Fund des Monats: Ein Rickenbacker „Eight“ Tourer

Erinnern Sie sich an meinen kürzlichen Blog-Eintrag zum Audi Typ „Zwickau“?

Dort hatte ich darauf verwiesen, dass Audi für dieses grandiose Achtzylindermodell – sowie für den 6-Zylinder-Typ „Dresden“ . Motoren verwendete, die zuvor von Rickenbacker in den USA produziert worden waren.

Der damalige Besitzer von Audi – DKW-Chef Rasmussen – hatte die Fertigungsmaschinen für die beiden Aggregate aus der Konkursmasse der Firma Rickenbacker erworben, die 1927 aufgegeben hatte.

Heute kann ich als Fund des Monats April 2022 sogar einen ganzen Rickenbacker zeigen – und noch dazu einen, der einst in Deutschland einen Käufer gefunden hatte. Das ist eine mittlere Sensation, wie wir noch sehen werden.

Doch erst einmal zum Namen Rickenbacker, der manchem vielleicht bekannt vorkommen mag. In den Staaten gab es nämlich vor dem 1. Weltkrieg einen erfolgreichen Rennfahrer namens Edward Rickenbacher – Sohn schweizerischer Einwanderer.

Er hatte als 14-jähriger eine Anstellung als Mechaniker in der Oscar Lear Automobile Company erhalten. Nur zwei Jahre später 1906 war er bereits für die Vorbereitung von Rennwagen verantwortlich und ab 1910 sah man ihn selbst am Steuer.

In der Folge war er dreimal siegreich beim 300 Mile Event in Sioux City (Iowa), außerdem gewann er die 300 Mile Metropolitan Trophy in Sheepshead Bay, die 300 Mile Races in Omaha (Nebraska) und Des Moines sowie das Ascot Park Race in Los Angeles (Quelle).

1917 meldete er sich zur US-Armee und wurde binnen kurzem ein erfolgreicher Jagdflieger über Frankreich. Mit 22 Abschüssen gegnerischer Maschinen wäre er nach deutschen Maßstäben zwar nur im unteren Drittel der Erfolgsliste gewesen, aber gemessen an der Kürze seines Einsatzes waren diese Ergebnisse bemerkenswert.

Captain Rickenbacker – er hatte seinen Namen wegen der antideutschen Stimmung in den Staaten entsprechend geändert – war nach seiner Rückkehr in die USA bekannt wie ein bunter Hund.

Das mag dazu beigetragen haben, dass der amerikanische Automanager Barney Everitt zusammen mit einem Geschäftsfreund namens Walter Flanders und weiteren erfahrenen Männern 1921 die Rickenbacker Motor Company schuf.

Rickenbacker selbst fungierte als Vizepräsident und Vertriebschef der Firma. Inwieweit er Einfluss auf die Konstruktion der nach ihm benannten Wagen nahm, weiß ich nicht.

Bemerkenswert ist jedenfalls, dass der erste Rickenbacker-Wagen ein Jahr nach Erscheinen (1922) serienmäßig mit Vierradbremsen ausgestattet wurde, ein Novum in der oberen Mittelklasse, in welcher der 58 PS leistende Sechszylinderwagen in den USA angesiedelt war.

Für das Modelljahr 1925 hatte man außerdem einen 80 PS starken Achtzylindermotor entwickelt. Einen Rickenbacker mit genau dieser Motorisierung sehen wir nun auf folgender Aufnahme, die mir Leser Klaas Dierks aus seiner Sammlung zur Verfügung gestellt hat:

Rickenbacker „Eight“ von 1925/26; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

So elegant kann ein schlichter Tourenwagen aussehen, wobei wir es hier mit einem besonders flach bauenden Karosseriekörper zu tun haben – von Rickenbacker als „Sport-Phaeton“ angeboten.

Dieser in jeder Hinsicht makellos gezeichnete Wagen mit seinem selbstbewussten Kühlerschriftzug ist sehr wahrscheinlich 1925 oder 1926 entstanden. Denn schon 1927 endete das kurze Dasein der „Rickenbacker Motor Company“.

Die Stückzahlen waren stets überschaubar geblieben, im besten Jahr 1925 entstanden etwas mehr als 8.000 Wagen – nach amerikanischen Maßstäben war das ein Fehlschlag.

Woran es gelegen hat, dass man nach vielversprechenden Anfängen und mit einem zugkräftigen Markennamen dennoch scheiterte, ist mir nicht klar. An den Qualitäten der Autos kann es kaum gelegen haben, vermutlich waren sie etwas zu teuer und dafür zu wenig eigenständig.

Interessanter ist ohnehin die Frage, wie dieser Rickenbacker einst über den Atlantik gelangt ist, denn zugelassen war er ganz eindeutig im Raum Berlin (Kennung „IA“). Ich kann mir nur vorstellen, dass jemand mit starkem Bezug zu den Vereinigten Staaten das Auto fuhr.

Der Name von Captain Rickenbacker dürfte auch in deutschen Landen nicht ganz unbekannt gewesen sein und das Markenemblem – ein umgekehrter Zylinder in einem Ring – entsprach sogar dem Staffelabzeichen seiner Einheit im 1. Weltkrieg.

Man stelle sich vor, jemand wäre wenige Jahre nach dem 1. Weltkrieg mit einem Auto in Paris umhergefahren, das den Namen „Richthofen“ (nach dem gefürchteten „Roten Baron“) auf dem Kühler trug – nicht gerade die naheliegendste Idee.

So wüsste man gern, wer der Besitzer dieses am europäischen Markt ganz und gar außergewöhnlichen Wagens war. Vermutlich wird sich das aber nicht mehr in Erfahrung bringen lassen.

Zum Trost – und weil gerade der Frühling neue Farbe in unser Leben bringt – kann ich immerhin mit einer kolorierten Fassung dieses bemerkenswerten Zeugnisses aufwarten…

Rickenbacker „Eight“ von 1925/26; Originalfoto aus Sammlung Klaas Dierks

Nachtrag: Wie mir Thomas Ulrich (Berlin) mitteilte, war dieser Rickenbacker 18/80 PS auf einen Georg Leisegang zugelassen.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

4 Gedanken zu „Fund des Monats: Ein Rickenbacker „Eight“ Tourer

  1. Danke für diesen Hinweis!

  2. Hallo Michael,

    das auf dem Foto ersichtliche Emblem mit dem Hut im Ring ist natürlich eine Anspielung auf das Sprichwort, seinen Hut in den Ring zu werfen, also den Kampf mit jemanden aufzunehmen. Diese Metapher passt sowohl zur persönlichen Herkunft von Rickenbacker als Kampfflieger als auch zur übermächtigen Konkurrenz der etablierten amerikanischen Automobilhersteller mit denen er den Kampf aufnahm ( und verlor).
    Beste Grüße

    Claus

  3. Der Name des Flieger-Asses Eddy Rickerbacker ist mir schon seit meines Interesses für Flughistorie als Schüler geläufig – und natürlich durch den Transfer der Motoren-Linie nach Deutschland durch Rasmussen …
    Wie nun kam so ein Amerikanischer Exot in den Geltungsbereich des pol. Kennz. IA ?
    Die hochwassergleiche Überschwemmung des reichsdeutschen Automarktes ab 1924
    war schon oft Thema dieses Blogs.
    Es ist aber anzunehmen, daß auf eine erfolgreiche Etablierung im Markt 2-3
    erfolglose oder nur kurzzeitig erfolgver – sprechende Versuche kamen zu denen vielleicht auch dieser Fall zu
    rechnen wäre!
    Im Übrigen : Als Angehöriger der Elite
    gehörte man zum Steam- Set – man schaffte sich nach USA auf einem der Atlantic- Liner ein und konnte sich von dort einen echten Ami mitbringen .
    Im Rasmussen- Buch von Immo Sievers gibt’s ein Bild der Familie Rasmussen 1925 in „ihrem“ Lincoln- Tourer.
    Er wird ihn wohl von seiner ersten US- Studienreise mitgebracht haben!
    In den lesenswerten Büchern von Dr.
    Albert Lorenz, dem 18 Jahre älteren Bruder des Verhaltensforschers Konrad Lorenz, schildert er, der lange Jahre mit seinem seinerzeit als Schöpfer der modernen Orthopädie bekannten Vater Prof. Adolf Lorenz
    Über den Winter in den USA praktizierte und die Kinder reicher Amerikaner „zurechtbog“.
    Man brachte sich dann jeweils ein schönes Dickschiff mit nach Wien – per Schiff !
    Er schildert u. A. wie er sich – frisch vermählt – in Cherbourg Ausschiffung,
    m mit seiner Frau im nagelneuen Wagen quer durch Frankreich an die Cote ‚d azur und über Norditalien nach
    Wien zu lustwandeln während der Professor den Nachzug nahm.
    Das war ein Leben !

  4. Ein besonders interessantes Rickenbacker-Modell ist das mit seiner Rücksitzbank im Innenraum karossierte 4-Passenger-Coupé, das es 1923-1925 mit Sechszylinder als B6, C6 und D6 gab. Das Buick Doctor Coupé von1924 hatte ähnliche Proportionen, war aber – seinem Namen gerecht werdend – für Kriegsversehrte mit steifem Bein oder eben für einen behinderten oder kranken Passagier optimiert, und noch weniger familienfreundlich waren die vielen zweisitzigen Coupés, deren weitere Passagiere wie etwa die Schwiegermutter auch bei Wind und Regen mit dem Rumble Seat Vorlieb nehmen mußten.

    Aber auch zum hier gezeigten Achtzylinder-Tourer bot Rickenbacker tolle Alternativen mit dem B8 als Coupé mit Dreiecksfenster und Windabweisern sowie dem B8 Super Sport mit geteilter Windschutzscheibe, Art deco Armaturen, der eleganten C-Säule und dem chicen Bootsheck samt Zweifarbenlackierung :

    https://rickenbackermotors.org/1925-sn25580-b8-coupe/

    https://rickenbackermotors.org/1926-sn28885-b8-super-sport/

    https://rickenbackermotors.org/1925-sn57964-d6-coupe/

    https://rickenbackermotors.org/1923-sn10585-b6-coupe/

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