Typenkunde für Faktenchecker: Opel 2 Liter

Die Fraktion der in letzter Zeit aufgekommenen selbsternannten Faktenchecker ist mir nicht sympathisch.

Klar sollte man alles prüfen, nichts glauben, selber denken – die Formel der Aufklärung. Doch kann keiner für sich in Anspruch nehmen, selbst DIE kritische Instanz schlechthin zu sein, die mit überlegenem Wissen ausgestattet ist und alles niederbügelt, was eine andere Sicht einnimmt oder lästige Fragen stellt.

Der Wahrheit – so es sie denn für uns Menschen zu erkennen gibt – auf die Spur kommen wir am ehesten nicht im Monolog irgendwelcher Hohenpriester, sondern im Dialog gleichgeordneter Akteure – für mich als Ökonomen kurz: im Wettbewerb.

Ein schönes Beispiel, wie das durchaus sportliche Ringen um das bessere Argument am Ende zur Erkenntnis führt, kann ich heute dokumentieren.

Sicher erinnern Sie sich an den engagierten Meinungsaustausch, der seinen Ausgang an diesem prächtigen Opel-Cabriolet nahm, welches in den 1930er Jahren auf der Großglockner-Hochalpenstraße fotografiert wurde:

Opel 2 Liter Cabriolet Spezial; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Ich vertrat seinerzeit die Auffassung, dass die Basis dieses Wagens ein Opel des Vierzylindertyps 1,3 Liter von 1935 war. Das äußerlich sehr ähnliche Sechszylindermodell 2 Liter schloss ich aufgrund der Relation des Kotflügelendes zur Motorhaube aus.

Ein engagierter Leser meinte dagegen, dass es sich aufgrund der Gestaltung der Haubenschlitze um ein 2 Liter-Modell handeln müsse – der Opel 1,3 Liter sei an dem horizontalen Luftauslass zu erkennen, wie er auf folgendem Foto zu sehen ist:

Opel 1,3 oder 2 Liter Cabriolet; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Diesen Einwand konnte ich unter Verweis auf die Literatur ausräumen, wonach im Einführungsjahr 1934 beide Opel-Typen diese horizontalen Haubenschlitze besaßen.

Doch ganz zufrieden war ich mit dem Bezugnahme auf eine Sekundärquelle nicht. Lieber sind mir zeitgenössische Originaldokumente, wobei auch diese im Einzelfall fehlerhaft sein oder missverständlich sein können.

So machte ich mich auf die Suche nach eindeutig den Opel 2 Liter von 1934 zeigende Originalaufnahmen. Fündig wurde ich in Form eines Sets von Werksaufnahmen, die umseitig die Typbezeichnung 2 Liter aufwiesen.

Hier das erste Foto aus dieser interessanten Serie:

Opel 2 Liter Limousine von 1934; originales Werksfoto: Sammlung Michael Schlenger

Nun könnte einer sagen, dass es die Rüsselsheimer Werbeleute damals nicht so genau nahmen und hier ein Foto des 1,3 Liter kurzerhand wiederverwendeten.

Aber das hätten sie dann auch bei dem zweiten Foto aus der Serie machen müssen, das ebenfalls umseitig mit „Opel 2 Liter“ beschriftet ist.

Opel 2 Liter Limousine von 1934; originales Werksfoto: Sammlung Michael Schlenger

Beim dritten Foto dieser Serie von Werksfotos des „2 Liter“ handelt es sich jedenfalls eindeutig um den 6-Zylindertyp.

Jedenfalls sind hier sechs Zündkabel am Motorblock zu erkennen bzw. zu erahnen – auf alle Fälle mehr als vier wie beim 1,3 Liter-Typ:

Opel 2 Liter Limousine von 1934; originales Werksfoto: Sammlung Michael Schlenger

Wenn wir schon bei der Eingeweideschau des Opels sind, können wir den klassischen Reihensechser noch etwas genauer inspizieren.

Denn irgendein Motorengourmet in Rüsselsheim meinte, dass auch das Antriebsaggregat ein eigenes Porträt verdiene.

Opel 2 Liter Limousine von 1934; originales Werksfoto: Sammlung Michael Schlenger

Für den heutigen Betrachter ungewöhnlich ist zum einen die niedrige Bauart des Motors, welche aus der seitlichen Anbringung der Ventile resultiert. Erst der Nachfolger – der Opel Super 6 – erhielt im Zylinderkopf hängende Ventile und baute entsprechend höher.

Zum anderen überrascht die senkrechte Ausführung des Handbremshebels, welche noch ganz in der Tradition früher Automobile stand, als Schalt- und Bremshebel außerhalb der Karosserie angebracht waren und vom innen sitzenden Fahrer erreicht werden mussten.

Funktionell war das längst nicht mehr notwendig, doch offenbar hatten sich die Konstrukteure wohl keine Gedanken darüber gemacht. Man findet diese vertikal aufragenden Bremshebel noch in der frühen Nachkriegszeit.

Offenbar wegretuschiert wurde der Handbremshebel auf der folgenden Aufnahme, welche den Innenraum des Opel 2 Liter zeigt:

Opel 2 Liter Limousine von 1934; originales Werksfoto: Sammlung Michael Schlenger

Sie sehen: ich scheue weder Kosten noch Mühe, wenn es darum geht, dem Opel 2 Liter aus dem ersten Modelljahr 1934 gerecht zu werden.

Klar sein dürfte nun, dass sich die Darstellung in der Literatur zur Haubengestaltung von Opel 1,3 bzw. 2 Liter annno 1934 auch auf zeitgenössische Quellen stützen lässt.

Im Jahr 1935 erhielten dann beide Versionen eher gängige Luftschlitze in leichter Neigung nach hinten.

An dieser Stelle übernahm ein anderer Leser die Recherche – Erhardt Schmidt. Ihn ließ die Frage nicht ruhen, wie sich Opel 1,3 und 2 Liter im Modelljahr 1935 tatsächlich äußerlich unterschieden.

Dazu analysierte er eine ganze Reihe von Fotos eindeutig identifizierter Wagen der beiden Typen und tat, was ich ebenfalls hätte tun können und in anderen Fällen schon öfters getan habe: er verglich die Zahl der Haubenschlitze.

Das Ergebnis fiel klar aus: Der Opel 1,3 Liter des Modelljahrs 1935 besaß 24 Haubenschlitze, während es beim 2 Liter-Typ mit dem längeren und stärkeren Sechszylinder deren 32 waren.

Damit war klar, dass der flotte Opel auf der Großglockner-Hochalpenstraße tatsächlich ein 2 Liter war, wie es schon Leser Weigold vermutet hatte.

Den Beweis führen konnte dagegen erst ein Dritter und ich war selber so begeistert von der Erklärung, dass ich mich auf die Suche nach einem historischen Belegfoto machte.

Fündig wurde ich in Form dieser Limousine, die in einer unbekannten Kleinstadt irgendwo Deutschland abgelichtet wurde:

Opel 2 Liter Limousine von 1935; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Hier haben wir nicht nur die Kühlerplakette mit dem Hinweis auf den 6-Zylindermotor des Opel 2 Liter. sondern auch genau 32 Haubenschlitze.

Der Faktencheck fällt hier etwas schwer, aber auf dem Originalfoto fiel das Ergebnis der Zählung eindeutig aus.

Schön wäre jetzt noch eine historische Aufnahme eines als Typ 1,3 Liter identifizierbaren Opels, auf der wir ebenfalls die Fakten in Form der Haubenschlitze checken können.

Mir persönlich genügt ja die Herleitung von Leser Erhardt Schmidt, aber gegen weitere Evidenz wäre nichts einzuwenden, sofern es sich um ein reizvolles Motiv handelt.

Das war es für’s Erste in Sachen Opel-Typkunde der 30er Jahre – nicht unbedingt mein Fachgebiet. Weiteren Anlass zu fruchtbaren Diskussionen werden vielleicht künftig noch zu publizierende Aufnahmen der Typen „Super 6“ und „Kapitän“ liefern…

Nachtrag: Leser Thomas Billicsich aus Österreich hat eine weitere Aufnahme des Opel 2 Liter Cabrio am Großglockner aufgetan, welche den Wagen von vorne zeigt. Diese will ich Ihnen nicht vorenthalten…

Opel 2 Liter Cabriolet Spezial; Originalfoto: Sammlung Thomas Billicsich (Österreich)

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