Der thüringische Patient: Ein „Ley“-Tourer um 1925

So wie die Identität des englischen Patienten im gleichnamigen bildgewaltigen Film von Anthony Mingella (1996) lange im Ungewissen blieb, so verhält es sich auch mit einigen Exemplaren aus dem Hause Ley im thüringischen Arnstadt.

Speziell bei den Modellen der 1920er Jahre bereitet die genaue Ansprache immer wieder Probleme, was schlicht am mangelnden Bildmaterial liegt.

Gesichert ist, dass es von 1920 bis zum Ende der Autoproduktion von Ley im Wesentlichen drei Motorisierungen gab: Dabei handelte es sich primär um seitengesteuerte Vierzylinder mit Hubräumen von 1,5 Litern, 2 Litern und 3,1 Litern. In der mittleren und der oberen Hubraumklasse gab es zuletzt auch Sechszylinder.

Mit diesen Motorisierungen korrelierte grob auch die Größe der Fahrzeuge. Zumindest die 1,5 Liter-Typen T6 6/16 PS bzw. T6E 6/20 PS von 1920-25 lassen sich als kleine Modelle recht gut auf zeitgenössischen Fotos identifizieren.

Hier haben wir einen Vertreter davon, aufgenommen in Heidelberg:

Ley 6/16 PS oder 6/20 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser Tourer scheint nur über zwei Sitzreihen verfügt zu haben, was gut zum kurzen Radstand des T6 bzw T6E passen würde (2,67 Meter). Festzuhalten ist hier außerdem, dass die Felgen mit nur fünf Radbolzen befestigt sind.

Bei den größeren und stärkeren Modelle findet man dagegen sechs Radbolzen. Das ist auch beim folgenden Ley der Fall, den ich ebenfalls schon einmal besprochen habe:

Ley Tourer ab ca. 1925; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieses Exemplar weist im Unterschied zu den frühen Ley-Wagen ab 1920 einen moderaten, vorn leicht abgerundeten Spitzkühler ab. Dieses Detail scheint um 1925 aufgetaucht zu sein, noch spätere Ausführungen hatten dann einen Flachkühler.

Genauer kann ich dies derzeit nicht sagen, auch ist aus meiner Sicht unklar, ob wir es bei obigem Fahrzeug mit einem Typ 8/36 PS oder Typ 12/45 PS zu tun haben. Dass die lediglich fünf Luftschlitze auf das schwächere der beiden Modelle verweisen, ist angesichts widersprüchlicher bzw. fehlender Angaben in der Literatur nur eine Vermutung.

Dennoch hilft uns diese Aufnahme bei der Einordnung eines anderen „thüringischen Patienten“ weiter:

Ley Tourer von ca. 1923/24; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Wie der eingangs gezeigte kleine Tourer des Typs T6 bzw. T6E besitzt dieser Ley (siehe das markante Logo auf dem Kühlernetz) einen scharf geschnittenen Spitzkühler und definitiv noch keine Vorderradbremsen.

Aufgrund der drei Sitzreihen ist er klar über dem T6/T6E anzusiedeln. Jedoch muss wiederum offenbleiben, ob es sich um ein Modell in der 2-Liter-Klasse (M8) oder doch eher mit 3,1 Litern Hubraum (U12) handelt.

Schwierigkeiten bereite in dem Zusammenhang auch die Frage, ob der mittelgroße M8 erst zur Mitte der 1920er Jahre eingeführt wurde oder – wie Teile der Literatur nahelegen – bereits früher verfügbar war. Letzteres halte ich für plausibler aufgrund der sonst zu großen Hubraumlücke zwischen dem kleinen T6/T6E und dem großen U12.

Letztlich bleibt festzuhalten, dass der „thüringische Patient“ noch eine Weile auf der Intensivstation bleiben muss, bis sein Status geklärt ist. Immerhin sind weitere „Patientenakten“ in Sachen Ley vorhanden, die der Einordnung harren.

So ist uns auch in dieser Hinsicht noch manche Stunde der GrübeLEY gesichert…

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

2 Gedanken zu „Der thüringische Patient: Ein „Ley“-Tourer um 1925

  1. Richtig, aber das ist zu wenig Evidenz, zumal laut anderen Quellen der M8 bereits 1921 eingeführt wurde. Wir müssen unterscheiden lernen, wo die alten Quellen helfen und wo sie irreführend sind. Bei Ley ist mir noch keine wirklich verlässliche Quelle bekannt.

  2. Bei von Fersen sind ein Modell mit 8 Kühlrippen und gemäßigtem Spitzkühler, also dem mittleren Bild des Tourers von 1925 entsprechend, sowie ein Flachkühlermodell von 1927, bezeichnet als U12 abgebildet. Der M8 soll über 38 PS aus einem 2-Liter Vierzylinder, also mit 1990 ccm verfügen. Nach von Fersen gab es 1921 bereits alle 3 – T6, M8 und U12, während hiernach der M8 erst 1924 erschien :

    http://www.ley-automobile.de/bestand/doku.html

    Außerdem ist der M8 dort mit nur 5 Kühlrippen sowie bereits mit Flachkühler abgebildet, sodaß bei von Fersen wohl beide Abb. den U12 zeigen – und der grüne Arnstädter wurde wohl auch hinsichtlich seiner Motorisierung begutachtet. Zwischen 6/20 und 12/40 bzw 12/45 PS passen die 8/30 bzw. 8/36 PS perfekt dazwischen. Daher denke ich, ist es mittig und unten jeweils der M8.

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