Restaurierungsbericht: Steyr Typ VII Tourenwagen

Ein Blog ist ein online geführtes Tagebuch, in das man einträgt, was einen gerade beschäftigt. Dazu gehört die persönliche Komponente ebenso wie die laufende Fortschreibung – mitunter auch Ergänzung oder Korrektur.

Doch selbst in diesem dynamischen Format herrscht mitunter einige Tage Sendepause. Das liegt nicht an mangelndem Material oder fehlender Inspiration, es ist bloß so, dass manche Abhandlung mehr Vorbereitung erfordert als andere.

Heute soll ein Restaurierungsbericht veranschaulichen, wie aufwendig die Präsentation eines einzigen Fotos sein kann, selbst wenn man bereits weiß, was darauf abgebildet ist.

Bei der Gelegenheit sei zugleich die Frage beantwortet, ob ich denn selbst auch Vorkriegsautos restauriere. Die Antwort lautet: ja und nein.

Wenn es um historische Automobile geht, überlasse ich diese Mühsal fähigeren Zeitgenossen, wenngleich ich klare Vorstellungen davon habe, was eine Restaurierung darstellt und was einen Neuaufbau – beides hat ggf. seine Berechtigung.

Ich persönlich bevorzuge Fahrzeuge, die nur technisch überholt sind und ansonsten in dem Zustand konserviert bleiben sollen, in dem sie die Zeiten überdauert haben.

Restaurieren, das beschränkt sich bei mir auf Fotos von Vorkriegsautos. Ein Beispiel dafür ist dieses Glaspositiv der 1920er Jahre aus meiner Sammlung:

Steyr Typ VII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem Beispiel sieht man deutlich, wie angegriffen zeitgenössische Fotos von Vorkriegswagen sein können.

Hier beginnt sich die belichtete Schicht an den Rändern von der Glasplatte zu lösen. Zudem weisen zahlreiche Flecken auf ungünstige Lagerung und Verfall hin.

Seitdem es möglich ist, über eBay selbst für Artikel geringen Werts problemlos Abnehmer zu finden, schlicht weil man einen riesigen Markt erreicht und es für beide Seiten sichere Zahlungsmethoden gibt, landen solche stark mitgenommenen Überbleibsel nicht immer gleich im Müll, wenn die Erbengeneration die Besitztümer ihrer Vorfahren sichtet.

Ich weiß nicht mehr, was ich für dieses Glaspositiv bezahlt habe, aber es werden nur ein paar Euro gewesen sein. Der Grund: Auf Anhieb war kaum zu erkennen, was darauf abgebildet ist, auch der Verkäufer hatte keine Ahnung vom Motiv.

Es gehört zu den erstaunlichen Seiten der Beschäftigung mit den Automobilen der Vorkriegszeit, dass man zumindest ahnt, was man da vor sich hat, obwohl sich speziell die Wagen der 1920er Jahre im deutschen Sprachraum stark ähneln.

Im vorliegenden Fall handelt es sich um einen der großen Sechszylinderwagen von Steyr – wahrscheinlich ein Typ VII ab 1925 – die hierzulande viel zu wenig bekannt sind.

Die Kenner der österreichischen Premiummarke, die hier mitlesen, werden spätestens anhand der restaurierten Version des Fotos sagen können, ob ich richtig liege. Doch werfen wir erst einmal einen Blick darauf, was während der Retuschen zutagetrat.

Bei diesen Arbeiten macht man ausführliche Bekanntschaft mit den einstigen Besitzern:

Die noch vorhandenen Flecken im Randbereich erinnern daran, wie verunstaltet auch die Gesichter dieses Paars waren, das einst Besitzer dieses prächtigen Steyr war und hier geduldig in die Kamera schaut – eventuell war es ein trüber Tag und die Belichtungsdauer entsprechend lang.

Bei der Entfernung von Flecken und Fehlstellen in den Gesichtern kommt man den beiden sehr nahe – man kennt danach den Schwung der Lippen und der Augenbogen ebenso wie den Hut bei ihr und die Lederkappe bei ihm.

Das hätte sich dieses Paar nicht träumen lassen, dass es noch nach fast 100 Jahren mitsamt dem luxuriösen Wagen soviel Aufmerksamkeit genießt.

Tatsächlich zahlt sich die Liebe für’s Detail auch im Hinblick auf das Auto aus:

Zwei Dinge stellt man hier fest: Zum einen spricht der Reifenhersteller „PETERS UNION“ dafür, dass dieser Steyr in Deutschland zugelassen war. Zum anderen verrät die spiegelverkehrte Schrift, dass sich die originale Situation ganz anders darbot.

Das hätte einem gleich klar sein müssen, denn der Steyr Typ VII war wie seine ähnlichen Vorgänger II, IV und V noch rechtsgelenkt. Man kann trotz der Spiegelungen auf der Windschutzscheibe das Lenkrad sehen, das „er“ im Griff hat, wie sich das damals gehörte.

So stellt sich das historisch korrekte Ergebnis dieser Restaurierung am Ende überraschenderweise so dar:

Steyr Typ VII Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die „Besser als neu“-Fraktion wird zwar beanstanden, dass dieser Steyr immer noch eine „frame-off“-Kur benötigt, bei der alles zerlegt, patinierte oder unvollständige Originalsubstanz (Leder, Holz) entsorgt und ein Lack nach neuestem Stand aufgetragen wird, nicht ohne vorher auf Manufakturarbeit hindeutende Ungenauigkeiten zu beseitigen.

Doch wahrscheinlich steht der hier abgebildete Steyr vermutlich nicht mehr für das „komplette Programm“ zur Verfügung und dieses Foto ist alles, was von ihm geblieben ist. Ich finde, dass man auch damit mehr als zufrieden sein kann.

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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