Exklusive Eleganz: Steyr Typ 120/220 „Gläser“-Cabriolet

Für mich zählen die Manufakturwagen der österreichischen Marke Steyr zum Interessantesten, was die Welt der Vorkriegswagen im deutschsprachigen Raum zu bieten hat.

Die Autos aus dem gleichnamigen Ort in Oberösterreich zeichneten sich immer durch moderne Technik und attraktive Linienführung aus. Das galt auch noch, als man in den 1930er Jahren neben reinen Luxusautos wie dem rassigen Typ 430 bzw. 530 auch volkstümlichere Modelle zu bauen begann.

Den Auftakt stellte der Steyr Typ 100 dar, ein Wagen der gehobenen Mittelklasse mit 1,4 Liter Vierzylinder (32 PS). Trotz kompakter Ausmaße gelang es, dem Modell eine rundherum gelungene Karosserie zu verpassen, die von der damaligen Stromlinienmode beeinflusst war.

Dabei verschmolzen traditionelle Elemente wie der hochstehende Kühlergrill mit dem Vorderwagen, der nur noch angedeutete Kotflügel besaß. Folgende Aufnahme aus dem Fundus von Klaas Dierks setzt die Frontpartie perfekt in Szene:

Steyr_100_Dierks_Galerie

Steyr Typ 100; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Diese für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Perspektive verrät, dass die neue Modellreihe von Steyr besondere Wirkung auf die Zeitgenossen ausübte. Den einstigen Fotografen muss die skulpturenhaften Anmutung des Wagens inspiriert haben.

So radikal traute man sich die neue Linie seitens des Herstellers nicht zu präsentieren. Interessanterweise sind auch Ansichten der Heckpartie die Ausnahme, obwohl diese ebenfalls einen ganz eigentümlichen Reiz entfaltet.

Mangels Vergleichsaufnahmen hat es mich viel Zeit gekostet herauszufinden, dass auch der Wagen auf dem folgenden Foto aus meiner Sammlung ein Steyr dieser neuen Modellreihe ist:

Steyr_100_Alpenvorland_11-1940_Galerie

Steyr Typ 100, 120, 200 oder 220; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Technisch wie gestalterisch ist diese Privataufnahme von atemberaubendem Niveau. Mir ist bislang kein Foto begegnet, das die Heckansicht eines Autos dermaßen gekonnt in Szene setzt und in eine Landschaft einbettet, wie sie malerischer kaum sein könnte.

Der ernst in die Ferne gehende Blick des perfekt gekleideten und frisierten großgewachsenen Mannes, der glatt als Filmschauspieler durchgehen würde, verleiht dem Foto eine düstere Würde, die zum Aufnahmezeitpunkt passt: November 1940.

Vielleicht können Steyr-Kenner sagen, welche Modellvariante genau wir hier sehen:

  • einen Steyr 100 mit 1,4 Liter-Vierzylinder (32 PS), ab 1935,
  • den mit 2 Liter-Sechszylinder (50 PS) ausgestatteten Typ 120 (ab 1935),
  • den 1936 auf den Typ 100 folgenden Steyr 200 (1,5 Liter-Vierzylinder, 35 PS) oder
  • den Typ 220 mit 2,3 Liter-Sechszylinder (55 PS), der ebenfalls 1936 erschien.

Alle vier basierten auf demselben Karosserieentwurf, unterschieden sich aber in den Dimensionen sowie in Details wie Kühlergrill, Scheinwerfer, Haubenschlitze, Felgen usw.

Dem Buch über die „Steyrer Automobil-Geschichte“, das Hubert Schier 2015 publiziert hat und das Maßstäbe für ein zeitgemäßes Werk über Vorkriegswagen setzt, entnehme ich, dass es neben den geschlossenen Werksaufbauten eine Fülle offener Varianten gegeben hat, von denen kaum eine aussah wie die andere.

Zwar wurden die meisten Cabriolets – ob vier- oder zweiseitzig – von der für ihre Stilsicherheit zurecht gerühmten Manufaktur „Gläser“ in Dresden gefertigt. Doch dabei scheint man sich den Luxus im Detail individueller Ausführungen gegönnt zu haben.

Ein Beispiel dafür zeigt die folgende Aufnahme aus meiner Sammlung, die einst vor dem noch existierenden Hotel Niederländischer Hof in Schwerin entstand:

Steyr_200_Cabrio_1936-40_Galerie2

Steyr Typ 120 oder 220 „Gläser“ Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass es sich bei diesem schöngezeichneten Cabriolet mit offenbar vier Sitzen überhaupt um einen Steyr handelt, verrät die Silhouette der Kühlerfigur.

Ohne dieses Detail hätte ich als Nicht-Steyr-Spezialist vermutlich vergeblich gerätselt, was dies für ein Auto gewesen sein könnte.

Die Frage, ob es nun ein Steyr-Typ 100, 120, 200 oder 220 war, der auf dieser Aufnahme verewigt ist, konnte ich anhand erwähnter Literatur mit einiger Sicherheit beantworten.

So scheint die Ausführung der Motorhaube mit zwei seitlichen Chromgriffen und darunterliegenden verstellbaren Luftklappen den Sechszylindertypen 120 bzw. 220 vorbehalten gewesen zu sein.

Da die Literatur genau ein Foto liefert, das ein fast identisches Steyr-Cabrio des Typs 220 zeigt (vgl. H. Schier: „Die Steyrer Automobil-Geschichte, 1. Aufl. 2015, S. 262), halte ich die Annahme für begründet, dass auch mein Foto einen solchen Steyr 220 zeigt. Leser Gerald Strass plädiert allerdings für den Typ 120.

An der Herkunft der Karosserie aus dem renommierten Hause Gläser kann kein Zweifel bestehen, da die typische ovale Plakette mit schwarzem Fond vor der Tür zu erahnen ist.

Die wohlgeformten glatten Scheibenräder scheinen parallel zu den verbreiteten gelochten Felgen verfügbar gewesen zu sein, wobei letzteren die Eleganz abgeht.

Übrigens scheint keines der Fotos eines Steyr 200 bw. 220 Cabrios (4-sitzig) in der mir zugänglichen Literatur dieselbe Linienführung an der Schwellerpartie unterhalb der Tür aufzuweisen. Durchweg ist diese Partie flacher ausgeführt.

Nur bei nochmals eleganteren zweisitzigen Cabriolets aus dem Hause Gläser findet man eine Entsprechung. Umso erstaunlicher, dass ich eine weitere Aufnahme auftreiben konnte (eBay macht’s möglich), die einen Steyr praktisch identischer Machart zeigt:

Steyr_200_Nachkrieg_Bengsch_Galerie

Steyr Typ 120 oder 220 „Gläser“ Cabriolet am Sorpe-Stausee; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese zauberhafte Aufnahme aus Besitz von Marcus Bengsch, die kurz nach dem Krieg im britisch besetzten Rheinland entstand, wie das Kennzeichen verrät, zeigt ebenfalls ein Steyr-Cabriolet mit praktisch identischen Details wie auf der Aufnahme oben.

Sieht man von der geschmackvollen Zweifarblackierung ab, stimmt alles überein – sogar die Gläser-Plakette findet sich an derselben Stelle wider. Daher glaube ich, dass auch dieser Wagen ein Steyr Typ 120 bzw. 220 war, wobei hier die Anordnung von Haupt- und Nebelscheinwerfern (aufpreispflichtig) besser zu sehen ist.

Auch wenn der Vorderreifen einen fragwürdigen Eindruck macht, hat dieser Steyr die Wirren des 2. Weltkriegs erstaunlich gut überstanden. Was das junge Paar auf der Haube in dieser Zeit durchmachte, davon lässt diese schöne Momentaufnahme nichts ahnen.

Was mag aus dem Steyr geworden sein, nachdem die beiden hier so glücklich mit ihm posierenden Personen vielleicht wieder zu mehr Geld gekommen sind?

Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, aber vermutlich haben sich die zwei irgendwann einen Wagen mit wetterfestem Aufbau und moderner Charakteristik gekauft. Wenn die Finanzen es hergaben, werden sie kaum hinter den Sechyzlinder-Standard zurückgefallen sein, den sie vom Steyr gewohnt waren.

Dabei kommt mir in den Sinn, dass die Generation, die gerade den Führerschein macht oder gemacht hat, gar nichts mehr von den Wonnen der Laufkultur eines Sechszylinders weiß, wenn der Herr Papa nicht noch einen klassischen BMW oder Jaguar fährt.

Und so leicht, wie man sich heute an schwachbrüstige, rauh laufende Dreizylinder ohne jede Elastizität anpasst – unter anderem durch zunehmende Schleicherei – so leicht entledigte man sich spätestens in den 1960er Jahren der überlebenden Schönheiten einer untergegangenen Epoche.

Von daher wundert es mich nicht, dass mir auf keiner Veranstaltung in Deutschland auch nur irgendeine Variante dieses klassisch-eleganten Steyr-Typs begegnet ist…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Spurensuche in Deutschland: Steyr Typ XII Limousine

Mein Eindruck ist, dass die ausgezeichneten Wagen der bedeutenden österreichischen Vorkriegsproduzenten – also Austro-Daimler, Steyr und Puch – heute in der deutschen Klassikerszene unverdientermaßen ein Schattendasein führen.

Das ist schade, denn macht sich vor klassischer Kulisse wie dieser ein offener Gräf & Stift Typ SR2 nicht weit besser als die schwer gepanzerten Limousinen der „Dem deutschen Volke“ angeblich Dienenden?

Gräf_und_Stift_SR2_Berlin_Reichstag_Galerie

Gräf & Stift Typ SR2 vor dem Berliner Reichstag; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Während Berliner Politpersonal (wie in Vorkriegszeiten) für sich selbst PS-starke Prestigefahrzeuge aus heimischer Produktion reklamiert – und den Finanziers des Ganzen Elektroautos mit Minimalmobilität vorschreiben möchte – war die deutsche Hauptstadt in den 1920er Jahren in automobiler Hinsicht ein Hort der Freiheit.

Nirgends sonst hierzulande standen so viele internationale Hersteller zur Auswahl – ohne dass dem Käufer selbsternannte Lenker eines angeblichen „Weltklimas“ mit Verdammnis drohten.

Neben den unvermeidlichen US-Fabrikaten, die Ende der 1920er mehr als ein Drittel des nach Mobilität dürstenden deutschen Marktes bedienten, hatten in Berlin einst auch österreichische Firmen eine prominente Position inne.

Hier haben wir die Vertretung von Austro-Daimler und Steyr in Berlin:

Austro-Daimler_Steyr-Vertretung_Berlin_1934_Galerie

Ausstellungsraum von Austro-Daimler und Steyr in Berlin; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Leider konnte ich den genauen Ort dieser reizvollen Aufnahme bislang nicht ausfindig machen. Weder am Kurfürstendamm noch „Unter den Linden“, wo sich die besten Adressen in Berlin ein Stelldichein gaben, wurde ich bislang fündig.

Vielleicht helfen die Namen der Bank H. Hentz & Co und des in Berlin mit eigener PKW-Produktion präsenten US-Autobauers Overland einem sachkundigen Leser weiter.

Nachtrag: Leser Klaas Dierks gab mir den Hinweis, dass sich der Ausstellungsraum tatsächlich an der Adresse „Unter den Linden 69“ befand – als Quelle dafür nennt er das Berliner Adressverzeichnis von 1932. Der Sitz der Vertriebsgesellschaft dagegen befand sich in Berlin-Halensee.

Einstweilen befassen wir uns näher mit dem Steyr, der wie bestellt vor der Berliner Niederlassung der österreichischen Muttergesellschaft geparkt ist – gewissermaßen ein früher Fall von „Product Placement“:

Steyr_vor_Austro-Daimler_Steyr-Vertretung_Berlin_1934_Galerie

Leser meines Blogs werden sich vielleicht an einen opulent bebilderten Eintrag erinnern, der einen solchen Steyr des Typs XII auf einer Italienreise zeigte.

Das 1925 vorgestellte neue Modell aus Steyr mit kleinem, aber feinen Sechszylinder (kopfgesteuert) errang sich einen hervorragenden internationalen Ruf, unter anderem aufgrund der unabhängigen Aufhängung der Hinterräder.

Ein Qualitätsausweis besonderer Art war es, wenn sich ein neuer Wagentyp auch in der Taxibranche durchsetzte. Dieses in Berlin laufende Landaulet auf Basis eines Steyr Typ XII habe ich bereits vor einiger Zeit hier vorgestellt:

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Galerie

Steyr Typ XII Landaulet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So bemerkenswert der Aufbau bei diesem Steyr Typ XII aus Berlin ist, so mäßig ist die Qualität des Abzugs – der im Original noch übler aussah, aber aufgrund der raren Karosserieversion eine Bearbeitung verdiente.

Doch wie so oft wird man bei der Spurensuche in der Welt der Vorkriegsautos in deutschen Landen früher oder später wieder fündig – auch beim Steyr Typ XII, der bis 1929 in mehr als 11.000 Exemplaren gebaut wurde.

Und dieses Mal stimmt alles: die Qualität des Abzugs, die wiederum ungewöhnliche Karosserie, die Örtlichkeit und das menschliche Element, das diesen Fotos erst das Leben einhaucht, das sie so faszinierend macht:

Steyr_Typ_XII_Zulassung_Düsseldorf_Galerie

Steyr Typ XII Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun mag man sagen, dass das doch bloß eine banale Limousine auf Basis des Typs Steyr XII sei. Ganz so banal kann der Aufbau aber nicht sein, so konventionell er auch anmutet. In der Literatur habe ich jedenfalls keine Entsprechung gefunden.

Ich vermute, dass dieser Steyr dort eingekleidet wurde, wo der Wagen auch zugelassen wurde – nämlich im Raum Duisburg. Dafür spricht jedenfalls das Kennzeichen „IY 50030. Vielleicht erkennt jemand ja auch die Plakette des Karosserielieferanten:

Steyr_Typ_XII_Zulassung_Düsseldorf_Frontpartie

Nachtrag: Steyr-Spezialist Thomas Billcsich verwies mich darauf, dass dieser Aufbau von Lindner aus  Halle in Sachsen kam.

Der Steyr sieht bei näherer Betrachtung schon ein wenig „mitgenommen“ aus:

  • die Nabenkappe mit dem Firmenschriftzug ist zerdellt,
  • der in Fahrtrichtung rechte Kotflügel hat auch schon „Feindkontakt“ gehabt.
  • der Zustand der wohl nachgerüsteten Doppelstoßstange spricht ebenfalls für einige Jahre Großstadtbetrieb.

Tatsächlich liefert das Foto selbst einen Hinweis darauf, dass dieser Steyr einst mitten in Duisburg lief und nicht im Umland:

Steyr_Typ_XII_Zulassung_Düsseldorf_Fahrer

„Händelstraße Ecke Oststraße“ steht auf dem massiv wirkenden Schild neben dem zeittypischen Blechschild mit dem Hinweis auf eine „Kraftwagenanlage“ – genau solch ein altes Stück befindet sich auch in meiner Fahrzeughalle.

In Duisburg landet man mit dieser Ortsangabe hier. Wie es scheint, ist dort einige Originalsubstanz erhalten geblieben – existiert möglicherweise die Garage noch?

Und wenn wir schon bei der Spurensuche sind: Was hat das Emblem zu bedeuten, das die Schirmmütze des Fahrers dieses Steyr Typ XII ziert?

Steyr_Typ_XII_Zulassung_Düsseldorf_Fahrer2

Leser Helmut Kasimirowicz aus Düsseldorf brachte mich darauf, dass es sich wahrscheinlich um einen Schirmmützenadler des ADAC handelt.

Nebenbei muss der wackere Steyr-Fahrer, der uns hier so selbstbewusst und zufrieden anschaut, ein großgewachsener Mann gewesen sein: Denn den Steyr mit immerhin knapp 1,75 m Gesamthöhe (in der Limousinenausführung) überragt er deutlich.

Was mag das Leben wohl für ihn noch bereitgehalten haben außer der sicher sehr anständigen Anstellung als Fahrer des Besitzers eines feinen Steyr-Typ XII? Das wird unsere Spurensuche wohl leider nicht mehr zutagefördern…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Steyr Typ II oder V? Das ist hier die Frage…

Die intensive Beschäftigung mit Vorkriegautos auf alten Fotos schärft zwar den Blick für’s Detail weit mehr als die Betrachtung von Abbildungen in Büchern oder das Studium überlebender Fahrzeuge.

Doch je mehr man weiß und sieht, desto eher können auch bisherige Gewissheiten ins Wanken kommen. Mit einem solchen Fall will ich mich heute befassen.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere Leser an die folgende Originalaufnahme aus meiner Sammlung, die ich in einem älteren Blog-Eintrag (hier) besprochen habe.

Steyr_Typ_V_Tourenwagen_Galerie

Steyr Typ II oder V; Orignalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den mächtigen Tourenwagen mit Steyr-typischem Spitzkühler hatte ich als Typ V 12/40 PS identifiziert – den ab 1924 gebauten Nachfolger des noch vom genialen Konstrukteur Hans Ledwinka entwickelten Sechszylindermodells Typ II der österreichischen Waffenschmiede.

Mich hatte seinerzeit der beträchtliche Radstand dazu gebracht, hier einen längeren Typ V statt des identisch motorisierten Vorgängers Typ II zu sehen. Tatsächlich sind mir bei der Lektüre der technischen Details der beiden Steyr-Modelle außer dem um 15 cm differierenden Radstand keine wesentlichen Unterschiede aufgefallen.

Nun scheint es aber so, dass Steyr Typ II und V zumindest in einem gestalterischen Detail voneinander abwichen. Betrachten wir dazu die Frontpartie des eingangs gezeigten Wagens näher:

Steyr_Typ_II_Tourenwagen_2_Frontpartie

Nebenbei: Ist es nicht fantastisch, wie präzise hier jedes Detail des Vorderwagens festgehalten ist? Das ist ein Beispiel für die fotografische Qualität, die vor über 90 Jahren möglich war, und selbst das ist noch längst nicht das Ende der Fahnenstange…

An sich erschließt sich hier dem Auge alles von allein – nur auf eines möchte ich aufmerksam machen:

Die Innenseite der Vorderschutzbleche reicht hier nicht bis an das vordere Ende der Rahmenausleger, sondern läuft nach hinten geneigt abwärts.

Schräg von vorne würde das dann so aussehen wie auf dem folgenden Foto aus meiner Sammlung, das ich hier erstmals vorstelle:

Steyr_Typ_II_oder V_Galerie

Steyr Typ II oder V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Trotz der weit schlechteren Qualität finden sich hier alle Elemente wieder, die bei der ersten Aufnahme so gestochen klar hervortreten – auch die Ausführung der nach hinten versetzten Luftschlitze in der Motorhaube, die Zahl der Speichen der Stahlräder und die Art der Unterteilung der Winschutzscheibe stimmen überein.

Der Radstand des Tourenwagens ist aus dieser Perspektive schwer einzuschätzen. Ausschließen würde ich hier nur den kleinen Vierzylindertyp IV (Radstand: 2,90 m), den Steyr parallel zum sechszylindrigen Typ II (Radstand: 3,33 m) baute.

Doch könnte nach meiner vorläufigen Einschätzung die erwähnte Ausführung der Vorderschutzbleche ein Unterscheidungsmerkmal – vielleicht sogar das einzige – des Steyr Typs II gegenüber dem Nachfolgetyp V sein.

Denn auf der folgenden, schon einmal besprochenen Aufnahme eines Steyr Typ V findet man eine andere Linienführung am Innenteil des Vorderkotflügels:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier läuft die Innenkante des Schutzblechs nämlich nicht nach hinten, sondern schwungvoll auf das vordere Ende der Rahmenausleger zu.

Dem aufmerksamen Betrachter wird außerdem die horizontale statt vertikale Unterteilung der Windschutzscheibe auffallen, außerdem die verchromte (oder vernickelte) Ausführung der Kühlermaske.

Könnten die in glänzendem Metall ausgeführten Elemente Hinweise auf eine spätere Entstehung und damit den ab 1924 gebauten Typ V statt den Vorläufertyp II sein? Oder handelte es sich lediglich um aufpreispflichtige Extras?

Aus der mir vorliegenden Literatur (Hubert Schier: Die Steyrer Automobil-Geschichte von 1956-1945, Verlag Ennsthaler, 2015) geht das nicht klar hervor. Sicher kann ein sachkundiger Leser hierzu etwas beisteuern.

Dann ließe sich nämlich auch dieser Steyr-Tourenwagen auf einer weiteren bislang noch nicht gezeigten Privataufnahme aus meiner Sammlung eindeutig ansprechen:

Steyr_Typ_V_Berchtesgaden_Galerie

Steyr Typ II oder V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier finden sich ebenfalls in wünschenswerter Klarheit die dem vorderen Ende des Rahmens zustrebenden scharfen Kanten der Kotflügel, die ich für ein typisches Merkmal des Steyr Typs V in Abgrenzung vom Typ II halte.

Interessant allerdings, dass hier die Ausführung der Frontscheibe wieder derjenigen des Steyr auf dem ersten Foto entspricht, den ich als Typ II ansprechen würde.

Möglicherweise lassen sich solche Details wie auch die Verchromung/Vernickelung der Kühlereinfassung nicht eindeutig einem der beiden Typen zuordnen.

Wir dürfen bei allem Forschereifer nicht vergessen, dass wir es bei den Steyr-Automobilen der 1920er Jahren mit Manufakturwagen zu tun haben – zumindest, was das äußere Erscheinungsbild angeht. Da war auf Kundenwunsch einiges möglich.

So individuell wie die hochkarätigen und hochpreisigen Wagen von Steyr fielen im besten Fall auch deren Insassen aus – dafür liefert die letzte Aufnahme ein schönes Beispiel:

Steyr_Typ_V_Berchtesgaden_Passagiere

Schauen Sie sich einmal diese Damen und Herren genauer an – Typen wie aus dem Traum eines Filmregisseurs – man könnte jedem davon eine Charakterrolle zuweisen.

Eine solche Aufnahme wird man heute nicht mehr zustandebekommen – dazu bedürfte es so etwas wie des englischen Goodwood Revivals auf deutschem Boden – zumindest die Autos sind ja vorhanden.

Nachtrag: Steyr- und Fiat-Kenner Ferdinand Lanner verdanke ich den Hinweis, dass sich die beiden aufeinanderfolgenden Typen Steyr II und V bei hinreichender Fotoqualität wie folgt unterscheiden lassen:

  • Steyr Typ II: wabenförmiger Kühler
  • Steyr Typ V: Röhrenkühler

Damit wird ein Teil meiner obenstehenden Vermutungen hinfällig. In meiner Steyr-Galerie sind die betreffenden Wagen auf jeden Fall korrekt angesprochen.

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Auf in den Süden! Italienreise 1930 im Steyr Typ XII

Im heutigen Blog-Eintrag geht es ausnahmsweise nicht um die Herausforderungen, die mit der Identifikation von Vorkriegsautos auf alten Fotos oft genug verbunden sind.

Dem Leser bleibt also einiges erspart:

  • das Nachzählen von Haubenschlitzen und Radbolzen,
  • das Entziffern von Markenemblemen und Typbezeichnungen,
  • das Abschätzen von Radständen und Motorisierungen,
  • die Unterscheidung von Flach-, Spitz- und Schnabelkühlern oder auch
  • die korrekte Ansprache von Karosserietypen.

Nein, heute geht es mit einem guten alten Bekannten auf eine Lustreise in den Süden, auf der wir den Wagen ganz nebenbei aus allen Richtungen und in den unterschiedlichsten Situationen kennenlernen werden.

Die Rede ist vom Steyr Typ XII – dem ab 1926 gebauten ersten Großserienerfolg der österreichischen Waffenschmiede. Folgende Aufnahme eines Cabrios aus der Sammlung von Leser Klaas Dierks habe ich hier bereits vorgestellt:

Steyr_Typ_XII_Kur_06-1929_Sammlung_Klaas_Dierks_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Angetrieben wurde dieser bis 1929 in über 11.000 Exemplaren gebaute Wagen von einem lediglich 1,6 Liter messenden Sechszylindermotor, damals einer der kleinsten seiner Art.

Dabei handelte es sich jedoch um ein hochfeines Aggregat mit im Zylinderkopf strömungsgünstig platzierten Ventilen und kugelgelagerter Kurbelwelle. Der Papierform nach leistete es zwar nur 30 PS.

Dennoch war der Steyr Typ XII ein „Bergsteiger“, wie die Werbung ein Fahrzeug bezeichnete, das bei Steigungen nicht überhitzte und genügend Kraft besaß, um auch vollbesetzt Pässe zu überwinden – das machte ein vollwertiges Reiseauto aus.

Den Beweis dafür liefert eine ganze Reihe von Fotos, die von einer Reise nach Oberitalien im Jahr 1930 erzählen. Durch glückliche Fügung sind diese Aufnahmen nicht in alle Winde zerstreut worden, sondern haben als Konvolut überlebt.

So können wir nach fast 90 Jahren noch die Stationen einer Alpenüberquerung nachvollziehen, die von Graz in der Steiermark bis nach Verona führte.

Der Ausgangspunkt der Fahrt lässt sich aus dem Kennzeichen HVII – 39 erschließen, das auf den Fotos mehrfach zu sehen ist. Hier haben wir die erste erhaltene Aufnahme, die den Steyr bereits auf einer Schotterpiste irgendwo im Alpenraum zeigt:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_1_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zur Identifikation des Wagens nur soviel: Die Kombination aus in zwei Reihen übereinander angebrachten Luftschlitzen und Scheibenrädern mit sehr großem Lochkreis findet sich so nur beim Steyr Typ XII.

Sehr wahrscheinlich wurde dieses Foto wie die übrigen vom vierten Mann an Bord geschossen, denn auf fast allen Aufnahmen ist ein Platz frei in dem Tourenwagen. An Gepäck hatte man nur das Allernötigste dabei; einen Kofferraum hatte der Steyr wie meisten offenen Wagen seiner Zeit nicht.

Immerhin wird man einiges in der Gepäckhalterung auf der linken Seite untergebracht haben, die wohl eigens für solche Touren angebracht worden war.

Weiter geht es nun, der Passhöhe entgegen. Ein kurzer Halt wird zum Studium der Karte genutzt, während der wackere Fotograf den Steyr schräg von hinten ablichtet – damals eine ungewöhnliche Perspektive:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_2_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Aus diesem Blickwinkel wirkt der Steyr wie die meisten Tourenwagen der zweiten Hälfte der 1920er Jahre fast vollkommen beliebig. Nur die Scheibenräder mit dem ungewöhnlich großen Lochkreis erlauben Rückschluss auf den Typ.

Das Mitführen von gleich zwei Reserverädern war auf solchen Touren ratsam, wenn man längere Stops zum Reifenflicken vermeiden wollte.Wer genau hinschaut, sieht hier außerdem, dass der obere Teil der Frontscheibe fast waagerecht ausgestellt ist.

Es muss also sommerlich warm gewesen sein, als dieser Steyr unverdrossen über die Alpen kraxelte. Dennoch waren unterwegs noch kleinere Hindernisse zu beseitigen:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_4_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie es scheint, nahm man solche Unterbrechungen sportlich – wer hätte einem auch sonst den Weg freimachen sollen?

Dass es überhaupt Straßen gab, auf denen man im Automobil das Hochgebirge bereisen konnte, das war damals eine große Errungenschaft. In Zeiten verrottender oder nicht fertigwerdender Infrastruktur hierzulande kann man das Können der Ingenieure und Arbeiter zu damaliger Zeit gar nicht hoch genug einschätzen.

So, inzwischen ist der Weg wieder freigeräumt und die Stimmung entsprechend ausgelassen. Nur unser unbekannter Fotograf geht diszipliniert seiner Arbeit nach:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_5_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist wiederum eine ungewöhnliche, aber durchaus reizvolle Aufnahme. Der Steyr steht zwar im Vordergrund, seine Karosserielinie weist aber in den Mittelgrund auf die drei Passagiere, die Schabernack in den Schneeresten treiben.

Die schneefreien Höhen im Hintergrund bestätigen, dass Hochsommer ist, wo sich nur an wenigen Stellen Schnee halten kann. Weshalb das gerade hier der Fall war, erschließt sich nicht, da die schneebedeckte Partie der prallen Sonne ausgesetzt ist.

Egal, wir haben noch etliche Kilometer vor uns, wenngleich die größten Hürden überwunden sind. Hier ist der Steyr jedenfalls wieder unterhalb der Baumgrenze unterwegs:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_3_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Aus dieser Perspektive könnte man den Wagen glatt für einen Fiat oder ein anderes italienisches Fabrikat wie Ansaldo, Lancia oder O.M. halten, wenn man nur die Kühlerpartie betrachtet. Doch die zur Frontscheibe hin ebene – nicht der Kühlersilhouette folgende Karosseriepartie – spricht dagegen.

Dank des Kennzeichens wissen wir außerdem, dass das Foto wiederum den Grazer Steyr Typ XII auf dem Weg nach Italien zeigt. Unterwegs wird noch einmal Halt gemacht, diesmal an einem Monument, das die Grenze zwischen Österreich und dem 1918 Italien zugeschlagenenen Südtirol markieren könnte.

Erkennt jemand dieses Denkmal, das stilistisch auf jeden Fall den 1920er Jahren entstammt?

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_06_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun steht dem Weg ins gelobte Land nichts mehr entgegen und schon die nächste Aufnahme dürfte in einer oberitalienischen Stadt entstanden sein.

Jedenfalls sind das Portal mit den nur grob behauenen Bossenquadern und das darüber befindliche Relief typisch für die italienische Renaissance. Wer auf dem Denkmal daneben zu sehen ist, wird aber wohl nur ein Lokalpatriot beantworten können, es macht einen etwas provinziellen Eindruck:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_7_Galerie

Steyr Typ XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Interessant an dieser Aufnahme ist, dass die Insassen des Steyr mit einem Mal das Verdeck montiert haben, obwohl es weiterhin trocken ist. Offenbar brannte die italienische Sonne doch zu heftig

Hier bekommt man eine Ahnung davon, weshalb in Italien Cabriolets traditionell weniger begehrt sind als nördlich der Alpen.

Doch schon einige Kilometer weiter besann man sich anders und legte das Verdeck wieder nieder – möglicherweise wollte man die reizvolle Gegend uneingeschränkt  genießen können – hier wohl am Gardasee:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_9_Galerie

Steyr Type XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Erkennt jemand zufällig den Ort?

Allzuviel dürfte sich an der Uferbebauung mit den schattenspendenden Arkaden nicht geändert haben, auch wenn das zweimastige Segelboot und die Kutsche mit Maultier davor sicher längst Geschichte sind.

1930 bot sich noch eine ausgesprochen malerische Situation, wie sie sich über Jahrhunderte kaum geändert hatte. Nur das Automobil im Vordergrund kündet davon, dass eine neue Epoche begonnen hatte, mit der vieles Althergebrachte obsolet wurde.

Gegenüber dieser pittoresken Ansicht stellt das letzte Foto dieser Serie auf den ersten Blick einen fast ernüchternden Kontrast dar:

Steyr_Typ_XII_Italienfahrt_1930_8._Galeriejpg

SteyrTyp XII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Doch wer sich ein wenig in Italien auskennt, wird die Ansicht wiedererkennen. Die Aufnahme entstand nämlich auf einer der Brücken über die Etsch in der alten Römerstadt Verona – einem herausragenden Reiseziel in der Region Veneto.

Der Blick geht hier auf den Hügel S. Pietro, an dessen Hang das römische Theater (nicht zu verwechseln mit der Arena di Verona) liegt – eine sehenswerte Stätte mit einem feinen Museum, die mancher Besucher der an Kunst so reichen Stadt versäumt.

Ich hätte den Ort selbst vermutlich nicht erkannt, wenn ich nicht vor einigen Jahren aus gegenüberliegender Perspektive dieses Foto gemacht hätte:

Verona_2013_Galerie

Colle S Pietro, Verona; Bildrechte: Michael Schlenger

Im Mittelgrund sieht man übrigens die in wesentlichen Teilen auf die Römerzeit zurückgehende Ponte Pietra.

Diese im Mittelalter erneuerte Bogenbrücke von vollendeter Harmonie wurde im April 1945 von zurückweichenden deutschen Militäreinheiten gesprengt.

1930, als unser wackerer Steyr aus Graz Halt in Verona machte, wusste noch niemand von den Ereignissen, die ein Jahrzehnt später halb Europa verheeren würden. Die Welt, die auf diesen schönen Reisefotos festgehalten ist, sollte bald untergehen.

Doch so wie die Veroneser ihre Römerbrücke in den 1950er Jahren unter Verwendung des Originalmaterials wiederaufbauten, so können auch wir im 21. Jh zumindest den Versuch unternehmen, das Beste zu bewahren, was vom guten alten Europa übriggeblieben ist – denn eine solche Epoche kehrt nicht wieder…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Letzter seiner Art: Steyr Typ XVI Tourer von 1928/29

Vorkriegsautos spielen in der „Oldtimer“presse in Deutschland nur noch ein Nischendasein. Stattdessen wird Gebrauchtwagen der 1980/90er Jahre unter dem Label „Youngtimer“ immer mehr Raum eingeräumt.

Auch was die seit k.u.k-Zeiten so vielfältige österreichische Automobilhistorie angeht, herrscht hierzulande eines: Schweigen, als wollte man nicht mehr wahrhaben, zu welchen Glanzleistungen man in der ersten Hälfte des 20. Jh. fähig war.

In meinem Blog für Vorkriegsautos ist das anders:

Hier wird alles zelebriert, was einst auf den Straßen im deutschsprachigen Raum  unterwegs war. Dazu gehören neben Automobilen deutscher Hersteller amerikanische, französische, italienische, tschechische und natürlich: österreichische Wagen.

Beim Blick auf die Alpenrepublik kommt man an einer Marke nicht vorbei: Steyr.

Der traditionsreiche Waffenhersteller zeigte nach dem 1. Weltkrieg, wie man mit Können, Selbstvertrauen und Talent quasi aus dem Nichts eine Automobilfabrikation aufzog.

Das Ergebnis sah auf Anhieb überzeugend aus:

Steyr_Typ_II_Tourenwagen_2_Galerie

Steyr Typ II; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Tourenwagen Typ II 12/40 PS mit Spitzkühler und mittig unterteilter Frontscheibe war das erste serienmäßig gefertigte Automobiltyp von Steyr.

Er basierte auf einem Prototyp von 1919, den Hans Ledwinka entwarf – neben Ferdinand Porsche der bedeutendste österreichische Autokonstrukteur.

Mit dem Sechszylinder realisierte Ledwinka Pläne, die ihn schon beim vorherigen Arbeitgeber – der Nesselsdorfer Automobilfabrik (später: Tatra) –  beschäftigt hatten.

Kugelgelagerte Kurbelwelle, im Zylinderkopf hängende Ventile und obenliegende Nockenwelle – diese Merkmale lassen die Klasse des Steyr Typ II ahnen.

In Verbindung mit dem Vierganggetriebe ermöglichte der Antrieb ein Maximaltempo von 100 km/h – weit mehr, als die Straßenverhältnisse damals erlaubten.

1924 stellte Steyr eine im technischen Detail und äußerlich verfeinerte Version vor – den Typ V:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Aus der Standardliteratur („Die Steyrer Automobilgeschichte von 1856-1945“ von H. Schier) wird leider nicht deutlich, worin genau die Veränderungen lagen. Merkwürdigerweise wird dort bei identischem Hubraum und gleicher Leistung nur noch ein Tempo von maximal 85 km/h genannt.

Hier liegt sicher ein Fehler vor – Werner Oswald nennt in „Deutsche Autos 1920-45“ für den Steyr Typ V eine Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h.

Das Beispiel macht deutlich, wie problematisch die Angaben in der gedruckten Literatur sein können, da sie nicht mehr korrigiert werden können, ist das Werk erst einmal im Umlauf.

Auch auf äußerliche Unterschiede zwischen den Steyr-Typen II und V wird offenbar nirgends eingegangen. Ich vermute, der Wegfall der vertikal unterteilten Frontscheibe und die Montage eines verchromten/vernickelten Kühlers erlauben eine grobe Unterscheidung des Typs V vom Vorgängertyp II.

Leichter fällt die Identifikation der parallel verfügbaren Steyr-Sportversion Typ VI:

Steyr_Typ_VI_Galerie

Steyr Typ VI; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier verweisen die schmaleren und zahlreicheren Luftschlitze sowie die gewaltigen Trommelbremsen an der Vorderachse klar auf eine leistungsgesteigerte Version.

Serienmäßig bot dieses Modell zwar „nur“ 60 PS aus 3,3 Liter Hubraum, doch daneben waren auch stärkere Versionen mit 4 Liter Hubraum verfügbar, die 90 bis (kurzzeitig) 110 PS Spitzenleistung abwarfen.

Den Vogel schoss die Rennversion Typ VI „Klausen Sport“ mit 145 PS aus 4,9 Liter ab. Der darauf basierende Werksrennwagen leistete mit Kompressor dann sogar 180 PS – im Europa Mitte der 1920er Jahre waren das kolossale Werte.

„Zivilisierter“ ging es beim ab 1925 gebauten Steyr Typ VII zu. Basierend auf den Sechszylindertypen II und V leistete er nun 50 PS aus 3,3 Liter Hubraum. Standard war mittlerweile die Vorderradbremse:

Steyr_Typ_VII_Franzensbad_08-1929_Ausschnitt

Steyr Typ VII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese schöne Aufnahmen entstand übrigens im August 1929 im böhmischen Franzensbad (heute: Tschechien) – ich habe sie hier bereits vorgestellt.

Die charakteristische Ästhetik der Spitzkühler-Modelle der frühen 1920er Jahre wird hier besonders gut deutlich. Erst in den 1930er Jahren sollten Automobile wieder so ausdrucksstarke „Gesichter“ bekommen.

Dass ein und derselbe Typ mit dem Flachkühler, der ab Mitte der 1920er Jahre auch im deutschsprachigen Raum Standard wurde, weniger markant wirkt, macht folgende Aufnahme eines späten Steyr Typ VII deutlich:

Steyr_Typ_VII_Flachkühler_Heimfahrt_aus_den_Ötztaleralpen_Galerie

Steyr Typ VII; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diesen Tourenwagen mit heller Lackierung habe ich hier vorgestellt.

Man sieht schon, dass das ein mächtiger Wagen der Oberklasse war. Die helle Lackierung lässt den Steyr sogar recht leicht erscheinen, was er mit einem Leergewicht von über 1,6 Tonnen allerdings nicht war.

Dass sich dennoch ein eleganter Eindruck einstellt, mag auch auf die Weißwandreifen zurückzuführen sein, die man zwar auf neuzeitlichen Klassikerveranstaltungen öfters sieht, die aber in der Vorkriegszeit die Ausnahme darstellten.

Der Grund: Weißwandreifen waren im Alltag binnen kürzester Zeit verdreckt und boten damit genau das Gegenteil des angestrebten Anblicks.

So verwundert es nicht, dass die letzte Ausbaustufe des von Hans Ledwinka nach dem 1. Weltkrieg für Steyr konstruierten Sechszylinder auf folgendem Foto ganz normale Reifen trägt, deren Profil von intensivem Einsatz kündet:

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Galerie

Steyr Typ XVI; Originalfoto bereitgestellt von Jason Palmer

Diese Aufnahme verdanken wir einem Leser aus Australien – Jason Palmer – der auch das außergewöhnliche Dokument eines raren Komnick-Tourers beigesteuert hat. Erstaunlich, wo überall Vorkriegsautos aus dem deutschsprachigem Raum im 21. Jh. noch die Gemüter bewegen.

Zurück zum Foto: Hier haben wir ganz klar einen Steyr des Typs XVI vor uns, der den krönenden Abschluss der auf Hans Ledwinka zurückgehenden Baureihe darstellte.

Zwar hatte Ledwinka schon 1921 das Unternehmen wieder verlassen, doch profitierte Steyr noch etliche Jahr von seinem Genie  – ein letztes Mal mit dem Typ XVI von 1928.

Mittlerweile war der Sechszylinder auf 4 Liter Hubraum vergrößert worden und leistete in der Serienausführung eindrucksvolle 70 PS.

Man erkennt diesen Typ an den Luftschlitzen in der Motorhaube, die in zwei durchgehenden und übereinanderliegenden Reihen angeordnet waren:

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Frontpartie

Auf den Vorderschutzblechen erkennt man eigenwillig geformte Positionsleuchten, die nachts den im Freien geparkten Wagen markierten.

Nur ahnen kann auf diesem Ausschnitt die Dreifarblackierung, die bei Serienwagen der 1920er Jahre ungewöhnlich war. Tatsächlich waren die Steyr-Automobile damals trotz Fließfertigung noch Manufakturfahrzeuge, wo man einen solchen Aufwand treiben konnte.

Wer wollte, konnte sich auch nur ein fahrfähiges Chassis mit Kühlermaske und Motorhaube liefern lassen, der übrige Aufbau und die Lackierung war dann dem Karosseriebetrieb des Vertrauens überlassen.

Dann war erst recht solch ein raffiniertes Dreifarbschema möglich, wie es der Tourenwagen auf dem Foto von Jason Palmer zeigt. An der Flanke kann man dies sehr schön nachvollziehen:

Steyr_Typ_XVI_Tourer_Jason_Palmer_Seitenpartie

Die ganz hell lackierte Seitenleiste entlang der Türen lässt die Seitenwand niedriger erscheinen und betont zugleich die Länge des Fahrzeugs.

Übrigens war der Steyr Typ XVI außer mit 3,46 m Radstand auch mit einem verlängerten Chassis verfügbar, bei dem der Radstand enorme 3,76 m betrug.

Die Rudge-Drahtspeichenräder waren beim Tourenwagen serienmäßig und unterstützten dessen sportliche Wirkung. Die Angaben zur Höchstgeschwindigkeit variieren: 105 und 110 km/h werden genannt.

Wichtiger war jedoch die repräsentative Wirkung in Verbindung mit dem anstrengungslos laufenden großen Sechszylinder. Kein Wunder, dass auch wunderbare Cabrioaufbauten auf dieser Basis entstanden.

Sie blieben aber noch weit seltener als die Tourenwagenausführung. Bis Produktionsende 1929 entstanden überhaupt nur rund 400 Wagen des Typs Steyr XVI. Außerhalb Österreichs scheint man von diesen Raritäten nicht mehr viel zu wissen…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Lief einst auch als Taxi in Berlin: Steyr Typ XII

Wer sich häufiger auf diesen Blog für Vorkriegsautos verirrt, weiß: Hier werden auch die einst hochangesehenen österreichischen Marken geschätzt und anhand alter Fotos „auseinandergenommen“ –  jedenfalls äußerlich.

Zwar war die Herstellervielfalt in Österreich bei weitem nicht so groß wie in Deutschland, aber einige Dutzend Fabrikate gab es ohne weiteres. Davon sind heute allenfalls noch vier bekannt: Austro-Daimler, Gräf & Stift, Puch und Steyr.

Heute ist wieder ein Modell der Marke an der Reihe, die nach ihrem Firmensitz benannt war: Steyr.

Dort entstand aus einer Waffenproduktion nach Zwischenschritten über Fahrradbau und elektrotechnische Produkte eine Automobilfabrikation, die von Anfang an nur beste Qualität hervorbrachte.

Kein Wunder: KuK-Konstrukteursgrößen wie Ledwinka und Porsche gaben sich in Steyr die Klinke in die Hand. Auch formal waren die Wagen aus Steyr stets vollkommen auf der Höhe – ein Beispiel dafür zeigt diese schöne Aufnahme:

Steyr_Typ_XII_Ausschnitt

Ausführlich vorgestellt haben wir diese Variante des Steyr XII mit seinem zwar kleinen, aber technisch raffinierten 30 PS-Sechszylinder hier.

Auf weitere konstruktive Meriten wie die Hinterachse mit unabhängiger Radaufhängung (1926 ein Novum im Serienbau) soll hier nicht näher eingegangen werden.

Das Thema des heutigen Blogeintrags zum Steyr Typ XII ist vielmehr die trotz Fließbandfertigung beeindruckende Vielfalt an verfügbaren Aufbauten.

So bot Steyr seinen Typ XII ab Werk in mindestens sechs Varianten an:

  • viertürige Limousine
  • zweitüriges Cabriolet
  • Sport-Zweisitzer
  • viersitziger Tourenwagen
  • viersitziger Tourenwagen mit abnehmbarem Limousinenaufsatz
  • Außenlenker-Taxi

Diese Angaben sind dem eindrucksvollen Standardwerk zu den Steyr-Automobilen von Hubert Schier zu verdanken („Die Steyrer Automobilgeschichte“, 1. Auflage, 2015).

Ein (in Text und Bild) dermaßen erschöpfendes Werk wünscht man sich für etliche deutsche Marken abseits der ganz großen Namen…

Doch selbst das famose Steyr-Buch von Hubert Schier kann natürlich nicht die Karosserievarianten berücksichtigen, die auf Basis des Steyr XII bei unabhängigen Firmen entstanden.

So gab es neben dem ab Werk angebotenen Taxi-Aufbau, bei dem der Fahrer wie zu Zeiten der Pferdekutsche unter freiem Himmel saß (Außenlenker) offensichtlich auch eine geschlossene Variante für den Transport zahlender Fahrgäste:

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Galerie

Steyr Typ XII Taxi; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nun ja, viel erkennt man da nicht, mag nun ein verwöhnter Zeitgenosse sagen. Doch ist dieses Bild bereits Ergebnis aufwendiger Retuschen an einem von Oberflächenablösung betroffenen Originalabzug.

Der Aufwand lohnt sich aber, da sich so eine sonst wohl kaum dokumentierte Taxi-Version des Steyr Typ XII herauspräparieren ließ. Bereits bei Erwerb des Abzugs hatte der Verfasser den Verdacht, dass ein Steyr Typ XII darauf zu sehen ist.

Steyr-Kenner werden jetzt lächeln, doch wenn man es mit hunderten Marken aus dem deutschsprachigen Raum zu tun hat, kann man nur Universalist sein, kein Spezialist.

Woran kann man nun erkennen, dass man einen Steyr – noch dazu des Typs XII – vor sich hat? Jetzt kommt das Übliche: Fokus auf die Frontpartie!

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Frontpartie

Auweia, die Vergrößerung macht es nicht gerade leichter, doch da müssen wir durch. Ähnlich der Einfahrt in einen Tunnel gewöhnt sich das Auge rasch daran.

Wie gesagt: hier ist schon heftig retuschiert worden. Immerhin ist gerade noch das Kürzel „IA“ für Berlin auf dem Nummernschild zu erahnen.

Erster Hinweis auf einen Steyr Typ XII sind die Scheibenräder mit für damalige Verhältnisse recht großer (verchromter) Nabenkappe und sechs Radbolzen.

Weiter führt dann besagte Steyr-Literatur: Dort finden sich – von der nachgerüsteten Doppelstoßstange nach US-Vorbild  abgesehen – alle wesentlichen Details wieder:

  • langgestreckt nach hinten verlaufende Vorderschutzbleche
  • zehn in einer geschlossenen Gruppe angeordneten Luftschlitze in der Motorhaube (die vordere Gruppe ist hinter dem Schutzblech verborgen
  • Flachkühler mit „Dreiecksgiebel“ nach klassischem Vorbild und Markenemblem
  • Scheinwerfer in Schüsselform, aus den Kotflügeln „herauswachsend“
  • nach unten vorschwingende A-Säule

Wer über ein fotografisches Gedächtnis verfügt, wird jetzt sagen: auf dem ersten Foto mit dem Steyr XII liefen die Luftschlitze aber in einem fort und waren nur vertikal in zwei Reihen unterteilt.

Gut beobachtet! Tatsächlich gab es unterschiedliche Ausführungen der Luftschlitze beim Typ XII, deren Bedeutung vielleicht ein Kenner aufklären kann:

  • eine durchgehende Reihe hoher Luftschlitze
  • zwei durchgehende Reihen niedriger Luftschlitze
  • zwei auf zwei Gruppen unterschiedlicher Länge verteilte Reihen Luftschlitze

Wenden wir uns nun dem faszinierenden Taxi-Aufbau zu, der nichts mit der ab Werk lieferbaren „Taxameter“-Ausführung zu tun hat:

Steyr_Typ_XII_Taxi_Berlin_Seitenpartie

Auf diesem Ausschnitt ist die Steyr-typische Gestaltung des Scheibenrads besser nachvollziehbar. Auch ist die Nummer des Taxis – zu erkennen an der Abfolge schwarzer und weißer Quadrate entlang der Gürtellinie – lesbar: 10.731.

Erlaubt diese Berliner Kennung womöglich eine Datierung oder gar die genaue Ansprache des Taxi-Betriebs?

Unabhängig davon ist festzuhalten, dass dieses Taxi auf Basis eines Steyr Typ XII ab der A-Säule über einen Manufakturaufbau als Landaulet verfügte. Dort konnten die rückwärtigen Passagiere das Verdeck über ihren Köpfen niederlegen lassen.

Dies mag die damalige Exklusivität der Beförderung in einem Taxi unterstreichen. Offenbar war das Passagiergeschäft für den Betreiber lukrativ genug, um sich einen solchen Spezialaufbau leisten zu können.

Denkbar ist aber auch, dass hierfür einfach gebrauchte Limousinen umkarossiert wurden. Dann wäre unser Foto ein (wohl seltener) Beleg für solche Aktivitäten…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Raffinesse trifft Sachlichkeit: Steyr Tourer in Linz

Der heutige Blogeintrag bietet strenggenommen nichts Neues – aber dafür zwei alte Bekannte aus neuer Perspektive. Die Rede ist von den Tourenwagen der Typen VII und XII der österreichischen Marke Steyr.

Sie wurden kurz nacheinander vorgestellt – 1925 bzw. 1926 – doch repräsentieren sie unterschiedliche Wagenklassen und stehen formal für einen markanten Bruch in der Automobilgestaltung, der Mitte der 1920er stattfand.

Nachvollziehen lässt sich dies auf folgender Aufnahme aus Linz, auf der die beiden Typen direkt nebeneinander abgebildet sind:

Steyr_Tourenwagen_Linz_1936_Ausschnitt1

Hier sehen wir insgesamt vier Steyr-Tourenwagen sowie einen Opel einträchtig auf dem historischen Hauptplatz der oberösterreichischen Metropole abgestellt.

Ganz rechts erkennt man die Heckpartie eines unbekannten Landaulets – also eines geschlossenen Wagens, bei dem nur die Passagiere im Heck den Luxus eines niederlegbaren Verdecks genossen.

Der hohe Anteil offener Aufbauten ist typisch für den Entwicklungsstand in Europa in den 1920er Jahren. Tourenwagen waren schlicht die kostengünstigste Möglichkeit, überhaupt ein Automobil zu fahren.

In den USA mit ihrer weiter leistungsfähigeren Industrie begannen sich damals bereits geschlossene Aufbauten durchzusetzen und das zu volkstümlichen Preisen.

Die rauhe Wirklichkeit des Alltagseinsatzes von Tourenwagen lassen die meisten Originalfotos kaum ahnen, da sie vorzugsweise bei schönem Wetter entstanden. Doch zeugen genügend Aufnahmen davon, dass man diesen Wagentyp auch im Winter nutzte –  trotz dünnen Verdecks und zugiger Steckscheiben an der Seite.

Nähern wir uns nun dem formal älteren und in der Oberklasse angesiedelten Steyr Typ VII, der von 1925 bis 1929 angeboten wurde:

Steyr_Tourenwagen_Linz_1936_Ausschnitt2

An dem 12/50 PS Typ mit 3,3 Liter großem 6-Zylindermotor fällt vor allem der Spitzkühler ins Auge. Dieses expressive Element stammt noch aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg und stand für Schnittigkeit und sportlichen Auftritt.

Auf dem Papier war der Steyr Typ VII in der Tat für ein damals beachtliches Spitzentempo von fast 120 km/h gut. Ausfahren ließ sich das aber in der Praxis kaum – dem standen das Fahrwerk und der Zustand der Straßen entgegen.

Doch für Ausfahrten und Reisen mit voller Besetzung – bis zu sieben Personen – war der Steyr gut motorisiert, gerade auch in bergigem Terrain.

Die filigranen Drahtspeichenräder – unterstreichen das gediegene Erscheinungsbild ebenso wie der elegante Schwung der seitlichen Karosserielinie. Dadurch erhielt der langgestreckte Wagen eine dem Auge schmeichelnde Spannung.

Ebenso gefällig wirken die abgerundeten Türen, die sich mangels außen angebrachter Türgriffe perfekt in den gewölbten Karosseriekörper einfügen.

Ganz anders dagegen der Eindruck des parallel ab 1926 gebauten kompakten Steyr des Typs XII mit nur 1,6 Liter messendem 6-Zylinder (6/30 PS):

Steyr_Tourenwagen_Linz_1936_Ausschnitt

Der auffallende Spitzkühler ist hier einem banalen Flachkühler gewichen.

Die Wölbung der Haubenpartie und des Abschnitts vor der Frontscheibe ist weitgehend abgeflacht und die scharfe Kante an der Seite ist einem weicheren Übergang gewichen. Der Eindruck der Belanglosigkeit wird durch den über die gesamte Wagenlänge fast waagerechten Karosserieverlauf verstärkt.

Wären da nicht die beiden aufgesetzten Türgriffe, die der Seitenlinie gewissermaßen Glanzpunkte aufsetzen, müsste man fast von einer langweiligen Kiste sprechen.

Dabei ging es durchaus anders, sofern man sich für eine anspruchsvollere Karosserieausführung des Steyr Typ XII entschied wie diese Herrschaften hier:

Steyr_Typ_XII_Kur_06-1929_Sammlung_Klaas_Dierks_Galerie

Steyr Typ XII, Originalfoto von Klaas Dierks

Hier stören zwar die scheußliche Zubehörstoßstange und der seitlich auf dem Schutzblech angebrachte Reisekoffer – doch ist in der seitlichen Linienführung eine gewisse kühle Eleganz zu erkennen.

Allerdings ist auch hier zu konstatieren, dass dem Aufbau in formaler Hinsicht die beinahe bildhauerische Raffinesse fehlt, die die Vorgänger auszeichnet. Hier haben wir nochmals einen Steyr des Typs VII, der den Unterschied noch deutlicher macht:

Steyr_Typ_VII_Franzensbad_08-1929_Ausschnitt

Dieser Wagen wirkt schon im Stand schnell und bietet mit der gekonnten Kombination unterschiedlicher formaler Elemente dem Auge Abwechslung und dennoch ein schlüssiges Gesamtbild.

Raffiniert ist hier etwa der leichte Anstieg des oberen Kühlerausschnitts, der die Horizontale der Haubenpartie bricht wie der Bug eines Schnellboots, das die Wogen zerteilt.

Gut zu erkennen ist hier auch das Nebeneinander von horizontal und geschwungenen verlaufenden Linien, etwa an der Unterseite der Türen.

An vielen Spitzkühlermodellen der 1920er Jahre ist noch eine in die Vorkriesgzeit zurückreichende Tradition der Gestaltung lebendig, die sich am Abwechslungsreichtum der Linienführung in der Natur orientierte und entsprechend mit Bögen und Wölbungen arbeitete, um eine Oberfläche lebendig durchzugestalten.

Das Regiment des rechten Winkels, wie es sich ab den 1920er Jahren in Form der Bauhaus-Ideologie durchzusetzen begann und bis heute in der Architektur wütet und unsere Städte zu öden Versammlungen von Kistenbauten macht, konnte sich zum Glück nicht dauerhaft in der Automobilgestaltung durchsetzen.

Nach dem Intermezzo in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, das von einem (noch zu besprechenden) monströsen Entwurf des Bauhausgründers Gropius für Adler gekrönt war, gewann in den 1930er Jahren wieder die Freude an spannungsreichen, schwelgenden Formen und raffinierter Gliederung die Oberhand.

Der Ort, an dem einst unsere Aufnahme entstand, entfaltet seine lebendige und eindrucksvolle Wirkung auf den Reisenden ja ebenfalls nicht deshalb, weil die gewaltige Platzanlage von immergleichen Bauhaus-Rasterfassaden umsäumt wäre:

Steyr_Tourenwagen_Linz_1936_Galerie

So können wir am Ende auch die Originalaufnahme in voller Pracht zeigen, die Anlass zur heutigen Exkursion in die formalen Traditionen bzw. Tendenzen gab, die bei Steyr (und anderswo) Mitte der 1920er Jahre aufeinanderfolgten.

Man kann von Glück reden, dass sich die in den 1920er Jahren aufkommende verkopfte Sachlichkeit nicht dauerhaft in der Fahrzeuggestaltung durchgesetzt hat.

Die märchenhaft anmutenden großen Karosserieschöpfungen der 1930er Jahre und die hinreißenden Blechskulpturen italienischer Provenienz der 60er wären mit der betonköpfigen Bauhausdenke nämlich unmöglich gewesen…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Eleganz und Exzellenz serienmäßig: Steyr Typ XII

Im Unterschied zur Lektüre zeitgenössischer „Oldtimer“-Magazine aus Deutschland gewinnt man erst bei der Beschäftigung mit historischen Automobilfotos ein repräsentatives Bild von der einstigen Markenvielfalt im deutschsprachigen Raum.

Dabei stößt man auch ohne großes Suchen immer wieder auf Aufnahmen von Wagen der österreichischen Premiummarken Austro-Daimler, Gräf&Stift und Steyr.

Nach dem 1. Weltkrieg war von der vielfältigen Autoindustrie im österreichisch-ungarischen Imperium nicht mehr viel übrig. Doch was im geschrumpften Österreich nach 1918 produziert wurde, war durchweg von herausragender Qualität.

Heute präsentieren wir ein Beispiel dafür, das den Anspruch und das Können der österreichischen Automobilhersteller auch in der Kompaktklasse illustriert:

Steyr_Typ_XII_6-30_PS_Galerie

Steyr Typ XII Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zugegeben, die Aufnahme lässt nicht allzuviel von dem Wagen erkennen. Doch dass das nicht ein beliebiger Tourenwagen der 1920er Jahre ist, sondern ein Steyr Typ XII Cabriolet, das werden wir im Folgenden nachweisen.

Was fällt auf dieser Aufnahme zuerst in den Blick? Schwer zu sagen – der Kühler wirkt unauffällig, die senkrecht stehende Frontscheibe ist ebenso typisch für die 1920er Jahre wie die langgestreckten Vorderschutzbleche.

Die Heckpartie ist verdeckt – man präge sich aber das von zwei horizontalen Linien eingefasste Feld ein, das an der Türpartie zu sehen ist, an der der Besitzer lehnt.

Ein näherer Blick offenbart dann Details, die die Identifikation von Marke und Typ ermöglichen:

Steyr_Typ_XII_6-30_PS_Frontpartie

Hier sehen wir hinreichend deutlich das Markenemblem von Steyr, das einem Fadenkreuz mit mehreren konzentrischen Kreisen ähnelt und an die Tradition als Waffenhersteller erinnert.

Bei der Ansprache des Typs helfen uns die Scheibenräder mit umlaufender Zierlinie, sechs Radbolzen und großer Nabenkappe.

In Kombination mit dem Flachkühler lässt sich das Auto als Steyr des 1925 vorgestellten Typs XII identifizieren. Im Unterschied zu den sportlichen Vorgängern VI und VII wirkte der 6/30 PS-Typ XII auf den ersten Blick bescheiden.

Doch die Konstruktion von Anton Honsig hatte es in sich: Der 1,6 Liter-Motor war ein laufruhiger Sechszylinder mit moderner Ventilsteuerung durch obenliegende Nockenwelle. In Verbindung mit dem 4-Gang-Getriebe war Tempo 90 km/h möglich.

Bemerkenswert war die hintere Schwingachse mit unabhängigen Antriebswellen, die erste Achse dieses Typs bei einem Serienwagen überhaupt. Hochmodern war außerdem die Vierradbremse mit Servounterstützung an der Vorderachse.

Dieser technisch exzellente und elegant gestaltete Typ XII war zudem der erste Steyr, der in Fließbandfertigung hergestellt wurde. Von 1926 bis 1929 entstanden so rund 11.000 Exemplare dieses feinen Kompaktmodells.

Wie exklusiv dieser Steyr Typ XII dennoch wirkte, lässt sich erst anhand einer weiteren Originalaufnahme nachvollziehen, das wir einmal mehr Vintage-Fotosammler Klaas Dierks verdanken:

Steyr_Typ_XII_Kur_06-1929_Sammlung_Klaas_Dierks_Galerie

Steyr Typ XII Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Kühler, Scheibenräder, der markante Koffer zwischen Schutzblech und Trittbrett – alles wie auf der ersten Aufnahme, doch hier wirkt der Wagen weit mondäner.

Gut zu erkennen ist hier das von Zierlinien eingefasste Feld an der Oberseite der Tür, das es nur beim zweisitzigen Cabriolet des Steyr Typ XII gab – damit wäre auch die Karosserieausführung auf der ersten Aufnahme geklärt.

Abweichend ist lediglich die zigarrenförmige Zubehör-Stoßstange, die man an unterschiedlichen Wagen aus dem deutschen Sprachraum der 1920er Jahre findet:

Steyr_Typ_XII_Kur_06-1929_Sammlung_Klaas_Dierks_Frontpartie

Dieses ungeschlachte Teil wich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre Stoßstangen nach Vorbild der damals in jeder Hinsicht führenden US-Automobile.

In Deutschland schreckten selbst Fahrer großkalibriger Mercedes-Wagen nicht vor der Montage dieses Ungetüms zurück, wie das Foto in einem älteren Blogeintrag zeigt.

Sehen wir über dieses Detail hinweg und konzentrieren uns auf den übrigen Wagen: Die Nabenkappe auf den Scheibenrädern lässt den eingeprägten Markenschriftzug „Steyr“ ahnen. Der Koffer „passt“ ebenfalls perfekt.

Die Leute, die einen dieser kleinen und doch so eleganten Sechszylinderwagen von Steyr fuhren, waren erkennbar stolz darauf:

Steyr_Typ_XII_Kur_06-1929_Sammlung_Klaas_Dierks_Insassen

Offensichtlich konnten sich die Herrschaften ein professionelles Foto leisten, das vor einer parkähnlichen Anlage mit sechseckigem Pavillon in klassischem Stil entstand.

Erkennt jemand aus der Leserschaft den Entstehungsort dieser Aufnahme? Wenn nicht, wäre das nicht tragisch – wir  haben noch eine ganze Reihe von Fotos, die denselben Typ auf einer Italienreise zeigen – teilweise an bekannten Orten.

Diese Bilderserie werden wir bei anderer Gelegenheit genüsslich zelebrieren…

© Michael Schlenger, 2018. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ansichtssache: Steyr Typ VII mit Spitz- oder Flachkühler?

Der Sonderweg, den ein Großteil der deutschen Autohersteller nach dem 1. Weltkrieg einschlug, machte sich nicht nur im Festhalten an technischen Konzepten der Vorkriegszeit bemerkbar.

Auch äußerlich knüpfte man vielfach an die Vergangenheit an. Das augenfälligste Element war der Spitzkühler, der in den Nachbarländern und erst recht in den USA längst zum alten Eisen gehörte.

Nur wenige deutsche Marken wie zum Beispiel Steiger aus Burgrieden verknüpften die „schneidige“ Optik der Bugpartie auch mit sportlichen Fahrleistungen ihrer Serienwagen.

Ansonsten überwogen eher schwerfällige, wenngleich im Detail sehr sorgfältig gearbeitete Fahrzeuge. Im benachbarten Österreich mit seiner von reizvollen Kleinserienherstellern geprägten Autoindustrie sahen die Dinge anders aus.

Speziell die Tourenwagen der Waffenfabrik Steyr gehören zum Feinsten, was im deutschen Sprachraum nach dem 1. Weltkrieg mit Spitzkühler zu bekommen war.

Zuletzt hatten wir hier den Steyr Typ 12/40 PS vorgestellt, der 1924/25 gebaut wurde. Folgende Aufnahme zeigt den Wagen in besonders dynamischer Pose:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der 6-Zylindermotor mit 3,3 Liter Hubraum, obenliegender Nockenwelle und V-förmig angebrachten Ventilen war kennzeichnend für die fortschrittliche Konstruktion der Steyr-Typen der frühen 1920er Jahre.

Zur echten „Waffe“ wurde aber erst der Steyr Typ VI „Sport“, der bei gleicher Motorenkonstruktion 60 PS leistete und für ein Spitzentempo von 120 km/h gut war. Die darauf basierenden Rennversionen leisteten 90, 110 und 145 PS. Mit Kompressor ausgestattet waren sogar kurzzeitig 150 bzw. 180 PS drin.

Ein gewisser Enzo Ferrari fuhr als junger Mann 1922 ebenfalls einen Steyr-Rennwagen. Eine zivile Version des erfolgreichen Typs VI haben wir hier:

Steyr_Typ_VI_Galerie.jpg

Steyr Typ VI Sport; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man sieht: Bei Steyr bekam man in den 1920er Jahren nicht nur eine rassige Optik geboten – hier war auch das Leistungsvermögen beeindruckend.

Das galt auch für den Nachfolger des Typs V 12/40 PS, den ab 1925 gebauten Steyr Typ VII 12/50 PS. Seine Konstruktion basierte auf den bewährten Prinzipien, wurde aber mit einem optimierten Fahrwerk und mehr Leistung verknüpft.

Nun gab es auch Vorderradbremsen, die die Unterscheidung vom optisch ganz ähnlichen Vorgängertyp V ermöglichen. Der Steyr Typ VII ist uns als Limousine bereits einmal begegnet, und zwar hier:

Steyr_Typ_VII_Limousine_Galerie

Steyr Typ VII 12/50PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen wirkt hier alles andere als dynamisch, was dem Aufbau als mächtige 6-Fenster-Limousine geschuldet ist. Doch ist gerade diese Variante interessant, weil sie nur selten zu finden ist – Steyr-Anhänger bevorzugten schon vor über 90 Jahren die offenen Versionen.

Tatsächlich sind historische Fotos von Tourenwagen des Typs VII leichter zu bekommen. Wobei man anmerken muss, dass Steyr von 1925-29 überhaupt nur 2.150 Exemplare dieses Typs herstellte – so gesehen darf man sich über jedes Foto, das die Zeiten überdauert hat, fast so freuen wie über ein originales Fahrzeug.

Und heute genießen wir den Luxus, uns gleich zwei „neue“ Fotos eines Steyr Typ VII zu Gemüte führen zu können. Als erste haben wir eine schöne Aufnahme, die bei Franzensbad in Böhmen (heute Tschechien) entstand:

Steyr_Typ_VII_Franzensbad_08-1929_Galerie

Steyr Typ VII 12/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das ist eine prachtvolle Urlaubsaufnahme, die auf August 1929 datiert ist. Die Beschriftung „Strandbad Franzensbad“ irritiert zunächst, weil ein Strandbad so ziemlich das letzte ist, woran bei dem mondänen böhmischen Kurort denkt.

Doch tatsächlich gibt es noch heute unweit von Františkovy Lázně, wie Franzensbad seit 1945 heißt, Seen mit Strand, an denen man Ferien machen kann. Dort wird „unser“ Steyr einst im Sonnenschein abgelichtet worden sein.

Wo sich heute ein Campingplatz befindet, erholten sich einst offenbar betuchte Leute, denn solch ein Tourenwagen von Steyr war einst nur für eine hauchdünne Schicht der Bevölkerung erschwinglich.

Steyr_Typ_VII_Franzensbad_08-1929_Ausschnitt2

Der scharfgeschnittene Spitzkühler mit dem Steyr-Emblem, das ein stilisiertes Fadenkreuz zeigt, dürfte damals einen enormen Prestigewert gehabt haben.

Da sah man auf Anhieb, dass wohlhabende Leute unterwegs waren, die über zwei unterschiedliche Reifen an der Vorderachse großzügig hinwegsehen konnten.

Oder haben wir es vielleicht mit einer nicht mehr ganz solventen Gesellschaft zu tun, die sich 1929 inmitten der Weltwirtschaftskrise abgesehen von dem gebrauchten Steyr nicht mehr viel leisten konnte?

Allerdings macht der Wagen von den Reifen abgesehen einen gepflegten Eindruck – man beachte, wie sich der in Fahrtrichtung rechte Frontscheinwerfer auf dem Schutzblech spiegelt. Auch hat man in eine Stoßstange als Zubehör investiert.

Ein Film in der Kamera war ebenfalls noch drin und die Kleidung wirkt makellos. Offenbar sind diese Leute ganz gut durch die damalige Krise gekommen. Doch wie wir wissen, sollten noch turbulentere Zeiten folgen, die Arm und Reich unterschiedslos verschlangen…

Was wohl aus den Menschen wurde, die uns mit einem Abstand von über 90 Jahren auf diesen alten Aufnahmen ansehen, auf welchen Irrwegen diese Abzüge zu uns gelangten, das fragt man sich unwillkürlich auch bei folgendem Foto:

Steyr_Typ_VII_Flachkühler_Heimfahrt_aus_den_Ötztaleralpen_Galerie

Steyr Typ VII 12/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

„Heimfahrt aus den Ötztaler Alpen, 1928“, das ist von alter Hand auf der Rückseite des Abzugs vermerkt.

Auch hier haben wir es mit einer Urlaubserinnerung zu tun. Doch wirkt der eindrucksvoll dimensionierte Wagen völlig anders als der zuvor gezeigte Tourer. Dabei handelt es sich um praktisch das gleiche Modell, einen Steyr Typ VII.

Was lässt das Auto so anders erscheinen? Die hohen Luftschlitze in der hinteren Hälfte der Motorhaube gleichen sich ebenso wie die verchromten Nabenkappen, die großen Bremstrommeln vorn und die auffallend glattflächigen Kotflügel.

Der einzige Unterschied ist der Flachkühler, der zwar stimmig wirkt, aber den Wagen beliebig wirken lässt. Ohne den Steyr-Schriftzug auf den Nabenkappen wäre es schwierig, Marke und Typ zu identifizieren:

Steyr_Typ_VII_Flachkühler_Heimfahrt_aus_den_Ötztaleralpen_Ausschnitt1Ungewöhnlich sind hier die Weißwandreifen des österreichischen Herstellers Reithoffer, der später von der Semperit AG übernommen wurde.

Ob das Ersatzrad von Michelin älteren Ursprungs oder moderner war, kann vielleicht ein sachkundiger Leser sagen. Auch hier hatte man jedenfalls kein Problem damit, im Zweifelsfall einen Reifen mit anderem Profil zu montieren.

Dass es bei diesem Steyr eher auf die Leistung am Berg als in der Ebene ankam, lässt die Situation erahnen. Beim Ausflug in die Ötztaler Alpen waren die acht Herren in dem Steyr in einer der höchstgelegenen Regionen des Landes unterwegs.

Man sieht selbst auf dem Schwarzweiß-Foto, dass sie ordentlich Sonne abbekommen haben müssen:

Steyr_Typ_VII_Flachkühler_Heimfahrt_aus_den_Ötztaleralpen_Ausschnitt2Acht Mann in einem offenen Wagen auf Tour in den Alpen – man wüsste gern, wie und wo die Herren genächtigt und gegessen haben. Platz für allzuviel Gepäck bot der Steyr ja nicht, das Nötigste wurde in einem Leinensack am Heck mitgeführt.

Und selbst damit waren diese Urlauber noch in einer heute unvorstellbaren Weise privilegiert. Überhaupt die heimatliche Region für einige Zeit zu verlassen, zum reinen Vergnügen, und das mit einem eigenen Automobil!

Ob man da einen Steyr Typ VII mit Spitz- oder Flachkühler bevorzugt – ein Luxusproblem und reine Ansichtssache…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

 

 

Felix Austria: Fahrgenuss mit dem Steyr Typ V 12/40 PS

Wer sich im Geschichtsunterricht nicht gerade anderweitig beschäftigte, erinnert sich gewiss an den Wahlspruch des Hauses Habsburg, der einstigen österreichischen Herrscherdynastie:

„Bella gerant alii, tu felix Austria nube!“ – „Andere (Herrscher) mögen Kriege führen (um ihren Machtbereich auszudehnen), Du (aber), glückliches Österreich, heirate!“

In der Tat ist man mit diesem Motto lange Zeit gut gefahren und hat es weitgehend friedlich bis zum Riesenreich Österreich-Ungarn gebracht.

Doch mit dem Glück war es 1914 vorbei: Mit dem Serbienkrieg ignorierten Österreich und das verbündete Deutsche Reich die gezielt eingegangenen Allianzen der sie umgebenden Großmächte Russland, England und Frankreich – so wurde aus einem lokalen Konflikt der 1. Weltkrieg.

Am Ende hatte Österreich nicht nur den Krieg verloren, sondern die meisten der über Jahrhunderte hinzugewonnenen Besitzungen. Dennoch scheint sich Österreich nach dem 1. Weltkrieg rasch mit der neuen Rolle als ein kleiner Staat unter vielen abgefunden zu haben.

Politisch und ökonomisch war dagegen Deutschland der große Verlierer, was tiefe Spuren im Selbstbewusstsein hinterließ – mit bekannten Folgen.

Rheinübergang_Worms_30-11-1918_Galerie

Aus Frankreich zurückkehrende deutsche Truppen auf der Rheinbrücke bei Worms Ende November 1918; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach 1918 lassen sich auch in der Entwicklung der Automobilindustrie der beiden Länder unterschiedliche Wege erkennen.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen hielten die deutschen Hersteller lange an überholten Konzepten fest – technisch wie gestalterisch. Daran änderte auch die Sonderkonjunktur der Inflationszeit nichts, als Automobile eine der besten Anlagen darstellten, die man mit Papiergeld tätigen konnte

Verschlafen wurde vor allem der Trend zur Massenfabrikation einfacher, zugleich leistungsfähiger und zuverlässiger Fahrzeuge.

Bei einer Bevölkerung von über 60 Millionen Menschen blieb die Fahrzeugdichte weit niedriger als in Frankreich und England, von Amerika ganz zu schweigen.

Kein Wunder also, dass die auf diesem Oldtimerblog ausgiebig gewürdigten US-Fabrikate bis Ende der 1920er Jahre auch hierzulande enorm erfolgreich waren.

Was machten unterdessen die kleinen österreichischen Hersteller? Nun, sie behielten ebenfalls die Manufakturfertigung bei, boten aber oft modernere und leistungsfähigere Technologie.

Anhand dieses Steyr Typ V 10/40 PS wollen wir uns näher mit dem Ansatz  der österreichischen Nachbarn beschäftigen:

Steyr_Typ_V_Tourenwagen_Galerie

Steyr Typ V 10/40 PS; Originalaufnahme aus Sammlung Michael Schlenger

Erstaunlich ist: Die in Steyr ansässige „Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft“ begann überhaupt erst 1919/20, Steyr-Automobile zu bauen.

Zum Glück hatte man den richtigen Mann an Bord geholt, Hans Ledwinka, der später bei Tatra noch zu großer Form auflaufen sollte. Ledwinka blieb Steyr zwar nur bis 1921 erhalten. Doch hinterließ er eine Konstruktion, die den Ruf der Marke als Hersteller feiner, sportlicher Automobile begründete:

Ein 6-Zylindermotor mit 3,3 Liter Hubraum mit obenliegender Nockenwelle und V-förmig angebrachten Ventilen ermöglichte in Verbindung mit einer kugelgelagerten (!) Kurbelwelle eine besonders drehfreudige Charakteristik.

Diese fortschrittliche Konstruktion kennzeichnete etliche Steyr-Typen der 1920er Jahre. Auf den ab 1920 in Serie gebauten Typ II (der Typ I war nur ein Prototyp) folgte 1924 in derselben Klasse das 40 PS starke Modell V auf unserem Foto.

Die Identifikation fällt bei dieser Aufnahmequalität nicht schwer:

Steyr_Typ_V_Tourenwagen_Frontpartie

Auf der Nabenkappe steht (auf dem Kopf) STEYR, auch auf dem Kühleremblem ist die zweite Hälfte des Namens ansatzweise zu lesen – umgeben von einem Fadenkreuz, das an das Hauptgeschäft der Firma erinnert.

Die Kühlermaske erinnert an Benz- und Mercedes-Modelle jener Zeit, doch treffen sich bei den Steyr-Wagen die vertikale und die horizontale Linie des Kühlerausschnitts fast rechtwinklig.

Bei Benz und Mercedes – sowie Puch und anderen Herstellern – stellt dagegen eine Diagonale die Verbindung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen her. Das sieht dann so aus wie auf dieser Aufnahme:

Benz_10-30_PS_Nachkrieg_Frontpartie

Benz 10/30 PS, 1920er Jahre; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Den Benz-Freunden sei an dieser Stelle versprochen, dass „ihre“ Marke demnächst ebenfalls wieder anhand historischer Fotos aus der Sammlung des Verfassers gewürdigt wird.

Unterdessen mag ein Steyr-Kenner einwenden, dass der eingangs präsentierte Wagen doch ebenso ein ab 1925 gebauter Typ VII sein könnte, denn der sah trotz auf 50 PS erhöhter Leistung fast genau so aus.

Doch das Fehlen von Bremstrommeln am Vorderrad sagt uns, dass wir eher einen Steyr Typ V vor uns haben. Zwar waren die Vorderradbremsen beim stärkeren Typ VII aufpreispflichtig, doch auf Bildern des Modells in der Literatur sieht man sie praktisch durchgängig.

Der Fahrer des Wagens könnte uns das vermutlich bestätigen, doch scheint er nicht für ein Gespräch aufgelegt zu sein…

Ihn nervt sicher der Koffer auf dem Fahrersitz, der sich in flott gefahrenen Linkskurven selbstständig macht – einen Kofferraum hatte so ein Tourenwagen ja nicht.

Steyr_Typ_V_Tourenwagen_Fahrer

Vermutlich bevorzugten die Herrschaften im Fond eine beschauliche Fahrweise und wussten womöglich gar nicht, welche technischen Leckerbissen sich unter der Haube ihres Wagens verbargen.

Ihnen dürfte das exklusive Vergnügen wichtiger gewesen zu sein, einen der schnittigen und ausgezeichnet verarbeiteten Steyr Typ V zu besitzen, von dem keine 2.000 Exemplare gebaut wurden.

Übrigens hatten wir vor einem Jahr schon einmal mit solch einem Prachtstück zu tun, sprachen dieses damals aber noch als Steyr Typ VII an:

Steyr_Typ_V_Galerie

Steyr Typ V; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Foto mit kühner Perspektive sowie perfekter Belichtung und Tiefenschärfe zeigt aber eher ebenfalls einen Steyr des Typs V. Das legt zumindest das Fehlen der vorderen Bremstrommeln nahe.

Die Kühlerfigur zeigt übrigens einen Hund, der „Männchen“ macht. Mit kleinen Accessoires wie diesem individualisierte man einst sein Automobil.

Wer sich so einen Wagen leisten konnte, hatte auch das Geld für einen handwerklich geschaffenen Kühlerschmuck. Solche nach Kundenwunsch angefertigten Kühlerfiguren waren oft kleine Kunstwerke und sind ein Sammelgebiet für sich.

Und das waren die Leute, die sich so etwas gönnten:

Steyr_Typ_V_Tourenwagen_Insassen

In welcher Beziehung die fünf aufmerksam in die Kamera schauenden Personen zueinanderstanden, bleibt offen.

Besonders würdevoll schaut der ältere Herr hinter dem fröhlichen Fahrer drein – sicher ist er noch im 19. Jahrhundert großgeworden.

Zusammen mit dem Fotografen müssen hier sechs Personen an einem sonnigen Tag unterwegs gewesen. Der beachtliche Radstand des Steyr wird drei Sitzreihen ermöglicht haben, sodass unsere kleine Gesellschaft bequem darin Platz fand.

Man kann sich anhand der Höhe des Trittbretts vorstellen, dass man in einen solchen großzügigen Wagen noch hinein“stieg“. Heute ist speziell für die Passagiere im Fond eher „bücken“ angesagt und an die einstige Aussicht der rückwärtigen Insassen ist selbst in modernen Cabrios nicht zu denken…

Wer vom rundherum sinnlichen Erlebnis der Welt im Automobil träumt, muss sich eben einen der Tourenwagen der Zwischenkriegszeit zulegen!

Glückliches Österreich, das nach dem 1. Weltkrieg solche herrlichen Automobile bauen konnte – doch wo sind sie geblieben?

Literatur: Die Steyrer Automobil-Geschichte, von Hubert Schier, Verlag Ennsthaler, 2015, ISBN: 978-3850689267

Internet: http://www.steyrer-automobilgeschichte.at/

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.