ausgeprägter als beim großen Sechszylindertyp W11.

Neu ist auch die Doppelstoßstange nach US-Vorbild. Bei den Vorgängertypen des W10-IV scheinen Stoßstangen werksseitig nicht einmal als aufpreispflichtiges Zubehör verfügbar gewesen zu sein.

Mittlerweile hatte man aber seine Lektion gelernt und bot den Kunden, was sie haben wollten, gleich ab Werk. Vor lauter Chrompracht übersieht man leicht ein weiteres neues Detail, das jetzt rautenförmige Markenemblem auf dem Kühler:

Das noch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg stammende Wanderer-Emblem, zuletzt in weiß-blauer Ausführung, war einer modernisierten Fassung gewichen, die nun in den sächsischen Landesfarben Weiß und Grün gehalten war.

Es verblasst freilich neben der stilisierten Flügelfigur auf dem Kühlerverschluss, deren Wiedererkennungswert den des Emblems bei weitem übertrifft. Diese meisterlich gestaltete Figur entsprang einem Entwurf des Wanderer-Vertriebschefs von Oertzen, in punkto Vermarktung einer der einfallsreichsten Köpfe in der deutschen Autoindustrie.

Außerdem fällt auf, dass die auf den Kotflügeln angebrachten Fahrtrichtungsanzeiger der Vorgängertypen beim Wanderer W10-IV den gängigen Winkern an den Scheibenpfosten gewichen waren.

Am Wagenende auf der rechten Seite sieht man außerdem eine Sturmstange – untrügliches Zeichen für eine Cabriolet-Ausführung, wie sie vor allem Gläser aus Dresden lieferte. Allerdings sind auch offene Aufbauten anderer Hersteller bekannt.

Das Nummernschild des Wagens verweist auf eine Zulassung im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Baden. Erkennt jemand vielleicht den Ort, wo einst diese reizvolle Aufnahme eines Wanderer W10-IV entstand?

Festzuhalten bleibt, dass Wanderer mit der neugestalteten Frontpartie des Wanderer W10-IV Anfang der 1930er einen wichtigen Schritt nach vorn machte.

Die Wiederbelebung des Vierzylinders 6/30 PS mag man zwar gegenüber dem Sechszylindertyp 10/50 PS als „zwei Schritte zurück“ interpretieren, doch manchmal sichert einem vorübergehender Verzicht das Überleben.

Analogien zum Geschehen in unseren Tagen sind nicht ganz zufällig. Dazu gehört allerdings auch, dass man rechtzeitig wieder auf den alten Entwicklungspfad zurückkehrt, denn die ausländische Konkurrenz schläft nicht.

Und so stellte auch Wanderer noch während der Phase der wirtschaftlichen Depression die Weichen für eine Rückkehr zur Sechszylinder-Laufkultur – mit gleich zwei Typen (W15 und W17). Die Konstruktionen stammten von Tausendsassa Ferdinand Porsche, der zuvor bei Steyr tätig war und auf das dort gesammelte Knowhow zurückgreifen konnte.

Das ist aber eine andere Geschichte, für die mir noch das historische Bildmaterial fehlt…

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Begleiter durch dick und dünn: Wanderer W23/24

Nach meinem gestrigen Blog-Eintrag, der sich mit einem Brennabor aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg befasste, mache ich einen Zeitsprung von einem Vierteljahrhundert. Wieder befinden wir uns am Vorabend eines Weltkriegs, dessen Beteiligte im Wesentlichen dieselben sein sollten wie zuvor.

Ausgehend vom Jahr 1937 verfolge ich das Schicksal des damals neu vorgestellten Mittelklassewagens Wanderer W24 und seines Sechszylinder-Schwestermodells W23.

Der sächsische Traditionshersteller Wanderer – seit 1932 Teil des Auto-Union-Verbunds – hatte den beiden neuen Typen ein für die konservative Marke ungewöhnliches Äußeres verpasst, das US-Vorbilder zitierte, aber die gewohnte Eleganz vermissen ließ.

Auf folgender Aufnahme wird dies durch das Erscheinungsbild des einstigen Besitzers wettgemacht, der sich hier in geschmackvoller sommerlicher Kleidung hat ablichten lassen:

Wanderer W24, Baujahr: 1937/38, aufgenommen 1939; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während die Limousine des Vierzylindermodells W24 (1,8 Liter, 42 PS) von Wanderer selbst gefertigt wurde, entstand das hier zu sehende Cabriolet mit Zweifarblackierung im Zwickauer Horch-Werk.

Details wie die mittig unterteilte, gepfeilte Frontscheibe ließen die offene Variante sportlicher aussehen als die biedere geschlossene Version.

Übrigens verraten die vorderen Dreiecksfenster, dass wir es nicht mit der äußerlich sonst fast identischen Sechszylinderversion W23 zu tun haben. Ab 1939 verschwand dieses Detail aber auch beim W24, sodass wir diesen Wagen auf 1937/38 datieren können. Das Foto selbst stammt von 1939.

Die nächste Aufnahme zeigt nun zum Vergleich einen Wanderer W24 als Limousine:

Wanderer W24, Bauzeit: 1937 bis Juni 1938; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

So hübsch diese in der kalten Jahreszeit entstandene Aufnahme auch ist, wirkt das Auto mit seiner dunklen Einfarblackierung und der flachen Windschutzscheibe schwerfälliger.

Man kann nachvollziehen, weshalb das Auto am Markt nicht so recht zündete, zumal da es „weder preislich noch technisch“ gegenüber der Konkurrenz Vorteile bot, so das selbskritische Fazit der Wanderer-Verkaufsleitung kurz nach Einführung (Quelle: Erdmann/Westermann: Wanderer Automobile, Delius-Klasing, 2011, S. 254).

Der im Windschutzscheibenholm untergebrachte Winker verrät, dass dieser Wagen spätestens Mitte 1938 entstanden ist, danach wanderte der Winker in die Türmittelsäule.

Demnach muss die nachfolgend abgebildete Limousine zwischen Juni und Dezember 1938 gebaut worden sein, da hier der Winker nicht mehr zu sehen ist, aber die vorderen Dreiecksfenster noch vorhanden sind, die ab 1939 entfielen:

Wanderer W24 Limousine, Bauzeit: Juni bis Dezember 1938, aufgenommen 1939; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto ist auf 1939 datiert und muss kurz nach Ausbruch des 2. Weltkriegs entstanden sein, da die Scheinwerfer bereits die vorgeschriebenen Tarnüberzüge für nächtliche Fahrt tragen. Der recht junge Besitzer hatte offenbar das Glück nicht zum Militär eingezogen zu werden – wohl weil er einen Beruf ausübte, der ihn unabkömmlich machte.

Dieses Privileg war dem Wehrpflichtigen nicht vergönnt, der auf der nächsten Aufnahme zwei Vorgesetzten (ein Hauptfeldwebel mit „Schiffchen“ und ein Offizier mit Schirmmütze) bei Arbeiten im Motorraum eines Wanderer W24 Cabriolets zuschaut:

Wanderer W24, Bauzeit: 1937-38, aufgenommen im 2. Weltkrieg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die Situation ist etwas merkwürdig: Unter dem Kühler scheint Wasser ausgelaufen zu sein, der Luftfilter (mit uns zugewandtem Ansaugrohr) ist ausgebaut und links steht einer der typischen Einheitskanister, die bis heute gängig sind.

Was es hier zu basteln gab, muss offenbleiben. Dafür lässt sich sagen, dass dieser Wagen ebenfalls ein Wanderer W24 war, der am ausgestellten Dreiecksfenster als Modell von 1937/38 zu erkennen ist.

Das Kennzeichen mit dem Kürzel „WH“ verrät, dass der Wagen zu einer Heereseinheit der deutschen Wehrmacht gehört, und das taktische Zeichen auf dem in Fahrtrichtung rechten Kotflügel deutet auf die Zugehörigkeit zu einer Artillerieeinheit hin.

Das Auto macht einen stark gebrauchten Eindruck, das Emblem mit den vier Ringen, das auf den Mutterkonzern Auto-Union verweist, ist bereits „verloren“gegangen und an der mattgrau überlackierten Stoßstange lugt hier und da wieder die Verchromung hervor.

Demnach haben wir es mit einem eingezogenen Privatwagen zu tun. Doch baute Wanderer speziell für die Anforderungen des Militärs auch eine Kübelwagenversion.

Während auf Basis des Vierzylindertyp W24 nur wenige Exemplare entstanden, wurden vom stärkeren Sechszylindermodell W23 (2,6 Liter 62 PS) bis 1941 über 1.500 Stück produziert.

Ein Exemplar davon ist auf der folgenden Aufnahme zu sehen, die mir Klaas Dierks (Hamburg) zur Verfügung gestellt hat:

Wanderer W23 Kübelwagen (spät), aufgenommen im 2. Weltkrieg (wohl 1939/40); Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Dieser Wagen gehört zu einer motorisierten Infanterieeinheit, was das taktische Zeichen auf dem in Fahrtrichtung links befindlichen Kotflügel erkennen lässt. Die Aufnahme dürfte 1939/40 in der Spätphase der Besetzung Polens oder Frankreichs entstanden sein, als die deutsche Luftwaffe bereits den Himmel beherrschte.

Um nicht irrtümlich als Fahrzeug des Gegners angegriffen zu werden, wurde dieser Wanderer mit einem über die Motorhaube gespannten Hoheitskennzeichen versehen.

Zum Stichwort Luftwaffe passt eine weitere Aufnahme eines zivilen Wanderer W23 oder W24 in der Cabrioversion mit geteilter Frontscheibe:

Wanderer W23 oder W24 bis Mitte 1938, aufgenommen im 2. Weltkrieg mit Oberleutnant der Luftwaffe; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der gut aufgelegte Herr im Ledermantel, der hier im Aussteigen befindlich ist, war nämlich ein Offizier der Luftwaffe vom Rang eines Oberleutnants, wie der Stern auf den silberfarbenen Schulterstücken verrät.

Hier ist der Winker noch im Rahmen der Windschutzscheibe untergebracht, was ein Merkmal der bis Mitte 1938 gebauten Wagen dieses Typs ist.

Hinweise auf den Entstehungszeitpunkt enthält diese Aufnahme meines Erachtens nicht. Allerdings wurden ab 1943 mangels Material nur noch wenige solcher Privataufnahmen angefertigt, sodass wohl die Zeit von 1939 bis 1942 in Betracht kommt.

Die nächste Aufnahme transportiert uns dann in die frühe Nachkriegszeit. Auch wenn sonstige Datierungshinweise fehlen, würde ich aufgrund der Frisur der jungen Dame vor dem Wanderer auf die späten 1940er oder frühen 1950er Jahre tippen:

Wanderer W24 Cabrio-Limousine, aufgenommen in der frühen Nachkriegszeit; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen scheint gut durch den Krieg gekommen zu sein, jedoch sieht er nicht mehr so frisch aus, dass man eine Entstehungszeit des Fotos kurz nach Auslieferung – also 1937-39 – annehmen kann.

Was auf den ersten Blick wie ein Cabriolet aussieht, ist tatsächlich eine Cabrio-Limousine, bei der der Türrahmen bei niedergelegtem Verdeck stehenblieb.

Zum Schluss noch eine weitere Nachkriegsaufnahme, die einen in der amerikanischen Besatzungszone Bayern (Kürzel AB) zugelassenen Wanderer zeigt:

Wanderer W23 Exportversion, Baujahr: 1939, aufgenommen in der frühen Nachkriegszeit am Kesselberg auf der Fahrt zum Walchensee; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die genickte Frontscheibe sagt uns, dass diese Limousine ein Exemplar des Sechszylindertyps Wanderer W23 sein muss. Beim Vierzylindermodell W24 verfügte wie oben erwähnt nur die Cabrioletausführung über eine solche Knickscheibe.

Interessant ist die Anbringung der Scheibenwischer oberhalb der Scheibe. Das war nämlich der Exportversion vorbehalten, die über eine ausstellbare Frontscheibe verfügte. Auch die einteilige Stoßstange war den Exportmodellen vorbehalten.

Das Fehlen der Ziergitter im Unterteil der Vorderkotflügel ist schließlich typisch für das Baujahr 1939. Interessant wäre es zu erfahren, wie diese Exportversion kurz nach dem Krieg nach Bayern gelangt war.

Die Lackierung scheint so gut wie neu zu sein, sodass es sich um ein während des Kriegs in einem Nachbarland in deutsche Hände gefallenes Auto handeln konnte, das mit einer zurückkehrenden Wehrmachtseinheit irgendwo in Deutschland strandete und auf verschlungenen Pfaden einen neuen Besitzer fand.

„Fahrt zum Walchensee – Kesselberg“ steht auf der Rückseite des Abzugs. Mehr wissen wir leider nicht über den langen Weg, den dieser Wanderer einst als Begleiter wechselnder Besitzer durch dick und dünn absolvierte…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Typenkunde: Wanderer W3 5/12 & 5/15 PS

Der erste in Serie gebaute Wagen der Marke Wanderer aus Chemnitz – intern als Typ W3 bezeichnet – war schon öfters zu Gast in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos.

Die Vorgeschichte des im Volksmund „Puppchen“ genannten Kleinwagens will ich an dieser Stelle nicht wiederholen – ich habe sie hier bereits erzählt.

Heute will ich mich an einer möglichst umfassenden Darstellung der serienmäßig gebauten Varianten des W3 bis Ende des 1. Weltkriegs versuchen. Neben Dokumenten aus meinem eigenen Fundus kann ich dabei auf etliche interessante Originalaufnahmen von Lesern und Sammlerkollegen zurückgreifen.

Diese Form der Online-Zusammenarbeit hat sich als äußerst ertragreich erwiesen, da sie Bildmaterial zutagefördert, das dem Einzelnen früher kaum zugänglich war.

Dass davon auch gedruckte Werke profitieren können, mache ich demnächst anhand der Rezension der Neuauflage von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ anschaulich.

Nun aber zurück zum Wanderer W3, dessen Fertigung nach zweijähriger Erprobungsphase im Frühjahr 1913 im Chemnitzer Stadtteil Schönau begann. Der lange Vorlauf sollte sich als segensreich erweisen, denn so fand der kleine Vierzylinder mit anfänglich 12 PS aus 1150 ccm Hubraum auf Anhieb guten Anklang.

Angeboten wurde er in zwei Karosserievarianten – zunächst mit zwei Sitzen hintereinander (Version H) und kurze Zeit später außerdem mit zwei nebeneinanderliegenden Sitzen (Version N).

Beide sind in folgender Reklame von 1913/14 genannt – abgebildet ist die Version H (Tandemanordnung):

Wanderer-Reklame für den Typ W3 5/12 PS von 1913/14; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die Abbildung des Wanderer ist erstaunlich genau, nicht nur im Hinblick auf die Proportionen, sondern auch die für die erste Serie entscheidenden Karosseriedetails:

  • drei senkrechte Entlüftungsschlitze in der Motorhaube,
  • steil ansteigender Windlauf zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe
  • der Karosserieform folgend unten bogenförmig abschließende Windschutzscheibe
  • waagerecht auslaufende Heckschutzbleche

Genau diese Details finden sich am folgenden Wanderer W3 5/12 PS wieder, der ebenfalls zwei Sitze hintereinander aufweist (Version H):

Wanderer Typ W3 5/12 PS (Version H) von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Gut zu erkennen ist hier auch, dass der automobile Erstling von Wanderer noch ohne Spritzschutzblech zwischen Trittbrett und Rahmen und ohne Spritzschutz an den freistehenden Kotflügeln auskommen musste.

Laut Literatur wurde das Spritzschutzblech erst bei weiteren Überarbeitungen des Aufbaus im Jahr 1915 eingeführt.

Interessant ist nun, dass es aber schon früher offenbar einzelne Fahrzeuge der ersten Serie gab, die wohl nachträglich mit einem Spritzschutz ausgerüstet wurden:

Wanderer Typ W3 5/12 PS (Version H) von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Obige Aufnahme entstand im 1. Weltkrieg und zeigt einen noch zivilen Wanderer W3 5/12 PS (Version H) mit Spritzschutz aus Kunstleder an den Vorderschutzblechen sowie zwischen Rahmen und Trittbrett.

Auch wenn wir hier die Haubenschlitze nicht sehen können, ist die Ausführung von Windschutzscheibe und hinteren Kotflügeln ein klarer Hinweis auf die erste Serie des Wanderer W3 von 1913/14.

Leser Matthias Schmidt aus Dresden verdanke ich nicht nur die beiden obigen Fotos, sondern auch diese seltene Aufnahme der Heckpartie des frühen Wanderer W3:

Wanderer W3 5/12 PS (Version H) von 1913/14; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diese rückwärtige Ansicht zeigt zudem ein Detail, das bei Autos der Frühzeit kaum zu sehen ist – eine am Heck angebrachte Petroleumlampe. Angesichts der niedrigen Verkehrsdichte vor über 100 Jahren wird sie vor allem als Standlicht gedient haben.

Übrigens bekam der Wanderer W3 5/12 PS kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs noch eine Leistungsspritze – durch leichte Vergrößerung des Hubraums konnten drei zusätzliche PS aus dem nun 1,2 Liter messenden Aggregat gekitzelt werden.

Die Typbezeichnung lautete ab dann intern W3/II, vermarktet wurde der Wanderer als Typ 5/15 PS.

In dieser Ausführung wurde der Wagen ab Kriegsbeginn praktisch nur noch für das Militär gebaut, das rasch von den Vorzügen eines kompakten, leichten und sparsamen Fahrzeugs für Aufklärungszwecke und Kurieraufgaben überzeugt werden konnte.

Bereits im August 1914 veröffentlichte Wanderer die folgende Reklame, die andernorts meist nur in Ausschnitten zu sehen ist, hier aber im vollständigen Original gezeigt werden kann – und noch ganz im Stil des späten Jugendstils gehalten ist:

Reklame für den Wanderer W3 5/15 PS von August 1914; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Rund 500 Exemplare pro Jahr lieferten die Wanderer-Werke den Krieg über von ihrem Typ W3/II, weshalb Fotos dieses Autos im militärischen Einsatz recht häufig zu finden sind.

Nachfolgend ein Exemplar, das den Entwicklungsstand ab Frühjahr 1915 repräsentiert:

  • unten gerade (nicht mehr gebogene) und bündig mit der Karosserie abschließende Frontscheibe
  • gerundete statt waagerecht auslaufende Heckschutzbleche
  • vorerst weiterhin drei Luftschlitze pro Haubenseite
Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H), ab Frühjahr 1915; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Was an diesem Wagen neben den großen Scheinwerfern und dem Reservekanister in zeittypischer Dreiecksform auffällt, ist der nach wie vor recht steile Anstieg des Windlaufs zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe.

Infolgedessen liegt die Gürtellinie auf Höhe des Fahrers weit über dem Haubenniveau. Dies wich entgegen der Darstellung in der Literatur (Erdmann/Westermann, Wanderer-Automobile, Verlag Delius Klasing, S. 34) erst nach den erwähnten übrigen Änderungen einer niedrigeren „Schulterlinie“.

Das Ergebnis sah dann so aus wie auf der folgenden Aufnahme eines sonst ganz ähnlich ausgestatteten Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H):

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wo aber bleibt die eingangs erwähnte, parallel verfügbare Version „N“ des Wanderer W3, also mit nebeneinander angeordneten Sitzen?

Nun, auch dazu liegen mir einige zeitgenössische Fotos vor, wenngleich ich den Eindruck habe, dass Aufnahmen der Tandemversion „H“ häufiger zu finden sind.

Folgendes hervorragendes Beispiel zeigt einen Zweisitzer in der im Lauf des Jahres 1915 vorgestellten Ausführung:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Hier kann man den glättenden Effekt der optischen Überarbeitung nachvollziehen. Mit einem Mal ist die Karosserie ein Ganzes, dessen Bestandteile unauffällig ineinander übergehen.

Im Unterschied zum Zweisitzer in der Ursprungsversion (hier fehlt mir noch ein Foto) besitzt die Ausführung ab 1915 keinen angesetzten Koffer mehr, sondern einen im nunmehr leicht schräg abfallenden Heck integrierten Gepäckraum.

Besser erkennbar ist die Heckpartie auf der folgenden Aufnahme, die im Unterschied zum obigen Foto noch während des Kriegs entstanden ist:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Übrigens gab es ab 1917 eine weitere, ganz ähnlich aussehende Ausführung mit einem dritten Sitzplatz im Heck.

Ich kenne davon nur eine Prospektabbildung aus der Literatur, der man entnehmen kann, dass dort, wo sich der Ellbogen des uns anschauenden gemütlichen Soldaten ganz links auf dem obigen Foto befindet, das Oberteil des dritten Sitzes zu sehen sein müsste.

Nachtrag: Leser Martin Möbus hat ein Foto genau dieses Typs aus seiner Sammlung beigesteuert (auf die ungewöhnliche Zahl der Luftschlitze gehe ich weiter unten ein):

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version Nv); Originalfoto aus Sammlung Martin Möbus

Noch sind wir nicht am Ende mit der Typenkunde zum Wanderer W3. Denn irgendwann nach der Überarbeitung der Karosserie im Frühjahr 1915 ging Wanderer dazu über, die Motorhauben mit sechs statt drei Luftschlitzen pro Seite zu versehen.

Ein Beispielfoto, auf dem man dies ansatzweise erkennt, ist das folgende, das treue Leser bereits aus einem früheren Porträt des Wanderer W3 kennen:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version H); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sieht man zwar nur den oberen Abschluss von vier Luftschlitzen, doch die mittleren zwei werden vom Vorderschutzblech verdeckt.

Die Literatur, soweit ich sie kenne, legt sich nicht fest, was das Datum der Einführung der sechs statt drei Luftschlitze angeht. Man könnte es anhand zweier zeitlich nahe beieinander liegender datierter Fotos (z.B. Fotopostkarten) sicher sehr genau bestimmen.

Auch diesbezüglich würde ich mich über einschlägige Aufnahmen freuen, mit denen sich die Chronologie der ganz frühen Wanderer-Modelle vervollständigen ließe.

Was die Sache noch spannender macht, ist das Auftauchen von gleich zwei Fotos, die Wanderer des Typs W3 mit neun seitlichen Luftschlitzen zeigen!

Das erste ist auf Februar 1916 datiert und entstand wohl irgendwo an der Ostfront. Wie man sieht, war Schnee damals offenbar auch gerade Mangelware:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Dass es sich um einen Wanderer W3/II handelt, steht außer Frage – bis auf die Zahl der Luftschlitze stimmt bei diesem Zweisitzer alles. Zudem hat man uns vor über 100 Jahren den Gefallen getan, auch den Spitznamen „Puppchen“ auf die Haube zu malen.

Interessanterweise findet sich in der mir zugänglichen Literatur kein vergleichbares Foto eines Wanderer W3/II mit neun Luftschlitzen, diese Variante wird auch nirgends erwähnt.

Kurioserweise war aber der Prototyp des Wanderer W3 von 1911/12 ebenfalls mit neun statt später serienmäßigen drei bzw. sechs Luftschlitzen ausgestattet.

Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist die, dass Wanderer für den erschwerten Einsatz im Krieg ab einem bestimmten Zeitpunkt auch oder nur noch Fahrzeuge mit besserer Entlüftung des Motorraums lieferte.

Laut Literatur blieb die Motorleistung den Krieg über konstant, sodass von daher kein zusätzlicher Kühlungsbedarf bestanden haben kann. Mag jedoch sein, dass man an der Balkanfront und an der Ostfront im Sommer mit Überhitzung zu kämpfen hatte.

Oder bot Wanderer doch schon während des Kriegs eine leistungsstärkere Version an, wie sie ab 1921 in Form des W8 gebaut wurde? Klar ist nur, dass es sich bei obigem Wanderer W3/II 5/15 PS mit neun Haubenschlitzen um kein Einzelstück handelte.

Denn hier haben wir gleich das nächste Belegfoto, das ohne Parallele in der Literatur ist:

Wanderer W3/II 5/15 PS (Version N); Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Wiederum haben wir es mit einem Wanderer W3/II 5-15 PS in der Ausführung mit zwei Sitzen nebeneinander zu tun, auch wenn hier die Frontscheibe fehlt. Von den Haubenschlitzen abgesehen, entspricht alles übrige den Abbildungen in der Literatur.

Diese Aufnahme könnte übrigens die These von einer speziellen Version für heiße Gegenden stützen, denn dem Erscheinungsbild der Soldaten nach zu urteilen, entstand diese Aufnahme an der Balkanfront (in Rumänien beispielsweise).

Wenn ich es richtig sehe, haben wir hier Männer der deutschen und der österreichisch-ungarischen Armee vor uns, die es sich fernab der Front gutgehen lassen und offenbar auch für ein vierbeiniges Maskottchen Muße haben:

Mit dieser so friedlich anmutenden Aufnahme, die doch mitten im 1. Weltkrieg entstand, will ich diesen Abriss über die Erscheinungsformen des Wanderer W3 „Puppchen“ für heute beenden.

Einige Details wie die Zahl der Luftschlitze sind noch zu klären, wie man sieht. Von daher hoffe ich, eines Tages mit „neuem“ Material zu dieser „Baustelle“ zurückkehren zu können…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Familienzuwachs: Porträt des Wanderer Typs W10

Genau zwei Jahre ist es her, dass ich hier anhand historischer Dokumente aus meiner Sammlung die Geschichte der Wanderer-Automobilproduktion vom Typ W1 (1906) bis zum Abschied von der Kleinwagenklasse Mitte der 1920er Jahre skizziert habe.

Dieser Abriss ist nach wie vor aktuell, doch möchte ich heute das Modell W10, mit dem er endete, ausführlicher vorstellen. Mittlerweile liegen mir zeitgenössische Aufnahmen von allen vier Ausbaustufen des ab 1926 gebauten Mittelklassetyps vor.

Der Wanderer W10 war zwar kein sonderlich progressives Fahrzeug, doch für den meist auf der sicheren Seite des Bewährten agierenden Hersteller markierte er in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur, denn er bot erstmals:

  • Vierradbremsen statt nur Vorderrad- und Getriebebremse,
  • Linkslenkung statt der bis 1925 auch im deutschen Raum üblichen Rechtslenkung
  • innen- statt außenliegende Hebel für Schaltung und Handbremse

Damit war er auf der Höhe der Zeit, wenn auch mit einem 1,6 Liter-Vierzylinder mit 30 PS eher zurückhaltend motorisiert, zumindest anfänglich.

Hier haben wir die Ursprungsversion Wanderer W10-I, offiziell als Typ 6/30 PS angeboten:

Wanderer_W10-I_6-30_PS_Dierks_Galerie

Wanderer W10-I von 1926; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Wie schon die früheren Wanderer-Modelle besaß dieser Wagen schüsselförmige Frontscheinwerfer.

Neu waren indessen die Fahrtrichtungsanzeiger auf den Vorderschutzblechen – eine der wenigen Wanderer-Innovationen, die wir später noch besser studieren können.

Ab 1927, rund ein Jahr nach Produktionsbeginn, verbaute Wanderer laut Literatur trommelförmige Scheinwerfer. Man erkennt sie auf diesem bisher unpublizierten Foto von Leser Marcus Bengsch:

Wanderer_W10-I_Tourer_Bengsch_Galerie

Wanderer W10-1 von 1927; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese schöne Aufnahme lässt gut erkennen, dass Wanderer mit dem W10 in eine neue Dimension vorgestoßen war. Mit 4,25 Meter Gesamtlänge bot der Tourenwagen ein großzügiges Platzangebot und verwöhnte die Passagiere mit Echtlederausstattung.

Weshalb an diesem Wagen die typischen Fahrtrichtungsanzeiger fehlen, ist unklar. Vielleicht gefielen sie dem Besitzer nicht, der stattdessen – wie es scheint – herkömmliche Winker am Holm der Frontscheibe montiert hatte.

Interessanterweise findet man an dem Wanderer auf dem nächsten Foto beide Formen des Fahrtrichtungsanzeigers:

Wanderer_W10_II_Galerie

Wanderer W10-II 8/40 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Limousinenaufbau war auch beim ursprünglichen Wanderer W10-I erhältlich, doch ein Detail verrät, dass es sich um eine spätere Ausführung handelt.

Die Luftschlitze in der Haube sind zahlreicher und auf zwei separate Felder verteilt, wie man hier gerade noch erkennenkann.

Dieses Merkmal kam Ende 1927 mit Einführung der leistungsgesteigerten Version Wanderer W10-II auf. Das Modell bot nun – wie das Model A von Ford – eine Höchstleistung von 40 PS, wenngleich auch aus nur 2 statt 3,2 Litern Hubraum.

Nicht auszuschließen ist, dass obiges Foto auch einen Wanderer W10-III zeigt, der ein optisch an den stärkeren W10-II angeglichener W10-I mit nach wie vor 30 PS war.  Nebenbei ein Beispiel für die komplizierte Modellgeschichte bei Wanderer.

Laut Literatur ganz sicher ein solcher Wanderer W10-III mit dem weitergebauten 6/30 PS-Aggregat des W10-I ist hier zu sehen:

Wanderer_W10-III_Roadster-Cabriolet_1934_Galerie

Wanderer W10-III Roadster-Cabriolet (Zschau); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese von der Karosseriemanufaktur Zschau gelieferte Ausführung mit aufwendiger Zweifarblackierung habe ich hier bereits vorgestellt, sie gehört aber ganz klar in eine Gesamtschau der W10-Modellfamilie von Wanderer.

Der Wagen weicht wie auch der vorangegangene von den Abbildungen in der Literatur nur hinsichtlich der Scheinwerferform ab. Offenbar waren die konische Form und die trommelförmige Ausführung parallel erhältlich.

Den in der Überschrift angekündigte Familienzuwachs zeigt nun die nächste, bisher noch nicht publizierte Aufnahme:

Wanderer_W10-III_Sport-Zweisitzer_Galerie

Wanderer W10-III, Sport-Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auf diesem Foto eines Wanderer W10-III mit Berliner Zulassung ist eine weitere Karosserievariante festgehalten – der vom Wanderer-Werk selbst angebotene Sport-Zweisitzer.

Er unterschied sich durch seine weniger aufwendige Gestaltung  und das ungefütterte Verdeck vom luxuriösen Roadster-Cabriolet aus dem Hause Zschau.

Besonders ins Auge fallen hier die typischen Fahrtrichtungsanzeiger auf den Kotflügeln, wiederum in Verbindung mit klassischen Winkern am Fensterholm. Entweder traute man der Neuerung nicht – die nicht blinkte, sondern bei Betätigung dauerhaft leuchtete – oder sie konnte nicht die vorgeschriebenen Winker ersetzen.

Die Stahlspeichenfelgen und die abweichende Gestaltung der Haubenschlitze (wie beim Wanderer W10-I)  weisen darauf hin, dass wir es hier mit einer frühen Form des Wanderer W10-III zu tun haben, der parallel zum stäkeren W10-II angeboten wurde.

Später, als das teurere 8/40 PS-Modell (W10-II) wieder eingestellt worden war, gab es die weitergebauten 6/30 PS-Typen (W10-III) dagegen nur noch mit Scheibenfelgen und auf zwei Felder aufgeteilten Luftschlitzen.

Das ist alles ziemlich kompliziert, aber möglicherweise hilfreich für jemanden, der eine Aufnahme eines Wanderer W10 zwischen 1926 und 1929 bestimmen will und nicht über das famose Buch „Wanderer Automobile“ von Erdmann/Westermann (Verlag Delius-Klasing), verfügt, dem ich meine Kenntnisse verdanke.

Zur Entspannung daher ein abschließender Blick auf den letzten Vertreter dieser verzweigten Modellfamilie – den Wanderer W10-IV:

Wanderer_W10-IV_Galerie

Wanderer W10-IV Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit dieser bezaubernden Aufnahme des von 1930-32 gebauten Wanderer 6/30 PS (Typ W10-IV) , die ich hier ausführlich besprochen habe, möchte ich den Blick ins Fotoalbum der Familie Wanderer für heute beenden.

Der nächste Ausflug in die Wanderer-Familiengeschichte wird uns wieder mit der Gründergeneration konfrontieren – es hat sich da einiges angesammelt…

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Pure Eleganz: Wanderer W250 „Gläser“ Cabriolet

Beim Namen „Gläser“ leuchten die Augen von Kennern deutscher Vorkriegsautomobile.

Was auch immer die Dresdner Manufaktur mit ihrer bis weit in das 19, Jahrhundert zurückreichenden Tradition in die Hand nahm, gelang in meisterhafter Form.

Besonderen Ruf genießen zurecht bis heute die Cabriolet-Aufbauten der 1930er Jahre, die Gläser für zahlreiche deutsche und ausländische Hersteller entwarf und baute.

Doch bevor ich ein Exemplar zeige, das das stilistische Gespür und handwerkliche Können der Gestalter und Arbeiter bei Gläser mustergültig illustriert, ist ein kurzer Ausflug in die Vorgeschichte des Wagens angezeigt, um den es geht.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere Leser an die folgende Aufnahme, die ich hier vor gut einem Jahr präsentiert habe:

Wanderer_W21_2_Galerie

Wanderer W21; Originalfoto  aus Sammlung Michael Schlenger

Seinerzeit hatte ich mich ausführlich den Wanderer-Typen W21 und W22 gewidmet, zwei 6-Zylinderwagen mit 35 bzw. 40 PS, die von 1933 bis 1935 gebaut wurden.

Äußerlich sind sie an folgenden Details zu erkennen

  • zwei übereinanderliegende Reihen schrägstehender Luftschlitze in der Haube,
  • keine seitliche „Schürze“ am Vorderschutzblech, somit freier Blick aufs Chassis,
  • v-förmig angeordnete, relativ weit auseinanderliegende Streben im Kühlergrill,
  • schüsselförmige Frontscheinwerfer.

Auf genau diese Merkmale – bzw. deren Nichtvorhandensein – wird im folgenden zu achten sein.

Ab 1935 wurden die beiden Nachfolger des Wanderer W21/22 eingeführt. Sie erhielten Typbezeichnungen, die sich aus Hubraum und PS-Zahl ergaben: W240 und W250.

Beide Modelle sollten Motoren mit 2 Litern Hubraum besitzen, von denen der schwächere 40 PS und der mit Doppelvergaser ausgestattete stärkere 50 PS leisten sollte.

In der Praxis kam es dann zwar anders – der 250 erhielt ein auf 2,25 Liter aufgebohrtes Aggregat, das auch im Audi Front 225 Verwendung fand – doch die Bezeichnungen behielt man bei.

Von den Vorgängern unterschieden sich der Wanderer W240 bzw, W250 vor allem durch folgende Elemente:

  • eine Reihe Luftschlitze in der Haube, von einer Zierleiste eingefasst,
  • seitliche „Schürze“ am Vorderschutzblech, somit kein Blick aufs Chassis mehr,
  • v-förmig angeordnete, nunmehr eng beeinanderliegende Streben im Kühlergrill,
  • tropfenförmige Scheinwerfer mit lackiertem Gehäuse.

Genau diese Details sind auf folgender Aufnahme zu erkennen:

Wanderer_W240_oder_250_Hamburg_Galerie

Wanderer W 240 oder 250; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Abzug ist nicht der beste, liefert aber eine Fülle interessanter Informationen. Entstanden ist das Foto offensichtlich vor einer Fahrschule „Paul Gerber“, dem Nummernschild nach zu urteilen in der Hansestadt Hamburg.

Ob es sich um eine Aufnahme mit Fahrschülerinnen oder Familienmitgliedern handelt, muss zwar offen bleiben. Die Situation vor dem Gebäude mit der Fahrschulreklame ist aber wahrscheinlich kein Zufall.

Außergewöhnlich sind hier die Positionsleuchten auf den Vorderschutzblechen – bislang ist mir keine Aufnahme des Typs (oder des Vorgängers) mit diesem Detail begegnet. Wer kann etwas dazu beitragen?

Nicht genau sagen lässt sich, ob es sich bei der Limousine auf dem Foto um einen Wanderer W240 oder 250 handelt. Dazu müsste erkennbar sein, ob es sich um einen vierfenstrigen (W240) oder sechsfenstrigen (W250) Aufbau handelt.

Das ist aber auch nicht wichtig, denn der Hauptdarsteller meines heutigen Blog-Eintrags ist ein vierfenstriges Cabriolet – und das gab es nur auf Basis des Wanderer W250:

Wanderer_W250_Gläser_Cabriolet

Wanderer W250 „Gläser“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Obwohl dieser Wagen sicher von einer Zweifarblackierung profitiert hätte, wie sie bei Cabriolets dieses Typs eigentlich Standard war, zeigt sich hier die pure Eleganz der Gläser-Aufbauten aus den 1930er Jahren.

Sieht man von dem uninspiriert wirkenden Blech mit den Haubenschlitzen ab, das von Wanderer geliefert wurde, ist der Rest des Aufbaus von vollendeter Harmonie.

Wie bei allen hervorragenden Entwürfen der 1930er Jahre gibt es hier keine einzige gerade Linie, alles atmet Spannung und Körperhaftigkeit. Hier hat alles den rechten Platz, die richtige Proportion, die passende Form.

Für mich liegt das Geheimnis, dass auch heute kaum jemand diese Entwürfe nicht auf geheimnisvolle Weise schön finden würde, in einer über Jahrtausende am Vorbild der Natur geschulten Tradition von Gestaltern und Handwerkern.

Sie entfaltete sich nach der funktionalistischen Episode der 1920er Jahre in diesen Wagen noch einmal und fand ihren Höhepunkt und Abschluss möglicherweise in den atemberaubenden italienischen Manufakturkarosserien der 1950er und 60er Jahre.

Die einstigen Besitzer dieses wunderbaren Wanderer W 250 mit Gläser-Karosserie mögen sich darüber kaum solche Gedanken gemacht haben:

Wanderer_W246_Cabrio_Gläser_WH_Ausschnitt

Diese Wanderer-Insassen genossen ganz offenbar den Augenblick an einem sonnigen Tag irgendwann vor über achtzig Jahren.

Sie wussten ja nicht, was noch kommen sollte, nicht zuletzt an ästhetischen Grausamkeiten, die die Gegenwart bei manchen Vorzügen schwer erträglich machen.

Hätten sie sich träumen lassen, dass die Autos ihrer untergegangenen Welt heute noch Menschen glücklich zu machen vermögen?

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Das ist kein Spielzeugauto! Der Wanderer W3-II 5/15 PS

Heute befasse ich mich mit der Frühzeit des Automobilbaus der einstigen Marke Wanderer aus dem sächsischen Chemnitz. Die ersten in Serie gebauten Wanderer-Wagen des Typs W3 von 1913/1914 hatte ich bislang nur gestreift (siehe hier).

Die folgende Reklame aus meiner Sammlung zeigt diesen Erstling, der einen 1,1 Liter „großen“ Vierzylinder besaß und als 5/12 PS-Modell unterhalb Opels populärem 5/14 PS-Typ vermarktet wurde:

Wanderer_W3_5-12_PS_Reklame_1913-14_Galerie

Wanderer W3 5/12 PS; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

So unvollkommen die Wiedergabe des Wagens hier auch sein mag, lassen sich doch folgende Merkmale festhalten:

  • steil ansteigendes Windlaufblech zwischen Motorhaube und Frontscheibe,
  • kein Spritzschutz zwischen Rahmen und Trittbrett (erkennbar an den freiliegenden Trittbretthaltern),
  • nach hinten annähernd waagerecht auslaufendes Heckschutzblech.

In dieser Spezifikation wurde der Wanderer W3 nur ein gutes Jahr lang gebaut. Bereits im Juni 1914 erhielt er einen im Detail verbesserten Nachfolger. Während es bei anderen Herstellern jener Zeit mitunter schwerfällt, die Modellpflege auf so kurze Sicht nachzuvollziehen, ist dies bei Wanderer sehr gut möglich.

Dies ist zweifellos ein Verdienst der vorbildlichen Literatur („Wanderer Automobile“, von Erdmann/Westermann, Verlag Delius Klasing), die mit Unterstützung von Audi-Tradition entstand – bei Opel etwa wartet man bislang vergeblich auf Vergleichbares.

Mittlerweile liegen auch mir genügend Originaldokumente vor, um die in der Literatur akribisch wiedergegebenen Metamorphosen des ersten Wanderer-Wagens darstellen zu können – und vielleicht noch etwas mehr.

Den Anfang macht ein kurioses Foto, bei dem man im ersten Moment meint, es mit einem Spielzeugauto zu tun zu haben:

Wanderer_W3_5-12_PS_Kinder_vor_Wk1_Galerie

Wanderer W3-II 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Für Sammler von Qualität kommen solche Fotos natürlich nicht in Frage – für mich sind sie dagegen Gold wert. Tatsächlich ist der Originalabzug in noch schlechterer Verfassung, es bedurfte einigen Aufwands, um eine brauchbare digitale Kopie zu fabrizieren.

Was den Wagen hier so winzig erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass die Reifen fehlen.

Vermutlich wurde der Wagen kurz nach Beginn des 1. Weltkriegs an einen Privatmann geliefert, der angesichts der Ressourcenknappheit selbst zusehen musste, ob und wie er an die wertvollen Gummipneus gelangt. Dasss es das gab, ist jedenfalls überliefert.

Gegen eine Entstehung der Aufnahme nach dem Krieg spricht das Fehlen der dann gängigen elektrischen Scheinwerfer – hier sind noch Gasleuchten montiert.

Was fällt sonst noch auf an diesem Wanderer? Nun, in folgenden Details unterscheidet er sich von dem Modell auf der eingangs gezeigten Reklame:

  • Die Linie von der Motorhaube zur Windschutzscheibe verläuft flacher,
  • zwischen Rahmen und Trittbrett befindet sich ein schräges Blech, das die Trittbretthalterungen kaschiert und verhindert, dass Schmutz hochgewirbelt wird,
  • das Heckschutzblech folgt der Rundung des Reifens – was dem Schutz nachfolgender Fahrzeuge vor weggeschleuderten Steinen dient,
  • die bisher drei Luftschlitze pro Haubenseite sind sechs gewichen (hier nur vier sichtbar).

Auch unter der Haube hat sich etwas getan: So wurde der Hubraum leicht auf 1,2 Liter vergößert, was mit einer Leistungssteigerung auf 15 PS einherging.

In dieser Ausführung als 5/15 PS wurde der Wanderer (intern als W3-II bezeichnet) den ganzen 1. Weltkrieg über gebaut. Hier haben wir eine zeitgenössische Reklame, die den Wagen vollmundig anpreist:

Wanderer_W3_5-15_PS_Reklame_Wk1_Galerie

Reklame für den Wanderer W3-II 5/15 PS; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Schon bald hatte sich im Kriegsverlauf gezeigt, dass der kleine Wanderer alles andere als ein Spielzeug war. Dank geringen Gewichts, großer Bodenfreiheit und anspruchsloser Technik bewährte er sich im harten Einsatz als Aufklärungs- und Kurierfahrzeug an der Front, obwohl er dafür gar nicht konstruiert worden war.

Die Qualitäten des kompakten, aber kaum kleinzukriegenden Wanderer sprachen sich herum, sodass das Modell schon ab Ende 1915 praktisch nur noch für den Bedarf des Militärs gefertigt wurde.

Das vermeintliche Spielzeugauto entpuppte sich als ernstzunehmender Beitrag zur Mobilität in einer zunehmend mechanisierten Kriegsführung.

Wer über so einen solchen Wanderer verfügte, konnte mit Recht stolz darauf sein – die Masse der Soldaten bekam so etwas allenfalls von weitem zu sehen, bevor es in die Schützengräben ging.

Folgende 1916 entstandene Aufnahme (aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks) habe ich schon einmal präsentiert, doch passt sie auch heute ausgezeichnet, denn sie zeigt ebenfalls einen Wanderer W3 in der Ausführung als 5/15 PS-Modell:

Wanderer_Puppchen_Auto_BayerEtMunKol1916_Dierks_Galerie

Wanderer W3-II 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das leicht überdimensionierte – wohl an gängigen Offizierswagen der Oberklasse orientierte – Kennzeichen verweist auf die Zugehörigkeit des Wagens zur VI. Armee, die in Bayern aufgestellt worden war. Die Zahl 2.392 ist die laufende Nummer im Wagenpark, der auch Lastkraftwagen und Artillerieschlepper umfasste.

Wanderer hatte sich mit dem Typ W3 bei der Armee in der Kompaktklasse einen einzigartigen Rang erarbeitet, der sich in umfangreichen Bestellungen widerspiegelte.

Auf der folgenden, wohl einzigartigen Aufnahme, die 1917 im heute rumänischen Siebenbürgen entstand, sind rund 30 Wanderer dieses Modells zu sehen, die offenbar neu angeliefert worden waren:

Wanderer_W3_Siebenbürgen_11-1917_Dierks_Galerie

Wanderer W3-II 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Hier kann man auf dem ersten Wagen sehr gut die erwähnten sechs Luftschlitze erkennen, die den Wanderer W3 ab 1915 vom ursprünglichen Modell unterscheiden.

Angesichts des Datums der Aufnahme ist es gut möglich, dass hier bereits Wanderer-Wagen des 1917 eingeführten dreisitzigen Typs dabei sind – zuvor war lediglich Platz für den Fahrer und einen Passagier hintereinander.

Die Jahre 1914, 1915, 1916 und 1917 hätten wir nun mit Bildern des Wanderer W3 in seinen verschiedenen Erscheinungsformen abgedeckt. Doch so selten Automobilfotos aus dem letzten Kriegsjahr 1918 sind, konnte Leser Peter Neumann eines mit einem Wanderer W3-II 5/15 PS beisteuern, der damals auf dem Balkan eingesetzt war.

Der Abzug ist sehr schlecht erhalten, doch liefert er ein interessantes Detail, das sich so nicht in der Literatur findet:

Wanderer_W3-II_5-15_PS_ab_1915_Foto_1918_Peter_Neumann_Galerie

Wanderer W3-II 5/15 PS; Originalfoto aus Sammlung Peter Neumann

Man sieht hier alle in der Literatur genannten Elemente des ab 1915 gebauten modellgepflegten Wanderer W3 – nur die Zahl der Luftschlitze passt nicht.

Offenbar muss es eine Übergangsphase gegeben haben, in der der Wanderer bereits mit der modernisierten Karosseries des Typs W3-II gefertigt wurde, aber die Motorhaube statt sechs nur wie bisher drei Luftschlitze aufwies.

Möglicherweise zeigte sich erst im Zuge des Kriegseinsatzes des im Sommer 1914 eingeführten leistungsgesteigerten Typs 5/15 PS, dass eine verbesserte Entlüftung des Motorraums ratsam ist.

Jedenfalls deutet das letzte Foto darauf hin, dass die sechs Luftschlitze erst eingeführt wurden, nachdem die übrigen ab 1915 eingeführten Änderungen an der Karosserie erfolgt waren und nicht parallel dazu.

Als Fazit bleibt für mich, dass der Wanderer W3-II 5/15 PS ein durchaus ernstzunehmendes Fahrzeug war, das eine eingehende Beschäftigung verdient. Ein Spielzeugauto war das jedenfalls nicht – die im Krieg bewährte Version wurde in geringfügig modifizierter Form bis 1921 weitergebaut

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Wunderbar: Wanderer W11 „Gläser“-Cabrio von 1931

Im heutigen Blog-Eintrag geht es um einen alten Bekannten – zumindest für Leser, die meiner Dokumentation von Vorkriegswagen im deutschen Sprachraum schon eine Weile folgen.

Es geht um den von 1928 bis 1932 gebauten Typ W11 von Wanderer, mit dem die bis dato auf brave Vierzylinder spezialisierte sächsische Marke erstmals in die prestigeträchtige Sechszylinderklasse vorstieß.

Nach etwas bieder geratenem Beginn verpasste man dem 50 PS starken, großzügig dimensionierten Wagen ab 1929 ein angemessenes Erscheinungsbild.

Das lässt sich anhand einiger Originalfotos nachvollziehen, die ich bereits besprochen habe, darunter auch solche von Lesern (Dank an: Marcus Bengsch, Martin Möbus und Klaas Dierks):

Schnell zeigt sich, dass kaum einer dieser imposanten Wanderer-Wagen des Typs W11 wie der andere aussah.

Kein Wunder – Wanderer stellte den Karosseriebau beginnend im Jahr 1929 ein, und rund ein Dutzend Karosseriehersteller lieferten von da an Aufbauten für das Modell.

Nur die Frontpartie folgte den gestalterischen Vorgaben des Werks. Und genau dort vollzogen sich Änderungen, die das Erscheinungsbild entscheidend beeinflussten.

In den Modelljahren 1929 und 1930 präsentierte sich die Kühlerpartie des Wanderer W11 wie auf diesem Bildausschnitt:

Wanderer_W11_1929-30_Harzburg_Pfingsten_1932_Sammlung_Bengsch_Frontpartie

Wanderer W11 10/50 PS; Ausschnitt aus Originalfoto von Marcus Bengsch

Man beachte zum einen das traditionelle Wanderer-Emblem im oberen Teil der Kühlereinfassung, deren Unterseite markant geschwungen und stark profiliert ausgeführt war. Typisch ist zum anderen die optisch zweigeteilte Ausführung der Vorderschutzbleche mit ausgeprägten Sicken.

Das Fehlen der damals Wanderer-typischen Fahrtrichtungsleuchten auf den Kotflügeln ist ein Beleg für die oft individuelle Ausführung dieser Wagen (siehe das Porträt dieses Wagens hier) bzw. die spätere Nachrüstung von Winkern.

1931 kam es beim Wanderer W11 zu einer optischen Überarbeitung, die dem Wagen beinahe ein neues Gesicht gab:

Wanderer_W11_10-50_PS_1930-31_Gläser_Cabriolet_Nachkrieg_Galerie

Wanderer W11 10/50 PS; Originalffoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was hat sich hier getan? Im Wesentlichen zwei Dinge:

  • Die Kühlereinfassung wurde oben schlichter – d.h. „geradliniger“ – gestaltet und das altvertraute Wanderer-Emblem wich einem neuen Logo.
  • Die bis dato markant profilierten Vorderschutzbleche wichen glattflächigen Kotflügeln, die wie aus einem Guss wirken.

Beibehalten wurden die Wanderer-Kühlerfigur, die Doppelstoßstangen und die Scheinwerferstange.

Erstaunlich, welchen Effekt diese überschaubaren Veränderungen bewirkten. Denn der Wanderer W11 auf obigem Foto, das um 1970 bei einer Veteranenveranstaltung in Ostdeutschland entstand, könnte glatt für einen Cadillac durchgehen.

Wer das für übertrieben hält, studiere die folgende Aufnahme, die bei derselben Gelegenheit entstand (Zufälle gibt es…):

Cadillac_1930_DDR_Galerie

Cadillac von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen vom unteren Kühlerabschluss wirkt dieser Wagen dem Wanderer wie aus dem Gesicht geschnitten.

Tatsächlich verhält es sich umgekehrt, denn diese zweite Aufnahme zeigt einen Cadillac von 1930. An dessen Äußerem hatte man bei Wanderer offenbar Maß genommen – ein Hinweis auf das Selbstbewusstsein, das man entwickelt hatte, aber auch auf die Vorbildwirkung von US-Automobilen noch in den frühen 1930er Jahren.

Nebenbei sind diese beiden Aufnahmen Zeugen der schon sehr früh lebendigen Vorkriegsautoszene im sich damals ausdrücklich „demokratisch“ nennenden Teil Deutschlands. Merke: Was besonders betont werden muss, ist meist nicht gegeben.

Was in Ostdeutschland unter den Bedingungen des Sozialismus an Vorkriegsautovielfalt erhalten worden ist, verdient Bewunderung und Dank.

Es mag damit zu tun haben, dass „die Partei“, deren Nachfolgeorganisation heute beschämenderweise im Bundestag sitzt, den „Genossen“ nur Fahrzeuge primitiver Bauart zubilligte (sofern sie verfügbar waren).

Einen Sechs- oder gar Achtzylinderwagen aus der Vorkriegszeit zu besitzen, muss da auf unerschrockene Charaktere magische Anziehungskraft gehabt haben.

Solchen Luxus im „Arbeiter- und Bauernstaat“, der unerlaubt in den kapitalistischen Westen ausreisende Insassen hinterrücks erschießen ließ, am Leben zu halten, mag bei manchem ein Akt der inneren Emigration gewesen sein.

Heute können wir uns so über eine Vielzahl herrlicher Vorkriegswagen freuen, die im Westen weitgehend verschwunden sind. Sicher wird der wunderbare Wanderer W11, den ich hier in der Ausführung als Cabriolet von „Gläser“ zeigen durfte, noch existieren.

Übrigens werde ich dem prächtigen Cadillac von 1930 gelegentlich ebenfalls noch meine Aufwartung machen…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

Landauline von Kathe am Nürburgring – Wanderer W11

Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags klingt schon ein wenig merkwürdig. „Landauline von Kathe“ – das könnte glatt der Name einer adligen Dame aus einem Fontane-Roman sein, der auf einem Gut in der Mark Brandenburg spielt.

Zwar ist das letztlich „nur“ die Bezeichnung eines großbürgerlichen Vorkriegsautos. Doch dieses erweist sich als so außergewöhnlich, dass es eigentlich an Verschwendung grenzt, es gleich nach dem jüngsten „Fund des Monats“ zu bringen.

Das wurde mir aber erst klar, nachdem ich mich bereits für die Vorstellung des folgenden Fotos entschieden hatte:

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Wanderer 10/50 PS (W11) Landauline; Originalfoto aus Sammlung Martin Möbus

Diese schöne Aufnahme verdanken wir Diplom-Restaurator Martin Möbus, der nebenbei in punkto Erhalt historischer Technik eine sehr kluge Auffassung vertritt:

„Restaurieren heißt nicht wieder neu machen, sondern das Vorhandene erhalten und nach besten Möglichkeiten zur Geltung zu bringen. So können auch typische Gebrauchsspuren erhalten werden, die dem Objekt erst ihre charakteristische Ausstrahlung verleihen. Spuren der Vernachlässigung (Rost, zerbrochene Teile) werden jedoch möglichst reduziert. Dadurch wird ein geschlossenes Gesamtbild erzielt.“

So schön das Foto auch ist, war mir wie gesagt zunächst nicht klar, was für eine Rarität es zeigt. Klar war nur, dass es sich um eine Aufnahme eines Wanderer des Sechszylindertyps 10/50 PS (Typ W11) von 1929/30 handelt.

Von diesem ersten luxuriösen Wagen der konservativen Marke aus Chemnitz habe ich hier schon einige reizvolle Fotos präsentiert. Diese werden uns bei der genauen Eingrenzung von Baujahr und letzlich Aufbau behilflich sein.

Außerdem ist doch so eine Sechsfenster-Limousine des Wanderer Typ W11 immer wieder ein Genuss, oder etwa nicht?

Wanderer_W11_10-50_PS_Limousine_Galerie

Wanderer 10/50 PS (W11); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach angemessener Würdigung des Fotomodells auf dem Trittbrett möge sich der Leser nun auf die formalen Merkmale dieses Wanderer-Wagens konzentrieren:

  • verchromte Kühlermaske mit lackierten Lamellen
  • vollverchromte Scheinwerfer mit kegelförmigem Gehäuse
  • Blinker auf den Vorderschutzblechen
  • Doppelstoßstangen nach amerikanischem Vorbild
  • tief geschüsselt ausgeführte Scheibenräder

So präsentierte sich die Limousine des 1928 vorgestellten Wanderer 10/50 PS (Typ W11) ab 1929.

Ebenfalls als eindrucksvolle Sechsfensterlimousine ausgeführt war dieses Exemplar:

Wanderer_W11_Limousine_Grazien_Galerie

Wanderer 10/50 PS (W11); Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Abgesehen von der charmanten Besatzung ist es hier das am Heck montierte Ersatzrad, auf das der Blick fällt. Dies war die standardmäßige Montageweise, was später noch von Bedeutung sein wird.

Die Identifikation dieses Wagens war übrigens gar nicht so einfach – denn der Aufbau mit Zweifarblackierung und gefällig gestalteten seitlichen Zierleisten hätte auch zu einem beliebigen US-Modell jener Zeit passen können.

Hinweise auf den Wanderer gaben letzlich die fehlende Fortsetzung der Zierleiste auf der Motorhaube, die fein ausgeführten und recht niedrigen Luftschlitze in derselben sowie das sich schemenhaft abzeichnende geflügelte „W“ auf dem Kühler.

Auf den ersten Blick dasselbe Farbschema sehen wir auf dem folgenden Foto von Leser Klaas Dierks, das eines von vielen Beispielen für den lässigen Umgang der einstigen Besitzer mit diesen teuren Fahrzeugen ist:

Wanderer_W11_10-50_PS_Dierks_Galerie

Wanderer 10/50 PS (W11); Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Auch hier springt der Verzicht auf eine seitliche Zierleiste auf der Haube ins Auge, die man bei zeitgenössischen amerikanischen Wagen erwartet hätte. Nun ist auch das erwähnte Wanderer-Emblem auf dem Kühler in wünschenswerter Schärfe zu sehen.

Wo aber sind die Wanderer-typischen Blinker auf den Vorderschutzblechen geblieben? Zwar verschwanden diese beim Wanderer 10/50 PS Typ W11 ab 1931, dies ging jedoch mit neu gestalteten Schutzblechen einher.

Hier haben wir aber noch die mit ausgeprägten Sicken und vorne abfallendem Profil versehenen Kotflügel, die bis 1930 verbaut wurden.

Die Erklärung ist wohl die, dass der Besitzer dieses Wanderer ab 1931 ebenfalls auf die dann üblichen Winker am A-Holm umrüstete, die man hier gut erkennen kann.

Denkbar, dass bei der Gelegenheit auch die Sonnenschute am vorderen Dachende passend zur Haube hell lackiert wurde. Normalerweise war diese nämlich in der Farbe des Dachs gehalten wie bei den zuvor gezeigten Bildern.

Gut lassen sich hier die konzentrischen Zierlinien auf den Scheibenfelgen studieren. Diese können in Zweifelsfällen bei der Identifikation ebenso helfen wie die horizontalen Sicken im Schwellerblech, die das Bauteil weniger kastig wirken lassen.

Nach diesen Vorstudien kehren wir mit geschärftem Blick zurück zum Ausgangsfoto von Martin Möbus:

Wanderer_W11_Landauline_Nürburgring_Möbus_Ausschnitt

Kein Zweifel: Das ist ebenfalls ein Wanderer 10/50 PS (Typ W11) ab 1929. Doch hier fallen einem jede Menge Abweichungen von den bisher gezeigten Fotos auf:

  • Die Kühlerlamellen sind nicht in Wagenfarbe lackiert – das kann ein Kundenwunsch gewesen sein,
  • Die Stahlspeichenräder wichen parallel zur Einführung der vollverchromten Stoßstangen und Scheinwerfern 1929 eigentlich den erwähnten Scheibenrädern – denkbar dass entweder Altbestände montiert wurden oder der Käufer es so wollte,
  • Gravierender ist die seitliche Montage des Ersatzrads, die man beim Werkstourer oder bei den von Ambi-Budd, Gläser und Reutter gelieferten Limousinenaufbauten nicht findet, jedenfalls nicht vor 1931 (Wegfall der Blinker und neue Kotflügel).
  • Völlig anders sind auch Gestaltung und Farbgebung der Zierleisten, ebenfalls ist die filigrane Ausführung der verstellbaren Sonnenschute.

Die markanteste Eigenheit ist aber das niedergelegte Verdeck am Heck. Wie passt das zu den festen Türrahmen einerseits und dem komplett offenen Dach andererseits?

Ein viertüriges Cabriolet ist das jedenfalls nicht, dort gäbe es statt der rundherumabschließenden Türrahmen nur oben endende Kurbelscheiben in schmalen Führungen. Auch ein Sedan-Cabriolet kommt nicht in Betracht.

Man könnte von einer Art Cabrio-Limousine sprechen, doch diese Mischform findet man bei sechsfenstrigen Aufbauten eigentlich nicht. Zudem würde dort das gefütterte Verdeck stärker auftragen.

Hier dagegen sitzen die Passagiere bei niedergelegtem Verdeck fast im Freien. Ist das dann nicht ein Landaulet? Nein, dann würde sich das Verdeck nur hinten öffnen lassen.

Ein Landaulet weist in der hinteren Dachpartie eine entsprechende Nahtstelle auf wie dieser Wanderer 10/50 PS (W11), der 2016 bei den Classic Days auf  Schloss Dyck zu bewundern war (Bericht mit Farbfotos hier):

Wanderer_W11_Landaulet_Classic_Days_2016_Galerie

Bei dem Wanderer W11 auf dem Foto von Martin Möbus dagegen reicht das Verdeck über die gesamte Dachlänge.

Den Schlüssel zur Lösung liefert schließlich das Standardwerk „Wanderer Automobile“ von Th. Erdmann/G. Westermann (Verlag Delius-Klasing).

Dort wird nämlich bei der Auflistung der wichtigsten Karosseriehersteller für den Wanderer W 10/50 PS (W11) ein Aufbau genannt, den ich bis dato nicht kannte. So lieferte die Firma Kathe aus Halle eine Karosserie mit der Bezeichnung „Landauline“.

Dabei handelt es sich gewissermaßen um ein Mittelding zwischen einem Landaulet und einer Cabrio-Limousine. Beispiele für solche Landauline-Aufbau von Kathe auf Wanderer-Basis sind im Coachbuild-Forum hier zu finden (weiter unten).

Doch selbst dort ist keine Landauline auf Grundlage einer Sechsfenster-Limousine  abgebildet. Für Horch bot Kathe aber genau so etwas an (siehe hier).

Nach der Lage der Dinge ist der Wanderer W11 aus dem Fundus von Martin Möbus bislang der einzige, der einen solchen Landauline-Aufbau in Kombination mit sechs Seitenfenstern besaß. Über weitere Beispiele freue ich mich natürlich!

Bleibt die Frage, wo der seltene Wanderer 10/50 PS einst seine gutgelaunten Insassen hintransportiert hatte, als die Aufnahme entstand. Nun, der Hintergrund verrät es:

Wanderer_W11_Landauline_Nürburgring_Möbus_Ausschnitt2

Auch wenn sich das Umfeld im 21. Jh. nicht mehr so idyllisch zeigt, ist doch die Ansicht der Nürburg in der Eifel im wesentlichen dieselbe geblieben.

Wie es der Zufall will, habe ich vor längerer Zeit bereits ein Foto gezeigt, das zwar etwas früher entstanden war, aber aus sehr ähnlicher Perspektive aufgenommen wurde.

Auf diesem Foto hatte sich ein Hanomag 2/10 PS „Kommissbrot“ versteckt, inmitten einer Ansammlung von Autos der frühen 1920er Jahre, die einen heute in Freudentränen ausbrechen lassen würde.

Die Wagen standen damals einfach auf einer Wiese herum – der Anlass war die Eröffnung des Nürburgrings 1927!

Hanomag_2-10_PS_Nürburging_1927_Galerie

Parkplatz am Nürburgring 1927; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer sich nochmals mit dieser tollen Aufnahme befassen und auf die Suche nach dem winzigen Hanomag gehen möchte, kann das hier tun.

Klar ist damit jedenfalls, dass auch der Wanderer 10/50 PS mit Landauline-Aufbau von Kathe einst vor der Kulisse der Nürburg gehalten hatte und dort von einem der Mitreisenden fotografisch festgehalten wurde.

Dass diese schöne Aufnahme nach über 80 Jahren immer noch soviel Vergnügen bereiten und Anlass zu allerlei Recherchen geben kann, das hätten sich die Insassen sicher nicht gedacht.

Uns Nachgeborenen bleibt nur, danke zu sagen für diese unwiderbringliche Ansicht:

Wanderer_W11_Landauline_Nürburgring_Möbus_Ausschnitt3

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.