Auf der Suche nach sich selbst: BMW 3/20 PS Tourer

„Erkenne Dich selbst“, so stand einst auf dem antiken Apollon-Tempel im griechischen Delphi. So zeitlos die Forderung auch ist, so weit weg geht es heute von der Welt der alten Griechen. Nicht nur in technischer Hinsicht, sondern auch in ästhetischer.

Denn es fällt zumindest mir äußerst schwer, den Gegenstand dieses Blog-Eintrags in irgendeiner Weise mit klassischer Schönheit in Verbindung zu bringen. Das liegt daran, dass einst jemand noch auf der Suche nach sich selbst war.

Dieser „jemand“ war eine frischgebackene Autofirma namens BMW. Nach der Übernahme der Fahrzeugfabrik Eisenach im Jahr 1929 baute man noch eine Weile den ausgereiften und bewährten Dixi 3/15 PS weiter, einen Lizenznachbau des Austin Seven.

Der war gegen Ende der 1920er Jahre nicht mehr taufrisch, hatte aber auf jeden Fall eines: Charakter und ein eigenes Gesicht – wie dieses überlebende Exemplar belegt:

Dixi 3/15 PS von 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Nach der Übernahme der Dixi-Produktion bastelte BMW eine Weile am Originalentwurf, ohne diesen jedoch wesentlich hinter sich zu lassen, um es vorsichtig auszudrücken.

Einige Einfälle der BMW-Mannen scheinen auch veritable Fehlkonstruktionen gewesen zu sein, so liest man es in der Literatur. Es sollte bis 1932 dauern, bis BMW etwas zustandebrachte, was zumindest wie etwas Neues aussah.

Das gilt jedenfalls, wenn man sich die Limousinenausführung von der Seite betrachtet, mit welcher der neukonstruierte BMW 3/20 PS seinerzeit erschien:

BMW 3/20 PS Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Besondere Mühe hatte man sich mit dem Motor gemacht, der nun 20 PS aus 800ccm herausquetschte, was für Spitze 80 km/h ausreichte. Damit konkurrierte man beispielsweise mit dem ebenfalls 1932 erschienenen Fiat 508 (20 PS aus 950ccm).

Im Unterschied zu diesem hatte man jedoch eines vergessen und das mag dazu beigetragen haben, weshalb Fiat von seinem Einstiegsmodell über 40.000 Stück binnen zwei Jahren absetzen konnte, BMW dagegen nur gut 7.000 Exemplare.

Der BMW 3/20 PS besaß nämlich praktisch kein „Gesicht“, sondern nur eine leer wirkende Kühlermaske:

BMW 3/20 PS Cabriolimousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Als ich dieses Foto fand, dachte ich zunächst, dass der eigentliche Kühlergrill hinter einem nachträglich montierten Steinschlagschutz verborgen war oder Schaden genommen hatte, weshalb man mit einem banalen Metallgitter improvisiert hatte.

Erst später ging mir auf, dass BMW hier noch auf der Suche nach sich selbst als Automarke war, weshalb man sich noch für keinen markentypischen Kühler entscheiden konnte.

Dabei hatte man in anderen Details durchaus ein glückliches Händchen, wenn es darum ging, den Eindruck eines erwachsenen Autos zu erwecken. Hier haben wir beispielsweise ein Cabriolet auf Basis des BMW 3/20 PS, das durchaus repräsentativ wirkt:

BMW 3/20 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bei dieser Aufnahme aus der frühen Nachkriegszeit hatte allerdings auch jemand ein gutes Auge für die richtige Perspektive und den passenden Bildausschnitt.

Es gab übrigens noch eine weitere Karosserieversion neben Limousine, Cabriolimousine und Cabriolet – einen Tourenwagen!

Man glaubt es kaum, dass der automobile Neuling BMW diese Anfang der 1930er Jahre kaum noch nachgefragte Ausführung anbieten zu müssen meinte.

Wer auch immer für die Gestaltung der Tourenversion verantwortlich war, kann von der Sinnhaftigkeit seines Tuns jedenfalls nicht sehr überzeugt gewesen sein – ich wüsste keinen Tourer, der so unharmonisch wirkt wie dieser:

BMW 3/20 PS Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Zum einen haben wir hier abermals die leer wirkende Kühlerfläche, die förmlich darauf wartet, irgendwie strukturiert zu werden oder zumindest einen schön geschwungenen Schriftzug zu erhalten.

Viel ungeschickter ließ sich die Frontpartie eines Vorkriegswagens kaum gestalten. Man vergleiche den BMW einmal mit einem deutschen Konkurrenten – dem ebenfalls von 1932-34 gebauten DKW F2.

Der besaß nicht nur ein modernes Frontantriebskonzept, wenngleich in Verbindung mit einem Zweizylinder-Zweitakter, sondern hatte auch ein „Gesicht“ mit hohem Wiedererkennungswert und sorgfältiger Durchgestaltung:

DKW F2 von 1934; Originalfoto aus Sammlung Jorczyk

Wer böswillig ist, könnte glatt vermuten, dass DKW der später für BMW so typischen Doppelniere am Kühler hier schon näher war als die Bajuwaren, die sich in Eisenach mit der für sie neuen Welt des Automobilbaus erst anfreunden mussten.

Vor allem aber fiel der Tourenwagenaufbau des BMW 3/20 PS vollkommen einfallslos und geradezu plump aus. Seitenansichten dieser speziellen Ausführung in der Literatur erinnern sogar an rein funktionale Linien wie bei militärischen Kübelwagen.

Doch schon aus dieser Perspektive missfällt das Fehlen jedweder die Längsachse betonender Gestaltungselemente:

Die riesig wirkende, beinahe quadratische Tür verhindert zuverlässig, dass das Auge entlang der Wagenflanke entlanggeführt wird. Außerdem hätte der Oberkante der Karosserie irgendeine Art von Profil gutgetan.

So wirkt das ganze Fahrzeug merkwürdig unfertig und uninspiriert – ganz offensichtlich war BMW hier noch auf der Suche nach sich selbst. Dass man am Ende seine Identität auch in gestalterischer Hinsicht fand, ist natürlich bekannt.

Ein hinreißendes Beispiel dafür will ich gelegentlich vorstellen…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Auf der Suche nach sich selbst: BMW 3/20 PS Tourer

  1. Einen sehr guten Schnellüberblick zu BMW-Autos der hier passenden Epoche bietet

    https://bmwism.com/all-bmws/

    vom Ihle-BMW 800 bis zum 319/1 mit Erdmann & Rossi-Karrosserie. Beim Cabriolet des 3/20 PS kann man auch die schönen Lenkradspeichen sehen, und 3 Jahre später hatte BMW mit der Doppelniere sein individuelles wie ebenso langlebiges Markengesicht gefunden.

  2. Die F5-Frontpartie scheint mit der des F2 (in der späten Ausführung mit eckigem Scheibenrahmen) weitgehend identisch zu sein. Eine Limousine gab es auch schon vom F2.

  3. Kleiner Nachtrag, den ich vergessen hatte:
    Der Kleine DKW ist natürlich keiner vom Typ F 2 . Vielmehr handelt es sich um einen F 5, der 1935 noch nichtmal den Ehrentitel „Reichsklasse“ führen durfte, sondern schlicht „Limousine“ hieß. Dies Bild zeigt übrigens an dem offensichtlich nagelneuen Wagen, wie distinguiert, geradezu vornehm auch so ein schlichtes Wägelchen mit 600 ccm wirken konnte !

  4. Danke für die Ergänzung, Herr Weigold! Meine Bemerkungen betrafen zum einen die einfallslose Kühlermaske, die in denkbarem Kontrast zum Charakter der Nachfolger stand (BMW 303 usw.) zum anderen die für die Zeit ungewöhnlich primitive Karosseriegestaltung des Tourers. Ein Profil oder eine Zierleiste war auch bei anderen Herstellern in der Kleinwagenklasse immer drin, solche handwerklichen Standards waren keine nennenswerten Kostentreiber. An der Limousine dagegen habe ich wenig auszusetzen, vom erwähnten Fehlen eines markentypischen Kühlers abgesehen.

  5. Ich denke Herr Schlenger “ beißt“ sich hier etwas zu fest an der “ Pummelichkeit“ des BMW 3/20 AM 1, was für “ erste Ausführung München “ stand. Damit sollte die weitgehende Neu- Konstruktion des englischen Ursprungstyps zum Ausdruck gebracht werden. Denn man hatte den Motor nicht nur etwas vergrößert, um auf die gewünschten vollen 20 PS zu kommen sondern auch einen neuen Zylinderkopf darüber geschraubt, in dem die Ventile direkt über dem Brenn- Raum hingen. Das viel größere Problem, die nur zweifach gelagerte KW, ließ man dagegen ungelöst !
    Wie überhaupt, aus heutiger fachlicher
    Sicht unverständlich, das Problem der in ihren, im Durchmesser viel zu gering dimensionierten Hauptlagern, freischwingenden Kurbelwellen in ihrer Drehzahl- und damit Lieistungsbegrenzenden Wirkung offenbar noch nicht ausreichend erkannt oder gewürdigt war. Zumal eine Feinwuchtung der KW noch unbekannt war oder für Gebrauchs- motoren als nicht notwendig erachtet wurde.
    Die Situation war also, analog zum kürzlich durchgenommen Konkurrenz- Modell Hanomag, die:
    Es war aus dem damals schon zweifelhaften Konzept des Kleinstautos so etwas wie ein familien- tauglicher und gebrauchstüchtiger
    Wagen zu formen, der Platz für Kinder
    oder gar die Schwiegereltern bot.
    Also war auf dem um 100mm verbreiterten, aber immer noch kleinen
    Chassis, dem neu entworfenen Kasten- profilrahmen eine möglichst geräumige Karosserie unterzubringen, die naturgemäß nicht viel Gestaltungs- spielraum für „Linienführung“ oder gar
    Eleganz bot. Die „Knubbelichkeit“ der ersten wirklichen BMWs ist , denke ich, mehr als charakteristisch !
    Alle Karosserie- Ausführungen wurden
    übrigens in Sindelfingen im Lohnauf- trag gefertigt und auch DB wollte ja verdienen! Da war für Schnörkel oder Extras wenig Spielraum…

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