Vielfalt auf gemeinsamer Basis: Opel 4 PS-Modell

„Nanu, singt unser Blog-Wart jetzt auch das Hohe Lied von Vielfalt über alles?“, mag mancher derer denken, die mein Treiben schon länger kritisch-wohlwollend begleiten. In der Hinsicht kann ich Entwarnung geben – beim Thema Vorkriegsautos verbieten sich zeitgeistige Verbeugungen ohnehin von vornherein.

Eine Diversity-Policy und ähnliche Bekenntnisse werden Sie hier wie in meiner geschäftlichen Existenz vergebens suchen, schon deshalb weil ich in beidem überzeugter Einzeltäter bin.

Das hält mich jedoch nicht davon ab, Vielfalt für eine fruchtbare Sache zu halten – sofern sie sich auf einer soliden gemeinsamen Grundlage abspielt, die von allen Beteiligten getragen wird.

Das gilt im Ökonomischen, wo die Vielfalt der Ideen im Wettbewerb ihre innovative Kraft entfaltet, wenn es einen akzeptierten Rahmen gibt, der Monopole und Kartelle vermeidet – leider versagt die genau dafür zuständige Politk (auch) auf diesem Sektor allzuoft.

Gleiches gilt im Austausch der Meinungen und Weltanschauungen: Die Vielfalt ist es, welche die Menschheit weiterbringt, doch nur wenn alle Auffassungen sich Gehör verschaffen können – auch die vermeintlich abwegigen wie die „umstrittener“ Leute wie Galilei oder Einstein. Das verträgt sich nicht mit dem Wahrheitsanspruch Einzelner oder von Kollektiven, speziell solcher, die endgültige Weisheiten von ganz oben vertreten.

Nicht zuletzt ist auch im täglichen Miteinander Vielfalt zu begrüßen in dem Sinne, dass jeder nach seiner Facon glücklich werden soll. Bloß allgemeine Gesetze und die fundamentalen Rechte anderer gilt es dabei zu achten, wozu auch das gern übergangene Recht gehört, in seinem privaten Dasein möglichst in Ruhe gelassen zu werden.

Fassen wir zusammen: Vielfalt war und ist eine großartige Sache, wenn sie eine gemeinsame Basis hat. Genau das will ich heute ausgerechnet am ab 1924 in Großserie gebauten simplen Opel 4 PS-Model illustrieren, der vielen auch als „Laubfrosch“ bekannt ist.

Ich habe mich mit diesem Modell schon länger nicht mehr befasst, bis ich bemerkte, wie groß die Vielfalt der Ausführungen war, die auf der Basis mit 1-Liter-Vierzylinder erhältlich waren.

Eine erste Vorstellung vermittelt diese Reklame aus dem Jahr 1925:

Opel-Reklame aus: Allgemeine Automobil Zeitung (AAZ), 20. Juni 1925; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Doch beschränke ich meine heutige Betrachtung auf die erst ab Herbst 1927 gebaute späte Version, welche einigermaßen kühn mit einem vom US-Luxushersteller Packard abgeschauten markanten neuen Kühlergehäuse ausgestattet wurde.

Dieser sogenannte Packard-Kühler beendete die Phase, in welcher der Opel 4PS seinem Vorbild – dem Citroen 5CV noch so zum Verwechseln ähnlich sah, dass der Volksmund für den „Laubfrosch“ das Bonmot „Dasselbe in Grün“ erfand.

In erfreulicher Klarheit und zugleich in einer nur selten fotografierten Situation sehen wir den Opel 4 PS hier in einem Verkaufsraum auf der rechten Seite – links haben wir das weit stärkere Modell 8/40 PS mit identisch gestalteter Kühlerfront:

Opel 4/20 PS von 1930; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Dier hier angebotene 20 PS leistende Ausführung des Opel 4 PS wurde übrigens erst ab 1930 gebaut, also ein Jahr vor Produktionsende des damals heillos veralteten Modells.

Die Karosserieausführung scheint die eines 2-sitzigen Cabriolets gewesen zu sein – streng genommen war das eine 2-sitzige Cabrio-Limousine, da der Wagen über einen festen oberen Abschluss der Tür verfügte.

Diese Lösung darf man sich in etwa so vorstellen wie bei diesem früher entstandenen Opel 4/16 PS (ab Ende 1927).

Opel 4/16 PS ab Herbst 1927; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Dieses Exemplar mit Zulassung im Raum Hamburg lässt sich anhand der Form der Vorderkotflügel und des Fehlens einer Verbindungsstange recht genau datieren – auf Ende 1927 bis spätestens Herbst 1928.

Denselben Aufbau sehen wir auch auf der folgenden Aufnahme im Hintergrund, interessanter ist freilich die offene Version davor, die mit der seitlichen Zierleiste raffinierter gestaltet war und ohne hohe Türrahmen daherkam.

Opel 4/16 PS ab Herbst 1928; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

In voller Pracht sehen wir dieselbe Ausführung auf einer weiteren Aufnahme aus dem Fundus von Leser Klaas Dierks, der inzwischen eine beeindruckende Sammlung von Fotos des Opel 4 PS-Modells zusammengetragen hat.

Opel 4/16 PS ab Herbst 1928; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Die identischen Gestaltungssprinzipien finden sich am im Vergleich zum Zweisitzer seltener anzutreffenden viersitzigen Tourer.

Hier haben wir ein solches Exemplar anlässlich einer Concours-Veranstaltung mit charmanter Besatzung, wobei wir davon ausgehen dürfen, dass zumindest die Dame am Lenkrad nicht nur dekoratives Beiwerk war, sondern den Wagen auch tatsächlich fuhr.

Opel 4/16 PS ab Herbst 1928; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier erkennt man gut die ab Herbst 1928 neu gestalteten Vorderkotflügel, welche nun stärker der Radform folgen und nicht mehr dem uralten Citroen-Vorbild entsprechen, was auch höchste Zeit war. Mit einem Mal wirkt der Opel zeitgemäß, äußerlich jedenfalls.

Diese schöne Aufnahme von einer geschlossenen Gesellschaft, welche mit der Lebenswirklichkeit der allermeisten in bestürzender Armut lebenden Deutschen nichts gemeinsam hatte, wirft die Frage auf, wie es um Limousinenaufbauten bestellt war.

Auch auf diesem Sektor lässt sich das Thema „Vielfalt auf gemeinsamer Basis“ trefflich illustrieren, wie wir gleich sehen werden. Doch zuvor will ich noch die vielleicht häufigste, weil billigste Ausführung zeigen, den einfachen „Roadster“ ohne jeden Zierrat:

Opel 4/16 PS ab Herbst 1928; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Hatte ich gesagt „ohne jeden Zierrat“? Nun, das muss ich relativieren.

Denn diese Aufnahme „lebt“ nicht nur von dem kleinen Mädchen am riesigen Lekrad, das aufmerksam in die Kamera schaut und zum eigentlichen Reiz der Situation beiträgt.

Neben dem menschlichen Element, das noch jedes Autofoto adelt, ist es hier ein spezielles Zubehör, welches die Aufmerksamkeit des Vorkriegsenthusiasten weckt. Es handelt sich um die auf dem Tritttbrett montierte spezielle Signalvorrichtung, welche ich in dieser Form bislang eher bei französischen Fahrzeugen der 1920er Jahre gesehen habe.

Frage an die Experten in der Hinsicht: Handelte es sich um eine rein elektrisch betriebene Hupe oder um ein mit (vom Motor abgeleiteten) Überdruck arbeitendes Horn?

Kommen wir nun zu den geschlossenen Varianten. Natürlich gab es eine Limousine, wobei diese nach meiner Wahrnehmung stets nur zwei Türen besaß. Gleichwohl wirkt der Opel 4 PS mit dem geschlossenen Aufbau weit eindrucksvoller als in den offenen Ausführungen:

Opel 4/16 PS ab Frühjahr 1928; Originalfoto aus Familienbesitz (via Michael Plag)

Diese hervorragende Aufnahme, die einst im Odenwald entstand, wartet schon einige Jahre auf ihre Veröffentlichung – ich verdanke sie Michael Plag, aus dessen Familienalbum sie stammt.

Interessant ist hier neben der reizvollen Aufnahmesituation die wohl aus dem Zubehörhandel stammende Doppelstoßstange nach US-Vorbild mit mittig angebrachtem „Opel“-Schriftzug, welcher nicht der Konvention auf dem Kühleremblem entspricht.

Der Aufnahme kaum nach steht dieses schöne Dokument aus der Sammlung von Wolfgang D. Küssner (Kiel), welches einen Opel 4/16 PS mit Geschäftswagenaufbau zeigt:

Opel 4/16 PS ab Herbst 1928; Originalfoto: Sammlung Wolfgang D. Küssner

Die Aufnahme entstand auf der Lübecker Chaussee in Kiel vor dem Thaulow-Museum und zeigt einen Lieferwagen der ortsansässigen Bäckerei Sass.

Wie bereits auf der weiter oben gezeigten Reklame ersichtlich, bot Opel serienmäßig ab Werk solche geschlossenen Aufbauten für Geschäftszwecke an.

Alles schön und gut, mögen Sie jetzt denken, das sind ja durchaus abwechslungsreiche Ansichten, die unser Blog-Wart hier ausbreitet. Aber verdient das Thema Vielfalt auf gemeinsamer Basis nicht irgendwie noch einen krönenden Abschluss?

Etwas, was einen tatsächlich zufrieden die heutige Betrachtung beschließen lässt und einen wunschlos glücklich ins Land der Träume entlässt?

Das lässt sich einrichten, meine ich, und wieder ist es ein Leserfoto, welches das ermöglicht:

Opel 4/16 PS ab Herbst 1928; Originalfoto: Sammlung Matthias Schmidt

Hier können wir nicht nur den Limousinenaufbau als Ausweis der Karosserievielfalt auf Basis des Opel 4PS-Modells studieren. Hier sehen wir auch die lebendige Vielfalt an einstigen „Besitzern“ dieser Wagen.

Wir sind offensichtlich nicht nur als Menschen und Autofahrer gut beraten, uns im vielfältigen Gewimmel des Alltags an gemeinsame Grundlagen zu halten, um zurecht- und vorwärtszukommen. Wir sollten auch die Vielfalt an Geschöpfen im Blick behalten, mit denen wir die Welt als gemeinsame Basis teilen.

Sie sind wie wir Teil einer Wirklichkeit, deren Ursprung und Sinn wir verstandesmäßig letztendlich nicht erfassen können – genießen und schonen wir also auch diejenigen unserer Mitgeschöpfe, mit denen wir durchs Dasein gehen (und bisweilen fahren), deren Ursprünge weit vor unserer Zeit liegen und mit denen wir dennoch kommunizieren können…

Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog

3 Gedanken zu „Vielfalt auf gemeinsamer Basis: Opel 4 PS-Modell

  1. Ja, ja, der kleine 4 PS- Opel !
    An den erinnerte sich schon Fritz B. Busch in einer seiner klassischen Oldtimer- Stories in der AMS als das Auto seiner Kindheit in Thüringen, mit dem der alte Herr sein Geld verdiente. Er prägte im Deutschland der „Zwischenkriegszeit“ als erstes Massenprodukt der heimischen Auto- Industrie das Straßenbild. Gemessen an der Überlebensrate wurde er allerdings in den Dreißigern recht schnell von seinen Nachfolgern 1,2 Ltr., P 4 und Kadett verdrängt. Es mag, wenn man es recht bedenkt, auch an
    modernen Vermarktungsstrategien der nun herrschenden Amerikaner gelegen haben !
    Ein überlebendes Exemplar war in den Anfangsjahren der Alt- Ooel IG auf den Jahrestreffen in Rüsselsheim der offene Zweisitzer der beiden Damen Weitz, die es von ihrem Alterssitz im Taunus nicht weit hatten. Frau Paula Weitz steuerte ihn unverdrossen noch bis in die Achtziger Jahre durch ihre neue hessische Heimat .
    Paula Weitz war früher eine selbstständige Schneidermeisterin mit eigenem Salon der Spitzenklasse in der Reichshauptstadt und war in der Lage, bei den Kundinnen im eigenen Wagen zu Anproben vorzufahren !
    Da umständehalber ein Gutteil ihren Kundschaft in der Nachkriegszeit ihren Wohnsitz in die westliche Metropole (und vorgesehene neue Bundeshauptstadt) verlegt hatte, war wohl dann auch für Frau Weitz der Westen das auskömmlichere Pflaster.
    In den Bergen papierener Erinnerungen meiner Großeltern fand eine Werbepostkarte, die, wie damals üblich, den Werkshof der Hannoveraner Appel Feinkost – Werke mit einer ganzen Flotte von 4 PS Lieferwagen (nach meiner Erinnerung bestimmt ca. 20 Stück) zeigt. Heinz Appel war ein großer Förderer niedersächsischen Natur- und Heimatschutzes und als solcher auch Freund des Naturkundemuseums am Niedersächsischen Provinzial- Museums, dem mein Großvater
    damals vorstand.
    Da gibt’s auch noch ein Foto, auf dem der ca 1,60 große Direktor Appel mit der üblichen besitzanzeigenden Geste mit dem rechten Bein auf dem hohen Trittbrett seines riesigen Mercedes Nürburg steht.

  2. Das Jubiläum hatte ich gar nicht auf dem Schirm, danke für den Hinweis! Was einen echten Volkswagen angeht, konnten weder Opel noch DKW vollwertige Autos so billig machen, dass sie sich der an der Armutsgrenze krebsende deutsche Durchschnittsverdiener leisten konnte. Der Motorisierungsgrad blieb einkommensbedingt weit unter dem Englands und Frankreichs. Erst ab etwa 1960 war es soweit, und dann ausgerechnet mit dem VW aus Vorkriegszeiten…

  3. JA !!! der Opel Laubfrosch hat Jubiläum !! Am Anfang wirlich nur eine besser Kopie des Citroen 5CV /Trefle entwickelte sich das zu etwas, was sich zum „Volkswagen“ hätte mutieren lassen – immer billiger dank Fliessband, höheren Stückzahlen, Gleichteilen mit anderen Opel. Den schnuckeligen Packard-Kühler bekam der 4/16 erst im Endspurt bevor das zum Opel 1100 mit noch blligerer Fertigung aus USA mutierte. Die Austro Classik hat eine halbe Doktorarbeit zu dem Thema verfasst, da will ich mich nicht aufhalten.

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