Unzulängliches wird zum Ereignis: DKW Schwebeklasse

„Oje“, werden die DKW-Freunde vielleicht denken, „heute zieht er wieder über die gute alte Schwebeklasse her“.

Doch auch wenn ich kein Freund dieses Gefährts mehr werde, dessen Malaisen der Hersteller lange nicht in den Griff bekam und dessen Pseudo-Stromlinienkarosserie auf mich grob behauen und unfertig wirkt, will ich heute gnädig sein.

Milde gestimmt hat mich eine unerwartete Wiederbegegnung mit dem Fahrzeug – und mit Meister Goethe (Faust, 2. Teil) kann ich daher heute dieses sagen:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis.

Denn so unzulänglich die „Schwebeklasse“ in mancher Hinsicht war, hat sie tatsächlich das Zeug, zum Ereignis zu werden. So unwahrscheinlich das klingt, so leicht wird es zur Realität, wenn wir uns dazu verführen lassen – nochmals sei Goethe zitiert:

Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

So war es eine alte Liebschaft, die mich wieder an den DKW „Schwebeklasse“ erinnert hat – hier ein Foto von ihr aus fernen Tagen:

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bald sechs Jahre ist es her, dass ich sie hier gefunden habe, und ich fühlte mich sofort „hinangezogen“, um es in den Worten des Alten aus Weimar zu sagen.

Diese Magie ging freilich nicht von der „Schwebeklasse“ aus, die auf diesem Bild der späten 1940er bzw. frühen 1950er Jahre abgelichtet ist.

Schon damals konnte ich über die eigentümliche Gestaltung von Kühler und Motorhaube mühelos „hinwegsehen“ und mich der Anziehungskraft der jungen Dame ergeben, die in Tracht neben dem „Biest“ aus Blech (und viel Holz) steht und alles wiedergutmacht.

Dass alles wieder gut wird, nichts sehnlicher wünschten sich nach dem 2. Weltkrieg Millionen von Menschen. Für unzählige von ihnen sollte die Welt aber nie wieder heil werden, zu groß die Verluste an Familienmitgliedern, Freunden, Heimat und Gewissheiten.

Dieses Foto dagegen wirkt so, als ob es doch gelingen konnte – als seien bloß ein paar Jahre vergangen und außer dem Kennzeichen und frischem Lack sei alles beim alten.

Blendet man gut zehn Jahre zurück, deutet ebenfalls nichts darauf hin, dass weite Teile der Welt zwischenzeitlich durch die Hölle gehen würden und kein Gott ihnen half:

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Diese Aufnahme entstand im Juni 1936 irgendwo im Umland von Hildesheim, wo der DKW zugelassen war.

Über die Gelegenheit und die Insassen ist sonst nichts überliefert, aber fast könnte man meinen, es handele sich um den gleichen Wagen wie auf dem Nachkriegsfoto. Die junge Dame wäre dann freilich noch ein Kind gewesen.

Viel mehr fällt mir zu diesem bisher unveröffentlichten Dokument nicht ein – ich wollte es aber nicht der Vergessenheit anheimfallen lassen und es gibt ja heute noch ein paar Freunde dieses DKW-Modells, die darin mehr sehen als ich.

Wie aber war ich überhaupt darauf gekommen, es zu zeigen?

Nun, so unglaublich es klingt: Sechs Jahre nach unserer letzten Begegnung habe ich just heute meine „Flamme“ von einst wiedergefunden. Wiederum neben dem DKW „Schwebeklasse“ – hier ist sie!

DKW „Schwebeklasse“; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das muss mit einem eigenen Blog-Eintrag gefeiert werden, dachte ich spontan.

Denn tritt das Ewig-Weibliche so wunderbar auf den Plan, wird selbst Unzulängliches wie die „Schwebeklasse“ auf einmal zum Ereignis und Vergängliches wie ein altes Autofoto wird zum Gleichnis des Menschlichen schlechthin.

Für Genießer solcher Dinge gibt es hier zum Abschluss den oben zitierten Goethe’schen Chorus Mysticus in der grandiosen Vertonung von Franz Liszt unter Leitung von Großmeister Leonhard Bernstein:

Videoquelle: YouTube; hochgeladen von: Andrea Politano

© Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Unzulängliches wird zum Ereignis: DKW Schwebeklasse

  1. Zum Vergleich der beiden Schwebeklassen: Der Hildesheimer Wagen ist eine Limousine der 1. oder 2. Serie (geringere Unterschiede) mit
    unten gerundeten Scheibenrahmen
    während der Württembergische Statist des pin ups oben und unten eine offen- sichtlich mit Liebe ( in mehrfacher Hinsicht) aufgearbeitete 36er Cabrio-limousine darstellt !
    Zur Feier der Jungen Liebe hat der stolze Besitzer des noch recht brauchbaren Wagens sogar die Räder mit individuellen Zierstreifen versehen.
    Die Strebe zwischen den Scheinwerfer- sockeln ist vermutlich ein (wie das Stoßstangenblatt auch) ursprünglich verchromter Träger für die damals so
    wichtigen Breitstrahler ( zur recht-zeitigen Erfassung der Schlaglöcher)
    oder eines (nun zum Glück nicht mehr) während des Krieges für alle zugelassenen Kraftfahrzeuge vorgeschriebenen Tarnscheinwerfers .
    Ein Versuch, die Stoßstange (und das gewölbte Kühlergrill, welches sich so
    ähnlich übrigens zu der Zeit z. B. auch
    beit Modellen tschechischer Produktion fand) , bewehrt noch mit der messerscharfen Kante des Kennz.- Schildes als Sitzgelegenheit zum „posen“ zu nutzen bot sich da wohl nicht mehr an. Andernfalls hätte man auch Sorge um die Nachkommen haftet der jungen Dame haben müssen!
    Aber: seien wir vorsichtig mit Chauvi-
    mäßigen Gedanken oder Äußerungen
    – die Dame könnte gut noch leben !
    Aber ich denke , sie würde sich über die nette Würdigung ihrer vergangenen Jugendlichkeit doch freuen….
    Bitte beachten Sie auch noch die Ergänzung meiner Ausführungen zum Kuriosum SCHWEBEKLASSE von neulich (der eigentlich viel länger gedacht war).

  2. Köstlich, Herr Schmidt, das Bild stellt man sich in Gedanken gern vor!

  3. Sehr schön, hier nun die „Flamme“ als Hauptmotiv zu erblicken, zumal ihre wunderbare Schönheit samt ihrer brünetten Lockenpracht so noch mehr zur Geltung kommt. Da ist uns der Anblick der Schwebeklasse mal nicht so wichtig – was aber leider sonst arg viele Bilder für die automobilhistorische Typenforschung nahezu unbrauchbar macht, wenn ob der Personen vom Kühlergrill, vom Heck, von den Türen und Windschutzscheiben nichts mehr zu erkennen ist. Nachdem die Schwebeklasse ihren Kühlergrill schon in ergonomisch perfekter Anlehnung an eine Rückenlehne ausgeformt bekam, konnte diese Querstrebe zwischen den Scheinwerfern nur ein Hindernis sein, das uns den Anblick der Flamme in weiteren tollen Szenen versagte, denn die Stoßstange samt dem Zonenkennzeichen hätte hier wie anderswo jedenfalls mittels eines kleinen Polsterkissens solch eine Nutzungsänderung doch recht klaglos mitgemacht !

  4. Beeindruckend Ihre Detailkenntnis, Hut ab! Ich schätze die DKWs jener Zeit ja grundsätzlich und habe auch kein Problem mit der 2-Takt-Technik – bloß: In den 1930er Jahren ein Auto so weitgehend (und aufwendig) aus Holz zu bauen, war schlicht abwegig – einer von vielen deutschen Sonderwegen in automobiler Hinsicht, die dazu beitrugen, dass die Massenmotorisierung hierzulande erst 25 Jahre später einsetzte als in anderen Ländern.

  5. Wir müssen uns immer die Abhängigkeit der Gestaltungsmöglichkeiten von der technologischen Möglichkeit der
    Umsetzung und umgekehrt die Formgebung zur Erzielung der wünschenswerten Formstabilität und
    Steifigkeit bei möglichst geringem Gewicht vor Augen führen !
    Für die gewölbten Aussenflächen der Holzkarossen bei DKW erbrachten die praktischen Erfahrungen etwa die ausreichende Formstabilität bei Anwendung von 5- Fach verleiten 4 mm Buchen-Sperrholzplatten ( bei 5 -7 % Restfeuchte ) .
    Die etwas skurril anmutenden Motorhauben- Flügel der Schwkl. etwa:
    Federn stabil !
    Die typische „Halbschalenform“ der DKW – Holz karossen (und vieler anderer Fabrikate) : Die Zuschnitte
    wurden damals noch nicht tiefgezogen. Sie wurden mit sog. Reckbänken über Hartholz- Formblöcke gedeckt ( d.h. Material wird bis über die Steck- oder Elastzitätsgrenze gezogen. Die bleibende Verformung ergibt dann die
    gewollte Form . Die (geringe) Rückforderung der erzielten Form wird
    bereits bei der Gestaltung der Ziehform berücksichtigt.
    Da für den Zieh- Vorgang eine halbwegs symmetrische ballige Form
    vonnöten ist wird hier die erzielte Kalotte in der Mitte zerschnitten und so entsteht jeweils ein rechter und ein linker Kotflügel !
    Übrigens: Die Schwebeklasse hatte in den ersten zwei Serien 34- 35 einen
    von aussen mittels gewölbter Kofferraumklappe zugänglichen Gepäckbabteil dessen Platzangebot nur durch das innenliegende „diebstahlsichere“ Ersatzrad sowie den
    hohen Federtunnel für die Schwebeachse begrenzt wurde.

    Zur weiteren Vertiefung Ihrer Modellkenntnis bedienen Sie sich bitte
    des von Ihrem Händler bereitgehalten en reich bebilderten
    Prospektmaterials !

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