Edition „Edelschimmel“: Opel 4/20 PS von 1930

Endlich wieder einmal ein Beitrag zu Opels 4 PS-Modell, von dem die Rüsselsheimer zwischen 1924 und 1931 fast 120.000 Exemplare absetzen konnten – so wird jetzt mancher denken.

In der Tat ist dieser erste ganz große Absatzerfolg eines deutschen Autoherstellers gemessen an seiner einstigen Präsenz und auch dem heutigen Bekanntheitsgrad ein eher seltener Gast in meinem Blog.

Das liegt daran, dass ich bisher meinte, alle gängigen Varianten davon bereits vorgestellt zu haben (siehe auch die Exemplare in meiner Opel-Galerie). Die äußeren Veränderungen, welche hauptsächlich die Gestaltung von Kühler, Haube und Vorderkotflügel betrafen, lassen sich dort gut nachvollziehen.

Doch ist mir dieser Tage eine Ausführung zugetragen worden, die ich so noch nicht präsentiert habe und die so reizvoll ist, dass ich über den eher peinlichen Ursprung des Opel 4 PS-Modells als Nachbau eines Citroen der frühen 20er hinwegschauen kann.

Wer jetzt allerdings aus der von mir erfundenen Modellbezeichnung „Edelschimmel“ darauf schließt, dass diesmal auch ein paar extra Pferdestärken im Spiel sind, liegt daneben – so sympathisch mir das Prinzip „zuviel Leistung gibt es nicht“ ist.

Was die Motorisierung angeht, bleiben wir heute ganz im Rahmen dessen, was Opel über die Jahre aus seinem (steuerlich so eingestuften) 4 PS-Modell an Spitzenleistung herausholte.

Bei Einführung anno 1924 beschränkte man sich noch auf 12 PS bei 1 Liter Hubraum, das entsprach der Leistung leichter Cyclecars mit zwei Sitzen und war für geschlossene Aufbauten unzureichend. Erst bei den späten Ausführungen mit 16 bzw. zuletzt 20 PS findet man zunehmend auch Limousinen dieses Typs – und des öfteren leichte Lieferwagen!

Nutzfahrzeuge sind an sich nicht mein Metier, doch mache ich gerne Ausnahmen bei nachträglichen Umbauten auf PKW-Chassis oder auch werksmäßigen Versionen, die technisch ebenfalls ganz dem Standard entsprachen, also ohne stärkere Rahmen oder spezielle Motoren und Getriebe gebaut wurden.

Bisher ist mir nur einmal eine solche Kreation auf Opel 4 PS-Basis begegnet:

Opel 4-16 PS Lieferwagen der Bäckerei Sass; aufgenommen vor dem Museum Thaulow, Lübecker Chaussee 8 in Kiel; Originalfoto aus Sammlung Wolfgang D. Kuessner (Kiel)

Erste Datierungshinweise liefern hier die geschwungene Kühleroberseite nach Vorbild des US-Herstellers Packard, die Trommelscheinwerfer und die stärker der Radform folgenden Vorderkotflügel – das wurde beim Opel 4 PS-Typ Ende 1927 eingeführt.

Bei der werksmäßigen Lieferwagenausführung wurden diese Elemente 1:1 übernommen, weshalb man sich in solchen Fällen an der Dokumentation in der Literatur orientieren kann.

Im Fall von Opel gibt es nur eine einzige mir bekannte Publikation, welche auf diese Details eingeht – die „Opel Fahrzeugchronik Teil 1 -1899-1951“ von Bartels/Manthey.

In dieser einzigartigen Abhandlung finden sich auch Beschreibungen der Werks-Lieferwagen auf Basis des 4 PS-Chassis. Dort erfahren wir, dass der Opel-Lieferwagen 4/16 PS ab Frühjahr 1928 Seitenscheiben erhielt – damit können wir das Fahrzeug auf obigem Foto aus der Sammlung von Wolfgang Kuessner (Kiel) auf wenige Monate genau datieren.

Das hilft uns auch bei der heute im Mittelpunkt stehenden „Edition Edelschimmel“, die ich Björn Hering verdanke. Er sandte mir zwei Fotos zu, die einen Opel 4 PS-Lieferwagen zeigen, welcher in den 1930er Jahren der Dresdener Firma Paul Eichhorn gehörte:

Opel 4/20 PS Lieferwagen ab 1930; Originalfoto aus Familienbesitz (Björn Hering)

Björn Herings Urgoßvater war als Prokurist bei der Firma Eichhorn tätig und in seinem Nachlass fand sich diese außergewöhnliche Aufnahme.

Aufmerksame Leser werden nun auf Anhieb sagen: „Das muss ein Modell ab Frühjahr 1928 sein – denn dieses Exemplar hat nicht nur den Packard-Kühler und die Trommelscheinwerfer, sondern auch Seitenscheiben!

Ja, aber jetzt wissen wir immer noch nicht, ob der Lieferwagen der Firma Paul Eichhorn aus Dresden ein Opel 4/16 PS oder der Ende 1928 eingeführte Typ 4/20 PS war.

Wir haben heute jedoch Glück, denn Björn Hering kann mit einer weiteren Aufnahme desselben Wagens am gleichen Ort aufwarten, die uns ein entscheidendes Detail offenbart:

Opel 4/20 PS Lieferwagen ab 1930; Originalfoto aus Familienbesitz (Björn Hering)

Hier sehen wir nämlich nicht nur einige mehr oder weniger gut aufgelegte Mitarbeiter der Firma Paul Eichhorn, sondern auch einen Scheibenwischer auf der Windschutzscheibe sowie an den vorderen Scheibenpfosten angebrachte ausklappbare Fahrtrichtungsanzeiger („Winker“).

Das wurde erst Ende 1930 eingeführt – ein gutes halbes Jahr vor Produktionseinstellung des Opel 4 PS-Typs. Somit muss dieses Exemplar die Motorisierung 4/20 PS besessen haben.

Alles schön und gut, aber wo bleibt bei allen diesen Finessen und Pferdestärken der versprochene „Edelschimmel“? Nun, den müssten Sie längst bemerkt haben – der befindet sich nämlich serienmäßig auf dem Camembert-Käse, der vor dem 2. Weltkrieg in Steingaden im Allgäu aus Heumilch nach französischem Vorbild hergestellt wurde.

Gemessen am eher überschaubaren Angebot raffinierter Käsespezialitäen in deutschen Landen – bemerkenswert trotz reichlich verfügbarer hervorragender Rohmilch – war bereits ein Edelschimmel-Käse der gängigen Gattung Camembert hierzulande etwas Besonderes.

Der kühn als „Schloss“-Camembert angepriesene Käse aus Steingaden erfreute sich bei solventen Käufern damals einiger Beliebtheit – antiquarisch finden sich noch viele einschlägige Reklamen.

Die Edition „Edelschimmel“ auf Basis des Opel 4 PS-Modells, die gibt’s aber nur hier…

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8 Gedanken zu „Edition „Edelschimmel“: Opel 4/20 PS von 1930

  1. Danke – demnächst auch wieder von Brennabor-Wagen!

  2. Besten Dank für die Anregung. Allerdings repräsentiert der erwähnte Opel-Lieferwagen auf S. 132 bereits die Nachfolgeneration mit gerundetem Kühlergehäuse, schüsselförmigen Scheinwerfern und schrägstehender Frontscheibe. Der Opel der Firma Eichhorn aus Dresden dagegen stammt aus den letzten Produktionsmonaten des 4 PS-Typs (1930/31) und weist mit Ausnahme der Luftschlitze noch alle formalen Details des späten 4/20 PS auf.

  3. Hallo,
    als Fan von Opel 4-PS Fotos habe ich mich über den aktuellen Beitrag gefreut, zumal ich auch eine Reihe Fotos mit Lieferwagen aus der Modellreihe 4-PS mit unterschiedlichen Baujahren in der Sammlung habe, allerdings keines mit mehr als 15 Luftschlitzen.
    Aus diesem Grund habe ich das von Ihnen erwähnte Buch von Bartels/Manthey mal wieder zur Hand genommen und möchte in der Folge zur Diskussion stellen, ob es sich bei dem Käsezusteller wirklich um einen Opel 4-PS handelt. Es gibt (auch in meiner Sammlung Fotos von) Opel 4-PS PKW mit mehr als 15 Luftschlitzen, aber ich habe bisher keines von einem Lieferwagen gesehen. Schaut man in die „Opel Fahrzeugchronik Teil 1 -1899-1951“ auf S. 132 rechts unten, findet man ein Foto eines Opel 1,2 Liter Modell, das aus meiner Sicht nicht nur formenidentisch, sondern auch von identischer Lackierung zu sein scheint, wie das Fahrzeug auf dem Foto von Herrn Hering.
    Mit schönen Grüßen,
    KD

  4. Zahl und Ausführung der Luftschlitze am Exemplar aus Dresden scheinen der sehr späten Entstehung geschuldet – habe ich so noch nicht gesehen, aber es kommt nur das 4PS-Modell in Frage.

  5. Wenn ich völlig unbedarft nur die Bilder der beiden hier gezeigten Lieferwagen betrachte, muß ich nochmal an den etwa 20 Jahre älteren Tonneau aus dem aktuellen Monatsrätsel denken, denn auch hier sieht man 15 Luftschlitze und ein Trittschutzblech am Fahrzeug der Feinbäckerei, aber 22 Luftschlitze am Camembert-Wagen. Wer nun nicht an Opel denkt, könnte auch Brennabor, Hanomag und sogar BMW erwägen, denn erst das Erkennen der aus dem geschwungenen Kühlergrill resultierenden Motorhaubenform bringt uns hier auf Opel. So ist es nicht nur der geschärfte Blick, sondern auch das gesicherte Wissen um die infolge Serienfertigung höheren Stückzahlen mit kontinuierlicher Gleichteileverwendung. Wo mich ein Automobilbild von 1910 noch ziemlich ratlos macht, wage ich eins von 1930 eher einzuordnen – was ich aber Ihrem Blog hier verdanke.

  6. Als Leicht-Lieferwagen mit 200 bis 250 kg zulässiger Ladung war der kleine Opel in der Tat allgegenwärtig in größeren Städten und fand darin mit seinem Motörchen vielleicht unbeabsichtigt eine ideale Verwendung. Amüsant der Hinweis auf die beliebte Pose am Trittbrett – daran sind nach meiner Wahrnehmung damals etliche Zeitgenossen gescheitert…

  7. Diese zu dieser Zeit in Deutsch- Land wohl einzigen In größeren Stückzahlen verfügbaren Lieferwagen wurden auch von der der ehemals berühmten Firma „Feinkost Appel“ in Hannover eingesetzt.
    Als Kind fand ich beim Stöbern in den Erinnerungen meines Großvaters die als Werbepostkarte gedruckte Aufnahme einer ganzen Flotte solcher 4 PS- Opels, die in Reih und Glied stehend, den Innenhof des Stammwerks bevölkern (nach meiner Erinnerung bestimmt 15 Stück).
    Heinz Appel, der Erfinder der damals berühmten „Appel Majonaise“ war nicht nur erfolgreicher Unternehmer, sondern, selten genug, auch passionierter Naturfreund, Heimatforscher und an der Pflege der Plattdeutschen Sprache interessierter Kulltur- Förderer in Niedersachsen und hatte wohl einen Narren gefressen an dem jungen, weitgereisten Museumsdirektor, als der mein Großvater 1924 nach Hann. ans Provizial- museum kam
    Das Ehepaar Appel war mit meinen Großeltern eng befreundet, sodaß sie sich auch in meiner Kindheit noch einmal jährlich trafen, wenn Appels in München weilten. Dann schickte Herr Appel einen Miet- Mercedes zu uns an den Ammersee und holte Oma und Opa an seinen Tisch in ein Separee des Hofbräuhauses – ich durfte da leider nie mit (man denke: eine Fahrt im dunkelbraunen 180er !
    Es gibt auch noch ein Foto bei uns aus früheren Tagen , als Appels Direktions- Mercedes ein „Nürburg“ war und Herr Direktor mit meinem Opa und einem anderen Herrn zu einer Exkursion ausbrach. Appel hatte aber mit seinen (geschätzten) 1,65 Schwierigkeiten, die übliche besitzanzeigende „rechter Fuß auf dem Trittbrett- Geste“ zu vollführen …

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