Für Kenner klar gekennzeichnet: Citroen C6 Cabriolet

Mit dem Gegenstand meines heutigen Blog-Eintrags sorge ich einerseits für klare Verhältnisse, andererseits halte ich für Kenner ein Rätsel parat. Am Ende findet sich hoffentlich jemand, der es auflösen kann.

Doch beginnen wir zunächst mit einer kurzen Rückblende: 1928 brachte Citroen einen neu konstruierten Mittelklassewagen auf den Markt, der als Typ C4 mit Vierzylinder und als Typ C6 mit Sechszylinder verfügbar war.

Speziell von vorne waren die beiden Versionen auch für Kenner nur schwer auseinanderzuhalten, sodass man sich in Fällen wie dem folgenden damit abfinden muss, den genauen Typ nicht sicher ermitteln zu können – wofür uns die junge Dame neben dem Wagen jedoch entschädigt:

Citroen C4 oder C6 ab 1928; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Mit ansehnlicher Eleganz ist indessen auch der Wagen selbst ausgestattet – mit dem schlanken, sich nach oben verjüngenden Kühler und dem harmonisch wirkenden Kurvenspiel der gesamten Frontpartie war dieser Citroen sehr attraktiv gestaltet.

Dem entsprachen im Fall der Sechszylinder-Ausführung bemerkenswerte Leistungsdaten: Das 2,4 Liter messende Aggregat leistete 45 PS und ermöglichte ein Spitzentempo von 105 km/h.

Das mag heute nicht sonderlich viel erscheinen, aber schauen wir doch einmal, was die deutsche Konkurrenz damals in dieser Klasse zu bieten hatte:

Von Adler gab es den gleichstarken Sechszylindertyp „Standard 6“ mit 2,5 Liter-Motor, der deutlich behäbiger war – bei 90 km/h war Schluss. Der äußerlich sehr ansprechende Brennabor Typ AK mit 10/45 PS Sechszylinder gab sogar schon bei 85 km/h auf.

Mercedes-Kunden wurde beim Sechszylindermodell „Stuttgart 260“ immerhin 50 PS in Aussicht gestellt, doch auch dort war die Höchstgeschwindigkeit auf 90 km/h limitiert. Das schaffte selbst der nur 2 Liter große Sechszylinder des braven Opel 8/40 PS.

Dann wäre da noch der 6-Zylindertyp 10/50 PS von Presto – für diesen wurden sogar nur 80 km/h Spitze angegeben. Wanderers charmantes Sechszylindermodell W11 10/50 schließlich brachte es immerhin auf 90 km/h.

Gewiss, Höchstgeschwindigkeit hatte bei vielen Kunden hierzulande Ende der 1920er Jahre nicht denselben Stellenwert wie einige Jahre später nach dem Bau der ersten Autobahnen. Dennoch fragt man sich, weshalb man bei Citroen in der gleichen Hubraum- und Leistungsklasse so viel großzügiger sein konnte.

Waren die Motoren von Citroen aufgrund der Anforderungen der Großserienproduktion anders konstruiert, präziser gefertigt und daher auch unter Vollast standfester?

Immerhin entstanden vom Sechszylindermodell C6 über 60.000 Exemplare, das ist mehr als bei allen oben genannten deutschen Konkurrenzprodukten in derselben Klasse zusammen.

Jedenfalls verwundert es nicht, dass die schnellen französischen Wagen auch bei deutschen Kennern Anklang fanden; sie wurden auch im Kölner Citroen-Werk gefertigt.

Im benachbarten Ausland begegnete man dem Citroen C4 und C6 ebenfalls auf Schritt und Tritt. Und heute kann ich endlich mit einem Exemplar aufwarten, an dessen Motorisierung kein Zweifel bestehen kann:

Citroen C6 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Der Schriftzug „SIX“ auf dem Kühler sagt hier alles. Für den Kenner war dieses Cabriolet damit klar als Sechszylinder gekennzeichnet – ausgesprochen wurde das auf französisch nebenbei als „Siss“ mit auch vorne scharfem „S“.

Aufgenommen wurde der Wagen anlässlich irgendeiner Wettbewerbsveranstaltung, wie es sie in der Zwischenkriegszeit in unzähligen Varianten und oft mit nur lokaler Bedeutung gab.

Abgesehen von den Zusatzscheinwerfern – merkwürdigerweise war auch einer unterhalb der Stoßstange angebracht – war dieser Citroen C6 vollkommen serienmäßig. Es wird sich um eine Zuverlässigkeits- oder Orientierungsfahrt ohne sportlichen Charakter gehandelt haben.

Die herausragende Spitzengeschwindigkeit des Citroen dürfte nur in Anspruch genommen worden sein, wenn man sich im wahrsten Sinne des Wortes „verfranzt“ hatte und wieder Zeit gut machen musste.

Dass am Ende eine Auszeichnung winkte, liegt auf der Hand, darauf legte man als Teilnehmer wert. Auf dem Originalfoto ist ein Pokal zu entdecken:

Citroen C6 Cabriolet; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Haben Sie ihn gefunden? Er versteckt sich auf dem Tisch am linken Bildrand, wo ein weiteres Fahrzeug zu sehen ist. Deiesem werden wir gleich noch etwas Aufmerksamkeit schenken.

Doch zuvor eine Frage an die Kenner: Mit dem Zusatz „Six“ ist der Citroen klar als Sechszylindertyp C6 gekennzeichnet – aber was ist eigentlich von dem Kennzeichen des Autos selbst zu halten?

Weiße oder silberne Schrift (in auffallend eckiger Type) auf schwarzem Grund – am Anfang der Buchstabe „G“ gefolgt von einer fünfstelligen Zahl. Aus welchem Land könnte das stammen?

Österreich, die Tschechoslowakei, die Schweiz und Dänemark würde ich von vornherein ausschließen, dort sahen die Nummernschilder grundlegend anders aus.

Betrachtet man die Personen auf dem Foto, ist man geneigt, auf Mittel- oder Nordeuropa zu tippen. Ich vermute, dass wir es mit einer Aufnahme aus der Benelux-Region zu tun haben.

Dass das Kennzeichen nicht lediglich das eines aus dem Ausland stammenden Fahrzeugs ist, dagegen spricht das analog gestaltete Nummernschild des links am Rand geparkten Wagens:

Dieses Auto ist übrigens ein Chevrolet „International“ von 1929, von dem während der nur 13-monatigen Bauzeit über 1 Millionen Exemplare entstanden. Viele davon wurden in Ländern ohne nennenswerte eigene Autoproduktion verkauft.

Auf diesem Ausschnitt sehen wir nun auch den erwähnten mutmaßlichen Pokal für den Sieger der Veranstaltung, die auf diesem Foto dokumentiert ist.

Bleibt die Frage an die sachkundigen Leser: Mit was für einem Kennzeichen war einst dieser Citroen ausgestattet?

Für Kenner ist das sicher eine so klare Sache wie die Attraktivität des Citroen C6 für die Freunde wohlgestalteter und agiler Mittelklasseautos Ende der 1920er Jahre…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Für Kenner klar gekennzeichnet: Citroen C6 Cabriolet

  1. Die Vermutung, dass die Angabe übertrieben ist, hat mich auch schon beschäftigt. Die Höchstleistung beim C6 fiel wie bei der Konkurrenz bei 3.000 U/min an. Die Limitierung durch die seitlich stehenden Ventile ist ein wichtiger Punkt. Letztlich bleibt wohl doch nur das Übersetzungsverhältnis im großen Gang als Erklärung…

  2. Die hohe Endgeschwindigkeit dürfte ein Werbeargument gewesen sein. Wenn man Getriebe und Hinterachse ausser Acht lässt gibt es beim Motor nur die Parameter Hubraum sowie das Verhältnis von Bohrung und Hub. Ein Langhuber hat mehr Drehmoment, muss aber wegen der höheren Kolbengeschwindigkeit mit niedrigeren Drehzahlen laufen, ein Kurzhuber kann höher drehen und ist damit – bei identischer Übersetzung – schneller aber mit weniger Drehmoment. Der technische Standard bei den Serienfahrzeugen dieser Periode war identisch – seitengesteuert mit stehenden Ventilen und Buntmetall-Gleitlager.
    Für eine genauere Analyse müsste man wissen, bei welcher Drehzahl und welchen Bohrung-Hub-Abmessungen die jeweiligen PS-Zahlen erreicht wurden.

  3. Danke! Die Bedeutung der Übersetzung ist mir schon klar – es stellt sich dennoch die Frage, warum Citroen sich bei der Höchstgeschwindigkeit bei seinen Modellen für deutlich mehr entschied als sämtliche deutschen Konkurrenten in der Klasse. Der C6 wurde ja nicht nur für’s flache Umland von Paris gebaut, sondern in hoher Zahl auch exportiert. Zudem war die Limousine im Vergleich nicht leichter. Von daher könnte schon die Leistungsentfaltung und Belastbarkeit des Motors eine Rolle gespielt haben.

  4. Moin,
    bin mir nicht sicher, werfe aber trotzdem mal Noord-Holland ins Rennen.
    KD

  5. Das Kennzeichen stammt aus den Niederlanden, wobei „G“ für die Provinz Noord-Holland stand, seit nunmehr über 30 Jahren meine neue Heimat.

    Von der Motorleistung direkt auf die Höchstgeschwindigkeit zu schliessen ist grundliegend falsch, denn dazwischen liegen Getriebe und Hinterachse mit anpassbaren Übersetzungen. Hier konnte der Konstrukteur wählen zwischen Schnellheit und Durchzugskraft bzw. Beschleunigung, ein C6 dürfte eine Bergstrecke sicherlich mühsamer absolviert haben als ein Presto.

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