Urlaubsglück vor 90 Jahren: Mercedes 6/25 PS

Vor ein paar Tagen bin ich von einem Kurztrip nach Italien zurückgekehrt, das sich für mich zur zweiten Heimat entwickelt hat. Hohe Benzinpreise hin oder her – die Reise über die Alpen ist für mich Flucht und Seelenmassage zugleich.

Da die Urlaubsstimmung noch anhält, will ich heute ein passendes Motiv vorstellen, natürlich mit einem Vorkriegsautomobil, mit dem einst das individuelle Reisen erst möglich wurde.

Übrigens durfte ich auf meinem jüngsten Ausflug gen Süden wieder feststellen, dass die Fahrerei in Deutschland eine besondere Plage ist. Von der Schweiz brauchen wir gar nicht zu reden, doch auch in Italien ist die Autobahninfrastruktur einfach der unseren überlegen.

Wenn irgendwo gebaut wird, kann man sicher sein, dass dort entweder auch gearbeitet wird und der Spuk nach ein paar Wochen vorbei ist oder dass man getrost mit 130 Sachen durchbrettern kann, wenn niemand zu sehen ist (auch wenn dort putzige Schilder mit 40 km/h aufgestellt sind, die vermutlich noch der Vorkriegszeit entstammen).

Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals so viel Zeit in italienischen Staus zugebracht zu haben, wie das hierzulande üblich ist. Erst jüngst konnte ich beobachten, mit welcher Effizienz die Polizei einen schweren Unfall auf dem Autobahnring um Mailand aufnahm, der bei uns zu stundenlangen Vollsperrungen geführt hätte.

Binnen kürzester Zeit war der Fall dokumentiert, das Hindernis beseitigt und die Fahrt konnte weitergehen. Kein Wunder, denn wer in Italien als Pendler Autobahngebühren zahlt, kann ab einem bestimmten Maß von Verspätungen Rückerstattungen verlangen.

Auch die Instandhaltung in von Erdbeben heimgesuchten Regionen kommt bei unseren südlichen Nachbarn nicht zu kurz. Marode Brücken sperren und sprengen – bei uns inzwischen gang und gebe – kommt nicht in Frage, laufend wird repariert und verbessert.

Vor 90 Jahren freilich war man in ganz Europa noch weit von heutigen Verhältnissen entfernt, wenngleich es speziell im Alpenraum die ersten gut befestigten Autostraßen gab:

Benz Tourenwagen am Flexenpass; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Dieser eindrucksvolle Benz wurde beispielsweise um 1930 am Flexenpass in Österreich abgelichtet, der hier bereits einen durchaus komfortablen Eindruck macht.

Von der Region und der Zeit her verweist diese Aufnahme grob in die richtige Richtung, nur was die Automarke angeht, steht heute ein anderes Fabrikat im Mittelpunkt. Dabei handelt es sich jedoch um ein denkbar nahestehendes: Mercedes!

Wir erinnern uns: Bis 1925 gingen Daimler (mit der Marke Mercedes) und Benz formal getrennte Wege, bevor es zum Zusammenschluss kam, der beiden das Überleben sicherte.

Aus der Zeit vor der Fusion stammt das Auto, welches ich nun präsentieren möchte, um „Urlaubsglück vor 90 Jahren“ zu illustrieren:

Mercdedes 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Im Juli 1932 entstand diese schöne Aufnahme und zwar bei der „Abfahrt vom Hintersee“, wie auf der Rückseite des Abzugs von alter Hand vermerkt ist.

Kenner der Region werden sicher auf Anhieb sagen können, ob uns die Situation an den bayrischen oder den österreichischen Hintersee transportiert. Sicher ist für mich nur, dass wir es mit einem „Mercedes“ zu tun haben, der uns hier begegnet.

Die links und rechts am Spitzkühler angebrachten dreizackigen Sterne verweisen eindeutig auf ein Fahrzeug von Daimler aus der Zeit vor dem Zusammenschluss mit Benz.

Doch eine genauere Ansprache erscheint schwierig. Zu den großen Modellen scheint der Wagen zumindest nicht gehört zu haben, das lässt sich vor allem an den Dimensionen des Lenkrads ablesen.

Auch die filigranen Drahtspeichenräder sprechen gegen einen mittleren oder schweren Wagen, die zumeist Holz- und später Stahlspeichenräder besaßen.

Zum Glück ist ein zweites Foto desselben Autos erhalten, das ebenfalls im Juli 1932 entstand und welches genaueren Aufschluss ermöglicht:

Mercdedes 6/25 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Man erkennt hier recht gut, dass wir einen nur viersitzigen Tourer vor uns haben – bei größeren Modellen war Platz für sechs bis sieben Personen.

Ein weiterer Hinweis sind die vier Luftschlitze im vorderen Teil der Motorhaube. Sie finden sich zusammen mit dem übrigen Details speziell am Daimler-Einstiegsmodell 6/25 PS, das von 1922-25 gebaut wurde.

Trotz der kompakten Ausführung und des geringen Hubraums (1,6 Liter) hatte man das Modell mit der aufwendigen Kompressoraufladung versehen, welche eine kurzzeitig verfügbare Spitzenleistung von gut 40 PS ermöglichte.

Man hätte sich den Aufwand auch sparen können und einfach ein hubraumstärkeres Aggregat verbauen können, das selbst als simpler Seitenventiler 30 bis 40 PS leistete. Aber Daimler wollte seinen Kunden offenbar etwas Besonderes bieten.

Sonderlich erfolgreich war man damit nicht – es wurden nur wenige hundert Exemplare des Mercedes 6/25 PS gebaut, vermutlich war der komplexe Antrieb einfach zu teuer.

Die einstigen Besitzer des heute vorgestellten Exemplars muss der Wagen aber glücklich gemacht haben – zumindest für die Dauer des Urlaubs, den sie im Juli 1932 damit verbrachten, als der Mercedes schon „von gestern“ war:

In Zell am See in Österreich ist diese Aufnahme entstanden, die uns vom Urlaubsglück im Automobil vor 90 Jahren erzählt. Wie immer bei solchen Fotos fragt man sich, was Fortuna für die darauf abgebildeten Menschen sonst noch vorgesehen hatte.

Sicher ist nur, dass ihre Welt gut 10 Jahre später in einem Inferno untergehen sollte und – sofern sie dieses überlebten – fortan bescheidenere Verhältnisse gegeben waren.

Nichts für garantiert nehmen, stets eine Wende zum Schlechteren für möglich zu halten und genau deshalb das Hier und Jetzt genießen – auch das ist die Botschaft solcher Dokumente.

Michael Schlenger, 2022. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Auch das ist ein „Mercedes“: Daimler 8/22 PS

Mein heutiger Blog-Eintrag mag für die Freunde der „Mercedes“-Wagen aus der Zeit vor dem Zusammenschluss von Daimler und Benz vielleicht enttäuschend ausfallen.

Das dürfte zumindest dann der Fall sein, wenn man den Typ 15/70/100 PS zugrundelegt, den ich als bislang letzten Vertreter der Marke hier vorgestellt habe. Vielleicht sorgt das Modell, um das es heute geht, dennoch für eine Überraschung.

Der Grund dafür ist mit Sicherheit weder ein majestätisches Erscheinungsbild noch eine mächtige Motorisierung – ganz im Gegenteil. Es ist die Tatsache, dass dieses unscheinbare Modell in der mir zugänglichen Literatur so jedenfalls kaum zu finden ist:

Daimler „Mercedes“ Typ 8/22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das soll ein Mercedes sein? Wer sich spontan diese Frage stellt, ist nicht allein.

Auch ich hatte eine Weile meine Schwierigkeiten damit, den dreigezackten Stern auf beiden Seiten des Kühlers dieses schmalbrüstig daherkommenden Tourers für das zu nehmen, was er letztlich ist – Markenzeichen aller Daimler „Mercedes“ seit 1909.

Stets auf der Suche nach Abbildungen von Wagen vergessener Marken der Zwischenkriegszeit hatte ich zwischenzeitlich das Interesse an diesem Foto verloren. Entweder täuschte der Kühler und das Auto war etwas ganz anderes als ein Mercedes, ohne dass ein Hinweis auf die wahre Identität zu erkennen war.

Oder es handelte sich um einen Mercedes, doch dann wäre das eine belanglos wirkende Kompaktausführung gewesen, der sich wenig abgewinnen lässt. Genau das macht aber am Ende den Wert dieses Dokuments aus, meine ich.

Für dieses Gefährt kommt meines Erachtens nur ein „Mercedes“-Modell in Frage, nämlich der 1913/14 mit neuem Blockmotor eingeführte Typ 8/22 PS – der Nachfolger des 8/18 bzw. 8/20 PS-Typs (Gegenstück zum seit 1912 angeboten Benz 8/20 PS Typ).

Im Unterschied zum Benz mit seinen knapp 2 Litern Hubraum gönnte Daimler seinem Einstiegsmodell immerhin 2,1 Liter, was sich in zehn Prozent mehr Leistung bei identischer Drehzahl (1800 U/min) niederschlug.

Ansonsten nahmen sich die Konkurrenten nicht viel: 4-Gang-Getriebe, Bremse auf Getriebe und Hinterachse, identisches Reifenformat, fast gleicher Radstand. Allerdings scheint der Mercedes weit schwerer und langsamer gewesen zu sein als der Benz, sofern die Angaben in der Literatur (Schrader: Deutsche Autos 1885-1920) stimmen.

Sofern man überhaupt zeitgenössische Fotos des Daimler „Mercedes“ 8/22 PS findet, zeigen sie die frühe Ausführung mit Flachkühler. Ab Beginn des 1. Weltkriegs dürfte aber auch hier der typische Spitzkühler eingeführt worden sein:

Da der Kühler auf der heute vorgestellten Aufnahme nur sehr moderat gepfeilt ausfällt, könnte es sich um ein spätes Exemplar dieses bis 1921 gebauten Mercedes-Modells gehandelt haben.

Dass von einem gut acht Jahre lang produzierten Mercedes-Typ so gut wie keine vergleichbaren Aufnahmen zu finden sind, ist erstaunlich. Der Benz-Typ 8/20 PS ist auf historischen Fotos weit öfter vertreten. Woran mag das liegen?

Denkbar ist, dass das Basismodell von Daimler nicht das Prestige bot, das man von einem „Mercedes“ erwartete, der noch Anfang der 1920er Jahre im Angebot war. So könnten zeitgenössische Fotos des Typs 8/22 PS bei Sammlern auf nur geringes Interesse stoßen – sodass nach rund 100 Jahren kaum noch welche existieren.

Dafür würde sprechen, dass man selbst im für gewöhnlich gut sortierten Online-Archiv von Mercedes-Benz nur ein einziges Foto des Daimler „Mercedes“ 8/22 PS findet (hier). Allerdings sind dort vom Vorgängermodell 8/18 PS gleich 16 Aufnahmen einsehbar.

Vielleicht kann ein Markenkenner etwas zu der nach meinem Eindruck ungewöhnlich dürftigen Überlieferungssituation beim Daimler „Mercedes“ Typ 8/22 PS sagen.

Wie es scheint, ist die heute präsentierte Aufnahme eine Rarität, was man ihr auf den ersten Blick nun wirklich nicht ansieht.

Die vier Herren in dem Tourenwagen scheinen einst recht zufrieden mit ihrem Gefährt gewesen zu sein, denn natürlich war auch das ein Mercedes!

Selbst ein 8/22 PS-Typ war in den frühen 1920er Jahren besser als gar kein Auto, was damals der Normalzustand für die breite Bevölkerung hierzulande war und bis nach dem 2. Weltkrieg bleiben sollte.

Trotz der edlen Abkunft aus dem Hause Daimler hatte ein so braver „Mercedes“ freilich mit fortschreitenden 1920er Jahren kaum eine Überlebenschance – vor allem nicht mit einer solchen Karosserie, die an Beliebigkeit kaum zu überbieten war.

So dürfte es trotz recht langer Bauzeit auch kein überlebendes Fahrzeug dieses Typs mehr geben, wenn schon zeitgenössische Fotos so rar sind.

Ich lasse mich aber gern überraschen und eines Besseren belehren…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein nobler Lanchester von 1926

Wer sich mit der Geschichte des Automobils befasst, stößt immer wieder auf „neues“ altes Anschauungsmaterial.

Speziell die Vorkriegszeit war von einer unerschöpflichen Vielfalt an Herstellern, Marken und Konzepten geprägt, die hartnäckig um den Kunden buhlten. Das Ergebnis: ein Innovationstempo und ein Grad der Individualisierung des Angebots, von dem man heute nur träumen kann.

Eine schöne Gelegenheit, sich gezielt extravaganten Fahrzeugen auszusetzen, ist das jährliche Goodwood Revival Meeting in England. Der dort für Besucher mit klassischen Fahrzeugen reservierte Parkplatz ist ein einziges riesiges Automuseum.

Für Freunde gediegener Vorkriegswagen gab es 2015 neben einem seltenen Crossley einen nicht minder außergewöhnlichen Vertreter der britischen Nobelmarke Lanchester zu bestaunen.

Lanchester_Goodwood_Revival_2015© Lanchester 20 beim Goodwood Revival Meeting 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Lanchester gilt als die Firma, die als erste ein komplett in England entwickeltes Automobil gebaut hat (1895). So unglaublich es klingt: Lanchester stellte bereits 1902 einen Wagen mit mechanisch betätigten Scheibenbremsen vor.

Nach dem Ersten Weltkrieg baute Lanchester mit dem Modell 40 ein Premiumautomobil, das noch teurer war als der Silver Ghost von Rolls-Royce. Ab 1923 bot man daneben den günstigeren, doch ebenfalls hochklassigen Typ 21 vor, der oben abgebildet ist.

Der Lanchester 21 verfügte über einen 6-Zylindermotor mit 2,9 Liter (später 3,3 Liter) Hubraum, dessen Ventile über eine obenliegende Nockenwelle gesteuert wurden. In Verbindung mit einem 4-Gang-Getriebe ermöglichte die Maschine eine anstrengungslose Fortbewegung in einem opulenten Ambiente. Bis 1926 wurden 735 Stück dieses Modells gebaut.

Lanchester wurde später vom BSA-Konzern übernommen und in dessen Tochterunternehmen Daimler eingegliedert. Bis in die 1950er Jahre erschienen von den Daimler-Modellen abgeleitete Qualitätswagen unter der Marke Lanchester.

Wer nach einem bezahlbaren britischen Luxuswagen der 1920/30er Jahre Ausschau hält, kommt an Lanchester kaum vorbei. Die Verarbeitungsqualität ist der von Rolls-Royce vergleichbar, leider ist das Fahrzeugangebot deutlich kleiner.

Dafür bietet ein Lanchester eine unauffällige Exklusivität, die ihren ganz eigenen Wert hat.