Rätselhaft wie Prinz Hamlet: Ein Protos in Helsingør

Wer in den 1980er Jahren Insasse eines hessischen Gymnasiums war, wurde in Sachen klassische Bildung nach meiner Erfahrung reichlich kurz gehalten.

Im Kunst- und Musikunterricht wurde uns wenig bis nichts vermittelt, was die grandiosen europäischen Traditionen angeht. Unstrukturiert und uninspiriert sprang miserables Lehrpersonal durch die Geschichte und biss sich an mediokren Zeitgeistphänomen wie „Elektronikmusik der 70er“ oder „Industrial Design“ fest.

In zweierlei Hinsicht denke ich aber gern an meine Zeit auf der altehrwürdigen Friedberger Augustinerschule zurück:

In Latein bekam ich die komplette Grammatik dieser Sprache systematisch beigebracht und noch heute profitiere ich von dem Verständnis der Linguistik, das ich damit nebenbei erwarb – für mich als professionellen Übersetzer von unschätzbarem Wert.

Dann gab es einen an sich mittelmäßigen Englischunterricht, in dem man wenig lernte, was einen auf alltägliche Situationen in Urlaub und Beruf vorbereitete und der von einem morgens verschlafen einlaufenden Lehrer abgehalten wurde.

Doch der ließ uns – vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht aus Leidenschaft – den kompletten „Hamlet“ von William Shakespeare im Originaltext des frühen 17. Jahrhunderts lesen und zwar wie im Theater in verteilten Rollen. Dafür danke ich ihm noch heute.

Der sprachlichen Klasse von Meister Shakespeare entspricht die Komplexität der von ihm erschaffenen Personen. Im Fall von Hamlet handelt es sich um eine Figur, von der man wenig Gesichertes erfährt und das ganze Drama über hat man den Eindruck, dass er selbst nicht weiß, wer er eigentlich ist und was sein Daseinszweck ist.

Damit bekomme ich endlich die Kurve zu dem Foto, das ich heute zeigen will:

Protos Tourenwagen um 1913; Originalfoto via Uffe Mortensen (Dänemark)

Diese schwer zu übertreffende Aufnahme verdanke ich Leser Uffe Mortensen aus Dänemark. Er lebt in Helsingør auf der Schweden vorgelagerten dänischen Insel Seeland.

Dort entstand nicht nur dieses Foto, dort spielt auch der fiktive „Hamlet“ von Shakespeare – auf Schloss Kronborg, um genau zu sein (im Drama „Elsinore“).

So geheimnisvoll und schwer zu greifen wie der Charakter des dänischen Königssohns, der sich mit dem Mörder seines Vaters auf dem Thron konfrontiert sieht und auf Rache sinnt, um am Ende selbst unterzugehen, so schwer ist es, diesen Protos näher anzusprechen.

In einer anderen europäischen Kulturnation wäre es undenkbar, doch Protos ist eine der vielen einst international hochbedeutenden deutschen Automarken, zu denen es bis heute keine ernstzunehmende Gesamtdarstellung gibt.

Einige der Modelle aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sind zwar recht gut dokumentiert – speziell die Modelle G1 6/14 PS und G2 6/18 PS. Die meisten Abbildungen davon finden sich allerdings in meiner Protos-Galerie und sich selbst zu zitieren, ist nicht die beste Idee.

Dennoch bleibt mir als Laien nichts anderes, als eigene Vermutungen in Sachen Protos anzustellen. So findet sich in meinem Fundus ein ähnlicher Wagen wie auf dem Foto aus Helsingør:

Protos G-Typ: Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Neben etlichen Übereinstimmungen finden sich hier jedoch auch einige abweichende Details: So weist der in Dänemark abgelichtete Protos 12 statt 10 Radspeichen auf, was auf eine stärkere Motorisierung hindeutet.

Ein weiterer Unterschied betrifft das Kühleremblem, welches bei Protos vor dem 1. Weltkrieg öfters geändert wurde. Jedenfalls würde ich den zuletzt gezeigten Wagen, der im 1. Weltkrieg in Küstrin aufgenommen wurde, auch aufgrund der Proportionen als eines der kleineren G-Modelle ansprechen, die bis 1914 gebaut wurden.

Bei dem Protos in Helsingør könnte es sich um eines der nur sporadisch dokumentierten Modelle F 18/45 PS oder eventuell ein Modell C 10/30 PS handeln, das erst 1913 eingeführt wurde und die Basis für das erfolgreiche Protos-Nachkriegsmodell bildete.

Dazu würde auch die Kühlergestaltung passen, die sich kurz vor dem 1. Weltkrieg nochmals geändert zu haben scheint. So wurde das stärker ornamentale Oberteil durch ein schlichtes ovales Feld mit dem Markenschriftzug ersetzt:

Vielleicht kennt ein Leser ja die Chronologie der Protos-Kühlerembleme – mir ist bislang keine solche Darstellung bekannt.

Unterdessen gehört meine Sympathie auf diesem Dokument auch den Individuen, die sich stolz mit dem Protos haben ablichten lassen, vermutlich am Bahnhof von Helsingør.

Diese Arbeiter waren wohl für die Dänischen Staatsbahnen tätig, welche den Protos transportiert hatten – vielleicht anlässlich einer Auslandsreise, die einen Bahntransfer nahelegte.

Dafür, dass der Wagen frisch aus Berlin angeliefert worden wäre, sieht er zu stark gebraucht aus, wenngleich ein leeres deutsches Nummernschild montiert zu sein scheint, was an sich für einen Neuwagen sprechen würde.

Man sieht: Der Charakter dieses Wagens ist mindestens so schillernd wie der von Prinz Hamlet in Shakespeares Drama. Auch dort begegnen einem übrigens etliche reizvolle Nebendarsteller – wie auf diesem Foto:

Geheimnisvoll mutet hier nicht nur die Person am Steuer an, auch die beiden Mädchen auf der Rückbank entziehen sich der Einordung, das eine scheint es sogar darauf anzulegen, ganz unerkannt zu bleiben – vermutlich blendete es aber bloß die Sonne.

Am Heck sehen wir einen weiteren selbstbewusst posierenden Arbeiter – was abermals die Frage nach der Situation aufwirft, die hier fotografisch festgehalten wurde.

Wie in Shakespeares Werken ist es die Liebe zu den scheinbar nebensächlichen Figuren, welche die Qualität des Ganzen ausmacht.

Im vorliegenden Fall hat sich noch jemand hineingemogelt, der bei der Komposition des Ganzen gar nicht vorgesehen war, aber zum rechten Zeitpunkt seinen Auftritt hatte: die Person am geöffneten Fenster im zweiten Stock des Backsteinhauses im Hintergrund!

Details wie diese gehören zur Schönheit solcher alten Momentaufnahmen und sie lassen uns darüber hinwegsehen, dass wir vielleicht nie genau erfahren, was für ein Charakter genau uns hier begegnet – ganz wie der auf ewig mysteriöse Prinz Hamlet…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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