In Treue fest bis ans Ende: Ein NSU 8/24 PS

Heute unternehme ich eine Reise zurück ins Jahr 1918 – kurz bevor der 1. Weltkrieg sein Ende fand. Ein treuer alter Kamerad wartet dort auf mich, der in Treue fest auf seinem Posten ausharrt, obwohl er bereits einige Jahre harten Dienst geleistet hat.

Dieser verlässliche Begleiter durch dick und dünn hatte 1913 oder 1914 – ganz genau weiß ich es nicht – eine vielversprechende zivile Karriere begonnen, die dann mit Kriegsausbruch ein jähes Ende fand.

Doch im Unterschied zu zahllosen Gefährten, die früher oder später ihr Ende auf dem Schlachtfeld fanden, kam er ohne größere Blessuren durch. Vielleicht hatte er das Glück, dass er hinter den Linien als Kurier diente, gut gehalten hat er sich jedenfalls:

NSU 8/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt (Dresden)

Diesen Abzug sandte mir kürzlich Sammlerkollege Matthias Schmidt aus Dresden zu, nachdem ich einen Blog-Eintrag zu einem auf den ersten Blick recht ähnlichen Phänomen-Wagen verfasst hatte.

Tatsächlich könnte man den Wagen von der Kühlerform her für einen Phänomen halten. Das Markenemblem ist hier grau überlackiert und nicht ansatzweise erkennbar – vielleicht fehlt es sogar ganz.

Der Wagen erinnerte ich sogleich an ein ganz ähnliches Fahrzeug auf einen meiner Fotos, bei dem das Emblem zwar ebenfalls überlackiert worden war, aber der Grundform nach noch einigermaßen erkennbar war (zumindest auf dem Originalabzug):

NSU 6/18 PS oder 8/24 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese ebenfalls im 1. Weltkrieg entstandene Aufnahme zeigt einen NSU Tourenwagen der ab 1911/12 gebauten Typen 6/18 PS bzw. 8/24 PS. Die beiden Motorisierungsversionen waren äußerlich kaum voneinander unterscheidbar, sieht man von den etwas unterschiedlichen Dimensionen ab.

Beide Modelle hatten ihre Zuverlässigkeit unter Kriegsbedingungen rasch unter Beweis gestellt und wurden ab 1914 fast nur noch für den Bedarf des Militärs produziert.

Dieses Exemplar war der preußischen Armee unterstellt, wie das Wappen auf der Seite des Wagens erkennen lässt, in dem mit sich selbst zufrieden ein Unteroffizier am Lenkrad sitzt:

Auf diesem Ausschnitt ist übrigens mit etwas gutem Willen der NSU-Schriftzug auf der Nabenkappe des Vorderrads zu entziffern. Nachdem Phänomen als Hersteller wegfällt, bleibt die Frage, ob sich der genaue Typ ermitteln lässt.

Nun, hier wirkt der Wagen recht groß, was für den 30 cm längeren NSU 8/24 PS und gegen das Modell 6/18 PS spricht. Die Frage ist jedoch, ob der Eindruck besonderer Größe bloß dadurch entsteht, dass der Fahrer womöglich eher kleingewachsen war.

Stutzig machen mich nämlich die gasbetriebenen Positionsleuchten beiderseits der Frontscheibe. Der Typ 8/24 PS war laut Literatur (Klaus Arth: NSU Automobile, Verlag Delius-Klasing) mit elektrischen Positionsleuchten ausgestattet – ob serienmäßig oder nur optional, ist der Formulierung nicht ganz eindeutig zu entnehmen.

Betrachten wir zwecks weiterer Überlegungen das Maß des jungen Kraftfahrers – des eigentlichen Herrn dieses NSU – der hier die typische Ledermontur und auf die Zugehörigkeit zur Kraftfahrertruppe hinweisende Kragenembleme in Autoform trägt:

Der junge Bursche, der uns ein wenig melancholisch anschaut, wirkt hier doch recht groß, nicht wahr?

Nun, nehmen wir einmal Maß, um diesen Eindruck zu überprüfen. Dazu eignet sich aus dieser Perspektive das Reifenformat, das 750 x 85 beim NSU 6/18 PS und 810 x 100 beim Typ 8/24 PS betrug. Der Außendurchmesser der Reifen betrug als 75 bzw. 81 cm.

Mit dem Lineal lässt sich näherungsweise ermitteln, dass der Fahrer etwas mehr als doppelt so groß war, wie es dem Reifendurchmesser entsprach. Dann wäre er lediglich etwas mehr als 1,50 Meter groß gewesen, hätte er neben einem NSU 6/18 PS gestanden – sehr unwahrscheinlich.

Unterstellt man den Typ 8/24 PS, landet man bei etwa 1,65 Meter – für Männer in vielen Regionen des damaligen Deutschlands ein normaler Wert. Nur diese Überlegung rechtfertigt aus meiner Sicht die Ansprache des Wagens als NSU Typ 8/24 PS.

Das parallel verfügbare, nochmals größere Modell 10/30 PS würde ich ausschließen, zumal es weit seltener blieb und noch eher elektrische Positionslichter erwarten ließe.

Viel mehr lässt sich aus meiner Sicht nicht zu dem wackeren NSU sagen, der über die Jahre des Kriegs „in Treue fest“ zu seinen zweibeinigen Kameraden gehalten hat. Tatsächlich ist dieses Attribut sogar auf seinem Kennzeichen festgehalten, das mit „Fest.“ beginnt.

Die tatsächliche Bedeutung ist indessen einem handschriftlichen Vermerk zu entnehmen, der verblasst in der linken unteren Ecke des Abzugs oberhalb der Jahreszahl zu sehen ist:

Ich meine dort „Festung St…“ zu lesen – kann jemand den ganzen Namen entziffern? An diesem bislang noch unbekannten Ort harrten die beiden Soldaten und ihr NSU „in Treue fest“ vielleicht bis zum nahenden Ende des Kriegs aus.

In den Gewölben im Hintergrund, die mit Bretterwänden notdürftig gegen feindliche Aufklärer oder Granatsplitter gesichert waren, könnten weitere Fahrzeuge gestanden haben, dort hätte dann auch der NSU seine Unterkunft gehabt.

Auch wenn es im vorliegenden Fall nicht perfekt gelungen ist, will ich zum Schluss zumindest den eindringlichsten Ausschnitt dieser Aufnahme mit etwas Farbe näher zu uns ins 21. Jahrhundert bringen:

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

6 Gedanken zu „In Treue fest bis ans Ende: Ein NSU 8/24 PS

  1. Festung Strassburg, mit Doppel-S wurde das damals geschrieben. Die Lokalität lässt sich auch anhand aktueller Fotos bestätigen.

    Danke für den wie immer sehr informativen wie unterhaltsamen Beitrag!

  2. Die Örtlichkeit hat sich anhand des Kennzeichens als Festungsbereich Straßburg ermitteln lassen (vgl. Kommentar von Wk1-Spezialist Klaas Dierks).

  3. Danke für die Klärung der Örtlichkeit und die weiteren Hinweise!

  4. Hallo,
    das Auto mit dem Kennzeichen „Fest S“ wurde für Fahrzeuge im Festungsbereich Straßburg vergeben, Größe des Wagens und Nummer lassen einen Stabswagen vermuten. Der Soldat mit Emblem eines schon damals etwas altbacken gestalteten Automobils am Kragen ist examinierter Fahrer dieser Waffengattung. Der andere NSU wurde zw. 1916-18 im Oberelsass von der Armee-Abt. B eingesetzt.
    Schöne Grüße und Dank für diesen gewohnt interessanten Beitrag.

  5. Wieder sehr interessante
    Aufnahmen präsentiert und Herr Schlenger hier:
    Zum Vergleichsfoto fällt
    einem der „märchen-hafte“ Wolf im Schafs-pelz ein. In Kenntnis der
    aus heutiger Sicht unfassbaren Verstrickungen und Missverständnisse, die in das Disaster des l. WK führten denkt man allerdings eher an Schafe im Wolfspelz die sich künstlich übersteigerten Nationalismus und Heldenmythos von verblendeten Eliten in die Gräben treiben ließen !
    Die beiden Herren auf dem Bild dürften das Elend der Schlachtfelder allerdings eher im Blick ihrer Feldstecher gehabt haben.
    Die besprochene Photo- graphie zeigt m.E. die damals sehr beliebte Konstelltion des posings
    in dem ein stolzer Nicht-
    „Autler“ den Platz am Volant einnimmt.
    Hier dürfte es sich um den Herrn Leutnant mit
    seinem Fahrer gehandelt
    haben.
    Eine Einschätzung der Größenverhältnisse unter geometrisch korrekter Bildung eines
    Messgitters bei Berücksichtigung der Perspektive ohne die auf dem Touchscreen schlecht mögliche zeich- nerische Umsetzung er- gibt in Relation zur Rad-
    größe eine eher 2,5fache
    Körpergröße des jungen Mannes in Chauffeurs-
    Kluft . Das passt auch eher zu Typ und Habitus
    als norddeutschen „Hünen“.
    Die Zuordnung des „Tat-
    ortes“ legt bei dem ahnbaren Schriftbild die
    Annahme der Worte
    “ Festung Stralsund“ nahe.

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