Eine blasse Ahnung… Horch „Tonneau“ von 1901/02

Keine blasse Ahnung, womit ich es zu tun habe – das gilt für zahllose Bilder von Vorkriegsautos aus meinem Fundus.

Speziell bei sehr frühen Exemplaren kommt das häufiger vor. Das liegt an der in die Tausenden gehenden Zahl der Hersteller in Europa und in den USA, welche – meist mit nur geringem Erfolg – versuchten, an der Erfolgsgeschichte des Automobils mitzuwirken.

Besonders zahlreich waren die frühen Fabrikate aus Frankreich und Belgien – eines davon zeigt vermutlich diese Aufnahme:

unidentifiziertes Veteranenauto ab 1900; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

An diesem eigenwilligen, aber professionell gebaut wirkenden Gefährt beiße ich mir seit Jahren die Zähne aus. Bis heute habe ich keine blasse Ahnung, worum es sich handelt.

Dabei ist es weniger das verblichene Foto als solches, das Probleme bereitet. Denn hier kann man mit heutigen Mitteln einiges herausholen – ein Beispiel dafür bringe ich gleich.

Neben der Vielzahl der möglichen Fabrikate macht sich in solchen Fällen bemerkbar, dass bei so frühen Wagen die Aufnahmen der Hersteller für Prospekte und Reklamen fast immer die Seitenansicht zeigen.

Die Frontpartie bekommt man praktisch nur auf Privatfotos zu sehen, bei denen aber seltenst die Marke mitüberliefert ist. Und Kühlerembleme gab es anfänglich kaum.

Dennoch ist es natürlich von großem Reiz, der Identität solcher Exoten nachzuspüren und etwas über die Erbauer herauszufinden. Das eigene Herkommen und die Gründe für Erfolg und Scheitern der Vorfahren zu verstehen – das interessiert den Menschen nun einmal.

Heute kann ich vielleicht ein klein wenig dazu beitragen, eine Lücke in der Dokumentation einer der bedeutendsten deutschen Marken zu schließen: Horch!

Das mag etwas vermessen klingen, und vielleicht liege ich auch völlig daneben oder habe schlicht etwas übersehen. Immerhin gehört Horch zu den wenigen wirklich umfassend und in die Tiefe gehend erforschten deutschen Herstellern.

Vor allem Peter Kirchberg hat daran über Jahrzehnte gearbeitet und die Früchte seiner Arbeit sind im zusammen mit Jürgen Pönisch verfassten Standardwerk „Horch – Typen, Technik, Modelle“ (Verlag Delius-Klasing) trefflich versammelt.

Im Vorwort zu diesem Werk, dem ich je nach Blickwinkel immer wieder neue Erkenntnisse abgewinnen kann, weisen die Autoren jedoch selbst auf einige „weiße Flecken“ hin. Einer davon könnte sich eventuell heute verflüchtigen.

Jedenfalls meine ich, zumindest eine blasse Ahnung davon zu haben, was auf diesem erst dieser Tage von mir neu erworbenen Dokument einst festgehalten wurde:

Veteranenauto ab 1900; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wiederum handelt es sich um ein mit zeitgenössischem Passepartout erhaltenes Foto. Solche Sachen schätze ich ganz besonders und bin dann auch bereit, mehr als die üblichen 5 EUR für historische Originalaufnahmen auszugeben.

In meiner „Studierstube“, die bis unter die Decke mit Automobilia und einschlägiger Literatur vollgestopft ist, bekommen solche Stücke einen besonderen Platz an einer Stelle ohne direkten Lichteinfall (die Fenster sind zudem mit halbtransparenten Rollos versehen).

So kann ich diese Zeugnisse täglich (eher abends bei Büchsenlicht) sehen, ohne weiteres Verblassen zu riskieren.

Für meinen Blog und die Markengalerien oder auch für etwaige Publikationen und Austellungen Dritter, die ich unterstütze, erstelle ich immer digitale Kopien.

Diese lassen sich dann auch so weit bearbeiten, dass man am Ende mehr als nur eine blasse Ahnung davon bekommt, was der Fotograf einst vor sich hatte. Mit meinen laienhaften Möglichkeiten ließ sich immerhin folgendes aus obigem Original herausholen:

Horch 10-12 PS von 1901/02; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wer sich mit den frühen Veteranenwagen kurz nach 1900 befasst, begegnet Fahrzeugen mit einem solchen Erscheinungsbild auf Schritt und Tritt.

In der damals führenden französische Automobilindustrie hatte sich diese Gestaltungsweise mit nach Art einer umgedrehten Schaufel geformter Motorhaube (nach vorne und den Seiten abfallend) etabliert und findet sich bei zahllosen Marken.

Das gilt ebenfalls für den vorn unterhalb des Rahmens angebrachten Kühler mit schlangenartig gewundenen Wasserrohren. Diese Konstruktions- und Gestaltungsmerkmale französischer Hersteller übernahm auch die deutsche Konkurrenz – entweder im Rahmen von Lizenzfertigungen oder daran angelehnten Modellen.

Daher gestaltet sich die Identifikation eines solchen Wagens oft schwierig. Im vorliegenden Fall haben wir jedoch zwei Indizien, was die Herkunft angeht.

Zum einen verweist das Nummernschild auf eine Zulassung im Raum Dresden – damit rückt schon einmal ein sächsischer Hersteller ins Blickfeld. Zum anderen steht auf der Rückseite des Fotos „Horch“ geschrieben.

Dem habe ich anfänglich aber keinen Glauben geschenkt, weil mir die dort ebenfalls vermerkte Jahreszahl 1906 nicht plausibel erschien. Um diese Zeit sah ein Horch längst ganz anders aus, nämlich wie dieser Typ 18-22 PS (ab 1904) etwa:

Horch 18-22 PS von 1904/05; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Allerdings hatte ich bis dato mangels Fotomaterials noch keine Gelegenheit gehabt, mich mit den noch früheren Horch-Modellen zu beschäftigen.

Also ging ich dem Hinweis „Horch“ auf der Rückseite des Fotos nach – mit 1906 war eventuell auch nur das Aufnahmedatum gemeint – und studierte die Erstlinge der Marke bzw. aus der Kölner Experimentierphase von August Horch ab 1900.

Auf einen 1901 vorgestellten Einzylinderwagen, dessen Hinterachse noch riemengetrieben war, folgte im selben Jahr ein weiterer Einzylindertyp (4-5 PS) mit Kardanantrieb sowie ein Zweizylinder (9-10 PS).

Diese ganz frühen von Horch entwickelte Autos waren unter an ihrer senkrecht stehenden Lenksäule zu erkennen – die besitzt der Wagen auf dem heute vorgestellten Wagen ebenso wie den in der Literatur erwähnten Schlangenkühler vorn unten:

Während die Gestaltung der Radnaben stark der auf einem Foto des 1-Zylindertyps auf S. 53 des erwähnten Horch-Standardwerks ähnelt, unterscheidet sich die Ausführung der Kühlerschlangen deutlich.

Andererseits wiederum stimmen die Details der Motorhaube bis ins Detail überein, etwa die auf der Haubenflanke abgesetzte Fläche mit schrägstehenden Entlüftungschlitzen.

Jedoch sieht man auf den wenigen Abbildungen des entsprechenden frühen Horch-Einzylindertyps die Handbremse auf der in Fahrtrichtung linken Seite, und das Gestänge zu Übertragung der Kraft an die Hinterradbremsen verläuft auf bzw. unter Rahmenhöhe.

Das sieht bei „unserem“ mutmaßlichen“ Horch noch ganz anders aus, Hier befindet sich die Handbremse links und das Gestänge durchstößt schräg von oben kommend scheinbar den hinteren Kotflügel:

Habe ich bloß keine blasse Ahnung oder sehe ich hier tatsächlich eine andernorts so nicht dokumentierte Ausführung des Einzylinder-Horch 9-10 PS von 1901?

Oder haben wir es vielleicht mit einer frühen Form des Typs 10-12 von 1902 vor der Umstellung auf schrägstehende Lenksäule und Bienenwabenkühler zu tun?

Der recht große und schwere Aufbau als viersitziges „Tonneau“ würde aus meiner Sicht eher für eine Zweizylinderversion sprechen, der Einzylinder war dafür wohl zu schwach.

Wie dem auch sei – jetzt sind die Spezialisten für ganz frühe Horch-Wagen gefragt oder auch Amateure, die scharfsinniger sind als ich bzw. über noch mehr Bildmaterial zum Vergleich verfügen.

Zumindest eine blasse Ahnung meine ich aber in diesem Fall schon zu haben…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

5 Gedanken zu „Eine blasse Ahnung… Horch „Tonneau“ von 1901/02

  1. Besten Dank, siehe auch Herr Kliobas Beitrag!

  2. Hallo Herr Schlenger,
    der Horch-Besitzer war Hermann Hähne (Restaurateur), er war Besitzer der „Greipelburg“ in Meissen. Das Anwesen wurde 1937 durch einen Erdrutsch zerstört und dann abgerissen. Beste Grüße Hans Dieckmann

  3. Hervorragend, vielen Dank!

  4. Keine blasse Ahnung … hatte ich vor 3 Wochen noch über Automobilbau in Besançon von 1900 bis 1930. Dann entdeckte ich ein Buch dazu, das nun als gebrauchtes Schnäppchen meinen Literaturbestand zur französischen Automobilproduktion ergänzt, denn auch wenn ich mich vage an Amstoutz-Ravel erinnern konnte, so hatte ich von Th.Schneider bislang keine Ahnung. Wie im unten verlinkten Titelbild zu sehen, erinnerten die mit Kennzeichen 6870-C3 bis 6872-C3 aufgereihten Fahrzeuge mit ihren konischen und auf mich geradezu ikonisch wirkenden Kühlergrills an Farman und Panhard-Levassor.

    https://www.chaprais.info/2013/08/louis-ravel-constructeur-dautomobiles/

    https://mecanicus.com/fr/gazette/les-constructeurs-automobiles-disparus-de-franche-comte-th-schneider-partie-i

    Typisch französisch erscheint mir die sich nach unten zu weitende konische Kühlerform schon zu sein, während sonst die Kühlermasken zumindest seitlich meist streng parallel verlaufen. Form und Technik bedingen einander auch – so eben, wenn der Kühler zwischen Motor und Spritzwand angeordnet ist, was vor 100 Jahren bei Renault und Tatra noch der Fall war. So werde ich mal das obere grün umrahmte Bild im Kopf behalten, obwohl die kontrastmindernde Überbelichtung den Bereich der Anlasserkurbelaufnahme undefinierbar macht. Zum Horch wage ich nun keine Prognose und gestehe, ad hoc keine Ahnung zu haben.

  5. Hallo Herr Schlenger,

    ich habe zwar keine sachdienlichen Hinweise zum vermutlichen Horch, kann aber mit dem Besitzer des Wagens weiterhelfen. In einem Verzeichnis von 1909 wird das Kennzeichen II-101 einem Hermann Hähne, Restaurateur in Meißen, zugeordnet. MIt Restaurateur ist nun kein künstlerischer Restaurator, sondern ein Restaurantbesitzer gemeint. Hermann Hähne besaß aber nicht irgendein Restaurant, sondern die größte Ausflugs- und Veranstaltungsgaststätte in Meißen, die Geipelburg (https://de.wikipedia.org/wiki/Geipelburg), von der leider nur noch das ehemalige Torhaus existiert. Näheres zur Geschichte des Etablissements findet sich unter https://www.saechsische.de/meissen/verschwundene-orte-die-geipelburg-von-meissen-5558455.html, eine Postkarte desselben aus dem Eigenverlag von Hermann Hähne unter https://oldthing.de/Ak-Meissen-in-Sachsen-Partie-am-Etablissement-Geipelburg-Besitzer-Hermann-Haehne-0038287098.

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