Ein Kandidat mit guten Aussichten: Hanomag 3/17 PS

Der Titel meines heutigen Blog-Eintrags lässt bereits ahnen, dass ich mir meiner Sache dieses Mal nicht so sicher bin, wie das sonst (meist) der Fall ist.

Ein „Kandidat“ ist zunächst einmal nicht mehr als ein Anwärter auf eine bestimmte Position, der für diese von seinem Profil her prinzipiell in Frage kommt.

Selbst wenn man ihm zusätzlich „gute Aussichten“ auf Erfolg zubilligt, ist das noch vage genug formuliert, um sich später herausreden zu können: „War doch klar, dass auch ein anderer das Rennen machen kann – ich habe mich doch nie festgelegt“.

Wer wie ich beruflich mit Finanzmarktanalysen, Einschätzungen ganzer Anlagegattungen oder einzelner Wertpapiere zu tun hat – sei es auch „nur“ als Fachübersetzer – der weiß um die Bedeutung eines solchen Vokabulars, mit dem man sich der Haftung für Fehlprognosen entzieht. Gierige Juristen warten bloß darauf, dass man hier einen Fehler macht…

Zwar geht es heute weder um Gewinn und Verlust bei Geldanlagen oder sonst überhaupt irgendetwas von existenzieller Bedeutung.

Doch will ich auch bei meinen amateurhaften Ausflügen in die Welt des Vorkriegsautos den Profis möglichst wenig Anlass dazu geben, mir krasse Fehleinschätzungen nachzuweisen. Und so will ich es auch beim braven Hanomag 3/17 PS im Ungefähren lassen.

Meiner Sache sicher bin ich dagegen seit längerem im Fall des Hanomag 3/16 PS – dem ab 1929 gebauten Vorgängermodell. Dieses war anfänglich nur als zweisitzige, aber sehr ansprechend gestaltete Cabrio-Limousine im amerikanischen Stil verfügbar:

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man findet ohne weiteres zeitgenössische Reklame, in der genau diese Ausführung abgebildet ist, wenngleich der Kleinwagen dort erwachsener erscheint.

Solcher kreativer Kunstgriffe bediente man sich noch in Werbungen der 1950er Jahre. Entscheidend für mich ist, dass der Hanomag hier bei aller künstlerischer Freiheit als 16 PS-Modell bezeichnet wird:

Hanomag 3/16 PS Zweisitzer; Originalreklame aus Sammlung Michael Schlenger

Der erwähnte 750ccm-Motor entsprach tatsächlich der Erstausführung des Hanomag 3/16 PS, welcher zunächst nur als halboffener Zweisitzer zu haben war.

1930 spendierte man dem Wägelchen eine Hubraumvergrößerung auf 800ccm, die aber an der Leistungsbezeichnung 3/16 PS nichts änderte. Erhältlich war nun auch eine geschlossene Ausführung mit mehr Platz sowie eine adrette Cabrio-Limousine:

Hanomag 3/16 PS oder 4/20 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Hier beginnen wir bereits den Boden gesicherter Erkenntnis zu verlassen, denn laut der äußerst dürftigen Literatur zu Hanomag-PKW war derselbe Wagen ab Ende 1930 auch mit der Motorisierung 4/20 PS erhältlich.

Angeblich wurden beide Versionen parallel zum selben Preis angeboten. Hinweise auf äußerliche Unterschiede finden sich meines Wissens nirgends. Der geringfügig höheren Spitzengeschwindigkeit des 4/20 PS-Typs stand eine niedrigere Steuereinstufung des 3/16 PS gegenüber. Vielleicht war das der Grund dafür, beide Motorisierungen anzubieten.

Haben Sie übrigens die Radkappen bei der obigen Cabrio-Limousine bemerkt? Die findet man nach meinem Eindruck sonst nirgends beim Hanomag 3/16 bzw. 4/20 PS, sondern erst beim etwas anders gestalteten Nachfolgetyp 4/23 PS.

Entweder hat hier jemand „nachgerüstet“ oder wir haben es mit einem späten Modell zu tun, bei dem bereits Elemente des Nachfolgers 3/17 PS (ab 1931) verbaut wurden. Der scheint aber anfänglich noch nicht über solche Radkappen verfügt zu haben.

Immerhin war er aber nun mit einer Doppelstoßstange verfügbar, außerdem war der Abstand zwischen den beiden Zierleisten unterhalb der Seitenfenster deutlich geschrumpft:

Hanomag 3/17 PS oder 4/23 PS Zweisitzer; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch die Frontscheibe unterschied sich deutlich von der des Typs 3/16 PS – ihre Unterkante folgte nun der Wölbung des Karosseriekörpers. Die Schwellerpartie war ebenfalls abweichend gestaltet, so ragte der Aufbau nicht länger über diese hinaus.

Solche gestalterischen Unterschiede werden meines Wissens nirgends in der Hanomag-Literatur erörtert; dabei gibt es sicher zeitgenössisches Reklamematerial, anhand dessen sich dieser allmähliche Wandel nachvollziehen ließe.

Ich bin dagegen hier auf Vermutungen angewiesen und muss mich daher bei der genauen Zuschreibung zurückhalten. Nicht vereinfacht wird die Sache dadurch, dass auch der Hanomag 3/17 PS zeitweise parallel zu einem stärkeren Schwestermodell gebaut wurde, dem ab 1931 angebotenen Typ 4/23 PS.

Dieser scheint sich von der schwächeren Variante äußerlich nicht unterschieden zu haben.

Somit wäre auch der folgende Wagen ein guter Kandidat für beide Motorisierungen – gute Aussichten hatte er jedenfalls nicht nur, was das geöffnete Verdeck angeht:

Hanomag 3/17 oder 4/23 PS; Originalfoto aus Familienbesitz (Steffen Meder)

Hier haben wir offensichtlich ein weiteres Beispiel für die leistungsmäßig erstarkte und behutsam modernisierte Version 3/17 PS (bzw. 4/23 PS), nunmehr aus einer Perspektive, welche die neue Gestaltung der Seitenpartie noch besser erkennen lässt.

Zu verdanken habe ich diese seltene Aufnahme einem Leser (Steffen Meder), der den Wagen schon recht genau bestimmt hatte. Reizvoll ist wie so oft in solchen Fällen, dass wir genau wissen, wer auf diesem Foto in dem Hanomag zu sehen ist.

Der Fahrer war Alfred Meder, er arbeitete im Hanomag-Werk. Hinter ihm sitzt seine Frau Frida, der gemeinsame Sohn ist als Beifahrer zu sehen. Das war Steffen Meders Vater Manfred (geboren 1935).

Selten hat man den Fall, dass ein Hanomag-Fahrer auch noch einen persönlichen Bezug zum Hersteller hatte und so bekannt ist, wer einst in dem Wagen unterwegs war.

Was wir indessen – bislang – nicht genau sagen können, ist dies: Handelt es sich bei diesem Wagen um einen Kandidaten für das 3/17 PS-Modell oder eher den parallel gebauten Typ 4/23 PS? Unterschieden sich die beiden irgendwie optisch?

Ich meine, der 3/17 PS hat gute Aussichten, weil er der günstigere war und Alfred Meder als Schlosser bei Hanomag sicher länger zu sparen hatte, bis er sich überhaupt einen Wagen (evtl. gebraucht) leisten konnte.

Sollte ich mit der Typansprache danebenliegen, kann ich mich damit herausreden, dass die guten Aussichten des Kandidaten doch nur auf das offene Verdeck bezogen waren…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

3 Gedanken zu „Ein Kandidat mit guten Aussichten: Hanomag 3/17 PS

  1. Habe mich gerade nochmal mit dem Osswald zusammengesetzt:
    Diese Typenvielfalt in den Jahren ’29 bis ’34 erklärt sich aus dem ständigen Bestreben, aus dem kleinen Hanomag (bei geringst möglichem Aufwand) einen größeren Hanomag zu machen.
    Um hier Fakten zu eruieren muss man in die Datentabellen gucken:
    Der erste 3 PS- Hanomag war ein Kleinauto auf Basis der Größenverhältnisse des „Kommißbrot“.
    Die damaligen Geschmacks- verhältnisse diktierten ein Auto mit 4 Zylindern unter einer Motorhaube hinter einem Kühler und vier richtigen Kotflügeln, dazwischen ein Kästchen mit Platz für zwei Stühlchen. Eine konsequente Weiterebtwicklung des
    „Kommißbrot- Gedankens“ hätte in eine ganz andere Richtung geführt,
    etwa bis zur „Schwebeklasse“…..
    Der 3/16 also lief auf einem Chassis
    Mit Spur 1000 mm v/h und hatte eine
    Maschine nach Muster des Austin 7
    750ccm bei 2 KW- Lagern. Hieraus einen Viersitzer machen zu wollen erzwang einen verbreiteten Aufbau, Folgt: breiter als Chassisverkleidung !
    4/20 PS = untauglicher Versuch, die Leistung des vorhandenen Motors zu erhöhen . Mehr Hub und Volumen bei 2 KW- Lagern ging nicht gut. Alles Weitere war ein ständiges Jonglieren
    zwischen Leistungserhöhung und Hubraumbegrenzung (Steuerhöhe).
    Abhilfe brachte erst das 3te KW- Lager des Typs 11/35 „Garant“.
    Um das Verhältnis Chassis- Basis zu Raumangebot des Viersitzers ins Lot zu bringen, wurde die Spur 1931 auf glatte 1200mm verbreitert und der Radstand um 100mm größer .
    Folgt: Aufbau nicht breiter als die Chassisverkkeidung ! Mit Typ 11 wurde dann der Aufbau nochnals verbreitert.
    Folgt: Aufbau wieder breiter als das Chassis – Mutti fand endlich Platz neben Vati und konnte im Winter ihre abgearbeitet Hände im Muff wörmen ohne sich schrägsetzen zu müssen !

  2. Bei den Hamburger Deern und der opulenten Optik sehen wir mit den Kennzeichen HH-14020, IH-35934 und IP-53217 jeweils den 3/18-900 bzw. 4/23-11, denn deren Ganzstahlkarosserien haben auch die an der B-Säule angeschlagenen Selbstmördertüren sowie auch die 20 Chromstreben im Kühlergrill.
    Der Kleinwagen mit Sex-Appeal 3/16-53 (oder 4/20-63) wiederum hat jedenfalls als Cabriolet mit Schwiegermuttersitz schmale Vordertüren, IY-40459 aber breitere Türen. Dieser erscheint auch mir als Landaulet, er hat aber so wie …311 ein Windschot, wodurch die Dachform unklar bleibt, während das Auto der Fam. Meder sich klar als Cabriolimousine erweist. Die N-Serie, zu der eben der 3/17-N53 gehört, ist 29cm länger und 14cm breiter, aber mit 1,62 ggfs. nur 2cm höher als das 1,56 bis 1,60 hohe Vormodell, was mich nun zu der Limousine mit dem rauchenden Mann auf dem Trittbrett führt : Das Belüftungskonzept der vorgeklappten Windschutzscheibe zeigt den schnurgeraden unteren Abschluß – und in den Proportionen den 1,56 hohen Limousinenaufbau, während IY-40459 bis zur C-Säule an Höhe gewinnt. Ob diese Landaulet-Konstruktion durch Einzelumbau einer Ambi-Budd Karosserie entstand oder anderweitig karossiert wurde …? Unter Betrachtung der Schweißpunkte entlang der seitlichen Dachkanten wage ich mal zu folgern, daß …311 und die Cabriolimousine der Fam. Meder aus derselben Serie N53 bzw. N63 stammen, aber zur Unterscheidung der Motorisierung habe ich leider nur den vagen Anhaltspunkt, daß die Platzierung der Hupe wie auch die lackierten bzw. verchromten Achskappen den Unterschied machen. Und wieder einmal sind es die hier vorangegangenen Bildbeschreibungen, die nun eine Präzisierung ermöglichen ! Und ich muß zwar keinen Bus erwischen, aber da ich so fasziniert bin von der opulenten Optik des 3/18 PS (oder 4/23-11 ?), mal dort alsbald weiterforschen, denn die Bildbesprechung zu IY-6957 ist mir doch glatt entgangen …

  3. Der Kleine Hanomag muß nicht mal
    Eigentum der Meders gewesen sein
    ( es sei denn , der Enkel Herrn Meders
    weìß das mit Bestimmtheit ) .
    Meine Familie wohnte zwischen 1924
    und ’32 an der großen Ausfallstraße
    nach Norden in Langenhagen und meine Tante erinnerte sich noch genau an das „tuck- tuck“ ganzer Kolonnen der einzylindrigen und etwas grotesk wirkenden Kleinautos, die damals an Sonntagen den Werkangehörigen für Ausflüge in die Heide zur Verfügung gestellt wurden !
    Dies wird auch in den Krisenzeiten nach 1929 bei den Absatzschwierig- keinen damals nicht anders gewesen sein! Mit Sicherheit gab es auch große Rabatte für den werksinternen Absatz.

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