Als wär‘ nichts gewesen: Mercedes 290 Limousine

Heute unternehme ich einen Ausflug an den Rhein an einen Ort, von dem aus man einen besonders prächtigen Ausblick über das weite Land genießt.

Dabei kommt man an der Geschichte der beiden Völker nicht vorbei, für die der Rhein seit dem Altertum Grenzfluss, Ort friedlichen Austauschs und kriegerischer Auseinandersetzung ist. Uns interessiert natürlich die Automobilkultur links und rechts von Vater Rhein.

Gehen wir dazu zurück ins Jahr 1934 und lassen wir – wie es die Höflichkeit gebietet – unseren französischen Nachbarn den Vortritt. Sie kamen seinerzeit in den Genuss eines Automobils, wie es die Welt zvor nicht gesehen hatte – den Citroen „Traction Avant“.

Dabei war keineswegs der namensgebende Vorderradantrieb das Sensationelle – den gab es damals bei Stoewer, DKW und Adler längst.

Es war vielmehr die Kombination aus moderner, zugleich hocheleganter Gestaltung, tiefliegendem Schwerpunkt, hervorragender Straßenlage, niedrigem Gewicht und agilem Antrieb, welche 1934 in Europa einzigartig war und die enorme Attraktivität des Citroen Traction Avant bis in die 1950er Jahre ausmachte:

Citroen Traction Avant; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Die überragenden Fahreigenschaften machten den Traction Avant zur ersten Wahl für alle, die westlich des Rheins Anlass hatten, schneller als die Polizei erlaubt zu sein.

Besonders begehrt war die „Gangsterlimousine“ in der Ausführung als 15CV mit 2,9-Liter-Sechszylindermotor. Der leistete mehr als 75 PS und ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von weit über 130 km/h.

Halten wir fest: In stilistischer Hinsicht wie von den Fahrleistungen her war der Citroen Traction Avant 1934 so ziemlich das Aufregendste auf vier Rädern, was in dieser Klasse in Europa serienmäßig zu bekommen war.

Wechseln wir nun die Seite (des Rheins) und schauen uns an, was Deutschlands Premiummarke Mercedes-Benz 1934 in diesem Segment aufbot: Das war der ebenfalls sechszylindrige Typ 290.

Wie wir gleich sehen werden, handelte es sich um einen repräsentativen, hervorragend verarbeiteten Wagen in bester Mercedes-Tradition.

Doch „als wär‘ nichts gewesen“, gingen an diesem Modell nahezu alle Tendenzen vorbei, die andernorts – neben Frankreich auch in Italien – optisch wie technisch dynamischeren Automobilen den Weg bereiteten.

Der nur 60 PS leistende Motor des Mercedes-Benz 290 war mit dem Gewicht des massigen Wagens heillos überfordert. Mehr als Tempo 100 war mit diesem Antrieb nicht drin – da zog sogar ein billiger Hanomag in Form des 6-Zylindertyps „Sturm“ an einem vorbei.

Doch die Mercedes-Klientel schätzte offenbar die Tradition mehr als alles andere und zeigt sich hier ausgesprochen zufrieden mit dem Wagen, der Welt und mit sich selbst:

Mercedes-Benz 290 (lang) Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

So sah er also aus – der Mercedes-Benz 290 in der Ausführung als Limousine auf langem Chassis, wie sie ab 1934 verfügbar war.

Während es ab Werk auch hinreißend gezeichnete Cabriolets auf derselben Basis gab, ist mir das Erscheinungsbild der Limousine zu behäbig, da helfen auch die schrägstehende Frontscheibe und die nach hinten leicht abfallende Linie nicht.

Stilistisch ist dieser Wagen noch stark den 1920er Jahren verhaftet. Auch am mittlerweile funktionslosen Trittbrett hat man festgehalten, welches Citroens Meistergestalter Flaminio Bertoni beim Traction Avant konsequent weggelassen hatte.

Die Wagenheber-Aussparungen im Trittbrett waren damals ein Spleen bei Mercedes, sie zu auch noch eigens zu akzentuieren, ist eine unverständliche Entscheidung. Unproportioniert mutet der trotz verlängerten Radstands kurze Passagierraum an, auf den ein abrupt abfallender Kofferraum folgt, in merkwürdigem Kontrast zum langen Vorderwagen.

„Als wär‘ nichts gewesen“ – dieses Motto passt aber nicht nur zum rückständigen Antrieb und dem biederen Aussehen dieser an sich eindrucksvoll dimensionierten Limousine.

Auch die Wahl des Aufnahmeorts lässt vermuten, dass der einstige Besitzer nicht mitbekommen zu haben scheint, dass sich die Zeiten geändert hatten:

Mercedes-Benz 290 (lang) Limousine; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Gewiss, sich mit einem Mercedes der 1930er Jahre vor der Germania am Niederwalddenkmal bei Rüdesheim am Rhein ablichten zu lassen, das war vor dem Krieg in Deutschland durchaus naheliegend.

Denn dort konnte man nicht nur die prachtvolle Aussicht genießen, sondern sich zugleich an dem im Denkmal verewigten Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 ergötzen, den nebenbei unsere Nachbarn angezettelt haben (soviel Genauigkeit muss sein).

Das war nach der Schmach des verlorenen 1. Weltkriegs und den monströsen Auflagen des „Vertrags“ von Versailles zumindest eine kleine Genugtuung.

Doch dieses Foto ist ausweislich der Aufschrift auf der Rückseite im November 1948 entstanden – also drei Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur und einem weiteren Weltkrieg, in dem sich Deutschland einer Vernichtungsorgie hingegeben hatte, gegen welche die ebenfalls festzuhaltenden Kriegsverbrechen der Gegner verblassen.

1948 war Deutschland zudem noch vollständig von den Siegermächten besetzt. Ob es überhaupt wieder eine eigene Staatlichkeit zurückerhalten sollte, war lange strittig.

Das US-Interesse an Deutschland als Bollwerk und potentielles Schlachtfeld im Konflikt mit der Sowjetunion hat unser Land vor der Zerschlagung oder dem Status einer Kolonie bewahrt.

Im ganz in der Nähe liegenden Mainz waren 1948 die Zerstörungen des gegen die Zivilbevölkerung gerichteten Bombenkriegs gerade erst notdürftig behoben.

Mit seinem makellos durch den Krieg gekommenen Mercedes – dazu bedurfte es im Reich schon „wichtiger“ Funktionen – angesichts noch schwelender Trümmer deutschen Größenwahns ausgerechnet vor dem Niederwalddenkmal zu posieren, so „als wär‘ nichts gewesen“, das erscheint bestenfalls gedankenlos.

Im schlimmsten Fall haben wir es mit einem Ewiggestrigen zu tun, der es den Franzosen gern „noch einmal zeigen würde“ – natürlich nicht persönlich, denn dazu hat man ja leicht zu begeisternde junge Männer als Kanonenfutter.

Mag sein, dass diese unappetitliche Situation mein Urteil über den unschuldigen Mercedes ein wenig harscher hat ausfallen lassen, als er es verdient. Doch war der letztlich so ausgefallen, „als wär‘ nichts gewesen“ in der Automobilentwicklung…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

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