Erinnerung an vergangenes Leben: Essex Modelljahr 1929

Über die Jahre ist die Leserschaft meines Blogs nicht nur zahlenmäßig gewachsen – im Januar verzeichnete ich die Rekordmarke von über 6.000 aus mehreren Ländern – sie hat sich auch auf interessante Weise ausdifferenziert.

Schon einige Zeit begleiten mich auf meinen Ausflügen in die Wunderwelt des Vorkriegsautomobils ausgewiesene Kenner verblichener Marken, die zwar weit mehr wissen als ich, die aber immer wieder auch etwas für sie „Neues“ in Form bis dato unveröffentlichter Fotos oder andernorts undokumentierter Ausführungen geboten bekommen.

Daneben gibt es die Vielzahl derer, die sich – wie ich – für beinahe jedes Automobil aus der Zeit bis zum 2. Weltkrieg begeistern können, weil diese Wagen eine faszinierend andere Ausstrahlung haben als alles, was danach entstand.

Nicht zuletzt weiß ich von Lesern, die sich gar nicht so sehr für bestimmte Typen, technische Details oder Karosserieversionen interessieren und an den Autofotos von einst vor allem die Dokumente vergangenen Lebens schätzen.

„Der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste und sollte ihn vielleicht ganz allein interessieren“, so Goethe in seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre – nicht das stärkste seiner Werke, wohl aber eine Fundgrube zeitloser Erkenntnisse.

Wie recht Altmeister Goethe damit hatte, will ich heute anhand dreier Aufnahmen eines an sich banalen Wagens amerikanischer Provenienz zeigen, eines „Essex“ des Modelljahrs 1929. Den Anfang macht dieses Foto:

Essex Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der einst in Hamburg zugelassene Wagen war sicher der ganze Stolz seiner Besitzer, und so lichtete man ihn eigens am Wegesrand ab, als er wohl noch recht neu war.

Typisch für die Essex-Wagen, die eine günstigere Version des Hudson darstellten, waren insbesondere die sechseckigen und plastisch ausgearbeiteten Nabenkappen. Die Kühlerfigur – ein geflügelter Jüngling – taucht erstmals im Modelljahr 1928 auf.

Die doppelte Reihe Luftschlitze in der Motorhaube und die von deren Ende aus die gesamte Flanke entlanglaufende Zierleiste verraten aber, dass es sich um einen Essex des Modelljahrs 1929 handelte. Dieser verfügte über einen etwas stärkeren Sechszylindermotor (55 PS), entsprach aber ansonsten dem Vorjahresmodell.

Wenn nun weder diese Details noch die Aufnahme sonderliches Interesse wecken, hat dies einen einfachen Grund: dem Wagen fehlt das Leben, die menschliche Komponente.

Wie völlig anders ist das auf der nächsten Aufnahme, die wiederum einen Essex von anno 1929 zeigt, wenn auch diesmal als sechsfenstrige Limousine:

Essex Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Ist es nicht merkwürdig, dass praktisch der gleiche Wagen auf einmal unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht?

Das liegt gewiss nicht daran, dass hier die Kühlerfigur fehlt – vielleicht gefiel sie dem Besitzer nicht, vielleicht gefiel sie einem diebischen Zeitgenossen – oder dass nun die Belüftungsklappe vor der Windschutzscheibe geöffnet ist.

Nein, diese Aufnahme bezieht ihren Reiz daraus, dass das Auto auf einmal „bevölkert“ ist. Zugleich könnte der Kontrast zwischen den ahnungslos posierenden Insassen und dem frechen Buben auf dem Trittbrett nicht größer sein.

Überhaupt das Trittbrett: Von den Konstrukteuren unbeabsichtigt wurde es zur Bühne oder zum Podest für die Zeitgenossen von einst auf unzähligen solcher Aufnahmen – diese Erinnerungen an längst vergangenes Leben waren nur mit Vorkriegswagen möglich.

Und noch etwas war mit so einem Essex des Modelljahrs 1929 möglich, was mit heutigen Vehikeln undenkbar wäre – der würdevolle Auftritt neben einer ganz anderen Erinnerung an vergangenes Leben – einem Ehrenmal für die im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten:

Essex Modelljahr 1929; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

1929, als der Essex auf diesem Foto entstand, war die Erinnerung an die schockierenden Opfer auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs noch wach, der nur rund zehn Jahre zuvor zuendegegangen war.

Vermutlich hatte man das Ehrenmal im Bewusstsein aufgesucht, dass dort auch der Name eines Familienmitglieds vermerkt war, an das zumindest die Elterngeneration noch eine frische Erinnerung besaß.

Die Kinder bereits verbanden mit dem Ort wohl nichts mehr, was ihnen kaum vorzuwerfen ist. Für sie gab es nur das Hier und Jetzt bzw. mit etwas fortgeschrittenen Jahren nur den Blick nach vorn.

Der Rückblick auf das vergangene Leben wird erst viel später zur Normalität – und für diejenigen, die sich mit Vorkriegsautomobilen befassen, wird er zu einem vertrauten Begleiter, den man irgendwann nicht mehr missen möchte…

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Die Schönheit liegt im Detail: Essex von 1927 und 1928

Der Teufel liegt im Detail – dieses Sprichwort kennt im Deutschen jeder. Interessanterweise gibt es im Englischen eine Entsprechung „The devil’s in the detail“ – die vermutlich daran angelehnt ist, aber erst in der Nachkriegszeit aufgekommen zu sein scheint.

Bei einem Vorkriegsautomobil aus der englischsprachigen Welt wäre diese moderne Redewendung daher so unangebracht wie die Nachrüstung einer Servolenkung.

Natürlich steckt der Teufel oft genug im Detail, wenn man sich mit klassischen Automobilen befasst, aber diese Beschäftigung ist viel zu schön, um sie mit dem Herrn der Unterwelt zu assoziieren.

Daher habe ich für meinen heutigen Blogeintrag eine treffendere Alternative gewählt, die unsere Sprache ebenfalls kennt – die Schönheit liegt im Detail.

Als Anschauungsobjekt dafür eignet sich selbst ein gewöhnlicher Mittelklassewagen aus US-Produktion wie der „Essex“, der ab 1919 eingeführte preisgünstigere kleine Bruder des Hudson, welcher sich auch in Deutschland gut verkaufte:

Essex, Modelljahr 1927; Originalfoto aus Sammlung Marcus Bengsch

Diese adrette Limousine mit Zulassung in Dresden ist anhand der Querlamellen am Kühler und des sechseckigen Markenplakette leicht als Essex des Modelljahrs 1927 zu erkennen.

Selbst die leichte Unschärfe vermag die Schönheit der Details, die den Charakter des im übrigen völlig konventionell gestalteten Essex ausmachen, nicht zu verbergen.

Der Reiz des Details offenbart sich hier auch in den tropfenförmigen Scheinwerfer, die ein Extra gewesen zu sein scheinen, da seinerzeit standardmäßig trommelförmige Lampen verbaut wurden.

Generell ist es aus meiner Sicht schön zu sehen, wie bei Vorkriegswagen bis zum Aufkommen stromlinienförmiger Aufbauten solche funktionellen Elemente noch Anbauteile waren, die eine eigene Gestalt besaßen, welche sich beschreiben lässt – bei modernen Fahrzeugen meist unmöglich.

Das gilt auch für kleine Details wie das runde „Motometer“ auf dem Kühler, an dem der Fahrer den Stand der Kühlwassertemperatur ablesen konnte:

Auf dieses Detail und die zuvor genannten komme ich gleich zurück.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die doppelte Stoßstange, die stark der des Ford Model A ähnelt, ein Zubehör war, das bei der Basisausführung fehlte.

Wer damals auf dem Land lebte und zu den ganz wenigen gehörte, die dort überhaupt irgendein motorisiertes Gefährt besaßen, der musste nicht mit „Feindkontakt“ rechnen und konnte sich dieses Detail im wahrsten Sinne des Wortes sparen.

Dass bloß ein paar Anpassungen im Detail ausreichten, um das Erscheinungsbild eines solchen Wagens grundlegend zu verwandeln, lässt sich anhand des Essex aus dem darauffolgenden Jahr 1928 nachvollziehen.

Illustrieren möchte ich die Modellpflege zunächst anhand einer Aufnahme, die mancher langjähriger Leser schon kennen dürfte, die ich aber immer wieder gerne zeige, weil hier besonders viel Reiz im Detail liegt:

Essex, Modelljahr 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gegenüber dem Vorgänger ist dieser 1928er Essex kaum wiederzuerkennen.

Die nunmehr vertikalen Kühlerlamellen verleihen der Front einen Hauch klassischer Schönheit, wie sie am vollkommensten von Rolls-Royce verwirklicht wurde.

Ein schönes Detail sind auch die filigranen Halterungen der Positionslichter, die zuvor noch ein unscheinbares Dasein direkt unterhalb der Frontscheibe führten.

Das schnöder Funktion dienende Motometer auf dem Kühler ist verschwunden – die Wassertemperatur konnte jetzt am Armaturenbrett abgelesen werden. Seine Stelle eingenommen hat eine expressive Kühlerfigur, die einen stolz die Brust nach vorn streckenden Jüngling zeigt.

Nicht unerwähnt bleiben darf ein schönes Detail an der sonst schmucklosen Stoßstange – die mittig angebrachte sechseckige Markenplakette, hier sogar mit lesbarem Schriftzug.

Nicht ganz so perfekt wie dieser einst in München zugelassene Wagen ist ein weiterer Essex desselben Modelljahrs wiedergegeben – auf einem Foto, das mir Dirk Büschelmeyer vor einiger Zeit zur Verfügung gestellt hat:

Essex, Modelljahr 1928; Originalfoto aus Familienbesitz (Dirk Büschelmeyer, Dresdener Neustadt)

Von der fehlenden Stoßstange abgesehen, stimmt dieser Essex in allen Details mit seinem Münchener Pendant überein.

Hier sieht man nun auch die ab 1928 verbauten schüsselförmigen Scheinwerfer – ein weiteres Detail, das die Datierung unterstützt. Übrigens wurde im Modelljahr 1929 die Gestaltung der Luftschlitze in der Motorhaube geändert, weshalb wir diesen Wagen auf das Jahr genau „festnageln“ können.

Nicht bekannt ist leider, wann das Foto selbst entstand, doch das wird durch ein weiteres schönes Detail mehr als wettgemacht.

Wir wissen nämlich genau, wer die hübsche junge Dame war, die uns hier auf dem Trittbrett sitzend entgegenstrahlt – es war die Großmutter von Dirk Büschelmeyer. Sie ist uns hier schon einmal begegnet, allerdings habe ich damals den Essex in einem anderen Kontext betrachtet.

Heute ging es mir jedoch weniger um die Zeitgeschichte als um die Schönheit des Details, das einem beim Studium solcher Aufnahmen ins Auge fällt und bei der Einordnung hilft.

Und gewissermaßen als Extra möchte ich heute noch eine weitere Variante zeigen, die ich seinerzeit „unterschlagen“ hatte, die aber – wie ich finde – perfekt zum heutigen Motto passt:

Essex, Modelljahr 1928; nachkoloriertes Originalfoto aus Familienbesitz (Dirk Büschelmeyer, Dresdener Neustadt)

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Erinnerung an bessere Zeiten – Ein Essex von 1928

Heute unternehme ich eine Reise ans Ende der 1920er Jahre – nicht gerade das, was man als „bessere Zeiten“ bezeichnen würde, denkt man dabei doch in erster Linie an die von den USA ausgehende Weltwirtschaftskrise, die auch dem Aufschwung in Deutschland ab 1929 den Garaus machte und radikalen politischen Kräften den Weg bereitete.

Doch das war zunächst kaum absehbar und so hielt zunächst der große Autoboom noch an, von dem am deutschen Markt vor allem preiswerte US-Sechszylinderwagen profitierten.

Dazu zählte auch dieser Wagen der Marke „Essex“, unter der seit 1919 ein speziell für den Export vorgesehene Variante des „Hudson“ verkauft wurde:

Essex von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier sehen wir das Erfolgsmodell von 1928, von dem knapp 230.000 Stück gebaut wurden. Für die Marke Essex waren das die besten Zeiten – nie zuvor und nie danach wurde ein solcher Absatzerfolg erzielt.

Doch auch für das Besitzerpaar müssen es gute Zeiten gewesen sein – in sportlichem Dress ging man auf Tour im ladenneu erscheinenden Wagen. Als Extra hatte man ihm eine Doppelstoßstange spendiert, die sich durch das rautenförmige Essex-Logo als Originalzubehör ausweist.

Das Logo erscheint nochmals auf dem Kühler, der beim 1928er Modell keine waagerechten, sondern vertikale Streben aufwies.

Erstmals gab es auch eine Kühlerfigur – den Oberkörper eines geflügelten Mannes, der seine Arme weit nach hinten streckt – nebenbei eine ausgezeichnete Übung zur Behebung von Schulterverspannungen, die aus Schreibtischtätigkeiten resultieren – Flügel braucht man dazu nicht, nur etwas Disziplin, das weiß ich aus Erfahrung.

Vom 1929er Essex unterscheidet sich der Wagen durch die durchgehenden Luftschlitze in der Motorhaube – der Nachfolger ist an einer doppelten Reihe zu erkennen. Eine Auswahl von Bilder dazu bringe ich gelegentlich.

Treue Leser meines Blogs werden diese schöne Aufnahme schon kennen, sie soll ja auch bloß die Erinnerung an dieses einst verbreitete Modell auffrischen.

Nun kann ich eine weitere Aufnahme eines – bis auf die fehlende Stoßstange – praktisch identischen Essex von 1928 zeigen. Das verdanke ich Dirk Büschelberger aus der Dresdener Neustadt.

„Meine Urgroßeltern besaßen einst einen Essex“, so schrieb er mir. „Sie wohnten in Randeck bei Freiberg und betrieben dort eine große Landwirtschaft.“

Das muss ein einträglicher Betrieb gewesen sein – anders als bei mir in der hessischen Wetterau, wo die Bauern durch die unselige Erbteilung von Generation zu Generation immer kleinere Flächen zur Bewirtschaftung hatten und verarmten.

Die Tochter von Dirk Büschelsbergers Urgroßeltern – seine Oma also – erlebte damals bessere Zeiten. Hier sehen wir die junge Edith charmant lächelnd auf dem Trittbrett:

Essex von 1928; Originalfoto aus Familienbesitz (Dirk Büschelberger, Dresden)

Wie lange der Essex der Familie treue Dienste leistete, ist leider nicht bekannt. Doch dass dies ein Dokument aus besseren Zeiten gewesen sein muss, das ist sicher.

Denn kurz danach verkaufte man den Landbesitz – und verlor das ganze Vermögen im Strudel der Weltwirtschaftskrise. Den Essex weiter zu unterhalten, wird der Familie dann kaum noch möglich gewesen sein.

So wird es ein kurzes Glück gewesen sein, von dem dieses berührende Foto erzählt. Doch im Unterschied zu Millionen Deutschen, die damals bestenfalls von einem kleinen Motorrad träumten, konnte man immerhin sagen: „Wir hatten schon vor dem Krieg einen ausgewachsenen Wagen, einen amerikanischen Essex mit Sechszylinder!“

Die Erinnerung daran konnte einem jedenfalls niemand nehmen und so begleitete einen diese Aufnahme als Zeuge besserer Zeiten auf dem weiteren Lebensweg.

Dass solch ein altes Autofoto noch über 90 Jahre später zu den gehüteten Schätzen der Familie gehört – einige Unterlagen zu dem Wagen haben sich auch erhalten – das verrät viel über den außerordentlichen Stellenwert, den ein Automobil einst hatte, als es noch keine Selbstverständlichkeit war und man von besseren Zeiten bloß träumen konnte…

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Neue Bilder vom „Führer“: Essex von 1930

Keine Sorge, heute ist nicht mit dem Konterfei des Reichskanzlers aus Braunau zu rechnen, dem fatalsten Exportartikel unserer österreichischen Nachbarn.

Den Hitler-Erinnerungskult betreibt bekanntlich seit Jahrzehnten in unübertroffener Weise der „Spiegel“, das Intelligenzblatt deutscher Studienräte und anderer Bescheidwisser.

Es gibt Auswertungen, wie oft „der Führer“ schon auf dem Titelblatt des Spiegel erschienen ist – allein das ist Spiegelbild der Befindlichkeit einer neurotischen Nation.

Wir Freunde von Vorkriegswagen haben das Glück, uns mit einem „Führer“ zu beschäftigen, der so unbelastet ist wie der „Führerschein“, der bislang der politischen Korrektheit entgangen ist (so dachte ich zumindest – siehe untenstehenden Kommentar eines Lesers).

Bevor wir uns neuen Bildern vom „Führer“ zuwenden, gilt es zunächst, sich mit dessen Vorgänger zu beschäftigen. Dazu begeben wir uns ins Jahr 1928, in dem dieses sympathische Paar aus München sich mit seinem nagelneuen Wagen ablichten ließ:

Essex von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Wagen lässt sich anhand des sechseckigen Emblems auf Kühler, Stoßstange und (hier nicht gut erkennbar) auf der Nabenkappe als Essex identifizieren.

Essex, das war seit 1919 die preisgünstigere Variante des Hudson aus der US-Autometropole Detroit. Nach ansehnlichen Erfolgen mit einem Vierzylindermodell beschränkte man sich auch beim Essex ab 1927 auf kultiviertere Sechszylinder.

In dieser Kategorie hatten europäische Hersteller kaum etwas Konkurrenzfähiges zu bieten, weshalb preisgünstige Sechszylinderwagen aus US-Großserienproduktion beachtliche Marktanteile erobern konnten – in Deutschland zeitweise gut ein Drittel!

Kein Wunder, dass einem Ende der 1920er Jahre auch im Raum Chemnitz (Sachsen) ein identischer Essex begegnen konnte:

Essex von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier können wir noch besser als beim ersten Exemplar die Details erkennen, die typisch für einen Essex des Modelljahrs 1928 waren:

Vielleicht am eigenwilligsten ist die Befestigung der Positionslichter am hinteren Ende der Motorhaube. Im Unterschied zu den meisten zeitgenössischen US-Wagen sind die Lampen hier nicht an einer den ganzen Vorderwagen umspannenden Zierleiste befestigt, sondern an einer auf das Nötigste beschränkten, sehr filigranen Halterung.

Baujahrstypisch sind außerdem die hinten angeschlagenen Türen und – vielleicht an dieser Stelle banal erscheinend – die gerade Linie der Luftschlitze in der Motorhaube. Doch beides ist wichtig – ich komme darauf zurück.

Nun erst einmal ein Blick auf die eingangs vollmundig angekündigten „neuen Bilder des Führers“ – hier der Aufmacher dazu im opulenten Art Déco-Stil:

Essex-Broschüre von 1930, Deckblatt; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Wer bislang glaubte, dass eine amerikanische Marke der zweiten Reihe wie Essex am deutschen Markt keine Rolle gespielt haben kann, den belehrt diese in aufwendigem Vielfarbdruck angefertigte deutschsprachige Broschüre „des Führers“ eines Besseren.

Erworben habe ich das Original, so schnöde das klingt, auf der deutschen Präsenz von eBay, wie übrigens die allermeisten Stücke aus meiner Sammlung.

Wem die absolute Dominanz amerikanischer Tech-Giganten auf diesem Sektor ähnliches Unbehagen bereitet wie einst unseren Altvorderen die Marktvorherrschaft von US-Wagen, kann ja gern versuchen, eine Alternative aufzuziehen. Leider hat jedoch Europa die Kompetenz dazu weitgehend an Amis und Asiaten abgegeben.

So kehren wir zum amerikanischen Marketing zurück, dessen Gegenstand vor 90 Jahren die Essex-Wagen waren. In acht Karosserievarianten wurde das 1930er Modell in Deutschland angepriesen, hier der zweitürige Coach und der viertürige Luxus-Sedan:

Essex-Broschüre von 1930; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Die geschmeidige Verkaufs-Lyrik weiß jeder Karosserievariante etwas abzugewinnen. Dazu gehört die klassische Behauptung, dass es eine besondere Nachfrage danach gebe – „Type, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut“ und „wird oft ein drittes Fenster gewünscht“.

Gleichzeitig wird kühn die an sich unmögliche Kombination von „Luxus“ mit „mäßigem Preis“ in den Raum gestellt. Letztlich waren die „niedrigen Anschaffungskosten“ dieses „durch und durch modernen Wagens“ der ausschlaggebende Faktor.

So begegnen wir genau dem abgebildeten „Luxus-Sedan“ mit seiner aufwendigen Sechsfenster-Karosserie auf diesem hübschen Foto aus Sachsen:

Essex Luxus-Sedan von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Fahrer des Wagens – ein angestellter Chauffeur, wie die typische Schirmmütze verrät – schaut hier versonnen in die Ferne. Vermutlich lag ihm der Blick ins Kameraobjektiv nicht.

Mit Krawatte zum weißen Hemd und dem körpernah geschnittenen zweireihigen Mantel macht er aber auf jeden Fall eine gute Figur neben dem eindrucksvollen Essex.

Selbiger ist anhand der eigenwilligen geschwungenen Gestaltung der Haubenschlitze als 1930er-Modell zu erkennen. Ebenfalls zu sehen ist hier, dass die Türen nunmehr nach hinten öffnen. Die Positionsleuchten scheinen verschwunden zu sein.

Gleich drei weitere ab Werk verfügbare Karosserien sind auf der folgenden Seite meiner Essex-Broschüre zu bestaunen:

Essex-Broschüre von 1930; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn die Coupé- und Roadster-Varianten am attraktivsten erscheinen, möchte ich das Augenmerk auf die mittlere Variante lenken, die als „Brougham“ bezeichnet wird.

Der Name hat so gut wie nichts mit dem gleichnamigen Kutschenaufbau zu tun. Ende der 1920er Jahre begannen solche traditionellen Bezeichnungen ein von Prestigeüberlegungen bestimmtes Eigenleben zu entwickeln – vergleichbar dem abschüssigen Weg, den später das Kürzel „GT“ (für Gran Turismo) nehmen musste.

Die Essex-Broschüre behauptet zum Brougham allerlei, was kurios anmutet: Ein „vornehm-farbenfreudiges“ Modell sei dies, was wohl bedeuten soll, dass eine auffällige Farbgebung Ausweis besonderer Vornehmheit sei – nun ja…

Des weiteren wird dieser stockkonservativen Variante mit klassischen Sturmstangen zur Fixierung des Verdecks eine „besondere sportliche Linie“ zugeschrieben. Auch das darf man als nicht justiziabel ansehen und unter dichterischer Freiheit verbuchen.

Dass das Erscheinungsbild eines solchen 1930er Essex in der Version als „Brougham“ dennoch seine attraktiven Seiten besaß, das beweist dieses Foto, das ich Sammlerkollege Matthias Schmidt aus Dresden verdanke:

Essex Brougham von 1930; Originalfoto aus Sammlung Matthias Schmidt

Hier haben wir in wünschenswerter Deutlichkeit alle Elemente, die typisch für den Essex von 1930 waren: die doppelreihigen Luftschlitze mit dem markanten Schwung, die vorn angeschlagenen Türen und jetzt auch die an die Frontscheibe verlegten Positionslichter.

Weiter hinten sieht man die Sturmstangen der Brougham-Variante, doch von größerem Reiz ist die uns freundlich zugetane junge Dame, die zum Pelzmantel glänzende Schaftstiefel trägt, welche vermutlich nur selten Kontakt mit dem Straßenstaub machen mussten.

Vielleicht kann ein Leser anhand des Kennzeichens etwas zur Zulassung dieses Essex „Brougham“ von 1930 sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Wagen irgendwo im Raum des einstigen Österreich-Ungarns zuhause war, wo US-Autos ebenfalls gefragt waren.

Wie ist es nun um Überlebende des Essex von 1930 in Europa bestellt? Immerhin wurden davon über 75.000 Stück produziert, da müsste doch etwas zu finden sein.

Auf Anhieb fündig wird man online im fernen Finnland, nebenbei eine europäische Region, von der man bei uns praktisch nie etwas hört. Dort pflegt man neben den eigenen Traditionen auch den Erhalt historischer Automobile, die durchweg Importfahrzeuge waren.

Selbst dort hatte einst ein 1930er Essex einen Käufer gefunden, der es in herrlich originaler Erhaltung bis in unsere Tage geschafft hat. Hier lässt sich ein gänzlich neues Bild vom „Führer“ gewinnen, der einst auch den Finnen angepriesen wurde…

Videoquelle: Youtube.com; hochgeladen von marjis3

© Michael Schlenger, 2021. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Günstiger Einstieg inbegriffen: Ein Essex von 1928

Heute befasse ich mich in meinem Blog für Vorkriegsautos auf alten Fotos nach längerer Pause wieder einmal mit der ehemaligen US-Marke Essex.

Diese neben Hudson ab 1919 als günstige Alternative platzierte Marke kennt in Deutschland heute kaum noch jemand. Das war in den 1920er Jahren ganz anders.

Überhaupt war fast alles anders am damaligen deutschen Automarkt, auch das sollen im folgenden zwei historische Aufnahmen illustrieren.

Doch zum Einstieg erst einmal ein neuzeitliches Foto, das erahnen lässt, wie früh Essex mit seinen in den USA als bezahlbare Familienkutschen geltenden Wagen auch in Europa Erfolge landete:

essex_von_1920_goodwood_2016_sw_galerie

Essex 6A Tourenwagen von 1919/20; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser ganz frühe Essex 6A von 1919/20 – zu erkennen vor allem an den dünnen Frontschutzblechen – stand 2016 auf dem Besucherparkplatz beim Goodwood Revival in Südengland.

Die Teilnahme an der Rallye Peking-Paris 2007 spricht Bände über die Nehmerqualitäten des 55 PS-Vierzylinders. Schon kurz nach Erscheinen machte der Essex mit spektakulären Leistungen bei Langstreckenprüfungen von sich reden.

Das blieb auch in Europa nicht ohne Wirkung. Schon 1920 warb Essex für seine Autos am nicht gerade markenarmen britischen Markt. Der Essex in Goodwood mag stellvertretend dafür stehen.

Ebenfalls aus dem Jahr 1920 stammen die ersten Aufnahmen von Essex-Wagen in Norwegen. In Deutschland sollte es etwas länger dauern, bis die Marke Fuß fasste.

Bryan Goodman zeigt in seinem reizvollen Bildband „American Cars in Europe 1900-1940“ einen Essex von 1925 mit Zulassung im sächsischen Bautzen. Ab dann tauchen gehäuft Aufnahmen von Essex-Wagen in deutschen Landen auf.

Schon einmal gezeigt habe ich dieses schöne Exemplar von 1928:

essex_1928_1_galerie

Essex-Limousine von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch wenn der Wagen mit seinem üppigen Chromschmuck auf den ersten Blick kaum noch etwas mit dem frühen Exemplar gemeinsam hat, verrät das sechseckige Emblem mit dem Markenschriftzug auf dem Originalabzug, dass auch dies ein Essex war.

Kaum zu glauben, dass dieses fast luxuriös anmutende Auto in den USA bloß als bezahlbare Familienkutsche galt. In Deutschland dagegen war Ende der 1920er Jahre für die meisten Familien jeder motorisierte Untersatz unerreichbar.

Nun war der Essex auf obigem Foto aber in München zugelassen, wie das Kennzeichen verrät. Dort lag – wie natürlich im damals noch prosperierenden Berlin – die Autodichte weit über dem Durchschnitt des Deutschen Reichs.

Sicher wusste das vergnügte Besitzerpaar, in welch privilegierter Lage es sich mit dem Essex befand, der zumindest hierzulande daherkam wie ein ganz Großer. Und groß war er ja auch selbst tatsächlich, wie das nächste Foto noch deutlicher macht.

Doch vorher seien kurz die äußeren Erkennungsmerkmale des 1928er Modells von Essex angeführt:

  • schmaler Kühler mit senkrechten Lamellen (ob verstellbar, ist mir nicht bekannt),
  • geflügelte (männliche) Kühlerfigur
  • abgesetzte Zierlinie entlang der Motorhaube, die bis zur Frontscheibe reichte,
  • am hinteren Ende der Haube an einer Zierleiste montierte Positionsleuchten,
  • breitere, aber nach wie vor optisch zweigeteilte Vorderschutzbleche.

Dieselben Merkmale finden sich auf folgender, bisher unpublizierter Aufnahme wieder:

essex_1928_pk_an irma_pilz_in_limberg_sachsen_galerie

Die einzige Abweichung stellt das filigrane ADAC-Emblem auf der Scheinwerferstange über dem Nummernschild dar.

Laut Kennzeichen war dieser Essex im sächsischen Chemnitz zugelassen. Man mag dabei an die zeitgleichen Produkte der bei Chemnitz gelegenen Wanderer-Werke denken.

So war der ab (Herbst) 1928 verfügbare Wanderer W11 10/50 PS in einiger Hinsicht durchaus mit dem Essex vergleichbar.

Beide Wagen verfügten über 6-Zylindermotoren mit 50 bzw. 55 PS (Essex). Vierradbremsen waren ebenfalls vorhanden, beim Wanderer sogar serienmäßig hydraulisch.

Auch stilistisch machte der Wanderer W11 etwas her:

Wanderer_W11_10-50_PS_Limousine_Galerie

Wanderer W11 10/50 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Von den Scheibenrädern und den Blinkern auf den Vorderkotflügeln abgesehen, besteht eine einige Ähnlichkeit mit dem Essex und in der Ausführung als 6-Fenster-Limousine wirkt der Wanderer sogar noch repräsentativer.

Wanderer wusste den amerikanischen Stil jener Zeit fast perfekt zu kopieren, vielleicht sogar noch etwas besser als andere deutsche Hersteller.

Wie kommt es da, dass jemand aus der Gegend von Chemnitz statt eines Wanderer W11 so einen Essex bevorzugte?

Nun, der Hauptgrund war schlicht der, dass die einheimischen Hersteller der steigenden Nachfrage nach PKW ab Mitte der 1920er Jahre nicht Herr wurden.

Während ausländische Hersteller auch in Europa – vor allem Austin, Citroen und Fiat – längst auf Massenfabrikation umgestiegen waren, hielten die meisten deutschen Hersteller an einer unwirtschaftlichen manfakturähnlichen Produktionsweise fest.

So gelang es Wanderer trotz der starken Nachfrage genau im Segment des W11 in vier Jahren gerade einmal 5.000 Exemplare davon zu fertigen. Die Angebotslücke füllten dann die betriebswirtschaftlich denkenden US-Hersteller.

Allein 1928 stellte Essex 230.000 Stück des hier gezeigten Super Six her. Davon gingen offenbar zahlreiche auch an deutsche Kunden, auf deren Bedarf die inländischen Hersteller seinerzeit erst gar nicht und dann nur unzureichend reagierten.

Am Ende war beim Essex nicht nur der Einstieg für die Passagiere günstig, wie man sich das bei heutigen Gefährten dieser Klasse vergeblich wünscht:

essex_1928_pk_an irma_pilz_in_limberg_sachsen_ausschnitt

Auch der Preis – und die mühelose Verfügbarkeit – machten den Essex offensichtlich zu einem günstigen Einsteigerwagen für die Glücklichen, für die im damaligen Deutschland überhaupt ein Auto erreichbar war…

Am Ende sei noch der jungen Dame gedankt, die dieses für uns Nachgeborene so interessante Foto einst an ihre Freundin Irma in Leipzig als Ansichtskarte schickte, nicht ohne sich für das Motiv zu entschuldigen.

„Habe gerade keine andere Karte zur Hand“, schrieb sie.

Wenn sie aber Zugriff auf ausgerechnet eine solche Karte hatte, dürfen wir vermuten, dass diese den Wagen ihrer eigenen Familie zeigte. Davon machte man gern solche Fotos, die man als Postkarte reproduzieren ließ, um die Leute zu beeindrucken.

Vielleicht wollte die junge Dame ja auch der Adressatin dieser Karte auf raffinierte Weise unter die Nase reiben, dass man selbstverständlich einen eigenen Wagen hatte…

© Michael Schlenger, 2019. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

 

Zufälle gibt’s – ein Essex von 1930 in Sachsen!

Bei der Beschäftigung mit Vorkriegsautos auf historischen Privatfotos – dem Schwerpunkt dieses Oldtimerblogs – stößt man immer wieder auf (vermutlich) hoffnungslose Fälle wie den folgenden:

unbek_bei_Lindau_1928_Galerie

Unbekannte Limousine bei Lindau; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

 

Vor einer in sanftes Abendlicht getauchten Landschaft in der Bodenseeregion stand im Jahr 1928 einst diese großzügige Sechsfensterlimousine mit Zulassung im Raum Berlin (Kennung I A).

Leider hat der Fotograf nicht nur die Kamera schief gehalten – der Kirchturm links neigt sich bedenklich – er hat auch die Entfernung am Objektiv falsch eingestellt, sodass nur der Hintergrund scharf abgebildet ist.

Doch selbst bei einer technisch besseren Aufnahme stünden die Chancen aus diesem Blickwinkel schlecht, Marke und Typ des Wagens herauszufinden.

Schräg von hinten sahen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre ziemlich alle Limousinen so aus – ganz gleich ob aus europäischer Produktion oder aus Übersee.

Wegen der gleichförmigen Gestaltung der Heckpartie – hier lebte immer noch die Kutschenform fort – sind Aufnahmen aus dieser Perspektive eher selten und auch wegen der schönen Situation wäre es schade, dieses Bild nicht zu zeigen.

Wer meint zu wissen, mit was für einem Auto diese Herrschaften einst unterwegs waren, ist natürlich eingeladen, dies über die Kommentarfunktion kundzutun.

Wir wenden uns nun einem anderen, auf den ersten Blick ebenfalls aussichtslosen Fall zu:

Essex_Super_Six_1930_Dresden_Galerie

Essex Super Six von 1930; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Daran dass hier noch Schnee liegt, erkennt man, dass diese Aufnahme schon eine ganze Weile in der Sammlung des Verfassers schlummert.

Spaß beiseite – hier schien es erst einmal ratsam, das Foto „auf Eis“ zulegen und auf den Zufall zu hoffen. Denn auch hier haben wir wieder eine typische Sechsfenster-Limousine, die formal noch in die Endzwanziger gehört.

Nur eine Sache fällt auf – die eigenwillige Gestaltung der seitlichen Luftschlitze in der Motorhaube:

Essex_Super_Six_1930_Dresden_Frontpartie

Zwei Reihen von Luftschlitzen übereinander findet man nicht oft, eines der wenigen Beispiele ist der Steyr Typ XII von 1930. Und die zur Mitte ansteigende Höhe der Schlitze könnte sogar einzigartig sein – doch was nützt einem das?

An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Suchmöglichkeiten im Internet und erst recht die Auskunftsfähigkeit künstlicher angeblicher Intelligenz rasch an ihre Grenzen stoßen. Wonach soll man denn in so einem Fall suchen oder fragen?

Genau. Deshalb sind der biologische Computer namens Gehirn und eine seiner uralten Erfindungen – das gedruckte Buch – längst nicht überholt. Denn die beiden erlauben eine einzigartige freie und dennoch zielgerichtete Recherche.

Das geht wie folgt: Wir wissen, dass der Abzug auf der Rückseite den Stempel eines Fotostudios in Dresden trägt. Da wir glauben, deutsche Automobile der Zwischenkriegszeit recht gut zu kennen, schließen wir solche kurzerhand aus.

Welche Fahrzeuge haben dann am ehesten eine Chance, auf einer solchen Aufnahme aus Deutschland abgebildet zu sein?

Nun, da stützen wir uns auf eine Statistik, die wir aus Werner Oswalds Schinken „Deutsche Autos 1920-45“ kennen (S. 401). Dort ist vermerkt, dass 1929 satte 40 % aller PKW-Neuzulassungen hierzulande auf ausländische Fabrikate entfielen.

Die einzigen Hersteller, die damals entsprechende Stückzahlen exportieren konnten, waren neben Fiat die großen US-Firmen.

Zum Glück gibt es Druckwerke, die eine entsprechende Vorauswahl beinhalten, im vorliegenden Fall „American Cars in Europe 1900-1940“ und „American Cars in Prewar England“, beide von Bryan Goodman (erschienen 2004 bzw. 2006).

Also einmal beide Bücher rasch durchgeblättert in der Hoffnung, auf eine Abbildung zu stoßen, die die eigentümlichen Luftschlitze auf unserem Foto zeigt.

Und tatsächlich, auf Seite 64 des zweiten Werks wird man fündig!

Demnach haben wir hier einen Essex Super Six aus dem Baujahr 1930 vor uns, damals eines der günstigsten und erfolgreichsten Sechszylindermodelle.

Dem Verfasser war es ebenfalls lange nicht bewusst, doch die Marke aus dem Hudson-Verbund war Ende der 1920er Jahre kurze Zeit die Nr. 3 hinter Chevrolet und Ford am amerikanischen Markt.

Mehr zur Historie dieser 1933 aufgegebenen Marke findet sich in einem älteren Blogeintrag zum Essex Super Six von 1928.

Der Zufall will es außerdem, dass der nach der uralten angelsächsischen Grafschaft „Essex“ benannte Wagen einst ebenfalls in Sachsen einen Käufer fand.

Der hoffnungsfroh in die Ferne schauende junge Mann auf dem Foto dürfte aber wohl eher der Fahrer als der Besitzer gewesen sein:

Essex_Super_Six_1930_Dresden_Fahrer

Wer sich um 1930 in Deutschland einen Fahrer leistete, musste schon gut betucht gewesen sein. Doch der Essex war trotz Importzöllen günstig zu haben und mit knapp 60, später 70 PS ordentlich motorisiert.

In dieser Klasse bot außer NAG mit dem Typ 12/60 PS kein deutscher Hersteller einen vergleichbaren 6-Zylinderwagen an – seit Ende der 1920er Jahre war der hiesige Markt für solche Fahrzeuge zu klein. Da konnten die US-Hersteller punkten.

Doch im weiteren Verlauf der 1930er Jahre endete die Blüte der „Amerikanerwagen“ in Deutschland, da die inländischen Hersteller endlich aufwachten und für den heimischen Markt besser geeignete, moderne und zunehmend erschwingliche Wagen entwickelten.

So werden wir kaum noch einem Essex auf einem in Deutschland aufgenommenen Foto aus späterer Zeit begegnen. Der Stil dieses Wagens veraltete in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg zusehends und viele solcher US-Autos dürften bereits damals recht bald auf dem Schrott gelandet sein.

Gemessen an der einstigen Verbreitung amerikanischer Autos im deutschen Sprachraum sind solche US-Vorkriegsmodelle heute bei uns äußerst rar. Das macht diese technische wie formal anspruchslosen Wagen schon wieder interessant.

Ein ganz eigenes Kapitel sind US-Automobile mit Spezialaufbauten deutscher Manufakturen. So etwas Feines bringen wir hier gelegentlich auch…

© Michael Schlenger, 2017. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://www.klassiker-runde-wetterau.com with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Essex Super Six von 1928 in Bayern

Auch wenn der Schwerpunkt dieses Oldtimerblogs auf Vorkriegswagen von Herstellern aus dem deutschsprachigen Raum liegt, werden immer wieder auch interessante Wagen ausländischer Marken präsentiert, die einst in größeren Stückzahlen am deutschen Markt verkauft wurden.

Neben Austin, Fiat, Citroen und Mathis waren vor allem einige US-Hersteller in Deutschland aktiv, sogar mit lokaler Montage. Dazu zählten vor allem Buick, Chevrolet und Ford.

Einige solche hierzulande gebaute US-Wagen wurden hier bereits anhand von Originalfotos besprochen (siehe Schlagwortwolke bzw. Bildergalerie). Heute befassen wir uns mit einer kaum noch bekannten amerikanischen Marke, die einst ebenfalls in Deutschland eine gewisse Popularität erlangte: Essex.

Essex, das klingt erst einmal „very British“, denn so heißt eine uralte Grafschaft nordöstlich von London, die nach dem Ende der fast 400-jährigen römischen Epoche eine der ersten Regionen war, in der sich sächsische Eroberer breitmachten.

Und so bedeutet Essex im germanischen Dialekt, den man mitbrachte, schlicht „Ostsachsen“. Wofür dann Sussex und Wessex steht, kann man sich denken…

Die Automarke Essex war aber eine durch und durch amerikanische. Die namengebende Essex Motor Company aus Detroit war nie eigenständig, sondern wurde 1917 von der Hudson Motor Company gegründet.

Die seit 1909 aktive Firma Hudson war nach dem 1. Weltkrieg einer der schärfsten Konkurrenten von Ford und Chevrolet. Mit den ab 1919 verfügbaren erschwinglichen und als extrem robust geltenden Essex-Wagen wilderte Hudson anfänglich insbesondere im Revier des Ford Model T.

Dass dieser Wagen ein echtes „go anywhere car“ war, belegt folgendes Foto im Vintage-Look:

essex_von_1920_goodwood_2016_sw

© Essex Tourenwagen, Baujahr 1920, aufgenommen beim Goodwood Revival Meeting 2016; Bildrechte: Michael Schlenger

Dieser Essex von 1920 mit 55 PS starkem Vierzylinder hat 2007 an der berüchtigten Rallye Paris-Peking teilgenommen, die über tausende Kilometer unbefestigter Pisten führt. So etwas macht man nur mit einer besonders zuverlässigen Konstruktion.

Das Bild des Essex ist übrigens auf dem Besucherparkplatz des Goodwood Revival 2016 entstanden, das passenderweise in der Grafschaft Sussex stattfindet.

In Abwandlung eines Bonmots, das auf den legendären Teilemarkt in Beaulieu gemünzt ist, kann man überspitzt sagen: Ein Auto, das nicht auf dem Besucherparkplatz beim Goodwood Revival zu finden ist, hat es auch nicht gegeben.

Zugegeben: Einen Essex in England anzutreffen, ist so unwahrscheinlich nicht, denn Autos dieser Marke wurden dort einige Jahre auf Grundlage angelieferter Chassis mit lokalen Aufbauten gefertigt.

Die Stückzahlen der britischen Essex-Wagen müssen beträchtlich gewesen sein, denn sie wurden von England auch in andere europäische Länder exportiert. Im reizvollen Buch „American Cars in Europe 1900-1940“ von Bryan Goodman (2006) finden sich Fotos von Essex-Vierzylindern in Belgien, Deutschland und Schweden.

Dieses Kapitel der Essex-Markengeschichte kennen immerhin auch einige Freunde von Autos der 1920er Jahre hierzulande. Doch dass die Hudson-Tochtergesellschaft noch Wagen eines ganz anderen Kalibers fertigte, ist weniger bekannt.

Der Verfasser stieß darauf auch erst durch das folgende Originalfoto von 1928:

essex_1928_galerie

© Essex Super Six, Baujahr 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Was auf den ersten Blick wie einer der ersten Horch-Achtzylinder aussieht – den Zwickauern fiel am Anfang außer einer lauen Ami-Kopie nichts Besseres ein – ist ein Essex Super Six, Ende der 1920er einer billigsten Sechszylinder überhaupt. 

Die Leistung des Super Six entsprach derjenigen des Vierzylinders. Allerdings war der 2,5 Liter-Motor ab 1927 drehfreudiger und erreichte sein Maximum bei 4.000 U/min. Zeitgenössische Anzeigen nennen 100km/h Höchstgeschwindigkeit. Auch Vierradbremsen mit drei Bremsbacken pro Rad waren nicht selbstverständlich.

Woran erkennt man so ein 6-Zylindermodell von Essex? Dazu schauen wir uns den Wagen auf dem Foto genauer an:

essex_1928_ausschnitt1

Hauptmerkmal ist das sechseckige Markenemblem, das sich außer auf der Kühlermaske auch auf der Verbindungsklammer auf der Stoßstange findet. Dort kann man den Firmennamen recht gut lesen.

Unterschied zu den Vierzylindermodellen sind der Kühlergrill mit senkrechten statt waagerechten Lamellen und das abgerundete Oberteil der Kühlermaske. Ansonsten entspricht die Linie des Essex Super Six zeitgenössischen Modellen anderer US-Hersteller, die damals in jeder Hinsicht tonangebend waren.

Wer sich mit deutschen Vorkriegskennzeichen auskennt, wird bemerkt haben, dass dieser Essex einst im Zulassungsbezirk München registriert war. Gern wüsste man, wer den Vertrieb dieser attraktiven Fahrzeuge in Deutschland organisierte.

Dass die einstigen bayrischen Besitzer mit ihrem Essex glücklich gewesen sein müssen, zeigt unser Foto deutlich:

essex_1928_ausschnitt2

Einfach köstlich, wie einträchtig unser Paar neben dem Essex posiert. Die Dame im schlichten Sommerkleid scheint mit der linken Hand einen Hund auf dem Beifahrersitz zu tätscheln, was man auf dem Originalfoto besser erkennt.

Der verschmitzt lächelnde Herr trägt einen sportlich karierten Anzug, nach britischer Manier verkehrt geknöpft – so subtil kann Lässigkeit wirken. Zu den Knickerbockern trug man seinerzeit selbstverständlich Strümpfe.

Bei der Betrachtung der beiden stellt man sich schon die Frage, was in punkto Sommerkleidung in der Moderne eigentlich schiefgelaufen ist.

Wenn man etwas aus der Geschichte lernen kann, dann das: Die Gegenwart ist nicht automatisch die beste aller Welten – und die verbreitete Begeisterung für alte Autos ist nur ein Indiz dafür, was uns an Stilsicherheit verlorengegangen ist…