Kleiner Mann auf großer Fahrt: Hanomag 3/18 PS

Für den „kleinen Mann“ baute Hanomag zwar nie einen Wagen – dafür waren die Konstruktionen des Maschinenbauers aus Hannover schlicht zu teuer, übrigens auch das minimalistische „Kommissbrot“, ein ab 1925 gebautes 10 PS-Wägelchen.

Anfang der 1930er Jahre – genauer: ab 1931 – bot Hanomag neben seinem Einsteigermodell 3/17 PS mit 800ccm-Vierzylinder das Modell 4/23 PS an.

Dieses machte einen durchaus erwachsenen Eindruck, und besaß ab 1932 eine charakteristische Kühlerpartie, die nach unten hin spitz zulief:

Hanomag 4/23 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die senkrechte Frontscheibe scheint auf die frühe Ausführung zu verweisen, ab 1934 gab es eine modellgepflegte Version mit schräggestellter Scheibe und bis zu dieser reichender Motorhaube, die dann als Hanomag „Garant“ verkauft wurde.

Auf obiger Abbildung achte man vor allem auf den annähernd senkrechten Verlauf des vorderen Türendes – darauf kommen wir noch zurück.

Für den kleinen Mann war der 23 PS-Hanomag unerreichbar – zumindest in finanzieller Hinsicht: Rund 3.000 Reichsmark waren dafür auf den Tisch zu blättern. Das entsprach 1931 mehr als anderthalb Brutto-Jahreseinkommen eines sozialversicherungspflichtigen Deutschen.

Übertragen auf die heutigen Verhältnisse (Durchschnittseinkommen im Jahr 2022: ca. 38.000 EUR) würde das bedeuten, dass man annähernd 60.000 EUR für ein Auto der unteren Mittelklasse aufbringen müsste.

Dieser Vergleich macht anschaulich, wie enorm teuer damals selbst einfache Automobile aus Sicht des Durchschnittsdeutschen waren.

Hanomag sah das Problem und dachte, dass es durch „Downsizing“ ein breiteren Schichten zugänglicheres und dennoch vollwertiges Fahrzeug anbieten könne. Dazu bot man neben dem 4/23 PS-Typ ab 1932 einen sehr ähnlichen 3/18 PS-Typ an.

Dieser war allerdings mit rund 2.500 Mark immer noch zu teuer für Otto Normalverbraucher und verkaufte sich daher kaum. Entsprechend schlecht ist der Hanomag 3/18 PS in der Literatur dokumentiert.

Nur ein Foto in der alten Ausgabe von Werner Oswalds Klassiker „Deutsche Autos 1920-1945“ konnte ich finden, das ein vom 4/23 PS etwas abweichendes Äußeres erkennen lässt. Hauptmerkmal scheint der schräge Verlauf der Türvorderkante gewesen zu sein:

Hanomag 4/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Auch das Fehlen von Radkappen und einer Vorderstoßstange spricht zumindest für eine einfachere Ausführung. Vorläufig bin ich der Ansicht, dass ein Hanomag mit diesem Erscheinungsbild eher ein 3/18 PS-Typ war als der parallel angebotene 4/23 PS-Typ.

Ich lasse mich diesbezüglich gern eines Besseren belehren, am besten anhand von Fotos eindeutig identifizierter Fahrzeuge.

So oder so – das hatte ich bereits ausgeführt – war auch der Hanomag 3/18 PS nichts für die sogenannten „kleinen Leute“ – also die Masse der Deutschen, die seinerzeit zu Fuß, mit dem Rad oder mit Bus bzw. Straßenbahn zur Arbeit gelangten.

Doch zumindest in einem Fall kann ich beweisen, dass es auch für einen kleinen Mann einst auf große Fahrt mit einem Hanomag 3/18 PS ging – hier sehen wir ihn:

Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dass die Mutter, die den Bub auf dem Arm hält, ganz gewiss nicht zu den „kleinen Leuten“ gehörte, ist unübersehbar. Sie überragt den Hanomag mit seinen 1,63 Meter Höhe deutlich.

Nun fragen Sie sich vielleicht, weshalb ich diesen Hanomag als 3/18 PS anzusprechen geneigt bin. Man sieht schließlich nicht, wie die vordere Türkante verläuft – überdies kommt er mit Stoßstange und Radkappen daher.

Müsste das nicht eher ein Hanomag 4/23 PS sein? Nun, meine These stützt sich auf ein zweites Bild desselben Wagens.

Denn der Hanomag mit Kennzeichen aus dem Raum Berlin ging einst mit dem kleinen Mann auf große Fahrt – und zwar in den Alpenraum, wo die folgende Aufnahme entstand:

Hanomag 3/18 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer hier genau hinsieht, erkennt den schrägen Verlauf der Türvorderkante. Wenn meine These stimmt, handelte es sich bei diesem Hanomag um ein 3/18 PS-Modell, offenbar mit Stoßstange und Radkappen als Extra.

Ich kann aber auch falsch liegen, denn wirklich gründliche und umfassende Literatur zu allen Hanomag-PKW-Typen gibt es ja bis heute nicht – (k)ein Witz.

Nicht auszuschließen ist, dass der schräge Verlauf der Türvorderkante ein Charakteristikum der Cabrio-Limousine aller Hanomag-Typen der frühen 1930er Jahre war – unabhängig von der Motorisierung.

Dann bleibt aber die Frage – die ich womöglich schon einmal in den Raum gestellt habe: wie unterschieden sich äußerlich der Hanomag 4/23 PS und die „Billigausführung“ 3/18 PS?

Wenn sich hier Klarheit gewinnen ließe, könnte das in meine Hanomag-Fotogalerie einfließen – die größte für jedermann zugängliche überhaupt…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

7 Gedanken zu „Kleiner Mann auf großer Fahrt: Hanomag 3/18 PS

  1. Besten Dank, Herr Lindner. Habe mir das Originalfoto noch einmal angesehen – das Kennzeichen endet definitiv mit einer Null. So haben Sie mir einen sehr wertvollen Hinweis gegeben!

  2. Guten Tag Herr Schlenger,

    im 1934er Auto-Adressbuch für Berlin ist unter dem Kennzeichen IA-34380 ein Hanomag mit 18 PS eingetragen. Ich dachte zwar erst beim flüchtigen Hinsehen, dass die letzte Ziffer auf den Nummernschild eine 8 sei, aber mittlerweile denke ich, dass es doch eine Null ist. Somit sollten Sie mit Ihrer Einschätzung richtig liegen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jörg Lindner

  3. Allerbesten Dank, Herr Schmidt – ich schätze, Sie haben den Sachverhalt hervorragend zusammengefasst.

  4. Nein, das Buch hilft nicht weiter – schön gemacht und schätzenswert, aber was die PKW-Typen von Hanomag angeht viel zu oberflächlich.

  5. Der Chromgrill zwischen „N“ und „K“ … so könnte man dieses heutige Thema umreißen. Zur Abrundung der Bildanalyse möchte ich zunächst noch weitere, schon besprochene Bilder wie etwa die „Hamburger Deern“ erneut beiziehen :

    Bild 1: Dunkel lackierte Faltdachlimousine, Türanschlag A-Säule, Hupe mittig, Stoßstange und Felgen mit Radkappen (vgl. IM-4322 Ambi-Budd in Vollausstattung)

    Bild 2: IE-98920 (auf Osterpostkarte mit Hund) vermutlich Limousine, mit bis zur C-Säule umlaufender Chromreling auch über der Windschutzscheibe, sonst Grundausstattung, hell lackiert, Selbstmördertüren (Anschlag B-Säule), Hupe hängend, Felgen ohne Radkappen (vgl. IH-35934 mit Stoßstange, ohne Radkappen)

    Bild 3/4: 1A-34389 – Cabriolimousine, Selbstmördertüren (Anschlag B-Säule), Hupe mittig, Stoßstange und Felgen mit Nabenkappen (vgl. HH-14020 mit Stoßstange, ohne Radkappen und IP-53271 in Grundausstattung)

    Die von Bild 2 abweichende Limousinenkarosserie von Ambi-Budd sieht man bei HB-6461 aus Gotha, nur seitliche Reling, Türanschlag A-Säule, Vollausstattung mit Stoßstange und Radkappen, Hupe mittig

    Mit demselben, oben glatten, aber unten keilförmig auslaufenden Kühlergrill gibt es noch die beiden Cabriolets – das Bild von Herrn Bengsch mit den beiden Damen im Auto und dem daneben stehenden Herrn paßt zu den hier besprochenen 3/18 oder 4/23; jedoch ist IS-0418 aus Hannover mit der posierenden Dame in der Beifahrertür als 6/32 PS Typ 15K zu betrachten. Daher auch die Klappen anstelle der Luftschlitze, so wie man sie beim nachfolgenden Rekord sah.
    Schließlich zeigen auch die beiden 4-türigen Limousinen (Düsseldorfer IY-6957 und IS-39652) Unterschiede : Der Grillrahmen ist wie bisher oben glatt und unten spitz, jedoch hebt sich beim dunklen Düsseldorfer die verchromte Mittelstrebe vom sonst schwarzen Kühlergrill ab, und der Abstand zwischen seinen senkrechten Luftschlitzen und der A-Säule ist größer.
    Demggü. hat der helle Viertürer die schmäleren Längsstreben durch ein Maschengitter ersetzt, und wirkt mit dem kurzen Abstand seiner schrägen Luftschlitze zur A-Säule jünger sowie auch stärker motorisiert. So könnte man einen Kurier-Vorgänger vermuten, jedoch wird hier schon für 1934 ein ganz anderes (späteres ?) Design gezeigt :

    https://www.edle-oldtimer.de/hanomag-kurier

    Stoßstangen und Radkappen sind letztlich Anbauteile, diese könnten ausgetauscht (Stoßstangen) oder verloren (Radkappen) gegangen sein, daher hielt ich mich primär an die so markante und elegante Kühlerfront, die wohl beim 3/18 wie auch beim 4/23 identisch zu finden ist. Wie schon bei der N-Serie (N53 = 3/17, N63 = 4/23) gab es neben Ambi-Budd noch weitere Karosserielieferanten. Hier wie auch bei Adler, Ford usw. dürfte der Lieferweg entscheidend sein : Kamen die Aufbauten z.B. von Ambi-Budd aus dem Berliner Preßwerk nach Hannover, um dort zum fertigen Kraftwagen montiert zu werden, oder wurde ein Fahrgestell samt Technik und Ausstattungsteilen nach Stuttgart, Wülfrath oder Heilbronn geliefert ? Je spezieller und außergewöhnlicher, umso mehr dürfte das Resultat von der Serienfertigung abgewichen sein. Im Interesse einer möglichst einheitlichen und standardisierten Produktion sowie auch der „Corporate Identity“, also dem Markengesicht sollten doch alle Beteiligten gerade von der Anlasserkurbelaufnahme bis zur Spritzwand, also für die komplette Motorraumumhüllung das vorgesehe Design konsequent beibehalten haben !? Anhand des Kühlergrills und der Haubenhälften sehe ich auch keine Merkmale, die „billig“ von „Luxus“ unterscheiden würden.
    Kurzfristige und mehrfache Änderungen … das gab es auch 30 und 40 Jahre später, ich erinnere mich da an eine VW-Reklame aus den 70er Jahren : Da hieß es nicht nur, daß er läuft und läuft und läuft, sondern auch, daß am Käfer schon Zehntausende von Teilen modifiziert und verbessert wurden. Erinnern kann ich mich an die Scheinwerfer, das Lenkrad und die Türgriffe – und sicherlich sind gut 3 Dutzend Änderungen auf den ersten Blick ersichtlich. Tausende anderer Modifikationen würde man aber nur beim TÜV oder in der Werkstatt oder gar erst bei vollständiger Zerlegung sehen – da fällt die Zuordnung beim 3/18 Typ 900 und 4/23 Typ 11 schon schwerer, und „Typ 9“ hätte zu Typ 11 besser gepaßt bzw. „Typ 1100“ zu 900. Hinzu kommt, daß man mit 4/23 PS weniger falsch machen kann, denn so hieß auch schon die leistungsstärkere Variante des 3/17 PS aus der N-Serie, während zum 3/18 PS doch nur die hier gezeigte Frontansicht passen kann. Unklar erscheint auch die Zuordnung der ersten Garant- (11/4) und Kurier-Baureihe (11K), denn wegen des längeren Radstands und v.a. der Fahrzeugbreite von 1,52m statt 1,44m beim Kurier wäre eigentlich nur der Garant mit den hier besprochenen 3/18 und 4/23 verwechselbar. Hier würde ich die Coburger Cabriolimousine IIU-56197 ebenfalls als Garant einordnen, während das Baujahr 1934 wohl die meisten Zuordnungsprobleme bereitet. Immerhin sind Rekord (15K) und Sturm (22K/23K) so dokumentiert, daß sich zeitgleich zum Kurier 11K diese größeren Typen 15K und 22K zusortieren lassen.

    https://classiccarcatalogue.com/HANOMAG_1934.html

    Hiernach gäbe es als 4-türige Limousine den 6/32 PS mit derselben Kühlergrillform wie beim 3/18 bzw. 4/23; und auch der 11/4 wird bereits als „1,1 Liter Garant“ bezeichnet. Ob der Prospekt nun der Realität voraus war, oder hinterherhinkte …
    Mit den Adler-ähnlich gewölbten Kühlergrills wurde es leichter unterscheidbar, zumal dann alsbald wie bei Ford und Stoewer auch die Modellnamen angebracht waren. An dieser Stelle kann man auch die bildliche Darstellung des Kuriers in der weltweiten online-Enzyklopädie nur als irritierend bezeichnen, und das Ausführlichste, was es an Bildbelegen gibt, findet man hier in der Vorkriegs-Klassiker-Rundschau ! Die gesammelten Bilder bieten wohl so die beste Chance zur Aufklärung, auch wenn manche Sonderfälle in der Chronologie rätselhaft bleiben, weil die Änderung vielleicht auf einer Unfallreparatur beruht. Letztlich habe ich mir selber gerade mehr geholfen als Ihnen, Herr Schlenger … denn den 6/32 PS 15K als frühen Rekord hatte ich bislang komplett übersehen.

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