Ganz gut, aber nicht gut genug: Hansa 400/500

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich unter dem Motto „Ganz‘ netter Versuch“ den Kleinstwagen Standard Superior vorgestellt – ein am Markt vorbeikonstruiertes Gefährt nach Entwurf des eigenwilligen Ingenieurs und Motorjournalisten Josef Ganz.

Heute ist ein auf den ersten Blick ganz ähnliches Auto an der Reihe, das jedoch meines Wissens nicht auf Ganz‘ direkten Einfluss zurückgeht.

Tatsächlich wurde das Konzept solcher heck- bzw. mittelmotorgetriebener Kleinwagen mit Einzelradaufhängung und Stromlinienoptik seit den 1920er Jahren von etlichen Konstrukteuren verfolgt.

Sie mögen sich einander beeinflusst haben, waren wie Ferdinand Porsche und Hans Ledwinka beispielsweise auch gut miteinander bekannt, aber setzten doch letzlich alle individuelle Akzente bei ihren Entwürfen auf gemeinsamer Basis.

So kam es, dass auch C.F. Borgward 1933 einen auf den Massenmarkt abzielenden Kleinwagen entwickeln ließ, der mit luftgekühltem Zweizylinder-Zweitakter und glatter Karosserie Ähnlichkeiten mit dem zeitgleich erscheinenen Standard Superior aufwies.

Dass die Rechnung nicht aufging, sieht man schon daran, dass der Wagen nur bis 1934 gebaut wurde und zeitgenössische Fotos davon äußerst selten sind. Kürzlich ist es mir gelungen, an eines heranzukommen, das nach einigen Ausbesserungen präsentabel ist:

Hansa 400 oder 500; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei aller Ähnlichkeit der Karosserieform fällt sofort auf, dass der Hansa wesentlich erwachsener wirkt. Tatsächlich war er dank 40 cm längeren Radstand ein vollwertiger Viersitzer, was sich vom Standard Superior nicht behaupten ließ.

Dass es sich beim Hansa nicht um einen primitiven Kleinstwagen handelte, sieht man auch am Vorhandensein einer Stoßstange und großer Chromradkappen. Äußerlich hatte Borward hier alles richtig gemacht.

Was die Motorisierung angeht, lagen der Standard Superior und der Hansa jedoch nahe beieinander. Die ersten Versionen besaßen beide einen 400ccm Zweizylinder-Zweitaktmotor mit 12 PS.

Geliefert wurde das Aggregat im Fall des Hansa von Ilo, während der Standard Superior mit einem Motor aus eigener Fertigung ausgestattet wurde. Der kleinere und leichtere Standard hatte einen Geschwindigkeitsvorteil von 5 km/h, doch das war vernachlässigbar.

Letztlich mussten sich beide von der Effizienz her ihrem stärksten Konkurrenten geschlagen geben, dem DKW F2. Dieser war nicht sehr viel teurer, war schneller und sparsamer, bot mehr Platz und war überdies in der beliebten Ausführung als Cabrio-Limousine erhältlich.

Für die begrenzte Zahl der deutschen Haushalte, für die überhaupt ein eigener Kraftwagen in finanzieller Reichweite war, erwies sich das DKW-Angebot als das rundherum überlegene. Da kam es auch auf 2-300 Reichsmark Preisdifferenz nicht an.

So sagt der zufriedene Gesichtsausdruck dieses Besitzerehepaars neben ihrer DKW F2 Limousine bereits alles über das Angebot von Hansa: „Gut, aber für uns nicht gut genug.“

DKW F2; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass DKW mit dem Frontantrieb auch das in dieser Klasse zukunftsweisendere Antriebskonzept bot.

Das dürfte Käufer in bergigen Regionen zusätzlich überzeugt haben dürfen, erst recht bei Schnee wie auf dieser Aufnahme aus meinem Fundus, welche ich hier erstmals zeige. So populär und adrett die DKW-Fronttriebler auch waren, verdienen aber auch die zum Scheitern verurteilten Versuche alternativer Kleinwagen die Dokumentation.

Im Fall des Hansa 400 (nach einem Jahr auf 500ccm erstarkt) handelte es sich immerhin um ein Fahrzeug der Kategorie „Ganz gut“, während es beim Standard Superior aus meiner Sicht leider nur für die Note „Ganz nett“ reichte…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

7 Gedanken zu „Ganz gut, aber nicht gut genug: Hansa 400/500

  1. Hier ist auch eine Aufnahme vom Armaturenbrett des 500 :

    https://www.goliath-veteranen-club.de/Histo-Privatfotos/Historische-Privatfotos-1924/Privatfoto-Hansa500Cabrio-1936-B3.htm

    So elegant geformt war die Einfassung der Instrumente wie ebenso ansprechend detailliert die Lenkradnabe und die 3 mittig verstärkt geformten Bakelitspeichen ! Manch heutiges Argument für einen Lifestyle-Kleinwagen wie großstädtische Parkplatznot spielte 1934 keine Rolle, und auch wenn vor 90 Jahren dem Fahrerblick solch ein Augenschmaus beschert war, wogen andere Aspekte mehr. Was sieht, fühlt und erlebt man selber am Volant, was die mitfahrenden Passagiere, wo landet das Gepäck, und was nehmen die anderen Verkehrsteilnehmer wahr … eine Abwägungsfrage damals wie heute.

  2. Besten Dank – insbesondere für den Hinweis af die weiteren Karosserievarianten!

  3. Der hier gezeigte Hansa ist ein 500er in der letzten Ausführung als Vierfenster- Limousine , er war immerhin ein recht flottes Wägelchen
    (in dieser Perspektive gut einzuschätzen).
    Unschlagbar schön jedoch die offensichtlich vom Fachmann anlässlich der Neuerwerbung gefertigten Aufnahme „Opa und Oma mit ihrem neuen Wagen“ .
    Ja, ein solcher DKW war schon ein „Wagen“ !
    Obgleich wir hier den einfachen 600er sehen, der (1934 als erste DKW- Großserien- Limousine) offiziell nicht die Bezeichnung „Reichsklasse“ führte.
    Ausgestattet nur mit dem Nötigsten
    (ein Wischer reichte für Opa, denn Oma hatte keine Zeit, den rechten Straßenrand im Auge zu behalten. Sie war damit beschäftigt, Opa die Sicht durch die ständig beschlagende Frontscheibe aus Maschinenglas frei- zuhalten. Lt. Vorstandsbeschluss musste für die Käufer der billigeren Varianten einfaches Fensterglas reichen! Aufpreispflichtig war neben der (Phantasie-) Kühlerfigur die Stoß- stange vorn, sowie die Radkapseln, die den Gesamteindruck nicht nur enorm
    hoben, sondern machten mit lautem
    Klötern auch auf gelöste Radmuttern
    aufmerksam!
    Wir erinnern uns: Nachziehen der Radmuttern gehörte zum ständigen Wartungsprogramm des damaligen Autlers – auch das gelegentliche Ölen der Tür- und Haubenscharniere, wollte man sein Auto jung erhalten. Das „Abschmieren“ und Nachstellen der Bremsseile war Sache der Tankstelle. Sie verfügte über eine Grube, Rampe oder eine Handhebel- Hubbühne.
    Die Radkapseln, die wir hier sehen bestanden übrigens aus Haltering, der mit unter die Radmuttern geklemmt wurde und dessen Löcher empfindlich auf das übliche „anknallen“ der Rad- muttern reagierten. Das relativ weiche Stahlblech gab unter dem Druck der
    Muttern nach, diese wurden locker und gaben im letzten Moment Laut in der verchromten Radkappe!
    Noch bis in Vorjahr ’33 gab es die mit R und L gekennzeichneten Messing- Hutmuttern nach dem Rechts- Linksgewinde- System.

  4. Die originale Reklame findet sich hier :

    https://www.automania.be/historiques-marques/historiques-borgward-hansa/borgward-hansa-story

    Ansonsten erscheint mir das von Ihnen aufbereitete Bild von IY-16062 aus Ihrer Sammlung weitaus beeindruckender als die übrigen Resultate, die meine soeben erfolgte Bildsuche hervorbrachte. Ergänzen ließe sich nur, daß hiernach vom Typ 500 auch eine halboffene Karosserievariante als Cabriolimousine realisiert wurde :

    https://www.goliath-veteranen-club.de/Typologie/Typenblatt-1933-Hansa400-500.htm

    Ob Helios oder Goliath Pionier, ob Hansa 400 oder Lloyd LP400, oder der Superior … zuerst von Standard, dann von Gutbrod : So wie 1955 war auch 1935 die Zeit der „Notlösungen“ vorbei – bei DKW folgten F4 und F5 und Borgward war mit den viertaktenden Hansa 1100 und Hansa 1700 schon 1934 ebenfalls sowohl technisch als auch kommerziell gänzlich auf der Höhe der Zeit.
    Rein technisch galt dies aber auch für den Vorgänger des Sechszylinders :

    https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog/2018/08/31/hochelegant-aber-zu-teuer-hansa-konsul-cabriolet/

    So war es erneut spannend, Ihrer Vorkriegs-Klassiker-Rundschau zu folgen und dadurch initiiert selbst weiter zu forschen ! Denn besonders zu diesen eineinhalb Jahrzehnten 1920-1935 habe ich hier enorm viel Neues erfahren !

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