Auch das ist ein „Mercedes“: Daimler 8/22 PS

Mein heutiger Blog-Eintrag mag für die Freunde der „Mercedes“-Wagen aus der Zeit vor dem Zusammenschluss von Daimler und Benz vielleicht enttäuschend ausfallen.

Das dürfte zumindest dann der Fall sein, wenn man den Typ 15/70/100 PS zugrundelegt, den ich als bislang letzten Vertreter der Marke hier vorgestellt habe. Vielleicht sorgt das Modell, um das es heute geht, dennoch für eine Überraschung.

Der Grund dafür ist mit Sicherheit weder ein majestätisches Erscheinungsbild noch eine mächtige Motorisierung – ganz im Gegenteil. Es ist die Tatsache, dass dieses unscheinbare Modell in der mir zugänglichen Literatur so jedenfalls kaum zu finden ist:

Daimler „Mercedes“ Typ 8/22 PS; Originalfoto aus Sammlung Michael Schlenger

Das soll ein Mercedes sein? Wer sich spontan diese Frage stellt, ist nicht allein.

Auch ich hatte eine Weile meine Schwierigkeiten damit, den dreigezackten Stern auf beiden Seiten des Kühlers dieses schmalbrüstig daherkommenden Tourers für das zu nehmen, was er letztlich ist – Markenzeichen aller Daimler „Mercedes“ seit 1909.

Stets auf der Suche nach Abbildungen von Wagen vergessener Marken der Zwischenkriegszeit hatte ich zwischenzeitlich das Interesse an diesem Foto verloren. Entweder täuschte der Kühler und das Auto war etwas ganz anderes als ein Mercedes, ohne dass ein Hinweis auf die wahre Identität zu erkennen war.

Oder es handelte sich um einen Mercedes, doch dann wäre das eine belanglos wirkende Kompaktausführung gewesen, der sich wenig abgewinnen lässt. Genau das macht aber am Ende den Wert dieses Dokuments aus, meine ich.

Für dieses Gefährt kommt meines Erachtens nur ein „Mercedes“-Modell in Frage, nämlich der 1913/14 mit neuem Blockmotor eingeführte Typ 8/22 PS – der Nachfolger des 8/18 bzw. 8/20 PS-Typs (Gegenstück zum seit 1912 angeboten Benz 8/20 PS Typ).

Im Unterschied zum Benz mit seinen knapp 2 Litern Hubraum gönnte Daimler seinem Einstiegsmodell immerhin 2,1 Liter, was sich in zehn Prozent mehr Leistung bei identischer Drehzahl (1800 U/min) niederschlug.

Ansonsten nahmen sich die Konkurrenten nicht viel: 4-Gang-Getriebe, Bremse auf Getriebe und Hinterachse, identisches Reifenformat, fast gleicher Radstand. Allerdings scheint der Mercedes weit schwerer und langsamer gewesen zu sein als der Benz, sofern die Angaben in der Literatur (Schrader: Deutsche Autos 1885-1920) stimmen.

Sofern man überhaupt zeitgenössische Fotos des Daimler „Mercedes“ 8/22 PS findet, zeigen sie die frühe Ausführung mit Flachkühler. Ab Beginn des 1. Weltkriegs dürfte aber auch hier der typische Spitzkühler eingeführt worden sein:

Da der Kühler auf der heute vorgestellten Aufnahme nur sehr moderat gepfeilt ausfällt, könnte es sich um ein spätes Exemplar dieses bis 1921 gebauten Mercedes-Modells gehandelt haben.

Dass von einem gut acht Jahre lang produzierten Mercedes-Typ so gut wie keine vergleichbaren Aufnahmen zu finden sind, ist erstaunlich. Der Benz-Typ 8/20 PS ist auf historischen Fotos weit öfter vertreten. Woran mag das liegen?

Denkbar ist, dass das Basismodell von Daimler nicht das Prestige bot, das man von einem „Mercedes“ erwartete, der noch Anfang der 1920er Jahre im Angebot war. So könnten zeitgenössische Fotos des Typs 8/22 PS bei Sammlern auf nur geringes Interesse stoßen – sodass nach rund 100 Jahren kaum noch welche existieren.

Dafür würde sprechen, dass man selbst im für gewöhnlich gut sortierten Online-Archiv von Mercedes-Benz nur ein einziges Foto des Daimler „Mercedes“ 8/22 PS findet (hier). Allerdings sind dort vom Vorgängermodell 8/18 PS gleich 16 Aufnahmen einsehbar.

Vielleicht kann ein Markenkenner etwas zu der nach meinem Eindruck ungewöhnlich dürftigen Überlieferungssituation beim Daimler „Mercedes“ Typ 8/22 PS sagen.

Wie es scheint, ist die heute präsentierte Aufnahme eine Rarität, was man ihr auf den ersten Blick nun wirklich nicht ansieht.

Die vier Herren in dem Tourenwagen scheinen einst recht zufrieden mit ihrem Gefährt gewesen zu sein, denn natürlich war auch das ein Mercedes!

Selbst ein 8/22 PS-Typ war in den frühen 1920er Jahren besser als gar kein Auto, was damals der Normalzustand für die breite Bevölkerung hierzulande war und bis nach dem 2. Weltkrieg bleiben sollte.

Trotz der edlen Abkunft aus dem Hause Daimler hatte ein so braver „Mercedes“ freilich mit fortschreitenden 1920er Jahren kaum eine Überlebenschance – vor allem nicht mit einer solchen Karosserie, die an Beliebigkeit kaum zu überbieten war.

So dürfte es trotz recht langer Bauzeit auch kein überlebendes Fahrzeug dieses Typs mehr geben, wenn schon zeitgenössische Fotos so rar sind.

Ich lasse mich aber gern überraschen und eines Besseren belehren…

© Michael Schlenger, 2020. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

Ein nobler Lanchester von 1926

Wer sich mit der Geschichte des Automobils befasst, stößt immer wieder auf „neues“ altes Anschauungsmaterial.

Speziell die Vorkriegszeit war von einer unerschöpflichen Vielfalt an Herstellern, Marken und Konzepten geprägt, die hartnäckig um den Kunden buhlten. Das Ergebnis: ein Innovationstempo und ein Grad der Individualisierung des Angebots, von dem man heute nur träumen kann.

Eine schöne Gelegenheit, sich gezielt extravaganten Fahrzeugen auszusetzen, ist das jährliche Goodwood Revival Meeting in England. Der dort für Besucher mit klassischen Fahrzeugen reservierte Parkplatz ist ein einziges riesiges Automuseum.

Für Freunde gediegener Vorkriegswagen gab es 2015 neben einem seltenen Crossley einen nicht minder außergewöhnlichen Vertreter der britischen Nobelmarke Lanchester zu bestaunen.

Lanchester_Goodwood_Revival_2015© Lanchester 20 beim Goodwood Revival Meeting 2015; Bildrechte: Michael Schlenger

Lanchester gilt als die Firma, die als erste ein komplett in England entwickeltes Automobil gebaut hat (1895). So unglaublich es klingt: Lanchester stellte bereits 1902 einen Wagen mit mechanisch betätigten Scheibenbremsen vor.

Nach dem Ersten Weltkrieg baute Lanchester mit dem Modell 40 ein Premiumautomobil, das noch teurer war als der Silver Ghost von Rolls-Royce. Ab 1923 bot man daneben den günstigeren, doch ebenfalls hochklassigen Typ 21 vor, der oben abgebildet ist.

Der Lanchester 21 verfügte über einen 6-Zylindermotor mit 2,9 Liter (später 3,3 Liter) Hubraum, dessen Ventile über eine obenliegende Nockenwelle gesteuert wurden. In Verbindung mit einem 4-Gang-Getriebe ermöglichte die Maschine eine anstrengungslose Fortbewegung in einem opulenten Ambiente. Bis 1926 wurden 735 Stück dieses Modells gebaut.

Lanchester wurde später vom BSA-Konzern übernommen und in dessen Tochterunternehmen Daimler eingegliedert. Bis in die 1950er Jahre erschienen von den Daimler-Modellen abgeleitete Qualitätswagen unter der Marke Lanchester.

Wer nach einem bezahlbaren britischen Luxuswagen der 1920/30er Jahre Ausschau hält, kommt an Lanchester kaum vorbei. Die Verarbeitungsqualität ist der von Rolls-Royce vergleichbar, leider ist das Fahrzeugangebot deutlich kleiner.

Dafür bietet ein Lanchester eine unauffällige Exklusivität, die ihren ganz eigenen Wert hat.