Heiß-Macher: DKW Kompressor-Renner von 1932

Was verbindet man landläufig mit einem Tuner? Die Hifi-Freunde bezeichnen damit ein sich bedeutend gebendes Radioempfangsgerät und die Gebrauchtwagen-Fraktion jemanden, der Serienautos mit lautem Auspuff und hartem Fahrwerk langsamer und instabiler macht.

Vor dem 2. Weltkrieg kannte man beides nicht – dafür gab es andere merkwürdige Leute, die brave Großserienmotoren „frisierten“ und „heißmachten“. Was ist von solchem Treiben zu halten? Nun, eine ganze Menge, wenn man die richtigen Männer ranlässt.

Vom Tun – nicht Tuning – eines dieser Heiß-Macher kann ich heute ein eindrucksvolles Dokument zeigen. Und wie es der Zufall will, hieß der Verantwortliche auch noch Gerhard Macher – manche Namen sind einfach Programm.

Das wäre mir allerdings nicht möglich, wenn mich Vorkriegsrennsport-Experte Michael Müller nicht auf die richtige Fährte gebracht hätte. Er hat das Foto, um das es geht, nach einigen Recherchen in seinem Fundus richtig einordnen können und am besten zitiere ich ihn selbst an den entscheidenden Stellen.

Die Welt des Vorkriegsrennsports ist mir zwar nicht völlig fremd, doch habe ich davon letztlich nur oberflächliche Kenntnis. Ab und zu läuft mir ein Foto zu, das an diese technisch und kulturhistorisch bedeutende Facette der Mobilität erinnert.

Die folgende Aufnahme, die mir Leser Volker Wissemann zur Verfügung gestellt hat, ist so ein Fall. Sie passt perfekt an den Anfang der Geschichte, die ich heute erzählen darf:

DKW PS 600 Rennversion; Originalfoto aus Sammlung Volker Wissemann

Der Renner, der hier dynamisch durchs Bild prescht, war der erste vom DKW-Werk gefertige Wagen mit ernshaften sportlichen Ambitionen – der Typ PS 600.

Basierend auf dem braven DKW P 15 PS hatte man damit eine leichtere und etwas stärkere (20 PS) Variante geschaffen, die ab 1929 zum Einsatz kam. Davon gab es übrigens auch eine Straßenversion mit 18 PS, etwas mehr Blech und Notverdeck.

Unterdessen arbeiteten die DKW-Rennleute längst an wirklich heißgemachten Sportwagen, die dem PS 600 nur noch äußerlich ähnelten.

O-Ton Michael Müller: „Auf Basis des PS entstanden 1929 vier Werkswagen, die beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring zum Einsatz kamen. Die Autos hatten Vierzylinder-Motoren, die aus zwei Zweizylinder-Motorradagreggaten zusammengesetzt waren und eine Ladepumpe besaßen.“

Einen davon fuhr Gerhard Macher. „Macher war ein Zweitaktmann mit Leib und Seele, Werkstattleiter bei der großen Berliner DKW-Vertretung Bittrich.“ Er war 1928 von Dixi in Eisenach gekommen und hatte bereits mit dem Dixi 3/15 PS Sporterfahrung gesammelt.

Macher trat Anfang 1929 mit einem heißgemachten DKW P 15 bei der Rallye Monte Carlo an und regte anschließend im Spandauer DKW-Werk den Bau des PS 600 an. Er stand auch in Kontakt mit Arnold Zoller, dem damaligen „Zweitakt-Kompressor-Papst“.

1930 wurde wiederum auf Initiative Machers ein neuer DKW-Werksrennwagen gebaut – abermals mit Vierzylinder-Doppelmotor, nun aber mit 1100ccm und mit den Achsen des neuen Serienmodells DKW 4=8.

Ich zitiere wieder Michael Müller: „Das Auto wurde für die Saison 1932 erneut umgebaut, nun mit einem Bimotor mit zweimal 400ccm (bzw. 375 ccm, je nach Hubraumklassen der Veranstalter) und Zoller-Kompressor.“

Arnold Zoller war 1931 zu DKW gekommen, um den DKW-Motoren ordentlich Dampf zu machen, vor allem im Zweiradbereich. Seine Kompetenz wurde aber auch von Gerhard Macher geschätzt, der nun Zoller für die Autosparte einspannte.

Der mit Zoller-Kompressor ausgestattete DKW-Werksrenner von anno 1932 „wurde mit einer aerodynamischen Front versehen, und genau um den geht es bei dem Foto“. Das schrieb mir Michael Müller zu dieser Aufnahme:

DKW Werksrennwagen von 1932; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Bedingt durch Belichtung und Aufnahmequalität erscheint bei diesem Schnappschuss der Kühlereinlass heller, als er tatsächlich war.

Das tut aber der Tatsache keinen Abbruch, dass wir hier einen 1932er DKW-Werksrenner mit Zoller-Kompressor auf uns zurasen sehen, wie er unter anderem auf der AVUS in Berlin, aber auch bei lokalen Veranstaltungen wie dem Lückendorfer Bergrennen eingesetzt wurde (Quelle: Michael Müller).

Dass wir es bei diesem heißgemachten Zweisitzer mit einem sportlichen DKW-Derivat zu tun haben, hatte ich zwar aufgrund der Vorderachskonstruktion in Erwägung gezogen, doch wäre ich nicht imstande gewesen, dieses Fahrzeug zu identifzieren.

Genau dafür hat man Freunde und Gleichgesinnte in der Vorkriegsszene. Michael Müller konnte übrigens noch einen drauflegen und lieferte mir eine Aufnahme der nächsten Ausbaustufe des 1932er DKW-Rennwagens.

„Für die Saison 1933 wurde der DKW zum Monoposto umgebaut, er war der erste Renwagen mit den vier Auto-Union-Ringen. Der Motor soll 80 PS geleistet haben, was in Anbetracht des Kompressors und der Mitarbeit Zollers glaubhaft ist.“

Und genau dieses gemeinsame „Machwerk“ mit gerade einmal 800ccm Hubraum sehen wir anlässlich des Debüts beim AVUS-Rennen 1933:

DKW 800 Macher-Zoller-Rennwagen von 1933; Originalfoto via Michael Müller

Bei solchen Dokumenten und derartig genialen „Machenschaften“ könnte man glatt noch zum Rennsportfan werden – doch dafür bräuchte es ein zweites Leben.

Glücklich kann sich daher schätzen, wer sich auf Enthusiasten verlassen kann, deren Passion bereits die Renngeschichte ist und die ihren Wissensschatz nicht für sich behalten.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein Gedanke zu „Heiß-Macher: DKW Kompressor-Renner von 1932

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Bericht!
    Durch Zufall konnte ich vor ca. 8 Jahren einen Arnold Zoller Rennmotor im Hamburger Prototyp Museum bestaunen. Bei diesem Motor handelte es sich um den GP Motor von 1934, welcher auf der Avus sein Debüt gab. Dieses Fahrzeug sollte neben den Rennteams von Mercedes und der Auto Union die internationalen Rennen, der 750kg Klasse, bestreiten (jedoch in der 1,5 Liter Hubraum Klasse). Die Konstruktion des Motors ist noch wesentlich interessanter. Es handelte sich hier ebenso um einen 2-Takt Motor, jedoch um einen eigens entwickelten 6 Zylinder Doppelkolbenmotor (mit angelenktem Pleuel nach System Zoller). Der Motor erhielt eine Aufladung durch ein Zoller Flügelzellenlader, womit eine Leistung von ca. 200Ps erzielt worden sein soll.
    Leider waren die Motoren durch thermische Probleme nicht standsicher. (An Doppelkolbenmotoren ist konstruktionsbedingt der auslassseitige Kolben thermisch sehr stark belastet, da er zyklisch nicht durch frisches Kraftstoff-Luft Gemisch gekühlt wird). Der frühe Tod von Herrn Zoller verhinderte leider eine Weiterentwicklung dieser Motorentypen.

    Zur weiteren Info:
    Herr Zoller war in den 20er- 30er Jahre davon überzeugt, dass ein hochverdichteter 2-Takt Motor die Automobilindustrie verändern wird. Durch die asymmetrische Ventilsteuerung eines Doppelkolben 2 Taktmotors, werden Spülverluste des Frischgases verhindert, wodurch der Treibstoffverbrauch gegenüber herkömmlichen 2-Takt Motoren erheblich reduziert wird. Kombiniert mit der von ihm weiter entwickelten Aufladung der Motoren, können 2 Taktmotoren mit einer Getrenntschmierung betrieben werden (Betrieb mit reinem Benzinkraftstoff ohne Öl Anteile). Durch diese beiden Kerngedanken wollte er einen hochdrehenden, elastischen und effizienten Motor entwickeln, welcher die Notwendigkeit eines Getriebes ablösen sollte.
    Diese Kerngedanken wurde von verschiedensten Firmen immer wieder aufgegriffen selbst in der jüngsten Automobilentwicklung (Beispiel Range Extender von Hybrid PKW).

    Beste Grüße aus der Lausitz von einem passionierten 2 Takt Tuner und Oldtimerfreund.

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