Zurück zur Kutsche!? Ein Daimler-Taxi um 1897

„Zurück zur Kutsche? Bloß nicht!“, ruft der passionierte Verbrenner-Fahrer. Jetzt haben wir doch endlich Autos, deren Abgase im Idealfall sauberer sind als die Stadtluft in der Heizsaison, zudem flüsterleise, preisgünstig und nahezu wartungsfrei.

Diese Pferdekutschen dagegen – ein irrer Aufwand für den meist untätigen vierbeinigen Antrieb und dessen Betreuer, zwangsläufig nur etwas für Bessergestellte, dann die Straßen voller Dreck und: ständiger Lärm von Hufgetrappel und Peitschenknallen!

Man sieht: Zurück zum friedlichen Idyll führt die Abkehr vom Verbrenner-Automobil keineswegs, jede Zeit hat ihre Plagen. Auch die sich sündenfrei dünkende Elektrofraktion ist ruhiger geworden, seitdem sie weiß, dass sie ihre Gefährte nicht nur bei Flaute und bei Dunkelheit mit fossil erzeugter Elektrizität lädt – oder gar mit „Atomstrom“!

Wie immer ist es ratsam, die ideologische Brille abzusetzen und eine pragmatische Sicht einnehmen. Was wirklich überlegen ist, wird sich schon von selbst durchsetzen – wie alle Annehmlichkeiten unseres Daseins, von denen keine einzige ein Politiker erfunden hat.

Alles hat seine Vor- und Nachteile – diese vernünftig abzuwägen, darf man ruhig dem sonst in Sonntagsreden gern beschworenen mündigen Bürger anvertrauen.

Bei gutem Wetter mit dem klassischen Stahlrahmenrad zum Einkaufen, ein ander Mal mit der Elektro-Vespa (China-Plagiat…) zur Post, dann mit einem alten Vergaser-Auto der Wahl eine Feierabendrunde durch’s Wettertal und nach Italien unverschämt bequem im modernen SUV.

So sieht mein für Ideologen wohl verwirrendes Mobilitätsprofil aus. Nur zwei Fortbewegungsmittel kommen nicht darin vor: die Staatsbahn und die Kutsche.

Was die Kutsche angeht, will ich heute aber eine Ausnahme machen und stelle diesen Blog-Eintrag unter das Motto „Zurück zur Kutsche!?“

Mein stärkstes Argument dafür ist auf folgender Ansichtskarte zur bewundern, die anno 1909 ein gewisser Hermann aus Gelsenkirchen nach Herborn sandte:

Postkarte von 1909; Original aus Sammlung Michael Schlenger

Der gute Hermann outet sich auf dieser Aufnahme als Kutscher, seine überaus charmante Passagierin ist mit „Mimmi“ bezeichnet. Ob das den Tatsachen entsprach oder ob es sich um einen Spaß handelt, sei dahingestellt.

Auch habe ich keine große Zeit auf die Entzifferung der Handschrift verwendet – leicht zu lesen ist für mich nur am Ende „Es grüßt Dich herzlich Dein Bruder Hermann“ sowie der anschließende Gruß an die übrige Familienbande inkl. des unvermeidlichen Fritz.

Nachtrag: Die Auflösung findet sich in den Leserkommentaren:

Spannender finde ich den Aufbau – offenbar ein Coupé mit hinten zu öffnendem Dach, also eher noch ein Landaulet. Alles schönste Kutschbautradition.

Aber was ist von dem „Kutscher“ zu halten? Können wir sicher sein, dass er Zügel in den Händen hält und ein oder zwei Pferde vor sich lenkt? Nun, das können wir bei genauer Betrachtung ausschließen, denn die Gestaltung des ausschnitthaft zu erkennenden Vorderkotflügels passt nur zu einem frühen Automobil.

Tatsächlich lebte die jahrhundertealte Kutschbautradition nach 1900 nur noch in der äußerlichen Gestaltung der Aufbauten für die Passagiere fort – immerhin bemerkenswert, wie lange sich solche Elemente hielten.

Im Hinblick auf die Konstruktion der technischen Komponenten dagegen hatte man früh die Lösungen aus dem Kutschbau als untauglich erkannt und sich in anderen Feldern bedient.

In vier Bereichen fanden sich Konstruktionsdetails, Bearbeitungstechniken und Materialien, die sich für’s Automobil nutzen ließen: Eisenbahn, Fahrrad, Feuerwaffen und Feinmechanik.

So ist es kein Zufall, dass es nicht selten Unternehmen mit entsprechender Kompetenz waren, die nach der Erfindung des Autos in großem Stil in die Produktion einstiegen. Die Pionierarbeit wurde aber interessanterweise durchweg von Einzelerfindern geleistet.

Karl Benz etwa kommt nicht nur das Verdienst zu, das erste wirklich einsatzfähige Automobil gebaut zu haben – was ihm allerdings erst seine resolute Frau Bertha mit der legendären Fernfahrt beweisen musste, die sie 1888 mit ihren Söhnen absolvierte.

Benz ignorierte auch richtigerweise die technischen Lösungen aus dem Kutschbau und nutzte vor allem im Fahrradbau bewährte Details wie Rohrrahmen, Drahtspeichenräder, Kugellager und Kettenantrieb. Konkurrent Daimler beschritt 1889 mit dem von Wilhelm Maybach konstruierten Quadricycle denselben Weg.

Wenn man nun aber meint, dass von dort ein gerader Weg unter Umgehung der Kutschentradition in die Zukunft wies, irrt.

Zwar ergriffen französische Firmen sofort die Gelegenheit, um auf Basis der Vorarbeit von Benz und Daimler das Automobil weiterzuentwickeln. Panhard baute schon 1891 den ersten Wagen fortschrittlicher Konzeption mit vornliegendem, blechverkleidetem Motor.

Doch bei Benz und Daimler gab es nochmals ein erstaunliches „Zurück zur Kutsche!“ Illustrieren lässt sich das kaum besser als mit diesem Foto, das mir Leser und Veteranen-Enthusiast Gottfried Müller zur Verfügung gestellt hat:

Daimler Riemenwagen um 1897; Originalfoto: Sammlung Gottfried Müller

Da ich von den Automobilen vor 1900 nur eine begrenzte Vorstellung habe, hat es eine Weile gedauert, bis ich herausfand, was dieses Foto zeigt.

Nach meinen Recherchen handelt sich um einen Daimler mit Riemenantrieb, wie er um 1897 gebaut wurde – hier offenbar genutzt als Taxi. Wer es genauer oder besser weiß, möge das bitte über die Kommentarfunktion mitteilen.

Jedenfalls ist mir noch kein Auto begegnet, was besser dem Bild der „Horseless Carriage“ entspricht, das die Engländer für die Kutsche ohne davorgespanntes Pferd geprägt haben.

Wenn ich es richtig sehe, besitzt dieses Gefährt nur eine Schwenkachslenkung, wie man sie seit Urzeiten an Pferdewagen findet. Auch die übrige Konstruktion mit großen Rädern und hoch angebrachtem Aufbau, in den man im Wortsinn noch ein“steigen“ musste, entspricht sehr weitgehend der Kutschentradition.

Fast zeitgleich boten andere Hersteller bereits niedrige und mit minimalistischem Aufbau versehene Fahrzeuge an wie etwa 1899 die Firma Cudell aus Aaachen:

Cudell-Reklame von 1899; Original: Sammlung Michael Schlenger

Gewiss erwies sich auch diese Konstruktion letztlich als Sackgasse, da der Motor hier noch im Heck lag (was neben den in der Reklame genannen Vorteilen auch Nachteile hat).

Aber immerhin wird doch deutlich, dass man auf dem Weg zu einer vom Kutschbau völlig unabhängigen Chassiskonstruktion war.

Wenn Daimler mit dem Riemenwagen – und auch Benz mit dem Typ „Viktoria“ kurz vor 1900 – noch einmal die Devise „Zurück zur Kutsche!“ ausgaben, dann ist das wohl damit zu erklären, dass eine gewisse sehr wohlhabende Käuferschicht weiterhin auf das gewohnte Erscheinungsbild herrschaftlich wirkender Kutschen nicht verzichten wollte.

So erklärt das jedenfalls für mich überzeugend Erik Eckermann in seinem über 800 Seiten starken und anschaulich bebilderten Opus „Auto und Karosserie“ (Verlag Springer Vieweg, 2. Auflage 2015), auch sonst eine großartige Quelle wertvoller Informationen und Gedanken zur Genese des Automobils.

Natürlich wissen wir, dass auch Benz und Daimler später noch die Kurve gekriegt haben, nachdem zwischenzeitlich die Konkurrenz aus Frankreich und Belgien an die Spitze der Autoentwicklung gerückt war.

Daimlers 35 PS-„Mercedes“ von 1901 gilt mit seinen innovativen Lösungen in konstruktiver wie gestalterischer Hinsicht zurecht als der Urahn des modernen Autos.

Doch viele Elemente und ganze Karosserievarianten aus der Kutschbautradition sollten sich noch über Jahrzehnte halten. „Zurück zur Kutsche“, das dachte sich Anfang der 1920er Jahre offenbar auch der Hersteller dieses US-Fabrikats mit „Victoria“-Aufbau:

unidentifizierter US-Wagen; Originalfoto: Sammlung Michael Schlenger

Unter der Haube dieses großzügigen, aber bis unidentifizierten Automobils verbarg sich ein hubraumstarker Motor (einen „Daniels V8“ würde ich trotz gewisser Ähnlichkeit ausschließen), doch am Heck entschied man sich für eine Reminiszenz an die Zeit, in der man auch in den Staaten noch mit dem flotten Einspänner unterwegs war.

Gestern und heute vertragen sich durchaus – Kutsche und Automobil haben beide ihren Reiz, wie übrigens auch das Spazierengehen. Für letzteres Thema dürfte mir aber auf Dauer das zum Blog passende Bildmaterial fehlen – das müssen Sie also schon selbst tun.

Michael Schlenger, 2023. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Urlaubsglück vor 90 Jahren: Mercedes 6/25 PS

Vor ein paar Tagen bin ich von einem Kurztrip nach Italien zurückgekehrt, das sich für mich zur zweiten Heimat entwickelt hat. Hohe Benzinpreise hin oder her – die Reise über die Alpen ist für mich Flucht und Seelenmassage zugleich.

Da die Urlaubsstimmung noch anhält, will ich heute ein passendes Motiv vorstellen, natürlich mit einem Vorkriegsautomobil, mit dem einst das individuelle Reisen erst möglich wurde.

Übrigens durfte ich auf meinem jüngsten Ausflug gen Süden wieder feststellen, dass die Fahrerei in Deutschland eine besondere Plage ist. Von der Schweiz brauchen wir gar nicht zu reden, doch auch in Italien ist die Autobahninfrastruktur einfach der unseren überlegen.

Wenn irgendwo gebaut wird, kann man sicher sein, dass dort entweder auch gearbeitet wird und der Spuk nach ein paar Wochen vorbei ist oder dass man getrost mit 130 Sachen durchbrettern kann, wenn niemand zu sehen ist (auch wenn dort putzige Schilder mit 40 km/h aufgestellt sind, die vermutlich noch der Vorkriegszeit entstammen).

Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals so viel Zeit in italienischen Staus zugebracht zu haben, wie das hierzulande üblich ist. Erst jüngst konnte ich beobachten, mit welcher Effizienz die Polizei einen schweren Unfall auf dem Autobahnring um Mailand aufnahm, der bei uns zu stundenlangen Vollsperrungen geführt hätte.

Binnen kürzester Zeit war der Fall dokumentiert, das Hindernis beseitigt und die Fahrt konnte weitergehen. Kein Wunder, denn wer in Italien als Pendler Autobahngebühren zahlt, kann ab einem bestimmten Maß von Verspätungen Rückerstattungen verlangen.

Auch die Instandhaltung in von Erdbeben heimgesuchten Regionen kommt bei unseren südlichen Nachbarn nicht zu kurz. Marode Brücken sperren und sprengen – bei uns inzwischen gang und gebe – kommt nicht in Frage, laufend wird repariert und verbessert.

Vor 90 Jahren freilich war man in ganz Europa noch weit von heutigen Verhältnissen entfernt, wenngleich es speziell im Alpenraum die ersten gut befestigten Autostraßen gab:

Benz Tourenwagen am Flexenpass; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser eindrucksvolle Benz wurde beispielsweise um 1930 am Flexenpass in Österreich abgelichtet, der hier bereits einen durchaus komfortablen Eindruck macht.

Von der Region und der Zeit her verweist diese Aufnahme grob in die richtige Richtung, nur was die Automarke angeht, steht heute ein anderes Fabrikat im Mittelpunkt. Dabei handelt es sich jedoch um ein denkbar nahestehendes: Mercedes!

Wir erinnern uns: Bis 1925 gingen Daimler (mit der Marke Mercedes) und Benz formal getrennte Wege, bevor es zum Zusammenschluss kam, der beiden das Überleben sicherte.

Aus der Zeit vor der Fusion stammt das Auto, welches ich nun präsentieren möchte, um „Urlaubsglück vor 90 Jahren“ zu illustrieren:

Mercdedes 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Juli 1932 entstand diese schöne Aufnahme und zwar bei der „Abfahrt vom Hintersee“, wie auf der Rückseite des Abzugs von alter Hand vermerkt ist.

Kenner der Region werden sicher auf Anhieb sagen können, ob uns die Situation an den bayrischen oder den österreichischen Hintersee transportiert. Sicher ist für mich nur, dass wir es mit einem „Mercedes“ zu tun haben, der uns hier begegnet.

Die links und rechts am Spitzkühler angebrachten dreizackigen Sterne verweisen eindeutig auf ein Fahrzeug von Daimler aus der Zeit vor dem Zusammenschluss mit Benz.

Doch eine genauere Ansprache erscheint schwierig. Zu den großen Modellen scheint der Wagen zumindest nicht gehört zu haben, das lässt sich vor allem an den Dimensionen des Lenkrads ablesen.

Auch die filigranen Drahtspeichenräder sprechen gegen einen mittleren oder schweren Wagen, die zumeist Holz- und später Stahlspeichenräder besaßen.

Zum Glück ist ein zweites Foto desselben Autos erhalten, das ebenfalls im Juli 1932 entstand und welches genaueren Aufschluss ermöglicht:

Mercdedes 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man erkennt hier recht gut, dass wir einen nur viersitzigen Tourer vor uns haben – bei größeren Modellen war Platz für sechs bis sieben Personen.

Ein weiterer Hinweis sind die vier Luftschlitze im vorderen Teil der Motorhaube. Sie finden sich zusammen mit dem übrigen Details speziell am Daimler-Einstiegsmodell 6/25 PS, das von 1922-25 gebaut wurde.

Trotz der kompakten Ausführung und des geringen Hubraums (1,6 Liter) hatte man das Modell mit der aufwendigen Kompressoraufladung versehen, welche eine kurzzeitig verfügbare Spitzenleistung von gut 40 PS ermöglichte.

Man hätte sich den Aufwand auch sparen können und einfach ein hubraumstärkeres Aggregat verbauen können, das selbst als simpler Seitenventiler 30 bis 40 PS leistete. Aber Daimler wollte seinen Kunden offenbar etwas Besonderes bieten.

Sonderlich erfolgreich war man damit nicht – es wurden nur wenige hundert Exemplare des Mercedes 6/25 PS gebaut, vermutlich war der komplexe Antrieb einfach zu teuer.

Die einstigen Besitzer des heute vorgestellten Exemplars muss der Wagen aber glücklich gemacht haben – zumindest für die Dauer des Urlaubs, den sie im Juli 1932 damit verbrachten, als der Mercedes schon „von gestern“ war:

In Zell am See in Österreich ist diese Aufnahme entstanden, die uns vom Urlaubsglück im Automobil vor 90 Jahren erzählt. Wie immer bei solchen Fotos fragt man sich, was Fortuna für die darauf abgebildeten Menschen sonst noch vorgesehen hatte.

Sicher ist nur, dass ihre Welt gut 10 Jahre später in einem Inferno untergehen sollte und – sofern sie dieses überlebten – fortan bescheidenere Verhältnisse gegeben waren.

Nichts für garantiert nehmen, stets eine Wende zum Schlechteren für möglich zu halten und genau deshalb das Hier und Jetzt genießen – auch das ist die Botschaft solcher Dokumente.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Auch das ist ein „Mercedes“: Daimler 8/22 PS

Mein heutiger Blog-Eintrag mag für die Freunde der „Mercedes“-Wagen aus der Zeit vor dem Zusammenschluss von Daimler und Benz vielleicht enttäuschend ausfallen.

Das dürfte zumindest dann der Fall sein, wenn man den Typ 15/70/100 PS zugrundelegt, den ich als bislang letzten Vertreter der Marke hier vorgestellt habe. Vielleicht sorgt das Modell, um das es heute geht, dennoch für eine Überraschung.

Der Grund dafür ist mit Sicherheit weder ein majestätisches Erscheinungsbild noch eine mächtige Motorisierung – ganz im Gegenteil. Es ist die Tatsache, dass dieses unscheinbare Modell in der mir zugänglichen Literatur so jedenfalls kaum zu finden ist:

Daimler „Mercedes“ Typ 8/22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das soll ein Mercedes sein? Wer sich spontan diese Frage stellt, ist nicht allein.

Auch ich hatte eine Weile meine Schwierigkeiten damit, den dreigezackten Stern auf beiden Seiten des Kühlers dieses schmalbrüstig daherkommenden Tourers für das zu nehmen, was er letztlich ist – Markenzeichen aller Daimler „Mercedes“ seit 1909.

Stets auf der Suche nach Abbildungen von Wagen vergessener Marken der Zwischenkriegszeit hatte ich zwischenzeitlich das Interesse an diesem Foto verloren. Entweder täuschte der Kühler und das Auto war etwas ganz anderes als ein Mercedes, ohne dass ein Hinweis auf die wahre Identität zu erkennen war.

Oder es handelte sich um einen Mercedes, doch dann wäre das eine belanglos wirkende Kompaktausführung gewesen, der sich wenig abgewinnen lässt. Genau das macht aber am Ende den Wert dieses Dokuments aus, meine ich.

Für dieses Gefährt kommt meines Erachtens nur ein „Mercedes“-Modell in Frage, nämlich der 1913/14 mit neuem Blockmotor eingeführte Typ 8/22 PS – der Nachfolger des 8/18 bzw. 8/20 PS-Typs (Gegenstück zum seit 1912 angeboten Benz 8/20 PS Typ).

Im Unterschied zum Benz mit seinen knapp 2 Litern Hubraum gönnte Daimler seinem Einstiegsmodell immerhin 2,1 Liter, was sich in zehn Prozent mehr Leistung bei identischer Drehzahl (1800 U/min) niederschlug.

Ansonsten nahmen sich die Konkurrenten nicht viel: 4-Gang-Getriebe, Bremse auf Getriebe und Hinterachse, identisches Reifenformat, fast gleicher Radstand. Allerdings scheint der Mercedes weit schwerer und langsamer gewesen zu sein als der Benz, sofern die Angaben in der Literatur (Schrader: Deutsche Autos 1885-1920) stimmen.

Sofern man überhaupt zeitgenössische Fotos des Daimler „Mercedes“ 8/22 PS findet, zeigen sie die frühe Ausführung mit Flachkühler. Ab Beginn des 1. Weltkriegs dürfte aber auch hier der typische Spitzkühler eingeführt worden sein:

Da der Kühler auf der heute vorgestellten Aufnahme nur sehr moderat gepfeilt ausfällt, könnte es sich um ein spätes Exemplar dieses bis 1921 gebauten Mercedes-Modells gehandelt haben.

Dass von einem gut acht Jahre lang produzierten Mercedes-Typ so gut wie keine vergleichbaren Aufnahmen zu finden sind, ist erstaunlich. Der Benz-Typ 8/20 PS ist auf historischen Fotos weit öfter vertreten. Woran mag das liegen?

Denkbar ist, dass das Basismodell von Daimler nicht das Prestige bot, das man von einem „Mercedes“ erwartete, der noch Anfang der 1920er Jahre im Angebot war. So könnten zeitgenössische Fotos des Typs 8/22 PS bei Sammlern auf nur geringes Interesse stoßen – sodass nach rund 100 Jahren kaum noch welche existieren.

Dafür würde sprechen, dass man selbst im für gewöhnlich gut sortierten Online-Archiv von Mercedes-Benz nur ein einziges Foto des Daimler „Mercedes“ 8/22 PS findet (hier). Allerdings sind dort vom Vorgängermodell 8/18 PS gleich 16 Aufnahmen einsehbar.

Vielleicht kann ein Markenkenner etwas zu der nach meinem Eindruck ungewöhnlich dürftigen Überlieferungssituation beim Daimler „Mercedes“ Typ 8/22 PS sagen.

Wie es scheint, ist die heute präsentierte Aufnahme eine Rarität, was man ihr auf den ersten Blick nun wirklich nicht ansieht.

Die vier Herren in dem Tourenwagen scheinen einst recht zufrieden mit ihrem Gefährt gewesen zu sein, denn natürlich war auch das ein Mercedes!

Selbst ein 8/22 PS-Typ war in den frühen 1920er Jahren besser als gar kein Auto, was damals der Normalzustand für die breite Bevölkerung hierzulande war und bis nach dem 2. Weltkrieg bleiben sollte.

Trotz der edlen Abkunft aus dem Hause Daimler hatte ein so braver „Mercedes“ freilich mit fortschreitenden 1920er Jahren kaum eine Überlebenschance – vor allem nicht mit einer solchen Karosserie, die an Beliebigkeit kaum zu überbieten war.

So dürfte es trotz recht langer Bauzeit auch kein überlebendes Fahrzeug dieses Typs mehr geben, wenn schon zeitgenössische Fotos so rar sind.

Ich lasse mich aber gern überraschen und eines Besseren belehren…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein nobler Lanchester von 1926

Wer sich mit der Geschichte des Automobils befasst, stößt immer wieder auf „neues“ altes Anschauungsmaterial.

Speziell die Vorkriegszeit war von einer unerschöpflichen Vielfalt an Herstellern, Marken und Konzepten geprägt, die hartnäckig um den Kunden buhlten. Das Ergebnis: ein Innovationstempo und ein Grad der Individualisierung des Angebots, von dem man heute nur träumen kann.

Eine schöne Gelegenheit, sich gezielt extravaganten Fahrzeugen auszusetzen, ist das jährliche Goodwood Revival Meeting in England. Der dort für Besucher mit klassischen Fahrzeugen reservierte Parkplatz ist ein einziges riesiges Automuseum.

Für Freunde gediegener Vorkriegswagen gab es 2015 neben einem seltenen Crossley einen nicht minder außergewöhnlichen Vertreter der britischen Nobelmarke Lanchester zu bestaunen.

Lanchester_Goodwood_Revival_2015© Lanchester 20 beim Goodwood Revival Meeting 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Lanchester gilt als die Firma, die als erste ein komplett in England entwickeltes Automobil gebaut hat (1895). So unglaublich es klingt: Lanchester stellte bereits 1902 einen Wagen mit mechanisch betätigten Scheibenbremsen vor.

Nach dem Ersten Weltkrieg baute Lanchester mit dem Modell 40 ein Premiumautomobil, das noch teurer war als der Silver Ghost von Rolls-Royce. Ab 1923 bot man daneben den günstigeren, doch ebenfalls hochklassigen Typ 21 vor, der oben abgebildet ist.

Der Lanchester 21 verfügte über einen 6-Zylindermotor mit 2,9 Liter (später 3,3 Liter) Hubraum, dessen Ventile über eine obenliegende Nockenwelle gesteuert wurden. In Verbindung mit einem 4-Gang-Getriebe ermöglichte die Maschine eine anstrengungslose Fortbewegung in einem opulenten Ambiente. Bis 1926 wurden 735 Stück dieses Modells gebaut.

Lanchester wurde später vom BSA-Konzern übernommen und in dessen Tochterunternehmen Daimler eingegliedert. Bis in die 1950er Jahre erschienen von den Daimler-Modellen abgeleitete Qualitätswagen unter der Marke Lanchester.

Wer nach einem bezahlbaren britischen Luxuswagen der 1920/30er Jahre Ausschau hält, kommt an Lanchester kaum vorbei. Die Verarbeitungsqualität ist der von Rolls-Royce vergleichbar, leider ist das Fahrzeugangebot deutlich kleiner.

Dafür bietet ein Lanchester eine unauffällige Exklusivität, die ihren ganz eigenen Wert hat.