Von Wien an die Waterkant: Ein Gräf & Stift SP5

Wie kommt ein opulenter Luxuswagen aus der Residenzstadt Wien in die einstige Hochburg kühl kalkulierender Kaufleute Hamburg?

Hier eine Verbindung herzustellen, ist gar nicht einfach, fast 1.000 km liegen die beiden denkbar gegensätzlichen Metropolen auseinander.

Die südlichste Hansestadt, die mit Hamburg verbandelt war, scheint das schlesische Groß-Strehlitz gewesen zu sein, das seit 1945 zu Polen gehört. Von dort sind es immer noch 400 km bis nach Wien – über diese Schiene wird das also nichts.

Und doch muss es einst im nüchternen Hamburg jemanden gegeben haben, der einen Draht ins barocke Wien hatte – vielleicht aufgrund einer Geschäftsbeziehung. Eventuell wusste man so aus eigener Anschauung, was für Spitzenklasseautomobile in Manufaktur in der Wiener Weinberggasse entstanden.

Möglicherweise gab es aber in Hamburg Ende der 1920er Jahre auch eine Vertretung von Gräf & Stift – dafür wäre als Adresse der Alsterdamm in Frage gekommen, die Automeile der Hansestadt schlechthin.

Wie dem auch sei – irgendwie muss dieses Prachtexemplar der Wiener Luxusschmiede damals nach Hamburg gelangt sein:

Gräf & Stift Typ SP5; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Das Foto dieses mächtigen Sedan-Cabriolets verdanke ich Leser Klaas Dierks, der die Seltenheit eines solchen privaten Dokuments erkannte.

Die reizvolle Perspektive war ein Grund mehr, dieses Stück Strandgut an der Waterkant an Land zu ziehen, auch wenn es im Original etwas mitgenommen ist.

Die Bezeichnung „Sedan-Cabriolet“ bezieht sich übrigens auf eine Besonderheit des Aufbaus, die erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt. So besitzt dieser Wagen zwei massive Mittelsäulen an der Seite, die bei einem „echten“ Cabriolet nicht vorhanden wären.

Damit besitzt der Wagen noch Elemente einer Limousine (bisweilen auch als Sedan bezeichnet), wobei er nicht zu verwechseln ist mit einer Cabrio-Limousine, bei der die gesamten Türrahmen stehenbleiben, wenn die Seitenscheiben heruntergekurbelt sind.

Wie dieser Aufbau von Gräf & Stift selbst bezeichnet wurde, sofern er überhaupt dort entstand, weiß vielleicht ein sachkundiger Leser. Dass das Auto tatsächlich von der exquisiten Wiener Marke stammt, verrät vor allem die Kühlerfigur:

Das darunter befindliche Kühleremblem ist nur sicher zu lesen, wenn man bereits ahnt, was man hier vor sich hat.

Die Frontpartie mit den zwei Reihen Luftschlitzen, die zudem im vorderen Drittel unterbrochen sind, finden sich bei mehreren Modellen von Gräf & Stift in den 1920er Jahren, beginnend mit dem Typ SR 2.

Der Flachkühler und die niedrige Schwellerpartie – unter anderem – verweisen aber auf einen wesentlich späteren Typ, und zwar den Gräf & Stift SP5.

Dieses 80 PS starke Sechszylindermodell war 1928 vorgestellt worden und war technisch in jeder Hinsicht auf der Höhe. In dem Vierliteraggregat besorgte eine obenliegende Nockenwelle die Ventilsteuerung, hydraulische Vierradbremsen sorgten für kräftige Verzögerung und trotz 2 Tonnen Wagengewichts waren über 100 km/h Spitze drin.

Ein nahezu identisches Fahrzeug – nur mit geschlossenem Verdeck – ist in „Die Brüder Gräf – Geschichte der Gräf & Stift Automobile“ von Hans Seper auf S. 230 abgebildet.

Der noch stärkere Achtzylindertyp SP8 (120 PS aus 5,9 Litern) unterschied sich durch eine Reihe äußerlicher Details und einen etwas größeren Radstand.

Daneben gab es noch einen Typ SP7 mit 7 Liter messendem Sechszylindermotor, über dessen Erscheinungsbild mir aber nichts bekannt ist. Er wurde angeblich nur 50mal gebaut.

Doch auch die „gängigeren“ Typen SP5 und SP8 blieben mit einigen hundert Exemplaren im Umfeld der Weltwirtschafskrise große (im wahrsten Sinne des Wortes) Raritäten.

An der Waterkant wird der Wagen aus Wien somit erst recht ein Exot geblieben sein, was das heute gezeigte Foto umso bemerkenswerter macht…

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Von Wien an die Waterkant: Ein Gräf & Stift SP5

  1. Besten Dank! Wie diese Karosserie bezeichnet wurde, ist wie gesagt offen (die Hersteller verwendeten unterschiedliche Bezeichnungen, Horch etwa sprach bei solchen Aufbauten von einem „Sedan-Cabriolet“). Auf jeden Fall ist es keine Cabriolet-Limousine (da sind wir uns einig).

  2. Wo wenn nicht in der Metropole der international tätigen hamburgischen
    Kaufmanns haftet sollte ein solches
    Monument nördlich der alten „Kronlande“ des alten Österreichs wohl
    angebracht erscheinen?
    Zu den hohen Feiertagen sowie zu den Zusammenkünften der „Ehrbaren Hamburgischen Kaufmannschaft“
    (ja – die heißt wirklich so!) wurden Stander gefahren: rechts der mit dem Hamburgischen Stadtwappen, links der der eigenen Schifffahrtslinie.
    Da war doch ein solch exklusiver Wagen – allein schon des Namens wegen , „Gräf & Stift“ – der distinguierten Selbstgewissheit durchaus angemessen !
    Boliden dieser Art müssen zuzeiten
    auf der Elbchaussee, der alten Haupt- Achse entlang der nobelsten Adressen
    Zum Straßenbild gehört haben.
    Am Wirtschaftstrakt der Villa eines Bekannten, auf deren ehem. Park sich heute ein ganzes Viertel erstreckt, be- trieb man eine Privat- Tankstelle.
    In den besten Tagen war man größter
    Weizen- Importeur des Reiches.
    Zum Fachlichen:
    Das heutige „Corpus Delicti“ trägt eine
    Karosse, dessen gefüttertes Luxus- Verdeck, meist mit feiner Lederbe- spannung, aufgeklappt auf den gut sichtbaren Lagerzapfen der festste- henden B- Säulen gelagert war.
    Das Chauffeur- Abteil wurde nur durch
    eine leichte Stoffpersenning geschlo- ssen werden konnte, die über den oberhalb gut sichtbaren Chrombügel
    gespannt und befestigt werden konnte.
    Die Beschreibung der Bau- Charakte- ristik einer Cabrio- Limousine ist übri- gens nicht stichhaltig:
    Hier wurde nur die feste Dachkonstruk- tion weggelassen bzw. durch ein textilen Falt- oder Rollverdeck ersetzt.
    Die festen an der B- Säulen gelagerten
    Dachbügel längs über den Türen waren vom festen Dach stehengeblie- ben und bildeten den abgedichteten
    Anschlag der Türrahmen.
    Die flächige Stabilisierung des Stoff- Daches und dessen Spannung wurde durch die die hintere Dachrundung bildende sog. Verdeckklappe (wird beim Öffnen des Verdeckt mit diesem
    nach hinten unten weggeklappt) sowie
    mittels einiger sog. Steckspriegel ge- bildet, die meist nicht am Dachbezug
    befestigt waren sondern abgenommen
    und ganz oder zweigeteilt in einer be- sonderen Tasche verwahrt wurden.

    Wir warten auf die nächste Präsentation !
    D.Weigold

Kommentar verfassen