Die Schönheit liegt im Detail: Essex von 1927 und 1928

Der Teufel liegt im Detail – dieses Sprichwort kennt im Deutschen jeder. Interessanterweise gibt es im Englischen eine Entsprechung „The devil’s in the detail“ – die vermutlich daran angelehnt ist, aber erst in der Nachkriegszeit aufgekommen zu sein scheint.

Bei einem Vorkriegsautomobil aus der englischsprachigen Welt wäre diese moderne Redewendung daher so unangebracht wie die Nachrüstung einer Servolenkung.

Natürlich steckt der Teufel oft genug im Detail, wenn man sich mit klassischen Automobilen befasst, aber diese Beschäftigung ist viel zu schön, um sie mit dem Herrn der Unterwelt zu assoziieren.

Daher habe ich für meinen heutigen Blogeintrag eine treffendere Alternative gewählt, die unsere Sprache ebenfalls kennt – die Schönheit liegt im Detail.

Als Anschauungsobjekt dafür eignet sich selbst ein gewöhnlicher Mittelklassewagen aus US-Produktion wie der „Essex“, der ab 1919 eingeführte preisgünstigere kleine Bruder des Hudson, welcher sich auch in Deutschland gut verkaufte:

Essex, Modelljahr 1927; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese adrette Limousine mit Zulassung in Dresden ist anhand der Querlamellen am Kühler und des sechseckigen Markenplakette leicht als Essex des Modelljahrs 1927 zu erkennen.

Selbst die leichte Unschärfe vermag die Schönheit der Details, die den Charakter des im übrigen völlig konventionell gestalteten Essex ausmachen, nicht zu verbergen.

Der Reiz des Details offenbart sich hier auch in den tropfenförmigen Scheinwerfer, die ein Extra gewesen zu sein scheinen, da seinerzeit standardmäßig trommelförmige Lampen verbaut wurden.

Generell ist es aus meiner Sicht schön zu sehen, wie bei Vorkriegswagen bis zum Aufkommen stromlinienförmiger Aufbauten solche funktionellen Elemente noch Anbauteile waren, die eine eigene Gestalt besaßen, welche sich beschreiben lässt – bei modernen Fahrzeugen meist unmöglich.

Das gilt auch für kleine Details wie das runde „Motometer“ auf dem Kühler, an dem der Fahrer den Stand der Kühlwassertemperatur ablesen konnte:

Auf dieses Detail und die zuvor genannten komme ich gleich zurück.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die doppelte Stoßstange, die stark der des Ford Model A ähnelt, ein Zubehör war, das bei der Basisausführung fehlte.

Wer damals auf dem Land lebte und zu den ganz wenigen gehörte, die dort überhaupt irgendein motorisiertes Gefährt besaßen, der musste nicht mit „Feindkontakt“ rechnen und konnte sich dieses Detail im wahrsten Sinne des Wortes sparen.

Dass bloß ein paar Anpassungen im Detail ausreichten, um das Erscheinungsbild eines solchen Wagens grundlegend zu verwandeln, lässt sich anhand des Essex aus dem darauffolgenden Jahr 1928 nachvollziehen.

Illustrieren möchte ich die Modellpflege zunächst anhand einer Aufnahme, die mancher langjähriger Leser schon kennen dürfte, die ich aber immer wieder gerne zeige, weil hier besonders viel Reiz im Detail liegt:

Essex, Modelljahr 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gegenüber dem Vorgänger ist dieser 1928er Essex kaum wiederzuerkennen.

Die nunmehr vertikalen Kühlerlamellen verleihen der Front einen Hauch klassischer Schönheit, wie sie am vollkommensten von Rolls-Royce verwirklicht wurde.

Ein schönes Detail sind auch die filigranen Halterungen der Positionslichter, die zuvor noch ein unscheinbares Dasein direkt unterhalb der Frontscheibe führten.

Das schnöder Funktion dienende Motometer auf dem Kühler ist verschwunden – die Wassertemperatur konnte jetzt am Armaturenbrett abgelesen werden. Seine Stelle eingenommen hat eine expressive Kühlerfigur, die einen stolz die Brust nach vorn streckenden Jüngling zeigt.

Nicht unerwähnt bleiben darf ein schönes Detail an der sonst schmucklosen Stoßstange – die mittig angebrachte sechseckige Markenplakette, hier sogar mit lesbarem Schriftzug.

Nicht ganz so perfekt wie dieser einst in München zugelassene Wagen ist ein weiterer Essex desselben Modelljahrs wiedergegeben – auf einem Foto, das mir Dirk Büschelmeyer vor einiger Zeit zur Verfügung gestellt hat:

Essex, Modelljahr 1928; Originalfoto aus Familienbesitz (Dirk Büschelmeyer, Dresdener Neustadt)

Von der fehlenden Stoßstange abgesehen, stimmt dieser Essex in allen Details mit seinem Münchener Pendant überein.

Hier sieht man nun auch die ab 1928 verbauten schüsselförmigen Scheinwerfer – ein weiteres Detail, das die Datierung unterstützt. Übrigens wurde im Modelljahr 1929 die Gestaltung der Luftschlitze in der Motorhaube geändert, weshalb wir diesen Wagen auf das Jahr genau „festnageln“ können.

Nicht bekannt ist leider, wann das Foto selbst entstand, doch das wird durch ein weiteres schönes Detail mehr als wettgemacht.

Wir wissen nämlich genau, wer die hübsche junge Dame war, die uns hier auf dem Trittbrett sitzend entgegenstrahlt – es war die Großmutter von Dirk Büschelmeyer. Sie ist uns hier schon einmal begegnet, allerdings habe ich damals den Essex in einem anderen Kontext betrachtet.

Heute ging es mir jedoch weniger um die Zeitgeschichte als um die Schönheit des Details, das einem beim Studium solcher Aufnahmen ins Auge fällt und bei der Einordnung hilft.

Und gewissermaßen als Extra möchte ich heute noch eine weitere Variante zeigen, die ich seinerzeit „unterschlagen“ hatte, die aber – wie ich finde – perfekt zum heutigen Motto passt:

Essex, Modelljahr 1928; nachkoloriertes Originalfoto aus Familienbesitz (Dirk Büschelmeyer, Dresdener Neustadt)

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Die Schönheit liegt im Detail: Essex von 1927 und 1928

  1. Große Klasse – danke Dir!

  2. Hallo Michael,
    bei der Kühlerfigur des sich nach vorn streckenden Jünglings handelt es sich um eine Ikarus Darstellung, die sowohl auf dem HUDSON als auf dem ESSEX des Baujahres zu finden war. Sie war nur etwas größer beim HUDSON. Das Design stammt vom Künstler Frederick C. Ruppel und wurde sogar am 30.10.1928 patentiert. Lt. Patentanmeldung wurde die Figur seit dem 8. Dezember 1927 gefertigt.
    Mit den besten Grüßen
    Claus

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