Mut zur Lücke – ein Phänomen Typ 14/35 PS

Mut zur Lücke – das gilt für jeden, der sich mit Vorkriegsautomobilen beschäftigt, speziell mit frühen deutschen Exemplaren aus der Zeit bis etwa 1920.

Angesichts der Lückenhaftigkeit und Vorläufigkeit aller Erkenntnis kann man zweierlei Schlüsse ziehen – entweder man schiebt das, was man mitzuteilen hat, bis zum Sankt-Nimmerleinstag auf, oder man lässt vom Stapel, was man aus den bislang vorliegenden Informationen zusammenzimmern konnte.

Ob sich das Konstrukt als einigermaßen tragfähig erweist, wird sich im Lauf der Zeit schon zeigen – Hauptsache, man kommt erst einmal heraus aus der Werft und verliert sich nicht im Nachzählen der Nieten im Rumpf oder in der Wanddekoration der Kapitänskajüte.

Man muss nämlich auch einmal mit dem arbeiten können, was man aktuell hat, um vorwärtszukommen – wie diese Herrschaften, die 1937 auf „Nordlandreise“ gingen:

vermutlich Adler-Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was nun den Stand der zeitgenössischen Literatur zu deutschen Vorkriegswagen angeht, scheint nach einer Phase der Produktivität in den 1970/80er Jahren der diesbezügliche Elan erlahmt zu sein.

Das liegt bestimmt nicht an mangelnden Informationen und Dokumenten wie Prospekten, Reklamen, Zeitschriftenartikeln oder Fotografien. Ausnahmen wie Michael Schick („Steiger“-Wagen) oder Werner Schollenberger („Röhr“-Automobile“) haben gezeigt, was möglich ist, wenn man den Willen und die Disziplin besitzt, auch einmal fertigzuwerden.

„Aber so ein Buch zu einer Nischenmarke lohnt sich doch nicht“, hört man immer wieder. Als ob es auf den finanziellen Ertrag ankäme! Einigermaßen kostendeckend zu produzieren, ist übrigens mit Digitaldruck im Eigenverlag durchaus möglich, aber nicht entscheidend.

Der Vater einer verblichenen Liebe pflegte zu sagen: „Ein Hobby, das nichts kostet, taugt nichts“. So verhält es sich. Denn die Beschäftigung mit dem alten Blech ist ein bloßes Hobby, keine Wissenschaft und keine Kunst, auch wenn das mancher gern anders sehen würde. Man muss schon selbst etwas darin investieren, wenn es noch etwas werden soll.

Es ist kulturgeschichtlich wie intellektuell vollkommen unerheblich, die letzten Winkel der deutschen Automobilgeschichte zu beleuchten – in ein, zwei Generationen interessiert das wahrscheinlich niemanden mehr, wenn der Abbruch unserer Kultur so weitergeht.

Aber noch gibt es einen Haufen Zeitgenossen, die Feuer und Flamme für die alten Kisten sind – und wer ihnen etwas zu bieten hat, soll das verdammt nochmal nicht für sich behalten.

Ich selbst habe als privater Blogger und Besitzer einiger wenig prestigeträchtiger Fahrzeuge zwar inhaltlich meist wenig beizutragen, aber die Fotos und Dokumente meiner Sammlung (und aus der befreundeter Enthusiasten) kann ich herzeigen und damit vielen Gleichgesinnten signalisieren: Die Welt von gestern lebt, solange wir Freude daran haben.

Genug der Vorrede – denn heute präsentiere ich ein Beispiel dafür, dass selbst ein vermeintlich ordinäres Foto aus der Zeit des 1. Weltkriegs eine Neuigkeit bergen kann:

Phänomen 14/35 PS Tourenwagen; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

„Gut“, mag jetzt einer sagen, „einer von vielen Tourern, die von Phänomen aus Zittau an das deutsche Heer geliefert wurden – meist mit Motorisierung 10/28 bzw. 10/30 PS“.

Tatsächlich habe ich schon einige solcher Exemplare hier im Blog präsentiert und in meine allmählich wachsende Phänomen-Galerie eingereiht.

Auch ist die Ansprache dieses Wagens denkbar einfach, denn auf diesem über 100 Jahre alten Foto (aus Sammlung Klaas Dierks) kann man selbst in der eingescannten und datenreduzierten Version den Markennamen auf dem Kühler lesen.

Der Kühler selbst ist von der Form her zwar markant, aber nicht einzigartig. Praktisch dieselbe Birnen- oder Ei-Form mit mittigem Abwärtsschwung der Kühlereinfassung findet sich damals bei NSU-Wagen. Umso besser, dass der Schriftzug lesbar ist:

„Moment einmal“, wird jetzt der Phänomen-Kenner einwenden. „Da steht ja 14/35 PS rechts neben dem Markenemblem, von dieser Motorisierung ist doch gar nichts überliefert.“

So scheint es, zumindest wenn man die Klassiker von Heinrich v. Fersen bzw. Halwart Schrader zu deutschen Autos der Zeit von 1885 bis 1920 oder auch „Pioniere des Automobils an der Neiße“ (Zittauer Geschichsblätter) zugrundelegt.

Dort findet man die bereits erwähnten Typen 10/28 bzw. 10/30 PS, außerdem wird ein großes 16/45 PS-Modell für die Zeit vor dem 1. Weltkrieg genannt. Dazwischen tut sich freilich eine unübersehbare Lücke auf, die andere Hersteller wie Adler und Opel füllten.

Genau das scheint auch Phänomen aus Zittau getan haben, bloß findet man in der Literatur nichts dazu – jedenfalls nicht nach meinem Kenntnisstand. Wer es besser weiß, möge das unter Quellenangabe über die Kommentarfunktion kundtun. Ich lerne stets gern dazu, denn auch für diese meine Hobby-Website gilt: Mut zur Lücke…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „Mut zur Lücke – ein Phänomen Typ 14/35 PS

  1. Ich glaube, wir liegen nicht weit auseinander, Claus! Ich sehe unsere Zeit auch als ideal an, was die Verfügbarkeit von Material wie die Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten angeht. Ich sehe bloß seit einigen Jahren kaum Ergebnisse jenseits unserer Hobby-Bemühungen in punkto Vorkriegsmarken und -modelle. Eine Möglichkeit ist ja immer auch ein laufendes Online-Projekt – wer außer uns macht das in einigermaßen ansprechender und regelmäßiger Weise? Nicht einmal zu erstrangigen Marken wie Adler, Opel oder NAG gibt es gescheite Websites, die die Vorkriegsgeschichte aufarbeiten. Unter anderem deshalb tue ich ja auch das, was ich tue, bloß markenübergreifend und damit notgedrungen oberflächlich bleibend. Ich sehe leider nur sehr wenige Initiativen oder Impulse, die in dieselbe Richtung deuten. Klar, es gibt ein paar richtig rührige Facebook-Gruppen bspw. zu Vorkriegs-Opels und ich bin dort ja auch selbst zugange, obwohl mir das Medium an sich weniger behagt. Aber systematisch unbekanntes Material sammeln, einordnen und nach und nach publikmachen – wer tut das außer ein paar Exoten wie uns? Warum landen Buchverlage bei mir kleinem Blogger, wenn sie Bildmaterial benötigen und werden nicht bei den ernsthaften Automobilhistorikern fündig? Ich bin einfach der Meinung, dass die deutsche Veteranen-Szene lahm und unmotiviert geworden ist über die Jahre, und das ordne ich schon als Zeitgeistphänomen ein (analog zum zahnlosen Denkmalschutz, der seine beste Zeit in den 1980/90er Jahren hatte). Natürlich ein Grund mehr, selbst den eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen!

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  2. Hallo Michael,

    ich sehe die Angelegenheit etwas anders als Du. Ich freue mich geradezu, dass bisher noch nicht Bücher oder ähnliche Veröffentlichungen über alle Deutschen ( Nischen – ) Hersteller geschrieben worden sind. Das macht doch erst Deine / unsere Beschäftigung mit dem Hobby aus: Ständig entdecken wir neue Aspekte und können uns gegenseitig anspornen und mit Material versorgen. Ich meine sogar, dass wir dafür in einer optimalen Ära leben, wo dank Internet viel mehr möglich ist als in den 70er oder 80er Jahren und wo wir Lücken schließen können, die wahrscheinlich sonst schon längst von unseren Vorfahren geschlossen worden wären, wenn sie unsere heutigen Möglichkeiten gehabt hätten. Also ist m.E. kein Kulturpessimismus angesagt, sondern Aufbruchstimmung. Nutzen wir unsere Zeit.
    Mit den besten Grüßen aus Berlin
    Claus H. Wulff

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  3. Guten Morgen!
    Als kleine Ergänzung der Hinweis, dass wir hier einen Fahrschulwagen des Kraftfahr- Bataillons aus Berlin sehen, der aber beim stellvertetenden Generalkommando Breslau in Schlesien zum Einsatz kam, ohne dass die neue Formationsbezeichnung auf dem Kühler aufgebracht wurde.
    Schöne Grüße,
    K.D.

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