Fund des Monats: Ein „Nacke“ von 1909

Außerhalb Sachsens dürfte es vermutlich kaum Freunde von Vorkriegswagen geben, die je etwas von der Marke „Nacke“ gehört haben, die den Fund des Monats Mai 2021 stellt.

Dabei nimmt die einst hochbedeutende sächsische Automobilgeschichte ihren Anfang mit einem vom Maschinenbauunternehmer Emil Nacke 1901 in Coswig gebauten Motorwagen.

Nacke war im Unterschied zu einigen Zeitgenossen kein Hinterhoftüftler, sondern hatte nach seinem Studium zunächst Erfahrungen im Lokomobilbau gesammelt und auf Reisen den Stand des Maschinenbaus in Frankreich und England erkundet. Nach weiteren Stationen gründete er 1891 seine eigene Maschinenfabrik in Coswig.

Seinen ersten Motorwagen scheint er 10 Jahre später selbst konstruiert zu haben – während viele deutsche Hersteller im Rückstand waren und ihre ersten Autos nach französischen Lizenzen bauen mussten.

Nach seinem Erstling, der noch den Namen „Coswiga“ trug, baute Nacke unter eigenem Namen von Anfang an vollwertige Automobile mit Motorleistungen zwischen 30 und 55 PS. Diese Wagen besaßen noch den damals dominierenden Kettenantrieb.

Ab 1909 rundete Nacke sein Angebot nach unten mit den leichteren Typen 7/18 PS und 10/25 PS ab. Das 18 PS-Modell zeigt diese Reklame von 1910:

Nacke 7/18 PS; Originalreklame aus Braunbecks Sportlexikon 1910

Hier sieht man die ab 1909/1910 bei deutschen Serienwagen auftauchende Windkappe (auch als Windlauf oder Torpedo bezeichnet), die einen strömungsgünstigen Übergang zwischen der horizontalen Motorhaube und der vertikalen Schottwand dahinter bewirkte.

Dieses aus dem Rennsport entlehnte Detail leistet bei der Datierung von Autos der Frühzeit oft gute Dienste – jedenfalls bei Herstellern aus dem deutschsprachigen Raum. Halten wir also fest: Ab spätestens 1910 versah auch Nacke seine Wagen mit einer Windkappe.

Auch wenn dieses Element hier noch wie „aufgesetzt“ wirkt – was es ja faktisch auch war – verlieh es Automobilen auf einmal eine ganz andere Anmutung: Hier beginnt die Geburt der von vorne bis hinten durchgestalteten Karosserie.

Davor gab es kein optisch vermittelndes Element zwischen dem Motorabteil und dem dahinterliegenden Fahrer- und Passagierraum. Der Motor hatte bis dato lediglich die Funktion der Pferde übernommen, dahinter blieb wie bei der Kutsche alles beim alten.

Nicht umsonst prägte die englische Sprache damals für das Auto den Begriff „horseless carriage“, da der Antrieb noch nicht als Teil des Ganzen verstanden wurde. Eine solche „Kutsche ohne Pferde“ sah bis zur Einführung der Windkappe so aus:

vermutlich Nacke-Landaulet von 1909; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Fahrer hatte nun nicht mehr die Pferde vor sich, sondern er blickte über den davorgesetzten Motor hinweg auf die Straße vor ihm – immerhin bereits hinter einer großen Windschutzscheibe.

Für die Herrschaften im Passagierabteil – hier als Landaulet mit niederlegbarem Verdeck über der hinteren Sitzbank ausgeführt – hatte sich gegenüber der Kutsche eigentlich nichts geändert. Bloß die erreichbare Geschwindigkeit und die Reichweite waren drastisch gestiegen – das Prestige ebenso, denn ein solcher Wagen kostete soviel wie ein Haus!

Wieso aber könnten wir es bei diesem Prachtexemplar mit einem Nacke zu tun haben? Liefert die Frontpartie vielleicht einen Hinweis darauf?

Trotz des Detailreichtums der Aufnahme ist kein Hinweis auf den Hersteller zu sehen. Festhalten kann man immerhin zweierlei: Unter der langen Haube war ausreichend Platz für einen großvolumigen Motor, der bei frühen Nacke-Wagen um die 5 Liter messen konnte.

Interessant ist auch die Gestaltung der Kotflügel. Diese repräsentieren das Übergangsstadium zwischen den weit ausladenden flügelartigen Schutzblechen, die bis etwa 1906/07 dominierten und den weniger exaltierten, das Rad enger einfassenden Kotflügeln, die sich danach etablierten.

Dieses Detail ermöglicht zusammen mit dem Fehlen einer Windkappe eine Datierung auf ca 1908/09. Es geht aber vielleicht noch genauer, doch dazu müssen wir erst einmal herausfinden, wer dieses aristokratisch wirkende Automobil einst gebaut hatte.

Eine Laune des Schicksals hat dafür gesorgt, dass ein weiteres Foto die letzten 110 Jahre überstanden hat, das auf den ersten Blick dasselbe Auto zeigt:

Nacke um 1908/09; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Vor allem die Ausführung der Schutzbleche legt nahe, dass die beiden gemeinsam erhalten gebliebenen Fotos ein und dasselbe Auto oder zumindest denselben Typ zeigen.

Bei näherem Vergleich entdeckt man jedoch eine Reihe Unterschiede, beispielweise die abweichende Gestaltung des Kühlwassereinfüllstutzens. Nicht viel besagen müssen die unterschiedlchen Scheinwerfer, da es sich um austauschbare Zubehörteile handelte.

Die Dachpartie wiederum stimmt exakt überein. Was ist von diesem Befund zu halten? Nun, zunächst ist festzuhalten, dass im Fall des zweiten Fotos kein Zweifel daran besteht, was für ein Fabrikat darauf festgehalten ist:

„Automobil-Fabrik E. Nacke Coswig Sachsen“ ist dort zu lesen (im Original deutlich klarer).

Das allein genügt für die Klassfizierung als Fund des Monats, denn ein Foto aus dieser Perspektive, das die Herstellerplakette eines so frühen Nacke zeigt, ist mir noch nie begegnet. Besser kann man es sich bei Veteranenwagen kaum wünschen.

Welche Verbindung aber besteht nun zwischen den Wagen auf den beiden gemeinsam erworbene Fotos?

Nun, beide weisen nicht nur eine identische Kotflügelgestaltung und Kühlerform auf und sind demnach auch ähnlich zu datieren. Die Abzüge tragen auch beide auf der Rückseite den Vermerk „Wagenfabrik Trebst“.

Somit kamen einst beide Autos zumindest was den Aufbau angeht, aus demselben „Stall“. Zugelassen war der Wagen auf dem zweiten Foto in Leipzig, was dafür spricht, dass wir die Wagenfabrik Friedrich Trebst in der Leipziger Gustav-Mahler Straße als den Erbauer beider Karosserien annehmen dürfen.

Vorerst offen bleiben muss die Frage, ob nicht auch das erste Foto mit dem Landaulet in Seitenansicht einen Nacke zeigt. Zwar findet sich in der Literatur die Abbildung eines Nacke von 1906, der von den Kotflügeln abgesehen eine fast identische Vorderpartie aufweist, aber einen anderen Hersteller kann man dennoch nicht ausschließen.

Es ist gut möglich, dass bei der Wagenfabrik Trebst parallel zum Nacke einst auch ein anderes Fabrikat eingekleidet wurde, dem man die gleichen eigenwilligen Kotflügel verpasst hat. In Frage kommt beispielsweise ein Horch, der damals ganz ähnlich aussah.

Sollte es sich in beiden Fällen um einen Nacke handeln, dann können wir das Entstehungsjahr auf genau 1909 festnageln. Denn zuvor wurden Nacke-Wagen nur mit Kettenantrieb ausgeliefert, während dieses Exemplar eindeutig kardangetrieben war:

Möglicherweise erkennt ein Leser an der meist markenspezifischen Ausführung der Radnabe, ob wir hier eventuell doch ein anderes Fabrikat vor uns haben.

Es bleibt aber dabei, dass wir zumindest einen der hochkarätigen und unglaublich seltenen Nacke-Wagen fotografisch dingfest machen konnten. Dass heute kaum noch jemand etwas über diese Fahrzeug weiß, hängt wohl auch damit zusammen, dass Nacke die PKW-Produktion bereits 1913 zugunsten der wirtschaftlich aussichtsreicheren Herstellung von LKW und Omnibussen einstellte – was sich als richtig erweisen sollte.

Doch selbst die bis 1929 gebauten Nutzfahrzeuge, die sogar international einen guten Ruf besaßen, scheinen in Vergessenheit geraten zu sein. Umso mehr liegt es mir am Herzen, mit der Vorstellung solcher Originaldokumente zur Erinnerung an dieses interessante Kapitel sächsischer Automobilbautradition beizutragen…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

10 Gedanken zu „Fund des Monats: Ein „Nacke“ von 1909

  1. Hallo, di ist man mal für ein paar Tage nicht zuhause 😉 und schon findet man hier seinen Heimatort/Wohnort wieder! Beim Suchen, bin ich zufällig mal auf diese Berichte gestoßen, die sich auf der Internetpräsenz von Coswig aber n ur durch die Suchfunktion finden lassen! Da möchte ich das natürlich nicht vorenthalten:

    https://www.coswig.de/de/id-2003-11-06-nacke1.html
    https://www.coswig.de/de/id-2003-11-20-nacke-spurensuche-teil-2.html
    https://www.coswig.de/de/id-2003-12-04-nacke-spurensuche-teil-3.html
    https://www.coswig.de/de/id-2004-02-19-nacke-spurensuche-teil-4.html

    Ansonsten war die Strohstoff nicht so dolle, wenn der Wind aus der falschen Richtung kam… aber das ist lange her. Viele Grüße aus Coswig/Sa.

  2. Danke für den Hinweis – wieder etwas gelernt. Im deutschen „Einsteigen“ hat sich der Akt übrigens auch erhalten, ohne dass es einem noch bewusst ist.

  3. Übrigens :
    Das erste Bild mit dem
    Windkappen- Zweisitzer
    zeigt den stolzen Auto-
    mobil- Fabrikanten selbst am Steuer !
    Klein Randbemerkung :
    Das Bild macht auch anschaulich was mit der
    im Englischen gebräuch-lichen Redewendung
    „… climbs in his car“ ge-
    meint ist !
    Der frühe Fan von G-man Jerry Cotton er-
    innert sich an die bei uns
    ungebräuchliche Übersetzung: „….und er
    kletterte in seinen Wagen (den roten Jaguar
    E-type).

  4. Klasse, danke für den Tip, Claus!

  5. Hallo Michael,

    es gibt ein hervorragendes Buch über Emil Hermann Nacke „Sachsens erster Automobilbauer“, herausgegeben vom Verkehrsmuseum Dresden, welches auf S. 33 ein Bild der V. Berliner Automobilausstellung zeigt, wo dieser Wagentyp ausgestellt wurde. Ich sehe relevante Unterschiede nur bei Holzspeichenfelgen…. auf jeden Fall aber zeigt dein fragliches Bild einen Nacke Wagen.

    beste Grüße

    Claus

  6. Ja – selten sind Nacke- Wagen heute ! Bekannt
    ist kein komplett erhaltenes Fa hrzeug.
    Es existiert in Coswig/Sa.
    jedoch ein komplettes
    FAHRGESTELL eines N.
    ( etwa wie er auf den Bil-
    dern zu sehen ist) Es stand vor Jahren bei der
    Stadt mal zur Diskussion
    darauf eine Rekonstruktion zu erstellen was aber mangels „Mitteln“ nicht
    weiter verfolgt werden konnte. In Sammlerhand
    existiert noch ein Nacke-
    Kühler.
    Zu E(mil) Nacke – er hieß
    EMIL – : Er war Besitzer eines großen Betriebes im Elbtal nordwestlich Dresdens, eben in Coswig bei Dresden (Coswig/Anhalt liegt ebenfalls andere Elbe).
    Man beschäftigte sich mit der industriellen Verarbeitung von dem damals noch reichlichen
    Abfallstoff Stoh zu sog.
    „Strohstoff“.
    Die “ Nacke- Villa“ blickt
    noch heute von der gegenüberliegenden Elb-
    Höhe auf Coswig (und damals die prospirierende „Strohstoff“ wie sie allgemein genannt bei den Coswigern hieß) und
    und lässt noch heute erahnen, was die dama-lige „Gründerzeit“ bedeutete.
    Nacke baute die Maschinen für die Stohverarbeiung selbst und verfügte also über eine Maschinenbau-
    Abteilung .
    Als Emil Nacke vom „Autler“- Bazillus befallen wurde war ein
    bereits im 62. Lebensjahr
    stehender (sehr) wohlsituierter sächsischer Unternehmer der nach
    ersten Kontakten mit
    dem damals neuen „Spielzeug für Reiche“
    zu seinen Leitenden Herren sagte: Das könn‘ mir doch! und also noch
    vor A. Horch zum ersten
    sächsischen Automobil-
    Fabrikanten wurde!
    Ein in der Zeitschr. MARKT anlässlich des 100sten Jubiläums der
    ersten deutschen Auto- Wettfahrt Berlin- Potsdam zeigt lt. Bild-unterschrift E. NACKE
    im Fond des abgebil-deten Wagens – 1899
    Spätesten da muß es also
    „gezündet“ haben bei Herrn Nacke !

  7. Edmund Obst war der Besitzer des Wagens.

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