Ein ganzer Kerl, dank DEROP: Buick von 1929

„Schon wieder ein Ami, und dann bloß ein Buick – dabei hat der Juni doch so grandios begonnen – mit Sonne satt nach einem unterkühlten und feuchten Frühjahr!“

Wer so denkt, dem sei gesagt: „Das muss so sein, denn auch das war Alltag auf deutschen Straßen vor gut 90 Jahren. Und ein Buick vom Fließband war damals große Klasse.“

Tatsächlich begegnete man damals den eindrucksvollen Buick-Sechszylindertypen des Modelljahrs 1929 mit 75 oder 95 PS hierzulande weit öfter, als das bei einschlägigen Klassikerveranstaltungen im 21. Jahrhundert der Fall ist.

Hier haben wir ein solches Exemplar, das einst im Raum Magdeburg zugelassen war:

Buick Modelljahr 1929, Zulassung: Magdeburg; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Da der Wagen ohne die aufpreispflichtigen Stoßstangen auskam, kann man hier die Kühlerpartie so gut studieren wie nur selten. So sieht man das auch als Schmutzabweiser dienende Abschlussblech am Unterteil des Kühlergehäuses, das sonst verborgen war.

Die Anbringung des Markenlogos auf dem Kühlergrill ist typisch für das Modelljahr 1929. Unter dem Blech hatte sich mehr getan, als die moderate optische Überarbeitung ahnen lässt. Das Chassis war komplett überarbeitet worden, Stoßdämpfer und elektrische Scheibenwischer wurden verbaut und die Motoren weiter vergrößert.

Das „kleinere“ Modell verfügte über knapp 4 Liter Hubraum, das größere brachte es auf gut 5 Liter. 75 bzw. 95 PS Spitzenleistung waren damit drin, in dieser Größenordnung bewegten sich damals die weit teureren, wenn auch raffinierteren Achtzylindertypen von Horch.

So verwundert es nicht, dass man einst auch in der Münchener „Schickeria“ sich für solch einen „Amerikanerwagen“ aus Massenproduktion nicht zu schade war – denn der Buick von 1929 war unübersehbar ein ganzer Kerl:

Buick Modelljahr 1929, Zulassung: München; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ich glaube zu wissen, was jetzt in den Köpfen von Leser abläuft, die wie ich in der guten alten Bundesrepublik sozialisiert wurden:

„Ein ganzer Kerl – dank Chappi“ – dieser Werbespruch für eine übrigens ebenfalls aus der Vorkriegszeit stammende Hundefuttermarke ist in den Gehirnen einer ganzen Generation fest einzementiert und dürfte noch die eine oder andere Demenzattacke überstehen.

Mit dem prächtigen Schäferhund, der hier stolz mit Frauchen vor „seinem“ Wagen posiert, hätte man man schon damals erfolgreich werben können. Doch Autos brauchen nun einmal „raffiniertere“ Nahrung, daher die Abwandlung „Ein ganzer Kerl – dank Derop“.

DEROP war der Markenname, unter dem die Deutsche Vertriebsgesellschaft für Russische Oel-Produkte AG ab 1929 Kraftstoffe in Deutschland vertrieb. Passenderweise sehen wir im Hintergrund der Aufnahme eine entsprechende Tankstelle, sodass wir davon ausgehen dürfen, dass dieser Buick sich gerade seine Portion Benzin einverleibt hat.

Und weil das so ein schönes Motiv ist – Hunde mit historischen Automobilen könnten glatt das Thema für eine eigene Publikation abgeben – bringe ich es hier nochmals in Farbe:

Der so überaus lebendig wiedergegebene Hund bringt mich auf eine weitere Analogie:

So wie das aus den USA stammende Hundefutter Chappi wegen des großen Erfolgs auch in Deutschland hergestellt wurde, baute Buick seine in Deutschland stark gefragten Wagen ab 1927 ebenfalls dort -und zwar in einem Montagewerk in Berlin-Borsigwalde.

Kenner der ungeheuer reichen Berliner Vorkriegsautowelt wissen das natürlich, aber für alle anderen kann ich mit einer Detailaufnahme aufwarten, die genau das belegt und zwar anhand eines der wenigen überlebenden hierzulande gebauten Buick von 1929:

Diese Detailaufnahme verdanke ich einem Leser, der das noch unrestaurierte, aber gut erhaltene Auto vor einigen Jahren erworben hat. Der Herstellungsort ist hier auf dem Typenschild angegeben, außerdem der gegenüber dem US-Original leicht verringerte Hubraum des 75 PS-Modells von 1929.

Ich hoffe, dass dieses eindrucksvolle Fahrzeug – eine Limousine, soweit ich mich erinnere – nach einer technischen Überholung und sorgfältigen Konservierung des Originalzustands mittlerweile wieder einsatzfähig oder zumindest in einer Ausstellung zugänglich ist.

„Ein ganzer Kerl – dank Aral“ – so müsste der Titel der modernen Fassung eines solchen Fotos wohl lauten, wenn der Buick heute stilgerecht beim DEROP-Nachfolger tanken würde, am besten in ebenso charmanter und liebenswerter Begleitung wie einst vor 90 Jahren…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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