Zurück zur Kutsche!? Ein Daimler-Taxi um 1897

„Zurück zur Kutsche? Bloß nicht!“, ruft der passionierte Verbrenner-Fahrer. Jetzt haben wir doch endlich Autos, deren Abgase im Idealfall sauberer sind als die Stadtluft in der Heizsaison, zudem flüsterleise, preisgünstig und nahezu wartungsfrei.

Diese Pferdekutschen dagegen – ein irrer Aufwand für den meist untätigen vierbeinigen Antrieb und dessen Betreuer, zwangsläufig nur etwas für Bessergestellte, dann die Straßen voller Dreck und: ständiger Lärm von Hufgetrappel und Peitschenknallen!

Man sieht: Zurück zum friedlichen Idyll führt die Abkehr vom Verbrenner-Automobil keineswegs, jede Zeit hat ihre Plagen. Auch die sich sündenfrei dünkende Elektrofraktion ist ruhiger geworden, seitdem sie weiß, dass sie ihre Gefährte nicht nur bei Flaute und bei Dunkelheit mit fossil erzeugter Elektrizität lädt – oder gar mit „Atomstrom“!

Wie immer ist es ratsam, die ideologische Brille abzusetzen und eine pragmatische Sicht einnehmen. Was wirklich überlegen ist, wird sich schon von selbst durchsetzen – wie alle Annehmlichkeiten unseres Daseins, von denen keine einzige ein Politiker erfunden hat.

Alles hat seine Vor- und Nachteile – diese vernünftig abzuwägen, darf man ruhig dem sonst in Sonntagsreden gern beschworenen mündigen Bürger anvertrauen.

Bei gutem Wetter mit dem klassischen Stahlrahmenrad zum Einkaufen, ein ander Mal mit der Elektro-Vespa (China-Plagiat…) zur Post, dann mit einem alten Vergaser-Auto der Wahl eine Feierabendrunde durch’s Wettertal und nach Italien unverschämt bequem im modernen SUV.

So sieht mein für Ideologen wohl verwirrendes Mobilitätsprofil aus. Nur zwei Fortbewegungsmittel kommen nicht darin vor: die Staatsbahn und die Kutsche.

Was die Kutsche angeht, will ich heute aber eine Ausnahme machen und stelle diesen Blog-Eintrag unter das Motto „Zurück zur Kutsche!?“

Mein stärkstes Argument dafür ist auf folgender Ansichtskarte zur bewundern, die anno 1909 ein gewisser Hermann aus Gelsenkirchen nach Herborn sandte:

Postkarte von 1909; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der gute Hermann outet sich auf dieser Aufnahme als Kutscher, seine überaus charmante Passagierin ist mit „Mimmi“ bezeichnet. Ob das den Tatsachen entsprach oder ob es sich um einen Spaß handelt, sei dahingestellt.

Auch habe ich keine große Zeit auf die Entzifferung der Handschrift verwendet – leicht zu lesen ist für mich nur am Ende „Es grüßt Dich herzlich Dein Bruder Hermann“ sowie der anschließende Gruß an die übrige Familienbande inkl. des unvermeidlichen Fritz.

Nachtrag: Die Auflösung findet sich in den Leserkommentaren:

Spannender finde ich den Aufbau – offenbar ein Coupé mit hinten zu öffnendem Dach, also eher noch ein Landaulet. Alles schönste Kutschbautradition.

Aber was ist von dem „Kutscher“ zu halten? Können wir sicher sein, dass er Zügel in den Händen hält und ein oder zwei Pferde vor sich lenkt? Nun, das können wir bei genauer Betrachtung ausschließen, denn die Gestaltung des ausschnitthaft zu erkennenden Vorderkotflügels passt nur zu einem frühen Automobil.

Tatsächlich lebte die jahrhundertealte Kutschbautradition nach 1900 nur noch in der äußerlichen Gestaltung der Aufbauten für die Passagiere fort – immerhin bemerkenswert, wie lange sich solche Elemente hielten.

Im Hinblick auf die Konstruktion der technischen Komponenten dagegen hatte man früh die Lösungen aus dem Kutschbau als untauglich erkannt und sich in anderen Feldern bedient.

In vier Bereichen fanden sich Konstruktionsdetails, Bearbeitungstechniken und Materialien, die sich für’s Automobil nutzen ließen: Eisenbahn, Fahrrad, Feuerwaffen und Feinmechanik.

So ist es kein Zufall, dass es nicht selten Unternehmen mit entsprechender Kompetenz waren, die nach der Erfindung des Autos in großem Stil in die Produktion einstiegen. Die Pionierarbeit wurde aber interessanterweise durchweg von Einzelerfindern geleistet.

Karl Benz etwa kommt nicht nur das Verdienst zu, das erste wirklich einsatzfähige Automobil gebaut zu haben – was ihm allerdings erst seine resolute Frau Bertha mit der legendären Fernfahrt beweisen musste, die sie 1888 mit ihren Söhnen absolvierte.

Benz ignorierte auch richtigerweise die technischen Lösungen aus dem Kutschbau und nutzte vor allem im Fahrradbau bewährte Details wie Rohrrahmen, Drahtspeichenräder, Kugellager und Kettenantrieb. Konkurrent Daimler beschritt 1889 mit dem von Wilhelm Maybach konstruierten Quadricycle denselben Weg.

Wenn man nun aber meint, dass von dort ein gerader Weg unter Umgehung der Kutschentradition in die Zukunft wies, irrt.

Zwar ergriffen französische Firmen sofort die Gelegenheit, um auf Basis der Vorarbeit von Benz und Daimler das Automobil weiterzuentwickeln. Panhard baute schon 1891 den ersten Wagen fortschrittlicher Konzeption mit vornliegendem, blechverkleidetem Motor.

Doch bei Benz und Daimler gab es nochmals ein erstaunliches „Zurück zur Kutsche!“ Illustrieren lässt sich das kaum besser als mit diesem Foto, das mir Leser und Veteranen-Enthusiast Gottfried Müller zur Verfügung gestellt hat:

Daimler Riemenwagen um 1897; Originalfoto: Sammlung Gottfried Müller

Da ich von den Automobilen vor 1900 nur eine begrenzte Vorstellung habe, hat es eine Weile gedauert, bis ich herausfand, was dieses Foto zeigt.

Nach meinen Recherchen handelt sich um einen Daimler mit Riemenantrieb, wie er um 1897 gebaut wurde – hier offenbar genutzt als Taxi. Wer es genauer oder besser weiß, möge das bitte über die Kommentarfunktion mitteilen.

Jedenfalls ist mir noch kein Auto begegnet, was besser dem Bild der „Horseless Carriage“ entspricht, das die Engländer für die Kutsche ohne davorgespanntes Pferd geprägt haben.

Wenn ich es richtig sehe, besitzt dieses Gefährt nur eine Schwenkachslenkung, wie man sie seit Urzeiten an Pferdewagen findet. Auch die übrige Konstruktion mit großen Rädern und hoch angebrachtem Aufbau, in den man im Wortsinn noch ein“steigen“ musste, entspricht sehr weitgehend der Kutschentradition.

Fast zeitgleich boten andere Hersteller bereits niedrige und mit minimalistischem Aufbau versehene Fahrzeuge an wie etwa 1899 die Firma Cudell aus Aaachen:

Cudell-Reklame von 1899; Original: Sammlung Michael Schlenger

Gewiss erwies sich auch diese Konstruktion letztlich als Sackgasse, da der Motor hier noch im Heck lag (was neben den in der Reklame genannen Vorteilen auch Nachteile hat).

Aber immerhin wird doch deutlich, dass man auf dem Weg zu einer vom Kutschbau völlig unabhängigen Chassiskonstruktion war.

Wenn Daimler mit dem Riemenwagen – und auch Benz mit dem Typ „Viktoria“ kurz vor 1900 – noch einmal die Devise „Zurück zur Kutsche!“ ausgaben, dann ist das wohl damit zu erklären, dass eine gewisse sehr wohlhabende Käuferschicht weiterhin auf das gewohnte Erscheinungsbild herrschaftlich wirkender Kutschen nicht verzichten wollte.

So erklärt das jedenfalls für mich überzeugend Erik Eckermann in seinem über 800 Seiten starken und anschaulich bebilderten Opus „Auto und Karosserie“ (Verlag Springer Vieweg, 2. Auflage 2015), auch sonst eine großartige Quelle wertvoller Informationen und Gedanken zur Genese des Automobils.

Natürlich wissen wir, dass auch Benz und Daimler später noch die Kurve gekriegt haben, nachdem zwischenzeitlich die Konkurrenz aus Frankreich und Belgien an die Spitze der Autoentwicklung gerückt war.

Daimlers 35 PS-„Mercedes“ von 1901 gilt mit seinen innovativen Lösungen in konstruktiver wie gestalterischer Hinsicht zurecht als der Urahn des modernen Autos.

Doch viele Elemente und ganze Karosserievarianten aus der Kutschbautradition sollten sich noch über Jahrzehnte halten. „Zurück zur Kutsche“, das dachte sich Anfang der 1920er Jahre offenbar auch der Hersteller dieses US-Fabrikats mit „Victoria“-Aufbau:

unidentifizierter US-Wagen; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Unter der Haube dieses großzügigen, aber bis unidentifizierten Automobils verbarg sich ein hubraumstarker Motor (einen „Daniels V8“ würde ich trotz gewisser Ähnlichkeit ausschließen), doch am Heck entschied man sich für eine Reminiszenz an die Zeit, in der man auch in den Staaten noch mit dem flotten Einspänner unterwegs war.

Gestern und heute vertragen sich durchaus – Kutsche und Automobil haben beide ihren Reiz, wie übrigens auch das Spazierengehen. Für letzteres Thema dürfte mir aber auf Dauer das zum Blog passende Bildmaterial fehlen – das müssen Sie also schon selbst tun.

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

9 Gedanken zu „Zurück zur Kutsche!? Ein Daimler-Taxi um 1897

  1. Nun bleiben nur noch einige Dutzend weitere US-Kandidaten – der Wagen ist in der Tat ein schwerer Junge und ein schwerer Fall. Wenn mir die Bemerkung erlaubt ist: Für den ÖR sollte einem die Lebenszeit zu schade sein, auch wenn (oder gerade weil) man dafür blechen muss. Bloß mediale Begleitmusik zur offiziellen Linie in Berlin, Brüssel und Davos…

  2. Nachdem der Studebaker von 1922 doch nicht paßt, bin ich nun beim Marmon gelandet, was sich aber auf Windlauf und Luftschlitze beschränkt :

    https://jacques-leretrait.blogspot.com/2012/06/voitures-des-usa-mac-kay-company-1909.html

    Zeittypisch auch das Schauglas zur Kühlwasserkontrolle beim Luftröhrenkühler. Und ein Musterbeispiel an Neid und Haßerzeugung u.a. gegen Oldtimerfreunde gab es gerade in der ARD-Sendung „Panorama“ …

  3. Die deutschen Erfinder Benz und Daimler hatten brauchbare Motoren entwickelt, bei den Fahrzeugen im Ganzen gesehen hatten die französischen Hersteller die Nase weit vorn, versehen mit Motor-Lizenzen der Erfinder.
    Dieses „Daimler-Taxi“ ist wohl die kippeligste Angelegenheit, die man je auf die Straße gelassen hat. Der schwere Motor weit hinter der Hinterachse, wo ohnhin das Gewicht konzentriert war. Dafür fehlte vorn das Gewicht von Deichsel samt Pferden und die Drehschemel-Achse leidet prinzipbedingt an der „Umkippenden Krankheit“

    Der „Cudell“ dagegen ist nach lizenzierten DeDion-Bouton Patenten gebaut,
    zeitgenössisch wird berichtet:
    „Das Gestell des Wagens ist aus nahtlosen Stahlrohren hergestellt; an demselben befindet sich der Mechanismus und durch gute Federn abgefedert der Wagenkasten befestigt; dieser kann übrigens jede gewünschte Form erhalten. Die Räder sind mit Pneumatik versehen; die Dimensionen der hinteren Pneumatiks sind 700 × 90, während die Vorderräder 65 mm stark sind“
    Noch dazu – und das wird nicht erwähnt – sind die schweren Teile VOR der Hinterachse eingebaut, also eher „Mittelmotor“ und das Fahrzeug hat schon die DeDion-Hinterachse mit geringen ungefederten Massen.

    Sowas kann man nicht mit den damaligen plumpen deutschen Konstruktionen vergleichen.

  4. Zur Beleuchtung möchte ich abweichend von Herrn Weigold die Renault-Vorstellung aus der Neujahrsnacht beiziehen; sehe aber zugleich das Fehlen einer außenliegenden, rechtshändig bedienbaren Schaltung. Merkwürdig sind auch die Scheiben der Kabine, was so eine retuschierte Bilderstellung vermuten läßt. Mein Hauptinteresse weckt aber der „Amerikanerwagen“ mit dem Victoria-Verdeck und den sich vorbeugenden Eltern, während die beiden Söhne den sonnigen Fahrerplatz einnahmen.

  5. Alles sehr gut beobachtet und bedenkenswert – danke!

  6. Die eingangs gezeigte Ansichtskarte ist schon etwas rätselhaft, zeigt sie doch eine merkwürdig motorlose Karosse!
    Der Vorderkotflügel setzt bereits an der Coupè- Kabine an, der sichtbare Radansatz würde eine Achse auf Höhe der Spritzwand voraussetzen. Und: hält Hermann wirklich ein Lenkrad in den Händen oder diese nicht vielmehr in den Schoß ?
    Und die süße Mimmi? Besteigt sie gleich das dunkle Innere des Coupés – oder läßt sie den Türknauf gleich los – erleichtert, Foto “ im Kasten“ , Erstarrung löst sich….
    Und der etwas unmotiviert an der Seitenwand der Chaufeurs-
    bank angebrachte Kerzen- leuchter? Um einen solchen, zur Kutschenzeit üblichen handelt es sich bei dem Teil, wie wir an dem nach unten gerichteten Tubus erkennen, dessen Nachstelleinrichtung gelegend- lich, nach dem Abbrannt, nachgestellt werden mußte, um die Flamme im opt. Mittelpunkt
    des Spiegels zu halten.
    Zu Zeiten des gleißenden Acethylen- Lichts schon lange obsolet!
    Handelt es sich also um eine Studio- Atrappe, an der sich ambitionierte Kunden verewigten lassen konnten?
    Ich sehe gerade Herrn Schmidts ähnlichen Eindruck von der Szenerie!
    Also, reale Mimmi oder Papp- kamerad auf dem Bock – einer- lei! Schön is’se doch mit ihrem mittels Hutnadeln festgestellten Wagenrad- Hut und dem aus den Unterfedern des Vogelstrauss gefertigten Kragen!
    Meine Oma sprach noch davon,
    daß sie bei der Fahrt auf dem Oberdeck des Busses mit ihrer Berliner Freundin Olga ihre Hüte festhalten mussten, damit sie nicht von den Ästen der Strassenbäume weggewischt wü1rden.
    Der abgebildete Daimler- Riemenwagen mit seiner Höhe und der doch etwas kippeligen Drehschemel-Lenkung nicht für eilige sight seeing- Fahrgäste geeignet, wird (durfte) also das Ge- schwindigkeitsniveau der Pferde- kutsche kaum überschritten haben. Man stelle sich das Vehikel in Kurvenlage vor! Die Längskräfte der Drehschemel- Vorderachse werden von einer dürren Stange aufgenommen – und die Querkräfte?
    Wilhelm Maybach war ja gleich dagegen!
    Noch nie gesehen hat man ein solch offenes Chaisen- Verdeck an einem so modernen Wagen.
    Einem nennenswerten Fahrtwind dürfte es kaum standgehalten haben, diente wohl eher dem Sonnenschutz beim car cruising ….

  7. Hier vermute ich ebenfalls keine individuelle Fotografie, sondern eine gekaufte Ansichtskarte. Die namentliche Zuweisung von „Mimmi“ und „Hermann“ zu den beiden abgebildeten Personen wäre sonst entbehrlich, denn dann würde Mimmi sich selbst sowie ihren Bruder erkennen können.
    Es ist also so, wie ich zur Rollenverteilung beim Nachspielen einer Filmhandlung von Stan Laurel und Oliver Hardy als Neunjähriger zu meinem jüngeren, aber gewichtigeren Bruder sagte : „Du bist Dick und ich bin Doof“

  8. „Aber was ist von dem „Kutscher“ zu halten? Können wir sicher sein, dass er wirklich Zügel in den Händen hält und ein oder zwei Pferde vor sich lenkt? “
    Wenn man die Karte entziffert, die Hermann schreibt, wird der Kontext deutlich. Er schreibt: „Diese Karte muß Dir doch besonders gefallen, denn das ist Dein Auto worin Du einst mit nach Hause geholt wirst freust Dich jetzt schon darauf nicht wahr? Jetzt muß ich mein Schreiben beenden. Es grüßt Dich herzlichst Dein Bruder Hermann. Herzlichen Gruß von Vater, Mutter und Fritz.“
    Sehr wahrscheinlich eine kommerzielle Kaufkarte. Das kann ich aber abschließend nur beurteilen, wenn ich die komplette Vorder- und Rückseite sehen kann. Die Grüße legen nahe, dass die Karte von der Familie an die Schwester (?) geht, Nicht umgekehrt.
    Gruß,
    KD

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