Die Schönen und das Biest: Renault Reinastella

„Jetzt wiederholt er sich aber“ – mag angesichts des Titels einer meiner rund 4.000 Leser denken, die monatlich Beiträge oder Dokumente in meinen Blog aufrufen.

„Nicht ganz“, sage ich da – wobei die meisten Freunde von Vorkriegsautos Wiederholungen durchaus schätzen, speziell wenn es um „ihre“ Marke oder „ihren“ Wagen geht.

Tatsächlich habe ich unter ganz ähnlichem Titel „Die Schöne und das Biest“ vor einiger Zeit einen Delahaye vorgestellt. Es ist kein Zufall, dass heute wieder ein französisches Fabrikat unter diesem Motto an der Reihe ist – bloß in der Mehrzahl.

Nach Durchsicht einiger tausend Fotos von Vorkriegsautos erlaube ich mir das Urteil, dass solche Aufnahmen öfters durch weibliche Schönheit geadelt werden, wenn sie in Frankreich aufgenommen wurden – auch auf zeitgenössichen Autoreklamen machen die Französinnen oft bessere Figur als ihre Geschlechtsgenossinnen im weniger kultivierten Germanien.

Ausnahmen bestätigen natürlich diese von mir aufgestellte Behauptung, die immerhin durch die Tatsache gestützt wird, dass Paris damals die Welthauptstadt der Mode war.

Was aber hat es diesmal mit dem „Biest“ auf sich? Hatte ich nicht erst vor kurzem hier einen Renault „Reinastella“ gefeiert“? Der kann doch nicht gemeint sein, oder?

Nun, als extravagant gepriesen hatte ich dessen Karosserie schon, die von Kellner (Paris) geschaffen worden war. Als Schönheit würde ich das Modell aber auch mit konventionellem Aufbau nach wie vor nicht durchgehen lassen – eher im Gegenteil:

Renault Reinastella „Berline Décapotable“; Originalfoto aus Sammlung Raoul Rainer

Das ist erst einmal ein grandioses Foto – aufgenommen irgendwo an der französischen Küste. Zu verdanken habe ich dieses schöne Dokument Leser und Sammlerkollege Raoul Rainer aus Stuttgart.

Er pflegt im Netz eine erlesene Galerie mit historischen Fotos, die klassische Automobile und Porträts von Menschen zeigen, oft zusammen – Motto: „Vintage Cars & People“. Reich vertreten sind dort auch Nachkriegsfahrzeuge in allen Lebenslagen.

Die Qualität der von Raoul Rainer ausgewählten Aufnahmen ist durchweg ausgezeichnet, nicht nur in technischer Hinsicht, auch die Situationen sind von großem Reiz. In gewisser Weise ist seine Sammlung eine Dokumentation der Sehnsüchte unserer Vorfahren.

Obiges Foto sandte Raoul Rainer mir zu, nachdem er meinen Blogeintrag zum Renault Reinastella mit „Scaphandrier“-Aufbau von Kellner (Paris) gelesen hatte. Während hier „nur“ eine Werkskarosserie zu sehen ist, erlaubt die fotografische Güte ein besseres Studium der Details des Aufbaus:

Unter dieser mächtigen Haube verbirgt sich zwar ein 7,1 Liter messender Achtzylindermotor mit weit über 100 PS Leistung, aber Hand auf’s Herz: Die Gestaltung mit den grob ausgestanzten Luftschlitzen vor dem Kühler ist doch arg ernüchternd.

Das Auge sucht auch vergeblich Halt auf der riesigen Haubenseite. In merkwürdigem Spannungsverhältnis zu dieser ungeschlachten Frontpartie stehen filigrane Details wie die Positionsleuchten und die Halterung der Sonnenblende über der Windschutzscheibe.

Der Renault „Reinastella“ war der erste, der nicht mehr den bis dato markentypischen hinter dem Motor stehenden Kühler besaß. Doch die Haubenform, die an eine umgedrehte Kohlenschaufel (ich weiß: heute tabu!) erinnert, behielt man vorerst noch bei.

Dieser ästhetische Fehlgriff ist es, auf den das „Biest“ im Titel anspielt. Doch keine Sorge, das Thema wird nicht weiter vertieft (die Front wurde auch von Renault bald verworfen).

Wenden wir uns stattdessen nun den „Schönen“ zu, die sich einst diesem Monstrum zugesellten, um die Erinnerung an einen Ausflug ans Meer festzuhalten.

Ob sie dabei an die Nachwelt im 21. Jahrhundert gedacht haben, darf man bezweifeln. Jedenfalls haben sie uns mit dieser Momentaufnahme aus ihrem längst vergangenen Dasein eine große Freude gemacht:

Nana, meine Herren, denken Sie nicht einen Moment daran, die beste aller Ehefrauen gegen eine dieser Damen einzutauschen. Sie waren schließlich in festen Händen…

Und an die weiblichen Leser gewandt: Machen Sie nicht den Fehler, die beiden gut gebräunten Herren mit Brille für spannende Intellektuelle zu halten, die ihnen bei einigen Flaschen Wein die Welt erklären können und dabei tadellose Manieren wahren…

Nein, hier haben sich zwei großstädtische Schönheiten zielsicher entweder Pariser Beamte in Spitzenposition oder erfolgreiche Unternehmer geangelt – jedenfalls Vertreter von Berufen, die dank ausgiebigen Studiums von Akten und Bilanzen an Kurzsichtigkeit leiden.

Die souveräne Pose vor der Kamera, das perfekte Makeup, die figurbetonende Kleidung und vorteilhafte Haltung weisen diese prächtigen Frauenzimmer als Angehörige der Bourgeoisie aus, welche von den Verfechtern materieller Gleichheit von jeher nur deshalb verachtet wird, weil sie selbst nicht so privilegiert sind (aber es gern wären).

Den Arbeitern, die einst diesen Renault bauten, hat übrigens Robert Doisneau ein fotografisches Denkmal gesetzt – meine Empfehlung an dieser Stelle für diejenigen, die sich für Industrieästhetik und für die „humanistische Fotografie“ interessieren.

Wir lassen es für heute bei der schönen Aufnahme von Raoul Rainer bewenden, die vor rund 90 Jahren in einem französischen Badeort entstand, und versuchen, ihr noch ein wenig mehr Leben abzugewinnen, soweit die Technik dies erlaubt:

Eines noch der Vollständigkeit halber: Der Aufbau dieses Renault „Reinastella“ trug die Bezeichnung „berline décapotable“ – was der Cabriolimousine im deutschen Sprachraum entspricht.

Im Unterschied zum Cabriolet blieben hier beim Niederlegen des Verdecks massive seitliche Fensterrahmen stehen, sodass man den Himmel über sich und die Landluft genießen konnte, aber sich nicht die Frisur ruinierte oder eine zugbedingte Erkältung riskierte.

Das volle Freilufterlebnis überließ man in den 1930er Jahren mehr oder weniger echten Sportfahrern oder großstädtischen Autoposierern, die es auch damals schon gab…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „Die Schönen und das Biest: Renault Reinastella

  1. Besten Dank, Claus. Zur Herkunft des Namens „Reinastella“ hatte ich mich bereits im ersten Blog-Eintrag zu dem Typ geäußert – mit gleichem Ergebnis, wenn auch „reina“ aus dem Spanischen entlehnt. Auf die Idee, hinter „Nerva“ besagten römischen Kaiser zu vermuten, bin ich noch nicht gekommen, naheliegend finde ich das nicht (der Nervastella war unter dem Reinastella angesiedelt und Nerva kannten schon damals vermutlich nur Spezialisten). Mal schauen, ob sich noch etwas dazu findet.

  2. Hallo Michael,

    eine Anmerkung zu dem Namen des Renault „Reinastella“:
    nach meiner Interpretation handelt es sich um lautmalerische Bezeichnung, die übersetzt „Königin der Sterne“ bedeutet, also zusammengesetzt aus dem französichem Wort „reine“ = Königin und dem lateinischen Wort für Stern = stella.
    Gestützt wird meine Theorie ziemlich eindeutig dadurch, dass auf dem Kühler oberhalb des Renault Rhombus ein Stern montiert ist. Diesen erkannt man sogar (andeutungsweise) auf dem besprochenen Foto . Der Name des Renault Typ Nervastella, der auch einen Stern auf der Haube trägt, ließe sich dann frei mit „Kaiser der Sterne “ übersetzen, da Nerva ein römischer Kaiser war.
    Sicher ist aber, dass Renault mit diesen Namen Wortspiele vollzog, so wie später Citroen mit der DS ( Deesse ).
    Mit den besten Grüßen

    Claus

  3. Besten Dank für diese überzeugende Lokalisierung!

  4. Hallo Herr Schlenger , der Ort der Aufnahme dürfte die Uferpromenade von Deauville in der Normandie gewesen sein . Links sieht man die Ecke der berühmten Strandkabinenreihe , die dort heute noch steht . Deauville war der bevorzugte Sommerferienort von André Citoen und allerlei anderer gutbetuchter Franzosen .
    Alles Gute
    Thomas Reichl

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