Die letzten ihrer Art? Elite 12/55 PS und 14/60 PS

Der Titel mag etwas depressiv stimmen, doch er ist nichts gegen das, was mir heute zunächst vorschwebte: „Ab hier geht’s abwärts„. Das erschien mir dann doch zu harsch, so präzise es die Lage beschreibt – zumindest auf dem Foto, das ich ins Auge gefasst hatte.

Da ich die vorweihnachtliche Stimmung nicht stören wollte, verfiel ich darauf, etwas Erbaulicheres zu bringen. Das fand sich dann auch rasch in Form einer digitalen Leihgabe von Leser und Sammlerkollege Klaas Dierks.

Doch kaum hatte ich das Foto mit ein paar Handgriffen für die Präsentation hergerichtet, fiel mir auf, dass auch dieses ja wieder eines ist, in dem etwas zuendegeht. Verflixt, dachte ich, wie rette ich jetzt die Situation?

Zu Hilfe kam mir ein anderes Dokument in meinem Fundus, das etwas hoffnungsfroher stimmt und vielleicht sogar noch ein paar schöne Ergebnisse zeitigt.

Genug der Vorrede. Nachdem ich in der letzten Ausgabe den fortschrittlichen Röhr-Achtzylinder gerühmt hatte, der 1927 eingeführt wurde, schauen wir heute, was damals zeitgleich die weniger progressiven Hersteller hierzulande anboten.

Dabei nehmen wir ein Fabrikat ins Visier, das wie Röhr in der Nische zuhause war. Die Rede ist von den Wagen der Elitewerke im sächsischen Brand-Erbisdorf. Dort entstanden nach einigen wenigen noch vor 1914 gebauten Exemplaren ab 1919 beeindruckend dimensionierte, optisch den Wagen von Benz nahestehende und mit vier bzw. sechs Zylindern gut motorisierte Automobile in reiner Manufaktur.

Wie die Autos der Simson-Werke in Suhl waren die Elite-Wagen sehr teuer und sprachen eine anspruchsvolle Klientel an, die nicht auf die Mark achten musste und im Luxussegment etwas Außergewöhnliches suchte, aber keine Experimente wünschte.

Das Ergebnis sah Ende der 1920er Jahre so wunderbar traditionell wie hier aus:

Elite S12 12/55 PS oder S14 14/60 PS; Originalfoto: Sammlung Klaas Dierks

Dieser makellos gestaltete und großzügig dimensionierte Tourenwagen wäre in der ersten Hälfte der 1920er Jahre in optischer Hinsicht wie von den Leistungsdaten her ein starker Konkurrent der Spitzenmodelle von Daimler und Benz gewesen.

Tatsächlich bauten die Elite-Werke schon damals ähnlich leistungsfähige 6-Zylinderwagen mit 55 bis 70 PS. Allerdings brachte man anschließend keine wirklich neueren Modelle mehr zustande. So war auch der oben abgebildete Tourer letztlich nur ein überarbeiteter Wiedergänger der vorherigen Typen.

Das mindert nicht die Wirkung dieser Automobile auf uns, vor allem nicht auf so gelungenen zeitgenössischen Aufnahmen. Dennoch muss uns klar sein, dass die Elite-Typen S12 12/55 PS bzw. S14 14/60 PS die letzten ihrer Art waren.

Denn mangels Rentabilität und angesichts der Dominanz modernerer und weit günstigerer US-Großserienautos waren die Tage der Elitewerke Ende der 1920er Jahre gezählt.

1928 übernahm Opel das Unternehmen, aber hauptsächlich mit Blick auf dessen Produktionskapazitäten. Die Automanufaktur von Elite ließ man noch bis 1929 nebenher weiterlaufen, dann war für immer Schluss.

Geblieben ist immerhin das architektonisch beeindruckende Werksgebäude – eine seltene Ausnahme angesichts der in deutschen Landen sonst üblichen Zerstörung historischer Industriebauten.

Doch es muss auch noch mindestens einen Überlebenden der hier vorgestellten letzten Elite-Modelle geben – eine Limousine des Typs S14 14/60 PS. Der Wagen war bereits zu DDR-Zeiten gut dokumentiert:

Elite S14 14/60 PS Limousine; Ansichtskarte der 1960er Jahre aus der DDR

Sollte dieser Elite mit Aufbau als Pullman-Limousine wirklich der letzte seiner Art sein?

Oder hat doch noch ein weiteres Exemplar überlebt – vielleicht sogar als Tourer wie auf dem heute präsentierten Foto von Klaas Dierks? Ob mit Motorisierung 12/55 PS oder 14/60 PS spielt dabei eine untergeordnete Rolle – in beiden Fällen handelte es sich um Wagen mit 6-Zylindermotoren der 3,7 Liter-Klasse.

Also liebe Leser – speziell die Kenner im Osten der Republik – waren und sind die heute gezeigten Elite-Automobile der späten 1920er Jahre wirklich die letzten ihrer Art? Hinweise auf weitere Überlebende wären großartig.

Ich würde mich aber auch über weitere historische Fotos dieser späten Elite-Modelle freuen, die ich dann hier präsentieren könnte. Auch meine noch sehr überschaubare Elite-Galerie könnte durchaus Zuwachs gebrauchen – dann hätten alle etwas davon.

Michael Schlenger, 2024. All entries in this blog (including embedded photos) are copyrighted by the author, unless otherwise indicated. Excerpts and links may be used, provided that credit is given to Michael Schlenger and https://vorkriegs-klassiker-rundschau.blog with appropriate and specific direction to the original content.

3 Gedanken zu „Die letzten ihrer Art? Elite 12/55 PS und 14/60 PS

  1. Wie immer vielen Dank – den S18 18/70 PS hatte ich ganz vergessen!

  2. Ja, der Tourenwagen vom Typ S 18 , 18/70 PS von Hans- Dieter Vorsatz in Dresden , der sich ja auch schon mit in der Elite- Galerie versammelt hat, war einer der Veteranen (samt seinem längst verblichenen Eigentümer Voratz Hans- Dieter, wie der Sachse sagt) die schon in der Frühzeit des DDR- Veteranensports aktiv waren und bei keiner Rally fehlten !
    Ich lernte ihn vor 25 Jahren bei einer Veranstaltung in Dresden kennen und besuchte ihn auch in seiner “ Oldtimerei“ wo er auch noch einen Elite- Lkw mit Mineralbrunnen- Aufschrift aufgestallt hatte. Der frühere Besitzer hatte ihn seiner Ölwanne beraubt, um ihm die Kriegswirren zu ersparen. Er hätte inzwischen jedoch eine besorgen können, versicherte mir H- D. – aber wie’s so ist: bis daß der Tod uns scheidet !
    Als sein langjähriger Fahrtkumpan verstorben war, hatte er noch dessen Protos von der Familie übernommen.
    Die Elite- Werke dienten übrigens nach der kurzen Opel- Phase , als dort die Opel- Motorräder gebaut wurden, der kleinen Dresdner Motorradschmiede von Ostner, Dresden ( O.D.) als Produktionsstätte für die aufstrebende Produktion der OD- Dreiräder, die dann nach dem sog. Schell- Plan den neuen
    3/4 Tonner 4- Rad “ Einheitstyp“ V 501 der Framo- Werke in Hainichen übernehmen mußte für den Zivilbedarf in Kriegszeiten – mit 500er DKW- Motor und sagenhaften 14,5 PS Dauerleistung!
    Das war der Stammvater aller
    Nachkriegs- Framos V 501/2 und dann mit dem F 9- Motor
    V 901 und V 901/2 …

  3. Mvd-ev.de
    Hallo Michael, als alter Brand – Erbisdorfer und Fahrer des seltenen Alba Typ N aus Frankreich, habe ich mich sehr über diesen Artikel gefreut.
    Vielen Dank.
    Anbei die Seite des Dresdner Motorveteranen Clubs. Dort wirst du fündig.
    Vg tilo Schlegel

Kommentar verfassen